Krimis aus der Schweiz

Mord vor Ort

Von Regula Fuchs

Das Verbrechen zwischen Buchdeckeln findet längst nicht nur in den Grossstädten statt, sondern auch in der Provinz – dorthin jedenfalls dringen auch in der Schweiz immer mehr Autoren mit so genannten »Regio-Krimis« vor. Was ist die Faszination daran? Eine Spurensuche.

»Alphons Clenin, der Polizist von Twann, fand am Morgen des dritten Novembers neunzehnhundertachtundvierzig dort, wo die Strasse von Lamboing (...) aus dem Walde der Twannbachschlucht hervortritt, einen blauen Mercedes, der am Strassenrande stand.« Wer will, kann diesen Flecken aufsuchen, auch das Hotel Bären in Twann, das Friedrich Dürrenmatt in seinem Kriminalroman »Der Richter und sein Henker« erwähnt, und vieles mehr. Kommissar Bärlach, Wachtmeister Studer, Hunkeler, aber auch Brunetti oder Wallander: Sie treffen nicht an imaginären Orten aufs Verbrechen, sondern in Bern, Basel, Venedig oder Ystad. Dass Kriminalliteratur, vielleicht mehr noch als andere literarische Gattungen, in der Wirklichkeit verankert ist, ist also nichts Neues. Neu, und zwar seit den Achtzigerjahren, ist aber ein Begriff, der seither permanent durch die Verlagsprogramme geistert: der Regio- oder Regionalkrimi.

Nicht nur Staffage

Verlage in Deutschland wie Grafit oder Emons verkauften damals ihre Krimis unter diesem Etikett. Deren Schauplätze waren nicht mehr nur die urbanen Zentren, sondern auch die Provinz. Es gab den Eifel-Krimi, den Münster-Krimi, den Niederrhein-Krimi, und alle zeichneten sich durch viel Lokalkolorit und Genauigkeit im Detail aus: Von der Imbissbude bis zur Autobahnausfahrt stimmte die Kulisse mit der Wirklichkeit überein. Ist der Regio-Krimi also vor allem Staffage? Nicht unbedingt, meint der Berner Herausgeber Paul Ott, der Krimiveranstaltungen organisiert und unter dem Pseudonym Paul Lascaux selber Krimis schreibt. Bei Friedrich Glauser, der einer der Ersten gewesen sei, der in der Schweiz den Krimi regionalisierte, komme es auch auf das Atmosphärische an: »Auch in der Beschreibung der Charaktere oder des Brauchtums muss etwas sein, das regionaltypisch ist. In dieser Hinsicht bezog sich Glauser explizit auf Gotthelf.«

Ein Begriff mit Imageproblem

Die Regionalisierung hat in der Schweiz also Tradition. Das mag mit ein Grund dafür sein, warum der Regio-Krimi in den letzten Jahren auch hierzulande eine Renaissance erlebte – wohl ist es aber vor allem der Wiedererkennungseffekt, der das Genre beim Publikum so beliebt macht, und vielleicht auch eine kleine Prise Voyeurismus: Die Erregung beim Lesen ist umso grösser, wenn das Verbrechen in heimische Gefilde vordringt (was zum Glück im richtigen Leben eher selten der Fall ist). Ähnliches beobachtet auch Liliane Studer vom Limmat Verlag, der mit »TatortSchweiz« eine eigene Programmschiene mit regional orientierten Krimis hat: »Bücher finden ja immer über Identifikation zu ihren Leserinnen und Lesern: Beim Regio-Krimi ist es halt nicht nur die Figur, mit der sich die Leute identifizieren, sondern auch die Örtlichkeit.« Und trotz allem: Der Begriff Regio-Krimi hat sowohl für Autoren wie für Verlage einen ganz schlechten Beigeschmack. Zwar betont Liliane Studer, wie wichtig es für ihren Verlag ist, in die Region zu blicken. Aber: »Wir würden unsere Krimi-Titel nie unter dem Label Regio-Krimi laufen lassen, denn damit spricht man nur ein bestimmtes Publikumssegment an und schliesst andere aus.« Die Indizienlage ist also widersprüchlich: Regio-Krimis, wohin das Auge reicht, aber so nennen will sie keiner. Fazit: Die Region hat ganz offensichtlich ein Imageproblem.

Massgeschneiderte Literatur

Eine, die Regio-Krimis schreibt und sie so bezeichnet, ist die Dübendorferin Petra Ivanov. Bekannt wurde sie mit Kriminalromanen, in denen es um Frauenhandel oder Entwicklungshilfe geht (zuletzt »Stille Lügen«). Daneben publiziert die Autorin und Journalistin aber auch regional verankerte Krimis um die Bülacher Polizistin Vera Haas. Diese Kurz-Krimis entstanden als Auftragsarbeiten: Für das Jubiläum eines örtlichen Kulturvereins etwa platzierte Ivanov die Handlung von »Angst, Haas und Glockenschlag« an genau definierten Stationen in Thusis. Auch wenn solche Werke eher in die Kategorie Gebrauchsliteratur gehören, ist es Ivanov wichtig, dass es nicht nur um Äusserlichkeiten geht: »Mich interessiert der Regio-Krimi nur, wenn er auch Themen oder Probleme eines Ortes behandelt.«

Massgeschneiderte Literatur – ein Phänomen, das en vogue ist: Auch im Rahmen von Krimifestivals entstehen viele Texte, die für einen konkreten Ort gedacht sind und bei Veranstaltungen das lokale Publikum wie ein Magnet anziehen. Auf diese Weise lasse sich auch eine eher leseferne Klientel gewinnen, sagt Paul Ott: »Einer meiner grössten Fans ist der Bäcker um die Ecke, der sonst selten liest.« Was in der Region spielt, geht also vor allem die Region etwas an, und dass ein Regio-Krimi überregionale Bedeutung erreicht, ist eher selten. Aber nicht unmöglich – so verkaufte Paul Ott seinen Emmental-Krimi »Salztränen« zur Hälfte in Deutschland. Wobei der berühmte Löcherkäse, um den es geht, wohl keine kleine Rolle gespielt haben dürfte.

Hier liegt wohl die Zukunft des regional orientierten Krimi: in der Liaison mit dem Themenkrimi, der jedes denkbare »Special Interest« bedient – der Gourmet-Krimi, der Wander-Krimi, der historische Krimi, der Bier-Krimi oder der historische Bier-Krimi, die alle an einem bestimmten Ort eingebettet sind. Der Fall »Regio-Krimi« dürfte also noch längst nicht abgeschlossen sein.

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