Samstags, wenn Krieg ist von Klaus-Peter Wolf

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1994 bei Hoffmann und Campe.
Folge 1 der Vera-Bilewski-Serie.

  • Hamburg: Hoffmann und Campe, 1994. ISBN: 3-455-07904-0.
  • München: Droemer Knaur, 1995. ISBN: 3-426-60390-X. 302 Seiten.
  • Bielefeld: Pendragon, 2009. ISBN: 978-3865321558. 256 Seiten.

'Samstags, wenn Krieg ist' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Eine rechtsradikale Bande macht eine kleine deutsche Provinzstadt unsicher. In der Woche gehen die jungen Männer ihren Berufen nach, aber Samstags, wenn Krieg ist, planen sie den großen Krawall & Als ein Mord passiert, steht Kommissarin Vera Bilewski vor einem Rätsel: Viele falsche Spuren und eine Gruppe junger Männer, für die Randale der Sinn des Lebens ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Stefan Heidsiek

Mit Klaus-Peter Wolfs Samstags, wenn Krieg ist hat der Bielefelder Pendragon Verlag im vergangenen Jahr einen Krimi wieder entdeckt, der, bereits 1994 erstmals veröffentlicht, viel zu lange sein Dasein unter den anderen vergriffenen Titeln gefristet hat, geht doch der Gelsenkirchener Autor hier als einer der ersten das heikle Thema Faschismus frontal und ungeschönt an. Das blieb auch dem Regisseur Roland Suso Richter nicht verborgen, welcher den Stoff des Romans für die Fernsehreihe »Polizeiruf 110« mit Heino Ferch und Angelica Domröse in den Hauptrollen auf Zelluloid bannte (Ausstrahlung am 18. September 1994). Buch und Film wurden ein Erfolg, bis der SWR die Folge »wegen der missverständlich aufgenommenen Darstellung von Gewalt, des subjektiven Eindrucks der Nähe zu rechtsradikalem und nationalsozialistischem Gedankengut sowie teilweise äußerster Brutalität« im Dezember 2006 für unbestimmte Zeit sperren ließ. Eine fragwürdige Maßnahme, insbesondere deswegen, da sowohl Buch als auch Film in den Schulen deutschsprachiger Länder fester Bestandteil des Deutschunterrichts geworden sind und die von Wolf behandelte Thematik der »rechten Gewalt« auch 2010 weiterhin akut bzw. nicht gelöst ist.

Zur Handlung: Deutschland, das fiktive Dorf Ichtenhagen. Seit einiger Zeit macht eine Gruppe junger Neonazis hier die Gegend unsicher und terrorisiert die Bevölkerung. Wie selbstverständlich laden sich die in Bomberjacke und Springerstiefel gekleideten Skins auf fremden Gartenpartys ein, um sich auf Kosten anderer vollzufressen und ins Koma zu saufen. Die Betroffenen leisten keine Gegenwehr, schauen ängstlich weg oder versuchen es den Randalierern mit aufgesetzter Freundlichkeit recht zu machen. Helfen tut nichts davon, denn die Ichtenhagener Ultras, bestehend aus Anführer Wolf, Jürgen, Dieter, Peter, Max und Siggi, sind vor allem auf Krawall aus. Mit soviel Gewalt wie nötig wollen die »Froinde« das »Volk« für den »Krieg« vorbereiten, der das geliebte Vaterland »Doitschland« von Ausländern, Linken und Juden befreien soll. Um sich über die Grenzen der Provinz hinaus einen Namen zu machen, wird bald darauf ein jüdischer Friedhof verwüstet und mit einem riesigen brennenden Hakenkreuz versehen.

Für diese Aktion ernten sie Respekt, doch Wolf, der im Besitz von Sprengladungen ist, plant noch etwas weitaus Größeres. Ein Asylantenheim soll brennen. Und so etwas will sorgfältig geplant sein. Blöd nur, dass private Probleme dem gewalttätigen Einzelgänger in den Weg kommen. Während zu hause seine Mutter ihre Liebschaften wie Socken wechselt und sich dabei regelmäßig ein blaues Auge einhandelt, läuft auch bei Wolf selbst in Punkto Frauen alles schief was schief laufen kann. Siggis Schwester Renate hat ihm unverblümt den Laufpass gegeben und sich stattdessen mit dem Italiener Gino eingelassen. Wolf ist tief getroffen, kann es aber nicht auf sich sitzen lassen, dass ein »Itaker« es mit seiner Angebeteten treibt. Er legt sich auf die Lauer und fängt Renate auf dem Nachhauseweg ab, um seinen Standpunkt klar zu machen. Doch die Dinge geraten außer Kontrolle: Wolf vergisst sich in seiner Wut, erwürgt Renate und vergräbt sie im Wald.

Als man ihre Leiche schließlich findet, wird die kompromisslose Kommissarin Vera Bilewski auf den Mordfall angesetzt. Diese merkt relativ schnell, dass der Hauptverdächtige Gino die Tat nicht begangen hat. Wolf gerät zunehmend unter Druck, zumal Siggis behinderter Bruder Yogi Zeuge des Mordes geworden ist und ihn über kurz oder lang verraten könnte &

Je mehr ein Konflikt sich zuspitzt,
um so größer werden die strittigen Themen vereinfacht.
Am Ende geht es nur noch um Gut oder Böse.
Wer tötet wen?
Der Krieg beginnt damit, dass wir aufhören,
in jedem Einzelnen das Individuum zu sehen
und ihn nur noch als Teil einer Masse betrachten.
Romane gestalten Einzelschicksale.

Bereits das Vorwort zu Samstags, wenn Krieg ist mach deutlich, dass es sich bei dem vorliegenden Buch um mehr als nur einen simplen Kriminalroman handelt. Auch wenn wir hier einen Mord vorfinden und eine Ermittlerin haben, die Nachforschungen führt, so ist Wolfs Werk doch gerade wegen seiner Beschreibungen abseits der üblichen kriminalistischen Handlung hervorzuheben. Mit viel Fingerspitzengefühl hat sich der Schriftsteller dem Thema Faschismus angenähert, dessen Hintergrund und die Umstände ergründet, um die Ereignisse aus Sicht der Täter (in erster Linie Siggi) zu präsentieren. Dabei meidet er kontrastreiche Schwarzweiß-Malerei genauso wie den erhobenen moralischen Zeigefinger. Stattdessen wirft Wolf einen direkten Blick hinter die Fassade und somit in die Köpfe der Protagonisten. Er versucht zu ergründen, wo die Ursache für stumpfe Gewalt zu finden ist. Der Leser ist dadurch den Figuren stets nah. Meist viel näher, als er eigentlich will und ertragen kann. Doch diese Perspektive und Wolfs zielgenaues Einfühlungsvermögen erlauben es uns, trotz gegensätzlicher moralischer und ethischer Ansichten, die Taten der gewalttätigen Protagonisten in gewisser Art und Weise nachvollziehen zu können und zu verstehen.

Insofern ist Wolfs Vorwort vielfach anwendbar. Einerseits auf die verblendeten Faschisten, die ihre auswendig gelehrten Lehren auf die Allgemeinheit projizieren. Andererseits aber auch vielleicht auf uns selbst, die aufgehört haben, hinter den kahlrasierten Glatzen und dem zur Schau gestellten Hass das Individuum zu sehen. Niemand kommt mit Springerstiefeln zur Welt, nicht jeder Weg ist in Gänze selbst gewählt. Und das macht uns Wolf mit knallharter Sprache und in äußerst eindringlichen Bildern deutlich. Brutale Schlägereien, versuchte Vergewaltigungen, eiskalter Mord. Samstags, wenn Krieg ist wählt die schonungslose Konfrontation mit dem Leser, bedeutet Hass, Zorn und Traurigkeit ertragen zu müssen. Obwohl man von den blutgetränkten Ami-Thrillern einiges gewohnt ist, trifft diese Kälte tiefer, als es jeder Serienkiller könnte, da das hier Beschriebene eben nicht abstrakt, sondern wirklich realistisch ist.

Das man den Mörder von Beginn an kennt, ist dank Wolfs zielgerichteter und intensiver Schreibe deshalb auch wenig von Belang und tut der Spannung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Mit jeder weiteren Seite steuert die Geschichte auf den unvermeidlichen Showdown zu, nimmt sie durch schnelle Szenenwechsel und immer kürzere Kapitel noch mehr Fahrt auf. Nach knapp 250 Seiten ist dann Feierabend und die Dramatik entlädt sich im erwarteten Ausbruch der Gewalt. Die Bilder im Kopf jedoch bleiben, das Gelesene liegt schwer im Magen.

In der Ausgabe des Pendragon-Verlags ist zudem ein Nachwort enthalten, in dem Klaus-Peter Wolf von den Erfahrungen seiner Lesereisen berichtet und erzählt, wie er durch die Konfrontation mit rechtsradikalen Schülern auf die Idee zu diesem Roman gekommen ist. Ein sehr erhellender Anhang, der die Ernsthaftigkeit von Wolfs Projekt noch zusätzlich unterstreicht und einmal mehr betont, dass eine harsche Auseinandersetzung mit der brutalen Realität manchmal mehr Erfolg zeitigt, als ein von Theoretikern ins Feld geführter pädagogischer Denkansatz. Und auch der von den »Ärzten« besungene »Schrei nach Liebe« ist oftmals treffender, als es der Gesellschaft letztlich lieb ist.

Klaus-Peter Wolfs Samstags, wenn Krieg ist ist in allen Belangen lesenswert. Eine rasante, knallharte Milieustudie mit messerscharfer Sprache, die nachdenklich macht und weiterhin ihren Weg in deutsche Schulen finden sollte. Kein reiner Krimi, aber ein gutes, ein spannendes und vor allem ein wichtiges Buch.

Stefan Heidsiek, Januar 2011

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Aussteiger zu »Klaus-Peter Wolf: Samstags, wenn Krieg ist« 17.11.2011
wenn man wissen will, wie so eine kleine nazigruppe sicjh langsam in Gewalt hineinsteigert und zu einer Terrorzelle wird, dann empfehle ich Klaus-Peter Wolfs Roman "samstags, wenn Krieg ist". Das Buch hat mir damals dien Augen geöffnet. Er war bei uns in der Schule, ich habe ihn gehasst, aber seine Sätze haben sich tief in mich eingegrabenn und an mir gefressen. Ich wöär fast krepiert daran. Der Zweifel hat mich dann gepackt. Sio viel was er beschrieben hat, habe ich in un serer Gruppe wiedergefunden. aber ich bin ausgestiegen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Bio-Fan zu »Klaus-Peter Wolf: Samstags, wenn Krieg ist« 20.01.2011
"kitschig naiver Heimatkrimi" - guter Witz.

Die Scheuklappen beim Lesen müssen schon riesig groß sein, wenn man Wolfs Roman auf eine solch einfache, zudem auch noch falsche Formel reduziert. Aber das Gedächtnis ist, wie wir aus der Geschichte (auch aus Wolfs Geschichte) wissen, kurz.

Der Wertschätzung durch den Rezensenten kann ich in allen Punkten zustimmen.
"Samstags, wenn Krieg ist" ist sowohl ein spannender Krimi, als auch ein Zeitdokument, das die Befindlichkeiten fehlgeleiteter Jugendlicher thematisiert. Wolf lässt den Lesern viel gedanklichen Freiraum, aber seine Aussage ist konkret und nicht interpretierbar. Eine ernste Angelegenheit, aber Wolf wäre nicht Wolf, wenn sein bissiger Humor nicht durchscheinen würde. So zeigt uns "Samstags." einen lesenswerten Ausschnitt aus dem doitschen Alltag.
Meine Empfehung. 90 Grad!
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Karl-Heinz Sürken zu »Klaus-Peter Wolf: Samstags, wenn Krieg ist« 19.01.2011
Leider kann ich Stefan Heidsiek´s Kommentar nicht folgen.Ich habe den Krimi schon 1995 gelesen und empfand ihn kitschig naiven Heimatkrimi, die aber auch eine Stärke sein kann, wie Klaus-Peter Wolf in seinen Krimi´s Ostfriesenblut etc. gezeigt hat.Wer das Genre des kultivierten deutschen Heimatkrimis mag, dem kann man dieses Buch empfehlen.
Nicht zu empfehlen ist dieses Buch den jenigen, die eine rasante, knallharte Millieustudie mit einer messerscharfenSprache suchen.
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
jo kerlicher zu »Klaus-Peter Wolf: Samstags, wenn Krieg ist« 28.04.2010
Der Kriminalroman liefert einen erschreckenden Einblick in die Seelenlandschafter junger Skinheads. Wie immer ist Wolf ganz nah bei seinen Figuren und schildert selbst die furchtbarsten Gedankengänge so, dass man sich teilweise wiederfindet. Ein gruseliges Buch. Voll faszinierender Schönheit, sprachlich sauber. Man merkt beim Lesen erst, welchen Schrott man sich sonst oft so reinzieht. Vielleicht sein bester Roman - ich kenne zwar nicht alle - aber viele. Das Buch sei hiermit voll empfohlen!
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