Nachtschwalbe von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2003
unter dem Titel Nattskärran,
deutsche Ausgabe erstmals 2008
bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Uppsala, 1990 - 2009.
Folge 5 der Ann-Lindell-Serie.
- Stockholm: Ordfront, 2003 unter dem Titel Nattskärran. 348 Seiten.
-
München: dtv, 2008.
Übersetzt von Paul Berf.
ISBN:
978-3423210812. 348 Seiten.
'Nachtschwalbe' ist erschienen als
![]()
In Kürze:
In der Nacht zum 10. Mai werden in Uppsala die Schaufenster in der Fußgängerzone zertrümmert. Fast gleichzeitig wird ein Brandanschlag auf ein Haus am Stadtrand verübt und ein junger Schwede wird in einer Buchhandlung tot aufgefunden. Am nächsten Tag werden Flugblätter verteilt, die andeuten, dass die Täter in allen Fällen jugendliche Einwanderer sind – und dass nun Schluss sein müsse mit der unbegrenzten Einwanderung. Die Kripo von Uppsala unter Leitung von Ann Lindell ermittelt in verschiedene Richtungen: Es gibt in der Tat einen »dunkelhaarigen« Verdächtigen, doch es gibt auch Hinweise auf die Eifersuchtstat eines anderen jungen Schweden, dem der Tote die Freundin ausgespannt hat. Die Medien aber greifen das Thema »neue Schweden« – gemeint sind die Einwanderer – nur zu gern auf und bedienen die ohnehin aufgeheizte Stimmung in Uppsala. Doch es existiert ein Zeuge: Ali. Er ist 15 Jahre alt, stammt aus dem Iran und glaubt, den Täter erkannt zu haben.
Das meint Krimi-Couch.de: »Ein ziemlich müder Vogel«
Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger überspringen
Der Deutsche Taschenbuch Verlag veröffentlicht Nattskärran in der deutschen Übersetzung aus dem Schwedischen von Paul Berf als Nachtschwalbe, klebt ein Ettikett als »Tipp des Monats« auf den Umschlag und glaubt laut »Neues Volksblatt« nun einen zweiten Schweden nach Mankell in der ersten Liga zu haben.
Für Erikssons Der Tote im Schnee hätte ich diese Wertung vorbehaltlos unterschrieben, ob dieses Prädikat auch nach der Lektüre von Nachtschwalbe noch seine Richtigkeit hat, wage ich allerdings zu bezweifeln, denn die Ermittlerin Ann Lindell hat im vorliegenden Werk leider nur wenig richtige Kriminalistenarbeit geleistet, wenn man davon absieht, dass sie diesen gewissen Blick bekommt, wenn sie wie Wickie aus Flake ihre Eingebungen hat und ihre starken Männer bei der Polizei von Uppsala dirigiert.
Und diese Männer haben an diesem 10. Mai alle Hände voll zu tun, denn in der Drottninggatan rotten sich junge Immigranten zusammen, werfen Schaufenster ein, plündern Geschäfte und zu guter Letzt bleibt in einer Buchhandlung ein junger Schwede tot liegen. Ganz offensichtlich wurde er ermordet und die Volksseele kocht. Flugblätter gegen die Zuwanderung tauchen auf und alles bekommt einen rassistischen Background.
Auch der fünfzehnjährige Ali war vor Ort und scheint gesehen zu haben, wie sein Cousin Mehrdat diesen Mord begangen hat. Von nun an lebt Ali in permanenter Angst, dass Mehrdat auch ihn ermorden könnte, damit er nichts verraten kann.
Bei den Recherchen zum Tod des jungen Mannes stoßen die Beamten auf den Ex-Freund der Herzdame des Ermordeten, der in der Nähe des Tatortes einen Raufhandel mit diesem hatte und dessen Jacke auch Blutspuren von der Leiche aufweist. Und obwohl dieser Ex-Freund ein Geständnis ablegt, glaubt Ann Lindell nicht daran, dass er der Täter gewesen sei.
Ann Lindell, mittlerweile Mutter eines unehelichen Sohnes, managt gekonnt ihren privaten Haushalt und ihre berufliche Karriere. Lediglich ihr Liebesleben kommt ständig zu kurz und das macht sie, wieder besseren Wissens, depressiv und heiß auf den Kontakt mit einem Verflossenen. Kjell Eriksson verbringt viel Zeit damit, seine Anti-Heldin aus dem völlig unspektakulären Alltag heraus zu beschreiben. Manchmal erinnert die Geschichte mehr an einen Frauenroman, denn an einen Krimi.
Dazu kommt dann auch noch die angeschlagene Seele des jungen Iraners Ali, der mit Mutter und Großvater in Schweden eingewandert ist. Auch hier nützt Eriksson die Gelegenheit seine pseudopsychologischen Betrachtungen am Zuwandererkind und dessen Verwandtschaft breit zu treten. Leider vergisst er dabei ein wenig, dass so ein Krimi auch Spannung braucht. Es plätschert eher gemächlich auf knapp 350 Seiten dahin und hätte Frau Lindell nicht ihre Ahnungen und ihre Kollegen nicht die Teilerfolge, wäre die Sichtweise der Story, die sich sowohl aus der Bubenperspektive Alis aufbaut, als auch aus den polizeilichen Ermittlungen ihre Handlungsfäden zieht, als reichlich abgedroschen daher. Erst kurz vor Ende der Geschichte verweben sich die einzelnen Handlungsstränge zu einem gerade noch plausiblen Finale, das aber recht wenig zu überzeugen weiß.
Sprachlich kann man an Kjell Eriksson nicht meckern. Seine Fähigkeit Bilder, Situationen und Emotionen zu beschreiben, darf man getrost in eine Reihe mit Mankells Schaffen stellen. Aber es fehlt in diesem Buch generell an der nötigen Dichte, um den Leser dann auch von der Spannung her zu fesseln und über viele Strecken vermisste ich die Logik bei der Polizeiarbeit. Von Teamgeist im Revier ist leider keine Spur zu merken , jeder handelt als Solist und wird eher als Mensch denn als Detektive gezeigt.
So vergeudet der Autor seine sprachliche Kompetenz in kleinen, anschaulichen Details und verliert den Überblick über das Ganze, das er zum Schluss in Rekordzeit zu Ende bringen muss. Die Nachtschwalbe ist ein ziemlich müder Vogel, der nur echten Fans der skandinavischen Krimiliteratur empfohlen werden kann, die sich an den literarischen Depressivphasen ergötzen können.
Wolfgang Weninger, November 2008
Ihre Meinung zu »Kjell Eriksson: Nachtschwalbe«
Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!
