London Boulevard von Ken Bruen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel London Boulevard, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Suhrkamp.

  • London: Do-Not 1, 2001 unter dem Titel London Boulevard. ISBN: 1899344764. 237 Seiten.
  • Berlin: Suhrkamp, 2010. Übersetzt von Conny Lösch. ISBN: 978-3518462089. 280 Seiten.
  • [Hörbuch] Filderstadt: GRIOT Hörbuch Verlag, 2010. Gesprochen von Peter Lohmeyer. ISBN: 3941234277. 4 CDs.

'London Boulevard' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Kaum zehn Minuten aus dem Knast, bricht Mitchell auch schon einem Punk den Arm. Als Geldeintreiber ist man nicht gerade zimperlich. Doch Mitchell will sein Leben ändern: legale Geldquelle, nette Frau, Kinder vielleicht. Als ihm die Diva Lillian Palmer einen Job auf ihrem Anwesen in Notting Hill anbietet, sieht er seine Chance gekommen – und Lillian könnte glatt die richtige Frau sein. Alles prima, wären da nicht Lillians zwielichtiger Butler Jordan und Tommy Logan, ein Geldhai, der seine eigenen Pläne für Mitchell hat … Gnadenlos, schnell und wenn es sein muss außerordentlich brutal – ein Typ wie Mitchell scheint wie geboren für ein Dasein zwischen Drogendealern und Geldeintreibern. Als sich ihm die Chance bietet, ein neues Leben anzufangen, holt seine Vergangenheit ihn ein. Und Mitchell muss zurückschlagen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Tödliches Straßen-Theater« 93°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Ken Bruen macht keine Gefangenen. Und seine Hauptfigur Mitchell auch nicht. Bricht er doch gleich einem rotzigen Autofensterputzer den Arm, nachdem der ihm auf’s Auto gespuckt hat. Wenige Augenblicke nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Kein Wunder, dass Mitch bei gewissen Leuten begehrt ist. Als Geldeintreiber, Komplize bei einem Banküberfall und potenzieller Autodieb. Doch das ist nicht sein Metier, im Gegensatz zu seiner durchgeknallten Schwester Briony, die kleptomanisch veranlagt ist und gelegentlich glaubt, ihr toter Mann Frank weile noch unter den Lebenden. Bis sie sich unsterblich in einen indischen Arzt verliebt. Für eine knappe Woche…

Mitchell will nicht unbedingt aus dem lukrativen und komfortablen Verbrecherleben aussteigen, aber als er dem Gangsterboss Gant in die Quere kommt, und es sich ergibt, dass er bei der alternden Theaterdiva Lillian Palmer als Mann für’s Grobe anheuern kann, versucht er seiner kriminellen Vergangenheit den Rücken zu kehren. Doch die lässt sich so leicht nicht abschütteln. Nur eine kleine Unebenheit auf Mitchells Weg. Lässig beiseite zu räumen. Glaubt er jedenfalls. Richtig ungemütlich wird es erst, als Mitch Lillians Bettgefährte wird, und er sich zugleich in eine andere Frau verliebt. Was sind schon brutal agierende englische Gangster gegen eine liebeskranke Schauspielerin und ihren zutiefst loyalen Butler? Bleibt am Ende nur Albert Camus: »Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.« Das kann Mitchell gut.

Wow. Ein Spagat zwischen hartem Noir im Gangstermilieu und »Sunset Boulevard«. Angefüllt mit Gewalt und literarischen Verweisen. Versehen mit dem passenden Soundtrack. Sätze wie in Stein gemeißelt. Derart knapp, präzise, unglaublich lakonisch und voll bitterschwarzem Humor schreibt kaum ein anderer lebender Autor. Nicht mal Lee Child. Und der fasst sich schon kurz.

Etliche Vorbilder und literarischen Wegbegleiter bekommen zudem ihre Ehrerbietung erwiesen: Mitchell liest unter anderem Camus, Charles Willeford und James Sallis und besucht mit seiner großen Liebe Aisling eine Lesung von James Ellroy. Das Beste: Es passt zusammen. Der harte Knochen mit dem Rest von weichem Herzen, der sich im Knast das Lesen angewöhnt hat und in der Freiheit nicht darauf verzichten möchte. Genauso wenig wie er seine rabiaten Regungen ablegt. Mitchell hat sich unter Kontrolle, doch nur so weit, bis jemand denen zu nahe tritt, die er mag und liebt. Fatal: in dem Moment, in dem er die Kontrolle für kurze Zeit aufgibt, wird er bitterlich dafür bestraft.

London Boulevard lässt harte Straßenrealität und Große Illusion aufeinanderprallen und zeigt, so brutal und direkt die eine ist, so verlogen und genauso gewalttätig ist die andere. Immer nur stellt sich die Frage wie weit die eigenen Obsessionen gediehen sind. Von denen in Bruens Welt niemand frei ist. Mal äußern sie sich eher harmlos, bzw. gegen das eigene Selbst gerichtet, aber meist bedeuten sie Macht bewahrende und darstellende Gewaltausübung oder manische Anspruchssicherung.

Mitchell ist ein Reisender zwischen beschissenen Welten. Der ihm eigene Stoizismus, die Liebe zu Musik und Literatur und die Hoffnung, dass es eines Tages auch gut für ihn ausgehen könnte, lassen ihn weitermachen.

Mit London Boulevard erweitert Ken Bruen sein Universum um eine weitere, hochinteressante und spannende Facette. Mag Mitchell auch ein Bruder im Geiste von Jack Taylor sein, so ist ihm sein eigenes Scheitern viel bewusster. Wie Jack dem Alkohol, Musik und der Literatur ergeben, findet er wesentlich mehr Trost und Ansporn darin. Mitchell verliert, doch haut er dem Schicksal seine Verachtung mit größtmöglicher Wirkung und trotzdem geradezu beiläufig ins Gesicht.

Was zu einem der lässigsten Schlusssätze seit »Vom Winde verweht« führt. London Boulevard ist ein

nur scheinbar hingerotztes,
maulfaules,
hellwaches,
herausforderndes
literarisches Monument, das mit dem Genre Kriminalroman spielt, ihn gleichzeitig ernst nimmt und auseinander reißt. Und einmal mehr bestätigt: »Hell is a woman«.

Meisterlich …

Kerrkovian erleichterte ich um
Eine Sig Sauer .45
Eine Brieftasche
Zigaretten
Ein Stilett
Und einen Zettel mit einer Telefonnummer,
Die von Gant.
Dem Punk nahm ich ab:
Eine Browning
Ein dickes Bündel Geldscheine
Pfefferminzbonbons
Kondome
Koks.

Ein Gedicht von einem Buch. Ich liebe es.

PS.: Ein weiterer Grund zur Freude für deutschsprachige Leser – London Boulevard wurde nicht von Harry Rowohlt übersetzt. Soweit der Eindruck ohne Kenntnis des Originals nicht trügt: Conny Lösch hat ihre Sache verdammt gut gemacht.

PPS.: Interessante Koinzidenz: sowohl bei Ken Bruen wie bei Val McDermid kommen ihre jeweiligen Protagonisten mit Charles Willeford und James Sallis in Berührung. Die Guten wissen warum.

Jochen König, Januar 2011

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HarryHole zu »Ken Bruen: London Boulevard« 09.03.2011
Selten musste ich beim Lesen so oft laut auflachen.
Die meisten Sätze sitzen wie ein trockener Leberhaken, von denen es natürlich auch reichlich gibt.
Nach "Kap der Finsternis" das zweite Mal, dass ich mich ärgere, auf Deutsch zu lesen ...
Normalerweise nervt mich das Gequatsche von wegen "bei der Übersetzung geht so viel verloren", aber in diesen beiden Fällen gibt es keinen Zweifel, dass es stimmt, und wenn die Übersetzung noch so gut ist.
Wiederhole mich und Vorredner zwar nur ungern, aber: Ein Buch zum Liebhaben!
RiaKlug zu »Ken Bruen: London Boulevard« 27.02.2011
Eine schwierige Aufgabe für diesen Krimi eine Rezension zu schreiben.
Ich fange mal ganz simpel an:
Es ist spannend und ich fühlte mich gut unterhalten.
Die Geschichte ist in der Ich-Perspektive verfasst und ermöglicht der Leserin einen unmittelbaren Blick in Mitchs Wahrnehmungswelt. Dadurch sehen wir natürlich nur die Dinge, die Mitch erlebt.
Also, kein Perspektivwechsel, keine Cliffhanger, sondern eine flotte, stringente Erzählweise, wie ich sie schätze und auch selbst gerne verfasse.
Und schon sind wir beim Aber: Der Plot ist nahezu hanebüchen simpel und bietet wenig Überraschendes , dafür das eine oder andere Unglaubwürdige.
Zum Beispiel, wie Mitch an den Job kommt und wie dieser ausgestaltet ist.
Daneben sind wir zwar sehr nahe bei Mitch, trotzdem bleibt für mich diese Figur unnahbar.
Sie säuft, prügelt, mordet und vögelt sich durch die angenehm knappen 250 Seiten, liest viel und philosophiert ein wenig herum. Jedoch an keiner Stelle wird ihr Handeln durch interlektuellen Erkenntnisgewinn beeinflusst.
Formal wartet die Story mit interessanten Details auf: Immer wieder werden
Dinge
auf
diese
Weise
aufgezählt.
Das verschafft dem Erzählfluss Atempausen, fast wie geschriebene Slowmotion.
Der Schluß ist nicht sehr überraschend, weil die Spannungskurve in einem ungewöhnlichen Bogen verläuft. Schon nach kurzer Zeit scheint klar, dass die Geschichte nicht gut ausgehen kann.
Eine Happyend wäre nicht sehr logisch und fast schon Betrug am Text.
Irgendwann ist nur noch die Frage spannend, an welcher Klippe Mitch scheitert.
Der Klappentext stimmt leider vorne und hinten nicht. Der Ablauf der Ereignisse ist ein anderer, selbst der Name des Geldhais ist falsch.
Bei all diesen Mängeln muss ich trotzdem sagen: Schön und interessant geschrieben ist es allemal.
Wer einen konventionellen Ermittlungskrimi lesen möchte, sollte etwas anderes nehmen.
Wer etwas Ausgefallenes sucht, könnte hier richtig sein.
theili zu »Ken Bruen: London Boulevard« 24.02.2011
Schnell, schneller, am schnellsten.

Bruen lässt seiner Romanfigur Mitch und dem Leser keine Minute Pause. Vollgas von der Ersten bis zur letzten Seite.

Manchmal ein bisschen viel aufgetragen. Hie und da ist der Plot nicht so realitätsnah. Dennoch ist die Geschichte sehr unterhaltsam. In so einem Milieu ist man ja nicht alle Tage.
Annette Kretschmer zu »Ken Bruen: London Boulevard« 07.02.2011
Mir geht es nicht wie Jochen König. Ja, ich stehe tatsächlich ganz entschieden am anderen Pol. Und ich suche auch nicht die schnelle Krimiliteratur, ich genieße normalerweise Satz für Satz. Aber bei London Boulevard gab es nichts zu genießen für mich. Im Gegenteil, ich hetzte mit dieser männlichen Prostituierten von Leiche zu Leiche. Da kam keine Langeweile auf. Wie Kindergeburtstag bei MacD*. Keine der Figuren strahlte Authentizität aus, alles war irgendwie künstlich und überzeichnet. Dazu noch dieses alberne name dropping ständig und andauernd. Und wurde er pro Seite bezahlt, oder warum listet er immer wieder unnötigerweise alles untereinander auf (s.o.)?? Ich kann darin nichts lyrisches entdecken, sorry!
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Thorsten Wirth zu »Ken Bruen: London Boulevard« 21.01.2011
Ich lese Ken Bruen im Original und frage mich stets, wie man es überhaupt adäquat übersetzen kann?

Nun ja, Ken Bruen zu empfehlen ist so eine Sache. Liebe und Hass dürften diesbezüglich treffende Beschreibungen sein, denn sein Stil polarisiert sicherlich.

Mir geht es wie Jochen König: Ich liebe dieses Buch. Ich liebe es, weil sich gute Bücher für mich dadurch auszeichnen, dass ich verschiedene Ebenen entdecke, so dass ein "Nochmallesen" unanbdingbar wird. London Boulevard ist ein Krimi, aber eben noch viel mehr, so dass die gute story für mich nicht im Vorderdrund steht sondern die scharf geschnittenen Charaktäre mit all ihren Absonderlichkeiten. Über die Personen komme ich zur anderen Ebene in London Boulevard, welche philosophische Züge trägt. Hier insbesondere das Thema Einsamkeit und wie gehe ich damit um.

Wer nur schnelle Krimiliteratur sucht: eher Finger weg!
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