Die gute Tochter von Karin Slaughter

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel The good daugther, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei HarperCollins.

  • New York: William Morrow, 2017 unter dem Titel The good daugther. 528 Seiten.
  • Hamburg: HarperCollins, 2017. Übersetzt von Fred Kinzel & Silvia Kuttny-Walser. ISBN: 978-3959671101. 608 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2017. Gesprochen von Nina Petri. ISBN: 3961080445. 8 CDs.

'Die gute Tochter' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

»Lauf!«, fleht ihre große Schwester Samantha. Mit vorgehaltener Waffe treiben zwei maskierte Männer Samantha und sie an den Waldrand. »Lauf weg, Charlie!« Und Charlotte läuft. An diesem Tag. Und danach ihr ganzes Leben. Sie ist getrieben von den Erinnerungen an jene grauenvolle Attacke in ihrer Kindheit. Die blutigen Knochen ihrer erschossenen Mutter. Die Todesangst ihrer Schwester. Das Keuchen ihrer Verfolger. Als Töchter eines berüchtigten Anwalts waren sie stets die Verstoßenen, die Gehetzten. 28 Jahre später ist Charlotte selbst erfolgreiche Anwältin. Als sie Zeugin einer weiteren brutalen Bluttat wird, holt ihre Geschichte sie ganz ungeahnt ein.

Das meint Krimi-Couch.de: Ein Gerechtigkeitsfanatiker und seine ungleichen Töchter 80°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Diesen Tag werden Samantha und Charlotte Quinn niemals vergessen. Vater Rusty, ein Rechtsanwalt für Dealer, Mörder und Vergewaltiger, ist nicht gerade beliebt. Er will wegen einer vermuteten Bedrohung ein Polizeifahrzeug nach Hause schicken, aber vorher dringen zwei Maskierte in das Haus der Familie ein. Mutter Gamma Quinn greift nach der Waffe eines der Männer und wird kaltblütig erschossen. Die Mörder führen Samantha und Charlotte in den Wald. Sam wird vermeintlich getötet, Charlie kann fliehen.

28 Jahre später. Charlie und Sam – die doch überlebt hat – sind auch Anwältinnen geworden. Charlie arbeitet in der Kanzlei von Rusty, Sam in New York. Charlie wird durch unglückliche Umstände Zeugin eines Amoklaufs in einer Schule. Ein typischer Fall für Rusty Quinn, doch Charlie und Sam werden tiefer in die Sache verwickelt, als ihnen lieb ist. Denn auf Rusty wird ein Anschlag verübt, und die beiden kümmern sich notgedrungen um ihren Vater – und um den Fall. Doch dann werden sie mit voller Wucht von ihrer Vergangenheit eingeholt und überrollt.

Schuldgefühle, ohnmächtige Wut und eigenes Leid spielen eine große Rolle

Karin Slaughter hat in ihrem neuen Thriller »Die gute Tochter« neben einem spannenden Plot eine interessante Personal-Konstellation kreiert. Der Plot wird dominiert von den Ereignissen vor 28 Jahren und dem aktuellen Geschehen. Zu dem Mord an Gamma Quinn und den Ereignissen rund um ihre Töchter gibt es – dramaturgisch höchst geschickt eingebaut – immer mal wieder ergänzende Informationen, die ihrerseits das Geschehen in der Gegenwart beeinflussen oder gar verändern. 

Das Verhältnis der beiden Schwestern zueinander und zu ihrem dominanten Vater prägt die gesamte Geschichte, ummantelt gewissermaßen die Handlung rund um den Amoklauf in der Schule. 

Im Grunde wollten sie sich nicht wiedersehen, aber die Messerattacke auf ihren Vater schafft völlig neue Fakten. Vieles ist seit den dramatischen Ereignissen damals unausgesprochen geblieben und drängt jetzt an die Oberfläche. Dabei spielen tiefe Schuldgefühle, ohnmächtige Wut und eigenes Leid eine große Rolle.

Rusty Quinn ist eine Art Robin Hood der Verbrecher

Rusty Quinn ist ein Anwalt, wie man ihn aus vielen Filmen und Büchern kennt. Paragraphen-sicher, rhetorisch versiert, in vielen Kämpfen vor dem Richtertisch erprobt und siegreich geblieben. Und er ist eine Art Robin Hood der Verbrecher. Er übernimmt aussichtslose Fälle, verteidigt Dealer, Vergewaltiger und andere unangenehme Zeitgenossen. Und das macht er, weil es eben jemand machen muss. Rusty ist ein Art Gerechtigkeitsfanatiker, der jede Vorverurteilung seiner zuweilen mehr als merkwürdigen Mandanten ablehnt. 

Den Mord an seiner Frau und die schrecklichen Erlebnisse seiner Töchter hat Rusty verdrängt, jedenfalls ist nichts anderes zu erkennen. Erst spät erfährt der Leser von den wahren Geschehnissen an jenem schicksalsträchtigen Abend – und besser informiert war Rusty anscheinend auch nicht. Insgesamt eine knorrige, liebenswerte und leicht tragische Figur.

Intelligente, aber auch zickige Dialoge der zwei Schwestern

Die beiden Schwestern Charlotte und Samantha haben höchst unterschiedliche Wege eingeschlagen. Das hängt eher weniger mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen vor 28 Jahren zusammen. Vielmehr ist Charlie eben im Dunstkreis ihres Vaters geblieben und hat ihn in seiner Kanzlei unterstützt, Sam ist in New York eine erfolgreiche Wirtschaftsanwältin geworden. Beide bewegen sich in völlig unterschiedlichen Dunstkreisen. Umso dramatischer fällt ihr ungewolltes Wiedersehen aus. Mehr als erfrischend zu lesen sind ihre intelligenten, aber auch zickigen Dialoge. Lange Zeit belauern sich die beiden, bis sie schließlich die tatsächlichen Abläufe des Tages vor 28 Jahren enthüllen. Erschütternd, tragisch, folgenreich. Und in meinen Augen hervorragend von Karin Slaughter erzählt.

Endlich mal wieder ein Thriller, der diese Bezeichnung auch verdient

Die Autorin hat hier ein ausgezeichnetes Buch vorgelegt, dass mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. Es geht hier um eine hochgradig traumatisierte Familie, aber auch um zwei Kriminalfälle. Denn auch die Ereignisse von vor 28 Jahren werden nicht nur aufgearbeitet, sondern auch aufgeklärt. Mehr kann ich aus dramaturgischen Gründen nicht verraten, aber das gehört zu den vielen Überraschungsmomenten in diesem spannenden Roman.

Es geht um große Gefühle, Verzweiflung, mangelnde Nähe, schwierige Offenheit und vieles mehr. Das Buch ist angenehm zu lesen, man fühlt sich stets gut unterhalten – Karin Slaughter hat schon oft bewiesen, dass sie Geschichten gut erzählen kann, dass gelingt ihr auch bei diesem Werk. Und daneben ist es ihr gelungen, mich mehrfach zu verblüffen mit ihren überraschenden Wendungen und neuen Entwicklungen. Ein Thriller, der diese Bezeichnung wahrlich verdient.

Andreas Kurth, August 2017

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Corinna von gerngelesen.de zu »Karin Slaughter: Die gute Tochter« 17.09.2017
Selten hat ein Buch bei mir einen solch zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Ich kenne von Karin Slaughter ihre Reihe rund um Will Trent (z. B. „Tote Augen“ oder „Bittere Wunden“), die mir sehr gut gefallen hat. Auch bei diesen Thrillern spielt das Privatleben der Protagonisten, insbesondere ihre Vergangenheit, eine große Rolle. Aber trotzdem gibt es einen spannenden Kriminalfall, in dem ermittelt wird.

Bei „Die gute Tochter“ ist das (zeitweilig) anders, weshalb ich die Bezeichnung „Thriller“ auch nicht ganz passend finde. Mit diesem Genre verbinde ich eine rasante Handlung, spannende Szenen, eben so etwas wie „die Finger in die Lehne krallen“ 😉. Obwohl die ersten Szenen sehr dramatisch sind, kann dieses Versprechen bezüglich der Spannung nicht so recht gehalten werden. Immer wieder wird das Gefühlsleben von Charlie ausgiebig thematisiert, ohne dass der Leser alle Informationen erhält.
Vielleicht trifft deshalb der Begriff „Dramatik“ hier besser zu als „Spannung“, denn dramatisch ist sowohl der traumatische Überfall in der Vergangenheit als auch der Amoklauf in der Gegenwart. Leider wird die Handlung selbst aber nicht schnell genug vorangetrieben. Über weite Teile dominieren familiäre Beziehungen und Verstrickungen den Mittelteil des Buches, wodurch eben gewisse Längen entstehen. Ich dachte zwischenzeitlich sogar, dass der Fall in der Schule würde gar nicht mehr thematisiert bzw. aufgelöst würde. Das passiert tatsächlich erst ganz zum Ende des Buches, dann allerdings mit einem Knalleffekt, der wirklich gelungen ist. Auch die Geschehnisse der Vergangenheit erfahren eine sehr interessante und überraschende Auflösung.
Fazit: Psychodrama für Leser mit Durchhaltevermögen, sie werden belohnt, sollten aber auch vor brutalen Szenen nicht zurückschrecken. Empfehlenswert für Thriller-Leser mit Hang zum Drama.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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