Blutige Fesseln von Karin Slaughter

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel The Kept Woman, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei HarperCollins.
Folge 6 der Will-Trent-/-Atlanta-Serie.

  • New York: HarperCollins, 2016 unter dem Titel The Kept Woman. 512 Seiten.
  • Hamburg: HarperCollins, 2016. Übersetzt von Fred Kinzel. ISBN: 978-3959670517. 512 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: HarperCollins by Lübbe Audio, 2016. Gesprochen von Nina Petri. ISBN: 3961080097. 512 CDs.

'Blutige Fesseln' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

Es ist der persönlichste Fall in Will Trents Laufbahn. Das spürt der Ermittler schon in dem Moment, als er das leer stehende Lagerhaus betritt und die Leiche entdeckt die Leiche eines Ex-Cops. Blutige Fußabdrücke weisen auf ein zweites Opfer hin. Eine Frau. Von ihr fehlt jede Spur. Das Brisante: Gegen den prominenten Eigentümer des Lagerhauses ermittelt Will bereits seit einem halben Jahr wegen Vergewaltigung. Erfolglos! Als am Tatort zudem ein Revolver gefunden wird, der auf Wills Noch-Ehefrau Angie zugelassen, ist, ahnt er, dass dies ein Spiel auf Leben und Tod wird.

Das meint Krimi-Couch.de: »Will, Sara und Angie im tödlichen Dreieck« 68°

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Die Aussage, ein Autor sei nicht etwas für jeden, ist einerseits trivial, trifft andererseits aber wohl auf Karin Slaughter zu wie auf kaum jemanden im Genre des Kriminalromans. Bekannter Maßen hatte ja sogar Ian Rankin seine Probleme mit Slaughters »Zeigefreude«, bezogen auf explizite Gewaltdarstellungen, die natürlich immer auch Fans von Slaughter zufriedenstellen und zugleich selbstzweckhaft sind.

Und so werden einige sagen: »Schon wieder ein neuer Atlanta-Krimi von Slaughter...« und andere: »Endlich!«. Den Vertretern der ersten Gruppe sei gesagt, dass der neue Slaughter in erster Linie ein neuer Slaughter ist, von ihnen also nur gelesen werden sollte, wenn sie einmal mehr eine Injektion benötigen, die ihre Abwehrkräfte befördert. Für die Vertreter der zweiten Gruppe hingegen folgt die Aussage-Variante, dass der neue Slaughter eben wieder ein neuer Slaughter ist, weshalb sie sich freuen dürfen über Gewalt, Blut und verstörende Inhalte.

Aber Frau Slaughter hat auch ihre unblutigen Seiten. Der Roman beginnt mit einem herzerweichenden Prolog, in dem eine Mutter ihre Tochter das erste und einzige Mal im Leben in den Armen hält. Zum einzigen Mal, weil sie ihr beim Sterben zusieht. Die Tochter hat ein Messer in der Brust. Die Mutter ist ebenfalls in Gefahr, ein Mann mit Waffe nähert sich ihr.

Und es geht gleich weiter im Weichspülgang. Will Trent sucht mit seiner Hündin Betty eine Tierarztpraxis auf. Nachdem er erfahren hat, was ungepflegte Zähne bei einem Hund so alles anrichten können, zieht er es vor, eine professionelle Zahnreinigung bei Betty vornehmen zu lassen. Slaughter rückt diese Szene in einen Kontext, der sie zum sozialkritischen Kommentar werden lässt, weil ja bekanntlich ein erheblicher Teil der US-Amerikaner nicht das Geld für zahnärztliche Untersuchungen hat, mithin auch nicht für professionelle Zahnpflege. Nervös gibt Will Betty in die Hände der Tierarzthelferin, als ihn auch schon seine Partnerin Faith Mitchell von draußen ruft.

Der nächste Mordfall wartet. Opfer ist der pensionierte Polizist Dale Harding, ein Freund von Faiths Mutter. Die Baustelle, auf der die Leiche gefunden wird, gehört dem Basketball-Superstar Marcus Rippy, der über wichtige politische Beziehungen verfügt und Zugriff auf die teuersten und besten Anwälte hat, weshalb er mit vielem davonkommt, darunter auch Vergewaltigung. Will versucht seit einem halben Jahr, Rippy wegen einer brutalen Vergewaltigung festzunageln. Das Blut am Tatort stammt jedoch nicht vom Toten, blutige Fußspuren einer Frau führen von diesem weg. Deshalb muss jemand sich irgendwo kurz vor der Blutleere und damit dem Tod befinden. Sara Linton, die seit achtzehn Monaten mit Will zusammen ist und mittlerweile für das GBI, Georgia Bureau of Investigation, als Pathologin arbeitet, schätzt, dass die Frau nur noch wenige Stunden zu leben hat.

Noch persönlicher für Will wird dieser Fall, weil er eine Verbindung zu seiner gestörten Ex Angie Polaski aufweist. Blutige Fesseln beschäftigt sich unter anderem mit Angie und vermittelt uns Lesern, wie sie wurde, wer sie ist – dieses bedauernswerte Produkt des bösen Paares Vernachlässigung und Missbrauch.

Blutige Fesseln ist nach Bittere Wunden der zweite Roman Karin Slaughters, in dem die Atlanta-Serie mit Will Trent und die Grant County-Serie mit Sara Linton vereinigt sind. Die Geschichte ist ordentlich gestrickt, die Charaktere sind lebensnah und wirken nicht imaginiert. Sara bekommt Will richtig gut. In der Zeit vor Sara war er auf Angie fixiert, die er desto mehr liebte, je mehr sie ihn psychisch quälte und destabilisierte. Das ist nun vorbei, aber natürlich ist die Beziehung zu Sara nicht unproblematisch, da Will und Angie noch nicht geschieden sind. Den ersten Teil des Romans bestimmen die Untersuchungen von Will und Sara, den zweiten Teil die Verstrickung Angies.

Slaughter ist eine gute Krimi-Köchin. Sie weiß genau, wann sie dem Gericht welche Bestandteile und Gewürze hinzufügen muss, damit es für die Liebhaber der Cuisine Karin schmackhaft bleibt. Aus dem Korruptionssumpf zieht sie ausreichend Dreck, um dem Gericht einen erdigen Grundgeschmack zu verleihen.

Wie für Slaughter üblich, werden die Biographien ihrer Hauptfiguren aufgefüllt, soweit es um die Vergangenheit geht, und darüber hinaus fortgeschrieben. Dies ist für die Leser umso interessanter, als Will Trent ein komplexer Charakter ist.

Karin Slaughter hat ihren Ermittler Will Trent im Lauf der Zeit mit einer Reihe interessanter Frauenfiguren umgeben, die in diesem Roman alle mitwirken. Seine neue Liebe Sara Linton, seine Ex Angie Polaski, seine Partnerin Faith und Deputy Director Amanda Wagner, die noch immer Chefin des GBI ist. Nachdem Will eine angenehme Zeit mit Sara hatte, dauert es nicht lange, bis Angie wieder in sein Leben tritt. Angie steht auch im Zentrum des schweren Gepäcks, das Slaughter um Will gruppiert. Und einmal mehr muss Will hinter seiner Ex, von der er scheinbar nie loskommt, weil er dazu ebenso wenig in der Lage ist wie sie, aufräumen.

Slaughter zieht die Leser nicht nur in menschliche Abgründe hinein, sondern auch in die Köpfe ihrer Figuren. Auf diese Weise erfahren wir viel über Angie und ihre Vergangenheit. Mit zum Besten an Slaughters Krimis gehört, dass sie die Dynamik von Paarbeziehungen völlig unsentimental entwickelt.

Almut Oetjen, Januar 2017

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walli007 zu »Karin Slaughter: Blutige Fesseln« 17.11.2016
Verstrickt

Will Trent und seine Partnerin Faith Mitchell werden zu einem Tatort gerufen an dem es wirklich schlimm aussieht. Ein Toter wurde in einem verlassenen Lagerhaus gefunden und sehr viel Blut, das nicht allein vom dem Toten stammen kann. Bei dem Verstorbenen handelt es sich um einen ehemaligen Polizisten. Das Blut hat die selbe seltene Blutgruppe wie das von Wills Frau Angie Polaski. Zwar lebt Will von seiner Frau getrennt, das heißt aber nicht, dass Angie Will je losgelassen hätte. Noch brisanter werden die Ermittlungen, durch den Umstand, dass das Gebäude einem promitenten Sportler gehört, gegen eine eine Ermittlung wegen Vergewaltigung due die Machenschaften der Anwälte des Beschuldigten im Sande verlaufen musste.

In diesem achten Fall um den Ermittler Will Trent hat Karin Slaughter einen Nerv getroffen. Seit Will Trent und die Ärztin Sara Linton ein Paar sind, leidet ihre Beziehung an ihren jeweiligen Vorlebens. Für Sara Linton scheint nach Jeffrey Tollivers Tod jeder andere nur eine zweite Wahl sein zu können. Will dagegen kann seine gestörte Beziehung zu seiner Noch-Ehefrau nicht ganz aufgeben. Schließlich begleitet sie ihn schon seit seiner Jugend. Und nun erweckt alles den Eindruck als sei Angies Rolle in diesem Fall durchaus undurchsichtig. Kann sie bei dem Blutverlust überhaupt noch am Leben sein? Wäre ihr Tod eine Erlösung oder würde das alles noch schlimmer machen? Natürlich lässt Will es sich nicht nehmen, jede Spur zu verfolgen, obwohl er wegen persönlichen Involviertheit besser Zurückhaltung übte.

Spannend, mitunter brutal und blutig geht es zu in diesem Thriller- Gebannt verfolgt man die Ermittlungen, die immer neue Verwicklungen zutage fördern. Dabei spürt man Wills Zerrissenheit, wenn es um Angie Polaski geht. Mal wieder war sie verschwunden und nun drängt sie sich auf eine Art zurück in Wills Leben, die Will mit Widerwillen aber auch Sorge erfüllt. Was ist in diesem Lagerhaus nur geschehen. Gerade, wenn man meint, man habe einen Lösungsansatz gefunden, überfällt einen die Autorin mit einer doch ganz anderen Idee, so abwegig, dass sie doch schon wieder logisch erscheint. Man mag sich an Angie Polaskis Charakter und ihren übergriffigen Verhaltensweisen stoßen und möglicherweise tut man sich etwas schwer damit mit welcher Selbstverständlichkeit in der vermeintlich normalen Welt Amerikas mit schweren Waffen hantiert wird. Doch dieser Thriller bietet eine komplexen und auergewöhnlichen Fall, der einem genauso an die Nieren geht wie dem Ermittler. Trotz der wiederstreitenden Gefühle, die gerade Angie Polaski auslöst, ist es kaum möglich den Roman aus der Hand zu legen, wenn man einmal mit der Lektüre begonnen hat.
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