Geständnisse von Kanae Minato

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel Kokuhaku, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei C. Bertelsmann.

  • Tokyo: Futabasha, 2008 unter dem Titel Kokuhaku. 272 Seiten.
  • München: C. Bertelsmann, 2017. Übersetzt von Sabine Lohmann. ISBN: 978-3-570-10290-9. 272 Seiten.

'Geständnisse' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Die kleine Tochter der alleinerziehenden Lehrerin Moriguchi ist im Schulschwimmbad ertrunken; ein tragischer Unfall, wie es scheint. Wenige Wochen später kündigt Moriguchi ihre Stelle an der Schule, doch zuvor will sie ihrer Klasse noch eine letzte Lektion mit auf den Weg geben. Denn sie weiß, dass ihre Schüler Schuld am Tod ihrer Tochter haben. Mit einer erschütternden Offenbarung setzt sie unter ihnen ein tödliches Drama um Schuld und Rache, um Gewalt und Wahnsinn in Gang, an dessen Ende keiner weder Kind noch Erwachsener ungeschoren davonkommt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Achterbahnfahrt in die Dunkelheit« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Der letzte Schultag an einer Mittelschule in Japan. Lehrerin Moriguchi hält ihrer Klasse einen langen Vortrag. Warum sie Lehrerin wurde, über den Mann an ihrer Seite, den sie jedoch nicht heiratete, nachdem sie erfuhr, dass dieser AIDS hat und über das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Dann erzählt sie, wie sie versucht hat, das Leben als Lehrerin und Mutter einer vierjährigen Tochter unter einen Hut zu bringen und endet damit, dass ihre geliebte Tochter Manami vor Kurzem ertrunken sei. Im Schwimmbad der Schule, wie alle wissen, ein schrecklicher Unfall. Doch dann erschüttert Moriguchi alle, denn sie benennt zwei Schüler ihrer Klasse als die Mörder ihrer Tochter. Auch wenn sie nur von A und B redet, so ist doch jedem klar, wer gemeint ist. Und schon greift ein äußerst perfider Racheplan und reißt alles unerbittlich in den Abgrund …

Erfolg aus Japan jetzt auch in Deutschland erhältlich

Geständnisse war in Japan, wo der Roman bereits 2008 erschien, überaus erfolgreich und wurde 2010 verfilmt. Daraus entwickelte sich Japans Beitrag für die Oscar-Nominierung 2011. Jetzt ist dieser äußerst subtile und böse Thriller auch bei uns erschienen. Zum Glück! Zunächst fängt es ganz harmlos mit dem Vortrag der Ich-Erzählerin Moriguchi an, welcher sich über rund sechzig Seiten zieht. Dann platzt die Bombe vom Mord und ihrem Racheplan. Die Strafmündigkeit beginnt in Japan erst mit dem vierzehnten Lebensjahr, doch die beiden Täter sind erst dreizehn. So denkt sich Moriguchi ihre ganz eigene Form der Bestrafung aus, unter der die beiden Schüler fortan auf unterschiedliche Weise leiden. Während einer von ihnen nicht mehr die Schule besucht und immer mehr dem Wahnsinn verfällt, geht der andere Schüler weiterhin in seine Klasse – und wird von seinen Mitschülern böse gemobbt.

»Und wenn man es einmal getan hat, will man das Gefühl vielleicht wieder haben. Man braucht jemanden, den man an den Pranger stellen kann, um dieses Hochgefühl wieder zu erleben. Man hat vielleicht mit wirklich fiesen Kerlen angefangen, doch beim nächsten Mal ist man schon weniger wählerisch und dafür erfindungsreicher in seinen Anschuldigungen. An dem Punkt artet das Ganze dann praktisch in eine Hexenjagd aus – genau wie im Mittelalter. Ich glaube, wir Normalbürger haben vielleicht eine Grundregel vergessen – nämlich, dass wir eigentlich kein Recht haben, über jemand anderen zu richten.«

Was zunächst aussieht wie eine japanische Version von Herr der Fliegen (ein etwas gewagter Vergleich), nimmt jedoch sehr rasch eine neue Entwicklung auf. In sechs Kapiteln lernen wir aus unterschiedlichen Perspektiven die wichtigsten Figuren als Ich-Erzähler kennen. Je mehr man über diese erfährt, umso mehr zeigt sich die ganze Tragweite der unglücklichen Verkettungen und die Tragik der Story. Ein Schüler mit soziopathischen Zügen giert nach der Aufmerksamkeit seiner Mutter, ein anderer fühlt sich stets übergangen; eine ebenso kurze wie verhängnisvolle Freundschaft entsteht.

»Wenn einer deine Mutter umbringt, solltest du als Angehöriger des Opfers ja wohl den Mörder hassen; aber wenn der Mörder dein Bruder ist, dann siehst du dich als Verwandter eines Verbrechers abgestempelt, sorgst dich darum, wie dein Bruder rehabilitiert werden könnte und wie du dich bei den Opfern entschuldigen sollst – von denen du aber zufällig selbst eins bist!«

Hat man anfangs noch volles Mitgefühl mit der Mutter, so zeigt sich zunehmend deren moralische Zwiespältigkeit und auch für die beiden Jungen wechseln sich Abneigung und Mitgefühl zunehmend ab. Zu groß, zu unbeschreiblich scheinen die Missverständnisse, die die ganzen Ereignisse auslösen. Es kommt zu verheerenden Zwischenfällen, weitere Morde und Tote bleiben nicht aus. Ein Happy End hingegen kommt nicht in Frage.

»Doch ausgerechnet am Tag meines Interviews beging irgendwo in einem namenlosen Drecknest eine Siebtklässlerin ein spektakuläres Verbrechen. Der Fall Lunacy. Sie hatte verschiedene Gifte ins Essen ihrer Familie gemischt und die Wirkung in ihrem Blog beschrieben. Ich muss zugeben, ich war ein bisschen beeindruckt – ab und zu kommt einer von diesen Idioten doch mal auf eine originelle Idee.«

Geständnisse ist eine wendungsreiche Achterbahnfahrt, auf die man sich einlassen sollte. Wenngleich einige Punkte bezüglich Schule und Familie typisch japanisch erscheinen, so überzeugt doch die klare und pointierte Sprache der Autorin. Am Ende bleiben die großen Fragen nach Moral und Gerechtigkeit.

Jörg Kijanski, Mai 2017

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