Amnesia von Jutta Maria Herrmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Amnesia, bei Knaur.

  • München: Knaur, 2017 unter dem Titel Amnesia. ISBN: 978-3-426-51997-4. 304 Seiten.

'Amnesia' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: Zu viele »Scheißegal-Pillen« können ins Verderben führen 80°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Die Berlinerin Helen Richter ist verzweifelt. Sie ist an Lungenkrebs erkrankt, laut Aussage der Ärzte nicht mehr therapierbar. Ihr Freund hat es nicht mehr mit ihr ausgehalten und ist einfach verschwunden. Sie nimmt viele Psychopharmaka – zu viele, ihre Wahrnehmung ist getrübt, sie hat zuweilen Wahnvorstellungen. Daher entschließt sich Helen, in ihre saarländische Heimat zu fahren, um Mutter und Schwester über ihre Krankheit zu informieren.

Das Verhältnis zu ihrer Familie war mehr als schwierig, Helen möchte sich mit ihrer Mutter vor ihrem Tod versöhnen. Ihr Erscheinen sorgt jedoch für Unruhe. Ihre Schwester hat geheiratet und ist schwanger. Allerdings ist Kristin mit Leon verheiratet. Helen kennt ihn aus ihrer Jugendzeit und hält ihn für den Vergewaltiger ihrer damals besten Freundin Angela. Es kommt zu vielen Streitereien, da Helen vermutet, dass Leon Kristin misshandelt. Nach ein paar Tagen wird Leon ermordet aufgefunden – und Helen gerät schnell in Verdacht, ihn umgebracht zu haben, um ihre Schwester zu schützen. Das schlimmste daran ist, dass sie wegen ihrer Medikamente keinerlei Erinnerung an die Mordnacht hat.

Ein verwickeltes Kammerspiel von hoher Intensität

»Amnesia« ist der dritte Roman der Wahl-Berlinerin Jutta Maria Hermann. Ihre Werke wurden von den Lesern der Krimi-Couch durchweg mit hohen Gradzahlen bewertet – und das zu Recht. Das neue Buch um die todkranke Helen Richter – wie die Autorin eine aus dem Saarland stammende Wahl-Berlinerin – ist ein verwickeltes Kammerspiel von hoher Intensität.

Helen schildert darin als Ich-Erzählerin ihre Gefühle, ihre Verwirrung und ihre abgrundtiefe Verzweiflung. Sie hat den Konsum ihrer Psychopharmaka nicht im Griff, nimmt zu viel davon – mit den entsprechenden Folgen. Das ist einer der Gründe, warum ihr Freund abgehauen ist. Erinnerungslücken und Wahnvorstellungen machen ihr und ihren Mitmenschen zunehmend zu schaffen. Ihr ohnehin schwieriges Verhältnis zu ihrer Familie wird dadurch zunehmend belastet. Und sie agiert mehr als konfus, wenn sie mal wieder eine Pille zu viel eingeworfen hat.

Komplizierte Beziehungen zwischen schwierigen Charakteren

Rückblenden in die Vergangenheit informieren den Leser über Helens Jugendzeit, über die Vergewaltigung ihrer Freundin Angela, und die Rolle von Leon. Wie in einem Dampfkessel werden der nervliche Druck, und damit auch die enorme Spannung, immer weiter aufgebaut. Die Autorin gibt ihrer Geschichte ausreichend Zeit, erst als mehr Puzzleteile zusammengesetzt sind, wird es richtig spannend. Durch nach und nach auftauchende immer neue Wendungen verdient sich das Werk dann aber die Bezeichnung Thriller – es lohnt sich also, etwas Geduld bei den langen Schilderungen der Vorgeschichte aufzubringen.

Im Vordergrund stehen die komplizierten Beziehungen innerhalb der Familie, es geht um schwierige Charaktere – und es gibt so einige Überraschungen. Zur Mitte des Buches glaubt man Ansätze für die Auflösung des Rätsels um die Ermordung von Leon zu erkennen – und täuscht sich dabei gewaltig. Die Auflösung ist mehr als überraschend, das dynamische Finale geradezu atemlos.

Helens Familiengeschichte belastet sie neben der Krebserkrankung zusätzlich

Mit Helen hat Jutta Maria Hermann eine durchaus schwierig zu verstehende Protagonistin erschaffen. Sie ist von Jugend an launisch und zuweilen jähzornig. Bei manchen ihrer Charakterzüge wird nicht abschließend deutlich, ob die Psychopharmaka dafür verantwortlich sind, oder ob Helen eben so ist – egozentrisch, nachtragend, aufbrausend. Ihre Familiengeschichte belastet sie neben der tödlichen Erkrankung zusätzlich.

Das Verhältnis von Helen zu ihrer Mutter speziell zu nennen, ist eine veritable Untertreibung. Weil Helen nach der Trennung der Eltern den Vater der Mutter vorgezogen hat, ist diese ihr ewig böse. Hinzu kommt, dass die jüngere Katrin immer »everybodys darling« war, und daran hat sich seit der Kindheit offensichtlich nichts geändert. Das bekommt Helen von ihrer Mutter ständig um die Ohren gehauen.

Leon wird als echter Kotzbrocken und Schürzenjäger dargestellt. Helens früherer Schulkamerad Martin ist dagegen der softe Frauenversteher, der seiner Jugendliebe immer noch – oder wieder – hinterher schmachtet. Und dann ist da noch Katrins Freundin Birgit. Sie übernimmt in der Geschichte eine wichtige Funktion, die ich allerdings erst am Ende begriffen habe.

Niemand kann sich der Verästelungen seiner eigenen Psyche sicher sein

Neben den Schilderungen aus der Vergangenheit und einigen Nebengeräuschen steht Helen mehr als deutlich im Mittelpunkt der Geschichte. Der Leser leidet mit, wenn sie verschiedene Nuancen ihrer Erkrankung durchlebt. Eine klare Botschaft bringt das Buch rüber – der Missbrauch von Psychopharmaka verringert die eigenen Probleme nicht, sondern potenziert sie. Zu diesem Thema hat die Autorin offenbar gründlich recherchiert, denn die Passagen, wo es Helen richtig dreckig geht, sind hochgradig authentisch – jedenfalls in meinen Augen.

Die zweite Botschaft ist, dass sich offenbar niemand sicher sein kann, ob er selbst fähig wäre, einen Menschen zu töten – oder eben nicht. Helens völlige Verunsicherung in dieser Frage zeigt eindrucksvoll, dass sich niemand der merkwürdigen Verästelungen seiner eigenen Psyche sicher sein kann – Medikamente hin oder her.

»Amnesia« ist ein faszinierendes und lesenswertes Buch. Der Spannungsfaktor setzt ungewöhnlich spät ein, und manche Schilderung der äußeren Umstände hätte etwas knapper sein dürfen. Aber das rasante letzte Drittel, wo die vielen losen Fäden so nach und nach verknüpft oder abgeschnitten werden, ist so spannend, dass es die meisten Leser in einem Stück verschlingen werden.

Andreas Kurth, November 2017

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Baerbel82 zu »Jutta Maria Herrmann: Amnesia« 10.11.2017
Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Nach „Hotline“ und „Schuld bist du“ ist „Amnesia - Ich muss mich erinnern“ der dritte Thriller von Jutta Maria Herrmann über die Abgründe der menschlichen Psyche. Worum geht es?
Helen hat Lungenkrebs. Ihr Freund hat sie verlassen. Weder ihre Mutter, noch ihre jüngere Schwester Kristin wissen, dass Helen unheilbar krank ist. Helen fährt nach Hause, um sich mit ihrer Familie auszusöhnen. Und dann ist da auch noch Leon, Kristins Ehemann, den Helen von früher kennt.
Kristin ist schwanger und wird anscheinend von ihrem Mann misshandelt. Am nächsten Tag ist Leon tot - grausam ermordet. Helen konnte Leon nicht leiden, wegen dieser „unseligen Geschichte“. Aber ist sie deshalb auch seine Mörderin? Helen kann sich nicht erinnern. Durch die starken Medikamente hat sie Blackouts und Wahnvorstellungen…
Die Geschichte wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Helen erzählt. Das schafft Nähe und so fiebert man - im wahrsten Sinne des Wortes - mit ihr mit. Was ist wahr und was ist nur das Ergebnis unserer Fantasie? Merkwürdige Dinge geschehen. Wer ist Täter, wer ist Opfer? Und schon ist Helen mittendrin in einem perfiden Spiel.
„Amnesia“ ist ein packender Psychothriller, der ohne Exzesse auskommt. Es gibt keinen psychopathischen Serienkiller, keine Ermittler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und keine willfährigen Opfer. Stattdessen lotet die Autorin komplexe Beziehungsgeflechte aus, mit der Erkenntnis, dass Menschen sich über ihre Schwächen definieren, manche aber auch über sich hinauswachsen.
Die Figurenzeichnung ist glaubhaft und durchdacht. Helen ist mir ans Herz gewachsen. Trotz ihrer Krankheit ist sie eine starke Frau. Ein bewegendes Einzelschicksal, ein mysteriöser Mord und eine große Prise Spannung. Gut finde ich auch, dass es einen Soundtrack zum Roman gibt.

Fazit: Durch und durch ein fesselnder Thriller mit Gänsehautgarantie!
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