Schändung von Jussi Adler-Olsen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel Fasandræberne, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Dänemark / Kopenhagen, 1990 - 2009.
Folge 2 der Carl-Mørck-Dezernat-Q-Serie.

  • Kopenhagen: Politiken, 2008 unter dem Titel Fasandræberne. 399 Seiten.
  • München: dtv, 2010. Übersetzt von Hannes Thiess. ISBN: 978-3423247870. 540 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Der Audio Verlag, 2010. Gesprochen von Wolfram Koch. ISBN: 3898139905. 6 CDs.

'Schändung' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

»Der Blutdurst der Jäger. Wie würden sie es machen? Ein einzelner Schuss? Nein. So gnädig waren die nicht, diese Teufel, so waren sie nicht ...«Ein Leichenfund in einem Sommerhaus in Rørvig. Zwei Geschwister sind brutal ermordet worden. Der Verdacht fällt auf eine Gruppe junger Schüler eines exklusiven Privatinternats, die für ihre Gewaltorgien bekannt sind. Einer von ihnen gesteht. Zwanzig Jahre später. Nachdem Carl Mørck aus dem Urlaub zurückkommt, stößt ihn sein Assistent Assad mit der Nase auf die verstaubte Rørvig-Akte. Doch von oberster Stelle werden ihnen weitere Ermittlungen verboten. Carl und Assad ist klar, dass hier etwas zum Himmel stinkt: die Spuren führen hinauf bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft, in die Welt der Aktienhändler, Reeder und Schönheitschirurgen – und sie führen ganz weit nach unten, in die Abgründe der Gesellschaft, zu einer Obdachlosen: äußerlich hart wie Granit, doch mit einer blutenden Seele.

Das meint Krimi-Couch.de: »Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Elf Monate nach der Gründung des Sonderdezernats Q dürfen Vizekommissar Carl Mørck und sein Assistent Assad den zweiten Fall aus einer bewegten Vergangenheit auf Deutsch bearbeiten. Das Duo hat sich um die lautstarke, höchst aktive und ziemlich eigenwillige Bürokraft Rose verstärkt, die Mørck zunächst ziemlich nervt, aber wertvolle Unterstützung leistet. Die kann Mørck gut gebrauchen, denn obwohl der Erfolg des Dezernats Q im vorangegangenen Fall öffentlichkeitswirksam aufbereitet wurde, weht ein scharfer Gegenwind. Nicht ohne Grund, denn die Herrschaften, die im Focus der Ermittlung stehen, sind wohl angesehene Bürger mit Macht, Geld und Einfluss. Doch die Akten, die auf mysteriöse Weise auf Mørcks Schreibtisch auftauchen, lassen den Schluss zu, dass eine sechsköpfige Internatsclique in der Vergangenheit für mehrere Überfälle, Misshandlungen, Folter und Morde verantwortlich war. Aufhänger für die Ermittlung ist der brutale Totschlag an einem jungen Geschwisterpaar. Obwohl ein Mitglied der Clique sich zu der Tat bekannt hat und im Gefängnis sitzt, scheinen seine Freunde genauso schuldig zu sein.

Mehr als zwanzig Jahre nach dieser Tat – und dem Schulabschluss – treffen sich drei der Freunde immer noch zur Jagd – und gelegentlichen anderen Unternehmungen. Der ehemalige Kopf der Clique ist unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, das einzige weibliche Mitglied ist untergetaucht. Und wird von den verbliebenen Drei verzweifelt gesucht, denn es scheint, dass der ehemalige Blickfang der Gruppe zum erbitterten Gegner geworden ist und Jagd auf die Jäger macht. Mørck und Assad versuchen die Frau namens Kimmie ausfindig zu machen und gleichzeitig ihre Komplizen zu überführen. Was umso gefährlicher wird, je mehr Belastungsmaterial sie finden.

Wohlsituierte Bürger, die sich über Recht und Gesetz hinwegsetzen, denen es Herkunft und Finanzen erlauben den eigenen Willen der Welt aufzuzwingen – kein neues Sujet. Vom Fall »Leopold und Loeb«, den Alfred Hitchcock als »Cocktail für eine Leiche« verfilmte, bis zu zahlreichen Derrick-Folgen, in denen arrogante Bürschchen aus Münchener Villenvierteln den überkorrekten und schlafmützigen deutschen Paradebeamten herausforderten: dieser Kampf um moralische Wertig- und Verantwortlichkeiten wurde vielfach ausgefochten und meist von den lauteren Gesetzesvertretern gewonnen.

Jetzt hat sich Jussi Adler-Olsen des Themas angenommen und schickt seinen eigensinnigen Ermittler – den vom deutschen Derrick Welten trennen – auf die Hatz nach dem Bösen, das sich stets selbst genügt. Während Stephan Derrick den drögen Systembewahrer darstellte, der die eitrigen Pickel am Po der bundesdeutschen Gesellschaft ausdrückte; rückt Adler-Olsen das Bild in eine gänzlich andere Richtung. Etwas holzschnittartig, aber mit aller Konsequenz: Ditlev Pram, Ulrik Dybbøl Jensen und Torsten Florin stehen stellvertretend für eine Gesellschaftsform, in der Missbrauch und Vernichtung nach Lust und Laune praktiziert werden. Warum? Weil es möglich ist …

Denn die Jungs und späteren Männer haben Möglichkeiten, sich Schweigen zu erkaufen und sind gleichzeitig geschickt genug, das ein und andere Mal nahezu unsichtbar zu bleiben. Bis sich die eingesetzte Gewalt gegen sich selbst richtet und aus der anbetungswürdigen (und möglicherweise gnadenlosen Killerin) Kimmie ein schmerzerfüllter Racheengel wird, dessen Lebenssinn nur noch in der Vernichtung der eigenen Vergangenheit besteht.

Als Antipode ist Carl Mørck die beste Besetzung. Der Rebell, der sich von klein auf gegen Autoritäten auflehnte. Ihm etwas zu verbieten, sei der beste Grund ihn zu ausgeprägten Aktivitäten anzustacheln, wird mehrfach betont. Dass er mit Assad und Rose zwei ebenso aufrührerische, wenn auch anders geartete, kleine Geschwisterchen besitzt, macht das Team nicht gerade leicht berechen- und ausschaltbar. Gut für uns.

Wenn ein gewisser »Herbert« in einem Leserkommentar zu Erbarmen schreibt: »Etwas nervig, dass auch dieser Kommissar sich in die Reihe traumatisierter oder ausgebrannter, alkohol- oder sonstig –abhängiger, geschiedener oder zumindest problembehafteter Beziehungen belasteter, zerrissene , grüblerische bis depressive Charaktere skandinavischer Ermittler einreiht. Gibt’s da oben keine halbwegs normalen Kripobeamten?«, hat er etwas grundlegendes nicht verstanden. Carl Mørck ist kein ausgebrannter, zerrissener Charakter. Er wird durch seine Arbeit und seine Mitmenschen mit Problemen konfrontiert, denen er sich immer, manchmal augenrollend und widerwillig, stellt. So ist ein Hauptgrund seine Psychotherapeutin zu sehen, auch der, dass er mit ihr liebend gerne ins Bett steigen würde. Dass es – bislang – nicht geklappt hat, und Mørck in entscheidenden Momenten ernsthafte Gespräche mit Mona Ibsen sucht, zeigt doch jene »Normalität«, die sich Herbert so sehnlich wünscht. Mehr braucht es nicht …

Diesmal dauert es etwas, bis das Dezernat Q ins Zentrum der Erzählung rückt. Zu Beginn wird der obdachlosen Kimmie viel Raum zugestanden, mehr sogar als ihren Ex-Freunden, die sich gerne noch wie die Axt im Walde benehmen. Das ist mitunter etwas klischeehaft und leicht gelangweilt verfasst (Kimmies Straßenleben, Torsten Florin und seine Jagdsklaven, Ditlev Prahms philippinische Hilfsarbeiterinnen, die er im Vorübergehen missbraucht), als würde Adler-Olsen eine Liste abhaken. Glücklicherweise fängt er sich ziemlich schnell wieder, und je weiter die Handlung voran schreitet, um so nachvollziehbarer werden Denkungsart und Aktionen seiner Protagonisten (und vor allem der Protagonistin Kimmie). Wenn auch Übertreibung eines seiner Lieblings-Stilmittel bleibt. Immerhin ist Adler-Olsen auch darin konsequent bis zum Schluss.

Abzüge gibt es für den Showdown, dessen dramaturgische Mittel seiner Entstehung zu dicht am Erstling angesiedelt sind. Aber es knallt ordentlich und eine gewisse Befriedigung niederer Gelüste kann man dem Ende nicht absprechen. Jussi Adler-Olsen weiß, wie man seine Leser da packt, wo es wehtut.

Während Sohn Jesper, Mitbewohner Morten und aufgeregte Ex-Frau Vigga diesmal ein bisschen kurz wegkommen, zeigt sich in kurzen Randbemerkungen zu Assad und in den Gesprächen Carl Mørcks mit seinem querschnittsgelähmten Freund und Ex-Kollegen Hardy, dass bereits einiges an zukünftiger Beschäftigung auf das Dezernat Q wartet. Wir freuen uns drauf.

Dass Jussi Adler-Olsen hierzulande mit Macht in die Rolle eines Stieg Larsson-Nachfolgers gedrückt werden soll, stimmt etwas betrüblich. Denn der dänische Autor hat eine eigene Stimme, eigene Themen und Betrachtungsweisen, die eine Fahrt im Windschatten des erfolgreichen schwedischen Kollegen völlig überflüssig erscheinen lassen. Aber marketingstrategisch ließ es sich wohl nicht vermeiden: nach Verblendung kommt die Schändung, nach Vergebung die Erlösung (wird gemunkelt). Nächstes Jahr.

Dabei besitzt der aktuelle Roman mit »Fasanenmörder« (Fasandræberne sinngemäß übersetzt) einen einprägsamen und originellen Titel, den man nicht hätte zu schänden brauchen. Ändert glücklicherweise nichts am Inhalt, der gelungene, spannende Unterhaltung mit Widerhaken bietet.

Jochen König, August 2010

Ihre Meinung zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung«

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Alexandra zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 22.01.2012
Nach dem ersten fesselnden Buch folgte sofort das zweite Buch. Auch hier wieder Daumen hoch! Sollte man gelesen haben. Die Hauptfiguren entwickeln sich glaubhaft weiter. Die eigentlich Geschichte ist meiner Meinung nach ebenfalls sehr real. Auch dieses Buch verspricht spannende Stunden!
Mich hat das erste Buch aber doch etwas mehr mitgenommen.
Frankie zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 19.11.2011
Dies ist mein zweites Buch von Adler-Olsen und ich muss sagen es hat mich von Anfang an begeistert. Die ganze Stilart,der Aufbau,die Story und die Spannung sind sehr gut gemacht. Dieses Buch war eine Steigerung vom ersten.Bin gespannt ob es der Autor nochmals schafft,mit dem 3 Teil die Spannung erneut zu steigern.
Dieter_55 zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 27.09.2011
Nicht ganz so gut wie der erste Band, aber vielleichtdeshalb, weil mit jenem die Messlatte schon recht hoch gelegt wurde. Aber auch die so ehrenwerten Herren der Gesellschaft scheinen mir durch ihre durchweg negative Darstellung zu schablonenhaft gezeichnet. Dies im Gegensatz zu Kimmie, in deren Gefühlsleben der Leser sich im Laufe des Buches gut hineinversetzen kann. Ansonsten bietet das Buch Spannung, aber auch wie im ersten Teil hintergründigen Humor, meist durch Assad bzw. Rose ins Spiel gebracht. Der Schluss ist nicht so mitreißend wie im ersten Band, hat aber durchaus Tempo.
Simone Hutt zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 19.09.2011
Ich bin ein großer Fan von skandinavischen Krimis, vorallem von Mankell, aber auch helene tursten und einigen anderen. Habe alle Mankell Krimis gelesen und habe nun das erstemal Adler Olsen gelesen und bin von diesem Krimi begeistert. Er ist von Anfang bis Ende sehr spannend geschrieben ohne großen Lücken in denen man gerne das Buch zur Seite legen würde, bis sich wieder Spannung aufbaut. Auch das ist mir bei Mankell Bücher schon passiert, die Langatmigkeit. Bei diesem Buch ist mir das nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen. Werde sicher die beiden anderen Bücher auch noch lesen!
dottie62 zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 13.09.2011
Nachdem mich Jussi Adler-Olsens "Erbarmen" absolut überzeugt und begeistert hat, war ich natürlich unheimlich gespannt auf den zweiten Band seiner Reihe um den knurrigen Sonderermittler Carl Morck und seinen amüsanten Assistenten Assad. Und wieder war ich absolut gefesselt aber auch schockiert, berührt und aufgewühlt.
Schockierend und aufwühlend ist der neue bzw. alte Fall, in dem das Sonderdezernat Q dieses Mal ermittelt. Eine Gruppe von privilegierten Schülern vergisst jeden Ansatz von Moral und Menschlichkeit, prügelt, erniedrigt und tötet mit perversem Vergnügen. Auch vor dem einzigen Mädchen ihrer Clique machen sie nicht Halt.
Zwar weiß man sehr früh, dass diese grausame Schüler-Clique tatsächlich hinter den Gewalttaten steckt, doch die Jagd auf sie ist einfach nur spannend.
erwin zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 09.09.2011
"Schändung ist mein erstes Buch von Adler-Olsen und wird auch mein letztes sein. Es ist vom Aufbau, vom Stil, von der Wortwahl primitiv und grottenschlecht. Ihn mit Stieg Larsson oder Mankell vergleichen zu wollen ist eine Beleidigung für Beide.Wie kann man dieses Buch auch nur ansatzweise positiv bewerten?
Elisabeth zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 31.08.2011
Ich will mich der Meinung von Karen vom 28.03.2011 gerne anschließen.
Nach dem ersten Fall mit Mörk ist dieses Buch für mich eine große Enttäuschung. Es fällt mir schwer bis zum Ende weiterzulesen und ich bedauere heute, dass ich schon das 3. Buch hier liegen habe.
Aber... wer weiß... vielleicht ist das ja wieder ein guter Krimi
Cive zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 30.08.2011
Die Charaktere Mörk und Assad: Nicht so wichtig wie im ersten Band, dafür vertraut und unterhaltsam.
Die Geschichte: Sehr gut aufgebaut.
Die weiteren Protagonisten: Besonders der Charakter Kimmie ist fesselnd. Ein ambivalenter Charakter, dessen Handlungen abstoßen, dessen lebensgeschichte aber zugleich Mitleid weckt. Herrlich ambivalent. Opfer und Täterin zugleich.
Spannung: Der Spannungsbogen ist diesmal - im Unterschied zu Erbarmen und Erlösung - dauerhaft vorhanden. Besonders der häufige Perspektivwechsel ist gelungen.
Showdown: Die einzige Enttäuschung in diesem großartigen Thriller.
Bewertung: Fünf von fünf Sternen.
marbacher zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 23.06.2011
Mein erstes Adler-Olsen Buch. Hatte lange überlegt es zu kaufen da ich dachte es wir wieder ne Serie und davon gibt es eigentlich genug. Einige schrieben auch, dass der zweite Teil nicht so spannend wie der erste ist.
Der Ausgang der Geschichte steht ziemlich zeitig fest. Trotzdem kann man es nicht aus der Hand legen da ich sehen wollte wie die Spannung hier bis zum Schluss noch aufrecht erhalten wird. Das Team um Morck ist wohl immer noch auf der Findung und Anpassung. Hier ist also auch für die Zukunft noch viel Spielraum.
Mein Fazit: Ich kaufe mit trotzdem den dritten Teil.
Anchsunamun zu »Jussi Adler-Olsen: Schändung« 10.04.2011
Trotz einiger Vorbehalte nach dem lesen anderer Meinungen habe ich mich nun an "Schändung" gewagt - Zum Glück!Nach Stieg Larsson hat es wieder ein skandinavischer Autor geschafft mich zu fesseln. Die trockene Art mit der Adler-Olsen die Morbidität und Skrupellosigkeit seiner Figuren beschreibt spricht mich bei weitem mehr an als schwülstige und langatmige Erläuterungen. Kein sinnloses Gemetzle über mehrere Seiten in denen jeder Blutspritzer detailliert betrachtet wird - einfach nur eine klare Feststellug der Fakten und Ereignisse.Nicht das Beste was ich gelesen habe - aber definitiv Lohnenswert 80/100

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