Die 10. Symphonie von Joseph Gelinek

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel La décima sinfonía, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: Spanien, Madrid, 1990 - 2009.

  • Barcelona: Plaza Janés, 2008 unter dem Titel La décima sinfonía. ISBN: 978-8401336744. 408 Seiten.
  • München: Knaur, 2009. Übersetzt von Johanna Wais . ISBN: 978-3-426-66352-3. 425 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2010. Übersetzt von Johanna Wais . ISBN: 978-3-426-50229-7. 424 Seiten.

'Die 10. Symphonie' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Die Musikwelt steht kopf, als der berühmte Dirigent Ronald Thomas in einem Privatkonzert den ersten Satz von Beethovens verschollener Zehnter aufführt. Am nächsten Tag jedoch wird Thomas enthauptet in einem Park bei Madrid gefunden. Wer mordet im Dienste der Musik? Eine fieberhafte Suche in codierten Notenschriften und alten Partituren, durch mehrere Länder und Jahrhunderte beginnt, an deren Ursprung eine verbotene Liebe steht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Musikthriller mit vielen Dissonanzen« 50°

Krimi-Rezension von Carsten Jaehner

Daniel Paniagua ist Musikwissenschaftler und hält Seminare und Vorlesungen an der Universität von Madrid. Gerade hat er seine Doktorarbeit über Beethoven abgegeben, da erhält er von seinem Chef die Gelegenheit, Zeuge einer vermeintlichen Sensation zu werden: Der berühmte britische Dirigent Ronald Thomas soll den ersten Satz aus Beethovens Zehnter Symphonie aus Fragmenten rekonstruiert haben und nun dieses Werk auf einem Konzert für ausgesuchtes Publikum aufführen.

Daniel geht zum Konzert und versucht nach der Darbietung, ein kurzes Gespräch mit dem Dirigenten zu führen, um mit ihm über das Gehörte zu sprechen. Das Gespräch verläuft kurz und unbefriedend, aber Daniel geht euphorisiert nach Hause. Am anderen Morgen erhält er die Nachricht, dass eben jener Dirigent geköpft in einem Madrider Park aufgefunden wurde.

Als Beethoven-Experte wird Daniel von der Polizei als Berater für diesen Fall hinzugezogen, da er auf dem Konzert war und sich mit der Musik des Bonner Komponisten auskennt. Denn auf dem gefundenen Kopf des Dirigenten ist hinten eine Notenzeile eintätowiert, die der Schlüssel zu einem millionenschweren Geheimnis sein kann: Der kompletten handgeschriebenen Partitur der Symphonie. Während Daniel sich auf die Spur der Partitur macht, gerät sein Privatleben gehörig ins Wanken, und erste Spuren lassen Verwicklungen bis in Napoleons Zeiten vermuten. Eine wirre Suche nach den Mördern beginnt …

Arg konstruierte Handlung

Zum besseren Verständnis für Nicht-Musiker: Beethoven hat nur neun komplette Symphonien geschrieben, die letzte davon ist wohl seine berühmteste (»Freude schöner Götterfunken” – wir erinnern uns...?). Dennoch existieren Fragmente und Entwürfe für eine zehnte Symphonie, die aber nie vollständig komponiert worden ist. Diesen Mythos, vielleicht doch irgendwo eine unbekannte vollständige Partitur dieses Werks aufzufinden, nutzt der Autor Joseph Gelinek für seinen ersten Thriller, wie er ihn nennt, und baut daraus eine Geschichte, in der es am Ende um Millionen geht.

Hinter dem Pseudonym Joseph Gelinek verbirgt sich ein spanischer Musikwissenschaftler, weshalb der Roman auch im Original auf spanisch erschienen ist und in Madrid spielt. Und genau hier fängt auch bereits das Problem des Romans an. In jedem sich bietenden Moment, und zu jeder sich bietenden Gelegenheit, lässt der Autor den Wissenschaftler «heraushängen” und bietet ein Kurzreferat nach dem anderen. Das mag eine Weile gut gehen und erträglich sein, aber er beschränkt sich dabei nicht nur auf Beethoven und Musik und Mystik im allgemeinen, sondern weitet seine Wissenspräsentationen auch ausführlich auf die Spanische Hofreitschule und andere Themen aus. Das wäre nicht so schlimm, wenn sie dem Fall bzw. der Handlung dienlich wären, aber dem ist leider nicht so. Immerhin treibt er es sogar so weit, dass selbst eingefleischten Musikern bei seinen Analysen die Ohren wackeln, und das will schon etwas heißen. Des weiteren belästigt der Autor den Leser auch mit seinem profunden Filmwissen, und man muss schon hart gesotten sein, um das Buch nicht vor dem Ende endgültig aus der Hand zu legen.

Denn auch die Handlung, die sich zwischen den Kurzreferaten offenbart, ist konstruiert und auf Sensationshascherei an den Haaren herbeigezogen. Wie Daniel aus dem Notenfragment von Thomas’ Kopf schließlich der Lösung auf die Spur kommt, das ist von vornherein wackelig und gewagt, aber natürlich richtig, wenngleich es zig andere Möglichkeiten gegeben hätte. Viele Fragen (wirklich viele Fragen) bleiben offen, so beispielsweise die, warum für das Köpfen des Dirigenten unbedingt eine Guillotine (Kurzreferat) benutzt werden musste.

Die Personenführung des Autors bleibt blass bis neutral. Dabei ist Daniels Privatleben fast interessanter als sein Berufsleben. Seine Freundin, die in einer anderen Stadt arbeitet, eröffnet ihm, dass sie schwanger ist, und es entwickelt sich ein Streit, ob und wer das Kind will oder auch nicht, was zwar eine gewisse private Brisanz hat und im Laufe der 425 Seiten immer mal wieder auftaucht, aber dadurch nervt es auch zunehmend.

Inhaltliche und logische Fehler

Hinzu kommen inhaltliche und logische Fehler, die selbst einem Blinden (wie dem Bediensteten der Spanischen Hofreitschule – Kurzreferat -, der dort die Führungen macht!) hätten auffallen müssen. Als Beispiel sei nur genannt, dass die 10. Symphonie mehr als vier Sätze haben solle, was eine Sensation sei (Beethovens 6. Symphonie hat bereits fünf statt der üblichen vier), und dass es eine komplette Chorsinfonie sei – bei dem Geheimkonzert war kein Chor dabei, und auch später ist nie wieder die Rede davon. Solche Kleinigkeiten häufen sich und zeigen, dass der Autor mehr Ahnung von Beethoven als vom Konstruieren von Romanen hat.

Immerhin ist der Schreibstil flüssig zu lesen und hat auch den einen oder anderen Schmunzler parat. Erfreulich ist die kurze Seitenzahl der einzelnen Kapitel, immerhin 62 plus Epilog auf der gesamten Buchstrecke. Ein paar Notenzeilen und Grafiken lockern das Schriftbild auf. Interessant ist auch der literarische Ausflug in die Vergangenheit, wo der Meister selbst auftauchen darf und eine neue Version des Geheimnisses um Beethoven und die Frauen (Kurzreferat) dargeboten wird.

Wer mehr über Beethoven erfahren möchte, kann zu diesem Roman oder zu einer Biographie greifen und sich dazu eine seiner neun Symphonien anhören. Der Roman ist konfus konstruiert, mit teilweise hanebüchenen Wendungen, die streckenweise so haarsträubend sind, wie des Kompositeurs höchsteigene wallende Frisur. Einen Anhang mit Kommentaren zu Beethoven gibt es nicht, wozu auch, es steckt ja alles wohlportioniert im Roman drin. Sollte die 10. Symphonie je wirklich entdeckt werden, mag ihr mehr Erfolg beschieden sein als diesem Roman. Wie heisst es doch in der 9. Symphonie: "Und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund.”

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Hao Duong zu »Joseph Gelinek: Die 10. Symphonie« 20.10.2011
Ich hatte beim Lesen des Buches mindestens vier Mal das Bedürfnis es einfach weg zu legen und nicht mehr weiterzulesen. Aber ich dachte mir, "jetzt les ich's halt zu Ende, wenn ich's schon angefangen hab."

Ich bin selbst, was Musikwissenschaft angeht, kein Laie, daher haben mich die musikologischen Exkurse eher gelangweilt und hielt sie zum Teil übertrieben, wenn nicht gar überflüssig. Sie bremsten für mich die Handlung sehr.

Und ja, manche Handlungselemente (Guillotine, Tätowierung am Kopf, ...) schienen sehr "random". Vielleicht war es mehr ein Versuch, Dan Brown's Weg ein bisschen nachzugehen.

Ich hab das Buch sehr günstig gekauft, fand es als Zeitüberbrückungslektüre auch dem Preis angemessen ok. Da ich als Beethoven-Fan aber große Erwartungen hatte, hat mich das Buch insgesamt enttäuscht.
Sunniva1 zu »Joseph Gelinek: Die 10. Symphonie« 30.09.2011
Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen. Es war einmal etwas völlig anderes.
Da ich Musikliebhaberin bin, haben mich die Zusatzinformationen zu Musiktheorie, Beethovenbiografie u. a. überhaupt nicht gestört. Im Gegenteil: Ohne diese Zwischeneinwürfe wäre das Buch fade und nicht des Lesens wert. Das Ende ist mir zu sehr vorhersehbar! Schade!
Eine leichte Zwischendurchlektüre, mit interessanten Hintergrundinformationen!
Nicht mehr und nicht weniger!
trickhead zu »Joseph Gelinek: Die 10. Symphonie« 25.07.2011
also ich fand das buch am anfang auch recht schleppend und unspektakulär. doch wie das so ist, man liest weiter und später hat es mir dann tatsächlich gefallen. als diletant in der musikwissenschaft fand ich den ein oder anderen einwurf recht interessant. doch das ende war nun wirklich eines besseren bestimmt. lest das buch und überzeugt euch selbst!
achso, habe es preisreduziert gekauft, das würde ich euch auch empfehlen.
doch ansonsten für die urlaubslektüre durchaus als kurzweiliges vergnügen zu genießen.
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