José Giovanni

Manchmal geschieht es, dass ein Verfasser von Kriminalromanen sich seine Geschichten nicht ausdenken muss, sondern selbst Erlebtes nacherzählen kann. Auf José Giovanni geboren am 22. Juni 1923 in Paris, traf dies gleich in mehrfacher Hinsicht zu. (Der nicht unbedingt französisch klingende Name weist auf die korsischen Wurzeln der Familie hin.) Den jungen Mann zog es in die Alpen, wo er u. a. als Hotelangestellter, Holzfäller und zwischen 1942 und 1944 als Bergführer arbeitete. Seine Ortskenntnis ließ ihn zum begehrten Kandidaten für den französischen Widerstand werden, für den Giovanni bis Kriegsende aktiv war.

Anschließend kehrte er nach Paris zurück, wo er sich in der schwierigen Nachkriegszeit mit einigen Familienmitgliedern und Spießgesellen als Gangster versuchte. Bei einem missglückten Einbruch starben ein Onkel, ein Bruder und der Hauseigentümer. Obwohl nachweislich unbewaffnet wurde Giovanni zum Tode verurteilt. Mehrere Monate saß er in der Todeszelle, während sein Vater verzweifelt um seine Begnadigung kämpfte, die schließlich gewährt wurde.

Zehn Jahre verbrachte Giovanni im Gefängnis. In dieser Zeit begann er – ein Rat seines Anwalts – mit dem Schreiben. »Le Trou« (dt. "Das Loch»), der Geschichte eines minuziös geplanten Gefängnisausbruchs, in die der Autor eigene Knasterfahrungen einfließen ließ, wurde vom Regisseur Jacques Becker als Drehbuch angekauft und 1959 sehr erfolgreich verfilmt. Giovanni fand Geschmack an der Arbeit im Film, schrieb weitere Filmvorlagen – 33 wurden es insgesamt, darunter für Klassiker wie «Classe tous Risques»/dt. «Der Panther wird gejagt» (1959), «Les Aventuriers»/dt. «Die Abenteurer» (1966) oder «Les Clans des Siciliens»/dt. «Der Clan der Sizilianer» (1969), aber auch eine Episode für die deutsche Krimiserie «Der Alte» – und Dialoge. 1966 inszenierte er mit «La Loi des Survivants» (dt. «Rache ist nicht nur ein Wort») seinen ersten Film, der bereits giovannitypisch Abenteuer mit Melancholie mischt: Ihrer – oft kriminellen – Vergangenheit können seine gebrochenen Helden – Einzelgänger, Außenseiter – niemals entfliehen; sie finden ein düsteres, gewaltsames Ende, mehrfach enden sie unter dem Fallbeil – seine Erinnerungen an die Todeszelle verfolgten Giovanni ein Leben lang.

15 Kino- und fünf TV-Filme inszenierte Giovanni bis 2001, wobei er mit den Großen des französischen Film drehte: Jean Gabin («Deux Hommes dans la Ville»/dt. «Endstation Schafott», 1973), Lino Ventura («Le Ruffian»/dt. «Der Rammbock», 1982), Alain Delon («Le Gitan»/dt. «Der Zigeuner», 1969), Jean-Paul Belmondo («La Scoumoune»/dt. «Der Mann aus Marseille", 1972). Daneben veröffentlichte er mehr als zwanzig Kriminalromane, die oft als Vorlage für seine Filme dienten bzw. Romanfassungen seiner Drehbücher darstellten, und zwei Autobiografien. Seit 1969 lebte er mit seiner Familie recht abgeschieden in den Bergen des Schweizer Kantons Wallis. Die letzten Lebensjahre wurden durch gesundheitliche Probleme überschattet, doch Giovanni blieb als Autor bis zuletzt aktiv. Nach einer Hirnblutung ist Josè Giovanni am 24. April 2004 im schweizerischen Lausanne gestorben.

Krimis von José Giovanni:

  • (1957) Das Loch Rezension
    Le trou
  • (1958) Der zweite Atem
    Le deuxième souffle
  • (1958) L’excommunié
  • (1959) Histoire de fou
  • (1960) Das Ende vor den Augen
    Classe tous risques
  • (1960) Les aventuriers
  • (1962) Le haut-fer
  • (1964) Ho!
  • (1969) Der Rammbock
    Les ruffians
  • (1970) Aufstieg ohne Wiederkehr
    Meurtre au sommet
  • (1972) Der Gangsterboss
    La scoumoune (neuer Titel für »L’excommunié«)
  • (1975) Le gitan: histoire de fou
  • (1977) Mon ami le traître
  • (1978) Wettlauf mit dem weißen Tod
    Le musher
  • (1982) Wölfe unter sich
    Les loups entre eux (mit Jean Schmitt)
  • (1982) Un vengeur est passé
  • (1987) Tu boufferas ta cocarde
  • (1995) Il avait dans le coeur des jardins introuvables
  • (1997) La mort du poisson rouge
  • (1998) Le prince sans étoile
  • (1999) Les chemins fauves
  • (2001) Les gosses d’abord
  • (2003) Comme un vol de vautours
  • (2004) Le pardon du Grand Nord

Autobiografisches:

  • (1973) Les grandes gueules: »Le haut-fer«
  • (2002) Mes grandes geules: mémoires

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