Blindgang von Jørn Lier Horst

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel Blindgang, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Droemer.

  • Oslo: Gyldendal, 2015 unter dem Titel Blindgang. 464 Seiten.
  • München: Droemer, 2016. Übersetzt von Andreas Brunstermann. ISBN: 978-3-426-30567-6. 464 Seiten.

'Blindgang' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

Das meint Krimi-Couch.de: Es ist eklig für den Killer, wenn der Bulle einfach nicht aufgibt 90°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Sofie Lund erbt das Haus ihres ungeliebten Großvaters in Stavern und zieht dort widerwillig mit ihrer Tochter ein. Kurz darauf trifft sie Line, ihre Freundin aus Schulzeiten, die sich ebenfalls in ihrem Heimatort ein Haus einrichtet. Deren Vater, Kommissar William Wisting, hat derweil mit einem seit sechs Monaten ungeklärten Vermisstenfall zu tun, zu dem es jetzt durch seine frühere Freundin Suzanne neue Hinweise gibt.

In einer Scheune wird daraufhin das Fahrzeug des verschwundenen Taxifahrers Jens Hummel gefunden. Im Kofferraum entdeckt die Spurensicherung auch noch Blut des Mannes, und auf dem Bauernhof werden in einem Erdkeller zehn Kilogramm Drogen gefunden. Gemietet war das Gelände von Frank Mandt, einem alten Schmuggler und Drogendealer, den die Polizei aber nie überführen konnte. Er ist bei einem Sturz von seiner Kellertreppe ums Leben gekommen – in dem Haus, das Sofie dadurch von ihm geerbt hat. Sie findet zusammen mit Line Unterlagen und einen Revolver in einem Safe in diesem Keller – und so kommt Schwung in die Ermittlungen der Polizei, denn die Waffe wurde bei einem Mord am Silvesterabend benutzt.

Jørn Lier Horst setzt in seiner Geschichte eher auf die leisen Töne

Von den Lesern der Krimi-Couch ist Jørn Lier Horst für seine Romane um den norwegischen Kommissar William Wisting von Beginn an mit hohen Bewertungen bedacht worden, bei meinen Rezensenten-Kollegen war das nicht der Fall. Nun habe ich seine frühen Werke aus der Reihe nicht gelesen, aber Winterfest und Jagdhunde haben mir ausnehmend gut gefallen, und mit seinem neuen Werk hält der Autor dieses in meinen Augen Niveau mühelos.

Horst ist dabei kein Freund knalliger Action, sondern setzt eher auf die leisen Töne, und so wird auch diese Geschichte langsam, aber sehr zielstrebig entwickelt.

Es geht wieder einmal um einen Fall aus der Vergangenheit, der mit aktuellen Ereignissen in Verbindung steht.

Akribische Polizeiarbeit ist hier gefragt, und wird auch von Wisting und seinem Team geleistet, denn mysteriöse Ereignisse müssen entschlüsselt und in einen sicht- und nachvollziehbaren Zusammenhang gebracht werden.

Die Spannung wird durch ständig neue Rätsel immer weiter hochgeschraubt

Der Autor zeigt sich hier einmal mehr als richtig guter Erzähler, der sich wie sein Protagonist vollkommen in dem Fall festbeißt. Die Rand-Ereignisse, wie die Renovierung des Hauses von Line Wisting, und deren Freundschaft mit der Enkelin eines Verbrechers, werden wunderbar beiläufig geschildert – und ihre Bedeutung für die Lösung der Mordfälle wird nur in kleinen Häppchen serviert, was den Spannungsbogen enorm nach oben treibt.

Jørn Lier Horst präsentiert dem Leser immer neue Fakten und Wendungen – wenn man als Rezensent cool klingen will, nennt man das neuerdings Twists. Auf jeden Fall wird die Spannung durch ständig neue Rätsel immer weiter hochgeschraubt, Horst braucht dafür keine große Action, sondern die immer neuen Erkenntnisse und Indizien, die Wisting und sein Team sammeln, reichen dafür völlig aus. Das unbedarfte Verhalten von Sofie Lund, und das etwas überlegtere Agieren von Line Wisting werden vom Autor geschickt als dramaturgische Stilmittel eingebaut und genutzt.

Ein richtig guter Plot – spannend von Anfang bis Ende

Neben dem alten Haudegen William Wisting sind die zwei Frauen interessante Nebenfiguren, die dem Roman durch ihre spezielle Situation – die eine junge Mutter, die andere kurz vor der Geburt, beide ohne Partner – eine besondere Note geben. Vor allem wenn Horst seine kurzen und knackigen Kapitel immer zwischen ruhigen Episoden mit Wisting oder den Frauen, und neuen Fortschritten bei den Ermittlungen wechseln lässt. Damit erzeugt der Autor zusätzliche Dynamik.

Es geht hier unter anderem um Revierkämpfe im Drogen-Milieu, um ein schwieriges Vater-Tochter-Verhältnis, und vor allem um Polizeiarbeit unter ganz besonderen Umständen. Jørn Lier Horst hat in seinem neuen Roman einen richtig guten Plot erdacht, spannend von Anfang bis Ende.

Auf der Buch-Rückseite wird das Osloer Dagbladet zitiert. In der Zeitung ist Horst als der neue Nesbø bezeichnet worden – intelligent, flott, dicht, unheimlich. Der Charakterisierung kann ich an sich folgen, aber Vergleiche zwischen Autoren finde ich eher problematisch. Deshalb würde ich ihn lieber nicht als den neuen Nesbø bezeichnen, sondern einfach als eine bemerkenswerten Autor, der überaus lesenswerte Bücher schreibt.

Andreas Kurth, Juli 2017

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walli007 zu »Jørn Lier Horst: Blindgang« 12.08.2017
Wisting

Der Polizeichef ist langsam ungehalten, schon vor einem halben Jahr ist ein Taxifahrer spurlos verschwunden und noch immer fehlt eine wirkliche Spur. Doch nun meldet sich Suzanne, Kommissar William Wistings ehemalige Freundin, und berichtet, in ihrem Lokal sei ein Gast aufgetaucht, der beim Lesen eines Zeitungsartikels vor sich hingemurmelt habe, er wisse wo das Auto ist. Wisting befragt den Mann und so wird endlich das lange vermisste Taxi gefunden. Letztlich ein Fortschritt, aber immer noch keine heiße Spur. Derweil trifft Wistings schwangere Tochter Line eine Schulfreundin wieder, die mit ihrer kleinen Tochter in das Haus des verstorbenen Großvaters eingezogen ist.

Ein schwieriger Fall für William Wisting, der sich manchmal fragt, ob er sich nicht viel lieber auf seine Rolle als künftiger Großvater vorbereiten würde. Natürlich kann er das Ermitteln nicht lassen. Und mit untrüglichem Spürsinn entdeckt er erstmal einige Sackgassen und macht die Erfahrung, dass nicht jeder Kollege so intensiv an seinen Fällen arbeitet wie man es sich allgemein wünschen würde. Eher ungewollt bringt ihn Line auf eine weitere Fährte, sie überreicht ihm einen alten Revolver zur Vernichtung und bei der Untersuchung dieser Waffe, stellt sich heraus, dass sie für einen Mord benutzt wurde.

Verwickelt und doch klug verknüpft sind hier mehrere Handlungsstränge. Was zunächst Fragen nach dem wieso und weshalb aufwirft, wird packend erläutert und überraschend gelöst. Vielleicht kommt die sympathische Line etwas zu kurz. Aber in der Kürze liegt auch manchmal die Würze und sie kann ihrem Vater in entscheidenden Momenten beistehen. Wisting ist nicht mehr von seinem Weg abzubringen, wenn er erstmal Lunte gerochen hat. Akribisch geht er jedem noch so kleinen Hinweis nach. Gefesselt verfolgt man, wie langsam das Bild eines Falles entsteht, den man so in keiner Weise erwartet hätte. In vielen Momenten kann man eintauchen in einen norwegischen Sommer voller Rätsel. In diesem zweiten hier veröffentlichten Fall entpuppt sich Kommissar Wisting wieder als Garant sehr guter Unterhaltung.
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