Die Rache der Polly McClusky von Jordan Harper

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel She rides shotgun, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 2010 - heute.

  • New York: Ecco, 2017 unter dem Titel She rides shotgun. 257 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2018. Übersetzt von Conny Lösch. ISBN: 978-3-550-08150-7. 284 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2018. Gesprochen von Sascha Rotemund. ISBN: 3957131103. 2 CDs.

'Die Rache der Polly McClusky' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Polly McClusky ist elf und eigentlich zu alt für den Teddybär, den sie überallhin mitnimmt, als überraschend ihr Vater Nate vor ihr steht. Der ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, um Polly das Leben zu retten. Denn auf Polly ist ein Kopfgeld ausgesetzt. Nate hat sich im Knast einen mächtigen Feind gemacht: die Gang Aryan Steel hat ihn und seine Familie zu Freiwild erklärt. Nates Exfrau wurde bereits getötet, Polly ist die Nächste auf der Liste. Auf der Flucht durch Kalifornien werden Vater und Tochter zu einem starken Team. Nates Kampftraining macht aus dem schüchternen Mädchen einen selbstbewussten Fighter. Und durch Pollys Scharfsinn halten sie den Vorsprung vor ihren Verfolgern. Bald ist Nate jedes Mittel recht, damit Polly wieder ein Leben ohne Angst führen kann.

Das meint Krimi-Couch.de: Raus geht’s nur mitten durch 97°Treffer

Krimi-Rezension von Bernd Neumann

Freunde vom Krimis der rüderen Gangart kommen am diesen Erstling von Jordan Harper nicht vorbei. Der Mix aus Brutalität und Zuneigung wird den Leser nicht kalt lassen.

Okay, so ein Wechselbad der Gefühle kann bei einem Kriminalroman auch mächtig in die Hose gehen, aber wer »Miss Lizzie« (1989, W. Satterthwait), »Die Wälder am Fluss« (2001, J.R. Lansdale) oder auch »Schaut nicht zurück« (2012, W. Cash) mit Vergnügen gelesen hat, ist bei »Die Rache der Polly McClusky« auf dem Weg zu einem ähnlichen Leseerlebnis.

Polly McClusky ist man gerade elf. Ihre Augen sind blau, hellblau.

Augen wie von Revolverhelden, Augen wie Wild Bill Hickock, Jesse James oder denen von Kampfpiloten, Scharfschützenausbilder bevorzugen Rekruten mit genau solchen hellen, blauen Augen. Sagt ihre Mutter, wenn sie wieder mal ein paar Wiskey-Pops intus und nebenbei Kronkorken durchs Zimmer geschnipst hat.

Polly McClusky’s Augen sind das Erbe ihres Vaters, den sie über die Hälfte ihrer elf Lebensjahre nicht mehr gesehen hat. Seit Jahren sitzt Nate McClusky im Knast, »die Tattoos und Narben auf seiner Haut erzählen seine Geschichte«.

Sein großer Bruder Nick hat ihn zum Kleinkriminellen ausgebildet, wenn auch mit wenig Erfolg: Von ihm stammt der Erfahrungsschatz im Umgang mit Gangstern, bei denen Blutrausch und Rache zum Alltag gehören. Pollys Dad ist einer von den Bösen.

Das Kind von der Venus – ein Glücksfall

Polly selbst ist eher still, ängstlich und lebt in ihrer Traumwelt: Sie bearbeitet die Haut an ihren Fingernägeln und Lippen bis aufs Blut. Nach Meinung ihrer Mutter ist Polly etwas zurückgeblieben, Schultests beweisen das Gegenteil. Ihr bester Freund ist ein brauner, angemurkelter Teddy, vom vielen Spielen biegsam wie eine Lumpenpuppe:

»Eines seiner schwarzen Augen fehlte, zurückgeblieben war nur noch ein trockener Kleberest, als hätte er den grünen Star.«

Wer einen so treuen Freund hat, kommt auch klar mit seiner Mutter, dem neuen Stiefvater und erst recht mit ihrem Erzeuger Nate, dem blauäugigen Revolverhelden, an den sie sich kaum noch erinnert.

Das kriminelle Drama beginnt kurz vor der Entlassung ihres Vaters aus dem Knast. Nate ermordet im Affekt einen Mitinsassen, der einer hochkriminellen Nazi-Bande angehört, die allen ihrer treuen Mitglieder für jede ausgeführte Tötung einen blauen Blitz auf den Deltamuskel tätowiert. Deutlich sichtbares Zeichen für entsprechenden Respekt innerhalb der Rangordnung: Blaue Blitztattoos als Trophäen für Ruhm und Ehre.

Ihr Bandenchef Aaron Carter, genannt A-Rod, spricht daraufhin an alle Mitglieder seiner weit verzweigten, bestens vernetzten »Aryan Steel« einen verbindlichen Befehl aus: Totale Auslöschung von Familie McClusky, einschließlich der 11-jährigen Tochter Polly. Den Vollstreckern winken blaue Pfeile.

Duett McClusky auf der Flucht und mittendurch zum Rachefeldzug

Nate gelingt es, seine Tochter Polly vor dem geplanten Gemetzel zu retten. Schon bald erkennt er die Gefahr blinden Vertrauens, und die Gang der Aryan Steel ist ihnen dicht auf den Fersen. Er spürt, dass Polly nirgends sicher wäre, und deshalb dürfe sie nirgendwo anders sein als bei ihm.

Also bringt er ihr Kampftechniken und das Ertragen von körperlichem Schmerz bei, macht sie zu seiner Partnerin auf dem Feldzug zur Selbsterhaltung. Seine einzige Chance sieht er darin, zum Anführer der Verfolgerbande vorzudringen und diesen von seinen Tötungsabsichten abschwören zu lassen, egal mit welchen Folgen. Auf dem Weg zum Ziel entpuppen sich selbst die Polizisten nicht unbedingt als Freund und Helfer. Hier wird in verödeten Wüstenlandschaften beim Handel mit Crank schmutziges Geld gescheffelt, wird bei schnüffelnden Berufskollegen schon mal deren gezielte Beseitigung eingeplant.

Die Mittel und Methoden auf dieser schier hoffnungslosen Odyssee sind brutal und unmoralisch, aber aus der Sicht des Lesers keineswegs unlogisch, nicht frei von Sympathie bis hin zum gelungenen, nachvollziehbaren Finale.

Es ist faszinierend, wie sich aus der anfangs ungelenken, vom Misstrauen und Angst geprägten Vater-Tochter-Beziehung ein familiäres Bündnis entwickelt, das von – wenn auch unausgesprochenem – liebevollem Vertrauen und Verlässlichkeit geprägt ist. Kriminelle Energie dient einzig als Triebfeder zur Selbsterhaltung.

Kunst lebt nun einmal von der Übersteigerung

Mag sein, dass die Wandlung einer elfjährigen schüchternen, verträumten Einzelgängerin zu einem selbstbewussten, mutigen Mädchen vielen Lesern als völlig unglaubwürdig erscheinen wird. Aber Kunst lebt nun einmal von der Übersteigerung, und bei der gelungenen Dramaturgie ist diese Entwicklung nachvollziehbar, auch wenn Polly als Hauptakteurin noch um einiges jünger ist als Mathilda Lando in Luc Bessons Filmklassiker »Leon – der Profi«.

Auf dem Handlungsweg überrascht der Autor mit großem Insiderwissen über rassistische Bandenstrukturen, beängstigend organisierte Drogenkriminalität und mit Gewaltritualen, die dem Leser so noch nicht unter die Augen gekommen sind. So wird einem plötzlich klar, wie abgetrennte Daumen Chopper-Träumen ein jähes Ende setzen können.

Harper formuliert Mord und Totschlag in einer so trockenen, emotionslosen Art, in knackigen Dialogen und kurzen Kapiteln, dass einem angst und bange werden kann:

»Skubby fragte sich, wenn sein Hirn hinten an der Wand klebte, ob dann die kleinen Einzelteile ganz alleine noch ein bisschen weiterdenken und die Fleischfetzen, in denen der Text zu «Shook ones» steckte, vor sich hinsingen würden, bis sie an der Wand abgekühlt waren.«

Erfreulich ist ebenfalls, dass der Leser an keiner Stelle trotz häufiger Szenenwechsel auf 284 Leseseiten den Überblick verliert. Jordan Harper treibt den Plot pausen- und schnörkellos voran. Hier wird nicht gequatscht, sondern gehandelt mit dem einzigen Ziel, den wie ein Damoklesschwert über dem McClusky-Duo schwebenden Hinrichtungsbefehl rückgängig zu machen.

Erwähnt werden muss auch die Übersetzerin Conny Lösch, die ihr Handwerk versteht und schon an Größen wie I. Rankin, Don Winslow und W. McIlvanney unter Beweis gestellt.
Sätze wie »Die schlechten Vibes werden seismisch« sind Punktlandungen und gehen vermutlich auf die Kappe von Frau Lösch.

Ohnehin ist der schnelle Zugriff auf Jordan Harper und die flotte Veröffentlichung bei Ullstein ein mutiger Glücksgriff: Mittlerweile ist »Die Rache der Polly McClusky« nominiert für den Edgar Award als bester Krimierstling des Jahres 2017, und das zu Recht.

Auf den weiteren Weg von Jordan Harper, der sich bisher seine Sporen als Drehbuchautor von TV-Krimiserien wie »The Mentalist« und »Gotham« verdient hat, darf die Krimi-Gemeinde gespannt sein.

Bernd Neumann, April 2018

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