Angstspiel von Jonathan Nasaw

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Fear itself, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Heyne.
Folge 2 der E.L.-Pender-Serie.

  • New York: Atria Books, 2003 unter dem Titel Fear itself. 327 Seiten.
  • München: Heyne, 2004. Übersetzt von Sepp Leeb. 430 Seiten.
  • München: Heyne, 2006. Übersetzt von Sepp Leeb. 430 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als

ISBN 3-453-87756-X, 450, Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House.

Leseprobe

Aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb

EINS


Als Wayne Summers die Augen aufschlug, befand er sich im Dunkeln, umgeben vom Rascheln und Flattern unsichtbarer Vögel. Er versuchte sich einzureden, es sei nur ein Traum, aber der raue Matratzendrell unter ihm und der unangenehme Ammoniakgeruch von Federn, alten Zeitungen und Vogelkot bewiesen etwas anderes.
Blind rappelte Wayne sich hoch, hörte nur wenige Zentimeter von seinem Kopf entfernt ein scharfes Zischen, spürte dann das Auf und Ab lautloser Schwingen, gefolgt von einem heftigen Schlag gegen sein Ohr. Er warf sich wieder auf die Matratze, rollte sich zusammen und riss die Arme hoch, um seinen Kopf zu schützen – dass er laut schrie, merkte er erst, als er verstummte und die Stille hörte.
Dann, die Stille füllend, wieder dieses unerträgliche Rascheln und Flattern, das hektische, schlurfende Tippeln harter Klauen auf Käfigböden, das bebende Federplustern balzender Vögel. Und dazwischen, in der Dunkelheit, nur etwa einen Meter entfernt, das gedämpfte Schlagen dieser mächtigen Schwingen.
Oder war es gar nicht dunkel? Wayne führte die Hand an sein Gesicht, bis die Handfläche seine Nase berührte – es gab keine Veränderung in der Beschaffenheit der Dunkelheit. Ihm kam zum ersten Mal der Gedanke, er könnte erblindet sein – doch wie sollte er das feststellen? Er versuchte zurückzudenken, sich zu erinnern, wie er hierher gekommen war, aber die Erinnerungen waren so zart und zerbrechlich, und zu versuchen sie festzuhalten, war etwa so, als griffe man nach Rauchringen: Je fester man zupackte, desto rascher lösten sie sich auf.
Leise wimmernd betastete Wayne sein aufgeschlitztes Ohrläppchen. Ein sauberer Schnitt – von einem messerscharfen Schnabel oder einer Klaue. Höchstwahrscheinlich ein Raubvogel: Auf Grund der Studien, die er in Zusammenhang mit Dr. Taylors Desensibilisierungstherapie unternommen hatte, wusste der Ornithophobiker Wayne, dass es entweder ein Raubvogel oder ein Aasfresser gewesen sein müsste und dass von den beiden nur die Raubvögel lautlose Schwingen benötigten. Für die Aasfresser war Lärm kein Problem -ihre Beute konnte nicht mehr fliehen.
Inzwischen war die Matratze unter seinem Ohr feucht von Blut, und die Panik überflutete ihn in Wellen, ein großer Brecher nach dem anderen. Wayne wusste, er konnte einer durch Panik ausgelösten Ohnmacht (beziehungsweise einer, wie Dr. Taylor es nannte, vasovagalen Synkope) vorbeugen, indem er langsam mit Hilfe des Zwerchfells atmete und dabei die Muskeln anspannte und entspannte. Er wusste auch, dass er die Blutung stoppen konnte, wenn er die Wundränder mit den Fingerspitzen zusammendrückte. Aber er wusste nicht, ob er das überhaupt wollte. Schließlich gab es im Leben Schlimmeres, als im Schlaf zu verbluten, sagte er sich, während er allmählich bewusstlos wurde – wenn er das vorher noch nicht gewusst hatte, dann wusste er es jetzt.
Aber verbluten war für Wayne nicht drin – zumindest noch nicht. Nach wenigen Minuten köstlicher Bewusstlosigkeit wurde er von einem scharfen Zwicken im linken Ohrläppchen geweckt. Und da Waynes Mutter ihn immer in ebendieses Ohr gekniffen hatte, um ihn aus seinen, wie sie es nannte, »Ohnmachtsanfällen« zurückzuholen, gönnte er sich den kurzen Luxus, so zu tun, als wäre er wieder in der Wohnung in der Fillmore Street, in der sie gemeinsam gelebt hatten, und als würde er nach einer Ohnmacht von ihr wach gekniffen.
Dann öffnete er die Augen und merkte, dass er, die Arme inzwischen mit Handschellen auf den Rücken gekettet, im Dunkeln lag. Jemand oder etwas kniff tatsächlich in sein gespaltenes Ohrläppchen, und als er den Kopf wegzuziehen versuchte, wurde der Druck stärker.
»Wer sind Sie?«, fragte Wayne in das Dunkel hinein.
»Sscht, nicht bewegen.«
Eine Männerstimme – hörte sich nach einem älteren Weißen an. Sie kam Wayne bekannt vor, aber er konnte sie nicht ganz einordnen. »Warum tun Sie mir das an?«
Der Druck auf sein Ohrläppchen ließ nach. »Sieht so aus, als hätte es zu bluten aufgehört.«
Sieht so aus? O Gott, nein. »Bin ich blind? Bin ich blind geworden? Bitte, sagen Sie es mir!«
Keine Antwort – nur ein Pager, der in der Dunkelheit piepste, gefolgt vom Geräusch sich entfernender Schritte.
»Bitte, können Sie mir denn nicht wenigstens das sagen?«
Schritte, die eine Treppe hinaufstiegen.
»Bitte, ich...«
Aber inzwischen erhielt Wayne Antwort: Am oberen Ende einer abgetretenen Treppe ging eine Tür auf und ließ gerade genug Licht durch, um ihm zu bestätigen, dass seine Augen noch funktionierten. Doch dann schloss sie sich sofort wieder und ließ ihn mit nichts anderem zurück als dem Nachbild des gespenstisch weißen, herzförmigen Gesichts einer riesigen Schleiereule, die über seinem Kopf an einer Sitzstange festgebunden war.



ZWEI


Vom Highway aus sah der unscheinbare dreigeschossige Bau auf der leicht bewaldeten Anhöhe so ziemlich wie jedes andere neue Bürogebäude in den Vororten im Westen Washingtons aus.
Was ganz im Sinne des Erfinders war, dachte FBI Investigative Specialist Linda Abruzzi, ehemals Special Agent Abruzzi, als sie in ihrem 93er Geo Prizm vor dem Wachhäuschen am Tor hielt. Wenn man sämtliche staatlichen Bauten in zwei Epochen einteilen wollte – vor Oklahoma City und nach Oklahoma City —, war das vor kurzem eröffnete zusätzliche Bürogebäude des Justizministeriums wenn auch klein, so doch seiner Anlage und Bauweise nach eindeutig nach O.G., und seine vorderste, billigste und wirksamste Verteidigungslinie war Anonymität. Keine Schilder, keine Besucher, keine Presse, keine Ausnahmen.
Erst wenn man näher kam, begann man einige feine Unterschiede zu bemerken. Zum Beispiel stand das Wachhäuschen, an dem zwei verstärkte Stahlschlagbäume angebracht waren, etwa hundert Meter vom Gebäude entfernt ganz am Anfang der Zufahrtsstraße, und der Parkplatz lag weitere fünfzig Meter westlich: In die Nähe dieses FBI-Gebäudes könnte niemand eine Autobombe bringen.
Zählte man zu diesen Sicherheitsvorkehrungen ein verstärktes Dach, armierte Außenmauern, Acrylglasfenster, dick genug, um dem Volltreffer eines kleinen tragbaren Granatwerfers standzuhalten, zusätzlich verstärkte tragende Innenwände, um den Einsturz des Gebäudes im Fall eines Raketenangriffs zu verhindern, und ein autarkes innerbetriebliches System, das im Fall eines Angriffs mit chemischen Kampfstoffen etagenweise hermetisch abgeriegelt werden konnte, erhielt man ein Gebäude, das so uneinnehmbar war, wie das bei einem Hochbau technisch möglich schien.
Als Linda Abruzzi ihre Papiere zeigte, zu denen auch eine Genehmigung gehörte, in der Tiefgarage des Gebäudes zu parken und nicht nur auf dem 50 Meter entfernten Parkplatz, erwartete sie, anstandslos durchgewinkt zu werden. Stattdessen verglich der Wachmann ihr Gesicht sorgfältig mit ihrem Ausweisfoto, das er dann mit dem Bild auf einem Computermonitor im Innern des Wachhäuschens gegencheckte. Danach ließ er sie den Zeigefinger auf ein Sensorfeld legen, damit ihn der Computer sowohl mit ihren digital gespeicherten Fingerabdrücken vergleichen als auch in seine Datenbank aufnehmen konnte, falls sie nicht Investigative Specialist Abruzzi sein sollte.
»Danke.« Der Wachmann gab ihr die Dienstmarke zurück. »Würden Sie jetzt bitte den Kofferraum öffnen?«
»Aber nicht von hier drinnen.« Linda Abruzzi zog den Zündschlüssel ab und reichte ihn ihm. »Das ist nicht die Luxusausführung.« Als Linda den Wagen vor sechs Jahren gekauft hatte, war sie gerade als frisch gebackener Special Agent in die Außendienststelle San Francisco beordert worden. Angesichts des dortigen Klimas war ihr eine Klimaanlage nicht dringend erforderlich erschienen, weshalb sie lieber ein paar tausend Dollar gespart hatte, statt die Luxusausführung zu nehmen, zu der auch eine Innenkofferraumentriegelung gehört hätte. Prompt war sie drei Monate später zur FBI-Niederlassung in San Antonio versetzt worden, wo eine Klimaanlage unerlässlich war; sie hatte den Wagen nur aus reiner Sturheit behalten.
Nachdem der Wachmann den Kofferraum nach Sprengstoffen durchsucht hatte, inspizierte er mit einem an einer langen Stange befestigten Spiegel den Fahrzeugboden. Dann ging er in das Wachhäuschen zurück und drückte auf den Knopf zum Anheben des rechten Schlagbaums. »Fahren Sie, ohne anzuhalten, direkt zum Gebäude hoch. Am Garagentor ist eine Tastatur. Heute lautet der Kode drei-zwo-null-vier – schreiben Sie ihn nicht auf. Nehmen Sie die Rampe zum Kellergeschoss – Stellplatz neun ist für Sie reserviert.«
»Drei-zwo-null-vier, Kellergeschoss, Stellplatz neun. Verstanden, danke.«
»Keine Ursache.« Und als der blaue Prizm unter dem Schlagbaum durchrollte und den Hang hinaufzufahren begann, fügte der Wachmann murmelnd hinzu: »Wem musstest du wohl einen blasen, um da oben parken zu dürfen?«
Innen waren die Sicherheitsvorkehrungen nicht weniger streng. In der Tiefgarage holte ein Wachmann Linda ab und begleitete sie zu einem Aufzug, der nur ins Foyer führte. Dort übergab sie der Mann an Cynthia Pool, eine patente, sehr gut erhaltene Sekretärin Ende fünfzig, die ein superseriöses Businessensemble aus den frühen 80er-Jahren trug – maßgeschneiderter marineblauer Hosenanzug, weiße Bluse mit gerüschter Schleife, bequeme schwarze Schuhe mit breiten Absätzen.
»Mit der Sicherheit nehmen Sie es hier aber sehr genau«, bemerkte Linda, als Miss Pool sie zu einem zweiten Aufzug führte, der zu Lindas Überraschung Knöpfe für sechs Stockwerke hatte – drei davon, stellte sich heraus, befanden sich unter der Erde.
»Aber nicht unseretwegen, meine Liebe. Wir sind nur hier, weil sie im Hauptquartier unsere Büros gebraucht haben.«
Die Lifttür ging lautlos auf; Linda folgte ihrer Führerin durch eine Reihe weißer Flure von bemerkenswerter Eintönigkeit. Keine Namensschilder an den Türen, alle blau und alle zu. Keine Bilder an den Wänden, und die einzigen Hinweisschilder waren für die Notausgänge.
»Merken Sie sich gut, wie wir gehen«, warnte Miss Pool, als sie nach rechts bog, dann nach links, dann wieder nach rechts. »Wenn Sie sich hier verlaufen und irgendwo landen, wo Sie nichts zu suchen haben, kann Ihnen ohne weiteres passieren, dass Sie von der Spionageabwehr mit einem Stück Schlauch verhört werden.« Sie blieb abrupt stehen und steckte den an einer Kette von ihrem Hals hängenden Lichtbildausweis in einen Schlitz neben einer dieser anonymen blauen Türen.
»Das meinen Sie doch nicht ernst?«
»Bis auf den Schlauch schon – neuerdings versteht die Spionageabwehr keinen Spaß mehr. Nach Ihnen.«
Von dem langen Fußmarsch erschöpft, spürte Linda, wie ihre Beine die Kräfte verließen, als sie den Raum betrat. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel: Lieber Gott, nicht hier, nicht gleich am ersten Tag. Er hatte ihr in letzter Zeit so übel mitgespielt, dass er ihr, fand sie, eine Gefälligkeit schuldig war.
Und ihr Gebet wurde, wenn auch nur so lala, erhört: Unmittelbar hinter der Tür stand ein Aktenschrank, der groß genug war, dass sie sich lässig dagegen lehnen konnte, während sich ihre Beine erholten. Sie fand das einen etwas eigenartigen Platz für einen Aktenschrank -bis sie sah, dass das kleine Vorzimmer so voll gestellt war mit freistehenden Metallschränken, weißen Aktenbehältern aus Pappe, nicht sehr stabil wirkenden Stapeln perforierter Computerausdrucke und einstürzenden Müllbergen aus überquellenden roten, braunen oder ockerfarbenen Ziehharmonikaordnern, dass kaum mehr Platz für Schreibtisch und Stuhl der Sekretärin blieb.
Kommentarlos zwängte sich Miss Pool an Linda vorbei und klopfte mit spitzen Knöcheln an die Innentür der Bürosuite. »Linda Abruzzi ist hier.«
»Schon? Also wirklich, die Leiche ist ja noch nicht mal kalt.« Für neun Uhr morgens war die Stimme eine Spur zu munter. Das passte zu den Geschichten, die Linda über den Alkoholkonsum ihres Vorgängers gehört hatte, der inzwischen ebenso Bestandteil seines legendären Rufs war wie seine Körpergröße, seine exzentrische Garderobe, seine Meisterschaft in der Kunst der affektiven Vernehmung, sein heldenhafter Einsatz im Maxwell-Fall und seine unverhohlene Verachtung für die Bürokratie. »Kommen Sie rein.«
Linda ließ den Aktenschrank los, stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass ihre Beine wieder zu Kräften gekommen waren, bahnte sich einen Weg durch das voll gestellte Vorzimmer und öffnete die Tür, um einen hünenhaften Glatzkopf in einem karierten Sportsakko vor einem weiteren Aktenschrank knien zu sehen.
»Eine Frage«, sagte Special Agent E. L. Pender, FBI, in Bälde i. R., als er mit der linken Hand eine Stelle im unteren Aktenschub einmerkte und mit der rechten Linda die Hand schüttelte. »Wie groß war die Scheiße, die Sie gebaut haben, um hierher versetzt zu werden?«
»Ich nehme mal an, Sie haben meinen Personalbogen nicht gelesen«, erwiderte sie. Selbst wenn er kniete, war er so groß, dass Linda sich nicht bücken müsste, um ihm die Hand zu schütteln, die in etwa die Größe eines Waffeleisens hatte.
Pender blickte sich vielsagend in dem Büro um – wenn überhaupt möglich, war es noch mehr mit Ausdrucken, Aktenbehältern, Ordnern und Büroschränken voll gestopft als das Vorzimmer – und hob die Schultern. »Er muss hier irgendwo sein. Aber ich halte nicht viel von Personalbogen – und wenn Sie meinen mal gesehen haben, werden Sie auch verstehen, warum.«
»So viel mir zu Ohren gekommen ist, hatten Sie drüben im OPR eine eigene Kaffeetasse«, witzelte Linda. Das Office of Professional Responsibility des Justizministeriums war das Pendant zur Internal Affairs Division, der Dienstaufsicht.
»Ein reines Gerücht. Aber wenigstens weiß man, dass ich ihn schwarz trinke. Setzen Sie sich, machen Sie sich’s bequem.«
Linda zögerte – der einzige Stuhl im Raum stand hinter dem Schreibtisch, der unter einem weiteren Haufen Computerausdrucke und Aktenordner begraben war.
»Ja, ja, Ma’am«, sagte Pender, als könnte er ihre Gedanken lesen. »Das ist Ihr Stuhl, das ist Ihr Schreibtisch, das ist jetzt Ihr Büro.« Er steckte den Ordner, den er sich angesehen hatte, quer in die Schublade, bevor er aufstand.
»Was ist mit Ihnen?« Linda testete die Stabilität des Schreibtischstuhls, bevor sie sich vorsichtig darauf niederließ. Um besser das Gleichgewicht halten zu können, stützte sie sich dabei, wie ihr der Physiotherapeut in San Antonio beigebracht hatte, mit beiden Händen ab.
»Ich bin schon gar nicht mehr hier, ich gehöre der Vergangenheit an. An sich fliegt der Adler bis zum Monatsende, aber ich habe noch etwas Resturlaub, und den wollte ich nicht herschenken. Ich bin heute nur gekommen, um diese alten Akten noch mal durchzusehen – ein bisschen aufzufrischen, was von meinem Erinnerungsvermögen noch übrig ist. Irgend so ein Trottel von Verleger zahlt mir nämlich einen Haufen Geld für meine Memoiren. Und einem anderen Kerl zahlen sie einen Haufen Geld dafür, dass er sie, Gott sei Dank, schreibt.«
»Sollen Sie mich denn nicht einweisen oder so?«
»Wozu? Wenn Steve McDougal am Jahresende in Pension geht, wird Liaison Support aufgelöst. Diese Abteilung hat sich überlebt -heute ist jeder mit jedem online. Nur deshalb habe ich gefragt, wie groß die Scheiße war, die Sie gebaut haben – nichts für ungut.«
»Nein, nein, schon in Ordnung. Ich habe bereits befürchtet, es wäre etwas in der Art.«
»Jetzt, wo ich allerdings gesehen habe, wie Sie hier reingekommen sind, nehme ich mal an, es hat mehr damit zu tun.« Pender schaffte etwas Platz auf dem Schreibtisch und pflanzte eine breite Pobacke auf die Kante – sein Oberschenkel hatte etwa denselben Umfang wie Lindas Taille. »Was ist passiert?«
Linda holte tief Luft und ließ sie langsam wieder entweichen. Besser, sie brachte es möglichst schnell hinter sich. »MS«, sagte sie. »Das ist, was passiert ist – vor ein paar Monaten wurde bei mir progressive multiple Sklerose im Anfangsstadium festgestellt.«
Pender zuckte mit keiner Wimper. »Au Mann. Das hört sich aber gar nicht gut an.«
Nicht gerade die Reaktion, die sie erwartet hatte – Linda produzierte ein erschrockenes Lachen. »Das finde ich auch«, sagte sie schließlich, um dann rasch das Thema zu wechseln. »Was genau ist also meine Aufgabe? Was soll ich hier tun?«
»Tun?« Pender schnaubte verächtlich. »Also, ehrlich gesagt, meine Liebe, das interessiert hier niemanden einen feuchten Furz.«



DREI


»Alles okay bei dir, Süße?« Behutsam klopfte Simon Childs an die Badezimmertür. Manchmal wollte sich Missy nur vergewissern, dass er auf das Pagersignal hin tatsächlich kam; manchmal tat sie es aber auch aus purer Boshaftigkeit.
»Hei-er, hei-er.«
Heißer. Simon hatte nie Mühe gehabt, seine kleine Schwester zu verstehen. Er öffnete die Tür und sah Missy ausgestreckt in der tiefen Wanne mit den Klauenfüßen liegen; über beide Ohren grinsend schwenkte sie ihren rosa Plastikpager über dem Kopf. Baden war für sie das Höchste. Aber man müsste sie beaufsichtigen. Wenn man sie ließ, blieb sie so lang in der Wanne, bis sie vollkommen verschrumpelt war; und wenn das Wasser kalt wurde, begann sie, an den Hähnen rumzumachen, egal, wie oft Simon sie schon gewarnt hatte, das nicht zu tun. Meistens endete das Ganze damit, dass sie im Bad eine Überschwemmung verursachte oder sich verbrühte.

Seiten-Funktionen: