Retter der Welt von John Wray

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Lowboy, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Rowohlt.

  • New York: Farrar Strauß and Giroux, 2009 unter dem Titel Lowboy. 258 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009. Übersetzt von Peter Knecht. ISBN: 978-3-498-07362-6. 347 Seiten.

'Retter der Welt' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

William Heller oder Lowboy, wie er sich nennt, ist sechzehn, schizophren und, so heißt es, gefährlich. Er soll eine Freundin vor die Subway geschubst haben. Und nun sind die Cops vom New York Police Department hinter ihm her, mitsamt seiner Mutter. Doch Lowboy hat ein viel schlimmeres Problem: Seit er aus der Anstalt ausgebrochen ist, strebt die Welt zügig auf die Selbstvernichtung zu, und nur er allein kann sie retten …Auf der Flucht und einer vagen Suche zugleich, immer verfolgt von einem Profiler, der eine ebensolche Vorliebe für Geheimschriften und Rätsel hat wie er, hetzt Lowboy durch die Tunnel und Katakomben der New Yorker U-Bahn – eine düstere Welt, deren Wahrnehmung stets ins Wahnhafte verschoben scheint und deshalb umso schillernder die Wirklichkeit spiegelt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Noir und Magischer Realismus in einem Roman mit Sogwirkung « 86°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Am 12. November geht die Welt unter. Zumindest glaubt das der sechzehnjährige William Heller, genannt »Lowboy«. Er sitzt am 11. November in der New Yorker U-Bahn und weiß, dass nur ihm es gegeben ist, die Welt zu retten. Dafür muss er lediglich mit einer Frau schlafen. Aber das gestaltet sich als schwieriges Unterfangen. Denn nicht allein »Schädel« und »Knochen«, zwei Krankenpfleger, sind hinter ihm her, sondern auch die New Yorker Polizei hat reges Interesse an seiner Person. Insbesondere Ali Lateef, »geboren unter dem Namen Rufus Lamarck White«, der Detective des Vermisstendezernats mit einer Vorliebe für kryptische Rätsel, setzt sich auf seine Fersen. Begleitet von Wills Mutter Yda, der Will den Kosenamen »Violet« gegeben hat.

Lowboy hat ein kleines Problem: er gilt als »paranoider Schizophreniker«, ist aus einer Klinik, die er euphemistisch »Schule« nennt, geflohen, hat seine Medikamente abgesetzt und gleitet jetzt durch die U-Bahnschächte New Yorks. Da er seine Freundin Emily einige Zeit zuvor vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen haben soll, klingeln die Alarmglocken. Immerhin steht zu befürchten, dass sich Wills Psychose erneut gewalttätig entladen könnte. Deshalb ist er sowohl auf der Flucht, wie auf der Suche – vor allem nach seiner geliebten Emily, die den Sturz seinerzeit überlebte. Er wird sie finden und Emily wird ihn wieder begleiten. Doch ob sie zusammen mit ihm die Welt retten wird, ist fraglich, denn da existiert ein Moloch namens Angst, der zwischen ihr und dem hübschen Lowboy steht. Wobei sich nie aufklärt, ob Will Emily bei jenem Fall auf die Gleisen gestoßen hat, oder ob sie selbst gesprungen ist.

Vieles bleibt im Retter der Welt im Vagen; die Welt ist in der Schwebe, aus der sie jederzeit in dunkle Abgründe stürzen kann. Zumindest in der Weltsicht der vier Protagonisten Will, Violet, Ali Lateef und Emily. Figuren, die allesamt auf der mentalen Kippe stehen, aber in Wrays Darstellung so filigran austariert sind, dass sie glaubwürdig bleiben und nicht zum Teil eines absurden Panoptikums werden.

Der verzweifelte Wunsch nach Nähe und Zärtlichkeit ist immer spürbar, gleichzeitig scheitern die Personen, vor allem Ali Lateef und Lowboy selbst an dieser Sehnsucht, da sie nicht in der Lage sind ihr Gegenüber zu entschlüsseln, bzw. als Teil von etwas Größerem wahrzunehmen. So strauchelt Will bereits beim Kauf von Gebäck an der oberflächlichen Kommunikation mit der Verkäuferin, größere Gruppen nimmt er gar nicht wahr, sondern zerlegt sie in einzelne Subjekte, Gesten, Grimassen; seine einzige Chance im Labyrinth der Massenbeförderung nicht komplett durchzudrehen.

Die Unsicherheit von Wills Wahrnehmung ist prägend für weite Teile des Buches. Gray liefert eine raffinierte Gratwanderung zwischen erlebter Realität und imaginativer Erfindungskunst. Identitäten verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit, Wahrnehmung ist kein bewusster Akt mehr, sondern eine Berechnung von Wahrscheinlichkeiten im Spiegel der eigenen Identität. So bleibt selbst die Möglichkeit nachvollziehbar, dass die Welt tatsächlich untergeht. Wenn es nicht eine kleine Passage gäbe, die dem Polizisten Lateef ein »später« zugesteht.

Was klar geworden sein sollte: Der Retter der Welt ist alles andere als ein herkömmlicher Krimi. Obwohl Verbrechen geschehen – etwa Diebstahl, Körperverletzung und versuchte Vergewaltigung -, ein verbissener Profiler auf der Suche nach einem mutmaßlichen Delinquenten ist, entzieht sich der Roman sämtlichen Stilmitteln schlichter Spannungssteigerung. Lowboy befindet sich auf einer Reise; ins Erwachsenwerden und auf der Suche nach einem mythischen New York, das man angeblich nach der Überquerung des »stillen Flusses« namens Musaquontas erreicht.

Ebenso ist Der Retter der Welt ein stetes Spiel mit Chiffren, Verweisen und permanenter Doppeldeutigkeit. Neben dem duplizierten New York und seiner unterirdischen Wesenheit der U-Bahn, dem Will als modernifiziertem Uroborus folgt, tragen alle Hauptpersonen zwei Namen, verschiedene Identitäten, die ihnen zum einen die Welt gegeben hat, und zum zweiten in der sie sich selbst, bzw. die Welt um sich herum erschaffen. Und auch Emily, die nur einen Namen besitzt, erscheint gebrochen. Es gibt die kluge, einsichtsvolle Emily vor dem Unfall/ Stoß, und die »andere« distanzierte Emily, die für Will eine Fremde ist.

Retter der Welt ist wie eine dieser russischen Matrjoschkas, die man auf eine unterirdische Reise geschickt hat und aus der bei jedem Halt eine neue, buntbemalte Puppe entschlüpft. Bis zum Schluss die letzte Figur übrig bleibt. Aus festem Holz und chancenlos sich erneut zu verpuppen. So bleibt auf der letzten Seite die Erkenntnis, dass das Ende der Welt tatsächlich nahe ist. Die Frage ist nur, aus welcher Perspektive man es betrachtet.

Noir und Magischer Realismus finden sich einträchtig zusammen auf dieser irisierenden Odyssee durch einen Tag und eine Nacht. Und wie es sich für einen Roman gehört, in dem sich Paranoia und Schizophrenie die Hand geben, treffen sich Verfolger und Verfolgte vielleicht, aber sie begegnen sich nie. Und wenn sich doch die Chance dazu offenbart, ist es bereits zu spät. Das ist vielleicht das traurigste an diesem düsteren, von schwarzem Witz nur unwesentlich aufgehellten Faszinosum von Roman.

Jochen König, Juli 2009

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hankhauser zu »John Wray: Retter der Welt« 19.12.2009
"...,entzieht sich der Roman sämtlichen Stilmitteln schlichter Spannungssteigerung."

Das stimmt. Bevor es überhaupt ein Krimi ist, ist es eher die Geschichte einer psychischen Selbstfindung bzw. Entdeckungsreise. Fand das aber schlichtweg langweilig. Eventuell etwas für Freunde vom "Fänger im Roggen" oder "Ulysses". Dazu im Vergleich, ist dieser Roman allerdings kein Meisterwerk, gebe 65°.
Buchstabenkonsument zu »John Wray: Retter der Welt« 02.08.2009
ganz nett, streckenweiße sogar recht sympathisch ... (allen voran die Charakterzeichnung von "Detective Lateef") aber letztendlich führt der nicht vorhandene rote Faden "fast" zum atmosphärischen Nullpunkt.

Wenig Sog, wenig Gefühl ... und das vom "jungen, originellsten Schriftsteller Amerikas". Hätte trotzdem was werden können...


Schade "eigentlich" ;-)
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