Heiße Beute von John Reese

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1968 unter dem Titel The Looters, deutsche Ausgabe erstmals 1971 bei Scherz.

  • New York: Random House, 1968 unter dem Titel The Looters. 177 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1971. Übersetzt von Mieke Lang. 160 Seiten.

'Heiße Beute' ist erschienen als

In Kürze:

Provinzgangster überfallen ausgerechnet eine Bank, in der Mafia-Geld gewaschen wird. Verfolgt von der Polizei und vom FBI, wird die Luft eng für die Räuber, als auch noch ein Killer des Syndikats nach ihnen fahndet – und sie findet …

Das meint krimi-couch.de: »Was tun in einer Welt der Plünderer?« 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Tres Cruces ist ein kleines Nest in der kalifornischen Wüste. Polizisten gibt es hier nur wenige, denn Kapitalverbrechen kommen selten vor. Genau deshalb plant der alternde Räuber Charles Varrick seinen nächsten Coup in der Tres Cruces National Bank. Die Beute wird nicht groß sein, aber dafür sind keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen zu erwarten. Varrick zur Seite stehen Harman Sullivan, ein auf die schiefe Bahn geratener Ex-Pilot, und der Gewohnheitskriminelle Dean »Red« Nemmis. Den Fluchtwagen soll Nadine Partch, eine ehemalige Rennfahrerin und Varricks Lebensgefährtin, steuern.

Der Überfall endet katastrophal. Der alte Wachmann der Bank und ein Polizist sowie Red Nemmis bleiben tot zurück, Nadine wird tödlich verletzt. Varrick und Sullivan entkommen. Der Blick in den Beutesack tröstet sie: Statt der erwarteten 20- oder 30.000 Dollar haben sie mehr als 350.000 Dollar in ihren Besitz gebracht! Gar nicht weit entfernt von Tres Cruces wollen die Gauner, getarnt als Handwerker, praktisch unter den Augen der Behörden abwarten, bis Gras über den Raub gewachsen ist.

Bankdirektor Harold I. Young zeigt sich auffällig abgeneigt, den Fall an die große Glocke zu hängen. Kein Wunder, denn die National Bank gehört der Mafia, die hier schmutziges Geld waschen lässt. Louie Lagos, ein hohes Tier des Syndikats, schickt zur Sicherung der Mafia-Interessen J. J. Schirmer, den Präsidenten der Bank, nach Tres Cruces. Dort erwartet ihn FBI-Agent Murray, der über die örtlichen Machenschaften der Mafia gut im Bilde ist. Er konfrontiert Schirmer mit Anschuldigung, die diesen zusehends nervöser werden lassen. Aber auch die Mafia traut Schirmer nicht. Zeitweise ist sogar der sadistische Killer Molly Edwards auf ihn angesetzt. Dieser Auftrag wird zwar storniert, doch Edwards hat vom Geldraub erfahren und macht sich nun nach Tres Cruces auf, um sich die Beute unter den Nagel zu reißen. In der kleinen Wüstenstadt wird es bald noch heißer als sonst, als ein erbarmungsloser Wettlauf zwischen der Polizei, dem FBI, der Mafia und Molly Edwards entbrennt, der sich auf die Lebenserwartungen von Varrick und Sullivan äußerst ungünstig auswirkt …

Krimi mit unbequemen »True Crime«-Einschüben

»Heisse Beute« ist ein zum einen ein harter, unprätentiöser, rasanter Gangsterthriller um einen spannend geschilderten Bankraub mit anschließender Flucht vor dem Gesetz und der Mafia. Andererseits verblüfft und irritiert uns der Autor durch seltsame, dokumentarisch anmutende Einschübe, die um die Verflechtungen der US-amerikanischen Wirtschaft Politik und Wirtschaft mit dem organisierten Verbrechen kreisen. Mit den eigentlichen »Plünderern« des Originaltitels sind nicht Charley Varrick und seine Bande, sondern ist die Mafia gemeint, die nach Ansicht des Verfassers Legislative, Exekutive und Judikative in den USA unterminiert und sich dienstbar gemacht haben. Reese übertreibt es mit der Darstellung dieser Missstände; sein Ton wird erst beschwörend, dann moralisierend, und er vernachlässigt die eigentliche Story.

Die Schere zwischen Krimispannung und Anspruch klafft zu weit, zumal die Handlung durch küchenpsychologisch ´begründete’ Privatquerelen der Figuren zusätzlich und unnötig in die Länge gezogen bzw. unterbrochen wird. Reese erklärt Vieles, das nicht erklärt werden müsste und wirkt als Seelendeuter nicht einmal überzeugend.

Schließlich zieht er sogar einen Sieg des »Guten« in letzter Sekunde aus dem Hut. Dies passt nicht zur pessimistischen Geschichte, die uns bisher erzählt wurde, und wirkt wie angeklebt, um die Frustration derjenigen Leser und Kritiker zu vermeiden, die sich diese Welt gern schön lügen lassen.

Wer ist gut, wer böse?

Von »The Looters« ist es klanglich nicht weit bis zu »The Losers«. Auch dieser Titel würde der Story gerecht. Hier bekommt niemand was er oder sie vom Leben erwartet. Das Mitleid hält sich freilich in Grenzen, denn Autor Reese zeichnet wenig ansprechende Figuren. Charley Varrick ist kein Gentleman-Verbrecher, der mit Witz und Einfallsreichtum stiehlt, sondern ein kalter Gewohnheitsverbrecher, der problemlos tötet, kommt ihm jemand in die Quere. Seine Komplizen nimmt er davon keineswegs aus. Harman Sullivan ist ein Feigling, den sich Varrick mit Gewalt gefügig hält.

Die Mafia gibt sich den Anstrich eines seriösen Konzerns. Bei näherer Betrachtung blättert die Fassade ab, hinter der Kriminelle jeder Größenordnung zum Vorschein kommen. Nicht einmal in der Krise herrscht die oft beschworene »omertà«, im Syndikat wird intrigiert und verraten, nur der eigene Vorteil zählt. Mindestens ebenso verwerflich handeln »gekaufte« Strohmänner wie Harold Young, obwohl sie sich trotz gelegentlicher moralischer Attacken gern vorgaukeln nur das zu tun, was ihnen das Gesetz gestattet.

Molly Edwards ist ein Killer, der in dieses Umfeld passt. Er kennt keinen Ehrenkodex, keinen »Berufsstolz«. Stattdessen tötet er, weil es ihm Spaß macht: Molly ist eine Figur, wie sie in den 1970er Jahren verstärkt in Kriminalromanen und Kinothrillern auftrat. Eine Lockerung der Zensurvorschriften im Zuge einer Liberalisierung der Gesellschaft erlaubte eine weitaus deutlichere Mischung von Gewalt mit Sex; eine Möglichkeit, die weidlich genutzt wurde, um Leser und Zuschauer zu locken. Reese bedient sich ihrer ebenfalls, verrät dabei indes eine ausgesprochen konservative, ja reaktionäre Grundhaltung: Er »erklärt« Mollys Sadismus, indem er ihn als Homosexuellen »outet«. Molly wird unter seiner Feder zum »Perversen«, dem ohnehin jede Schandtat zuzutrauen ist. Ähnliche moralisierende Unterstellungen müssen Reeses Frauenfiguren erdulden, wenn sie dem freien Sex gar zu sehr zugeneigt sind.

Punkten kann der Verfasser immerhin dadurch, dass er die »Guten« in sein pessimistisches Weltbild einschließt. Der Sheriff giert nach der Witwe des erschossenen Kollegen, dessen Leichnam noch nicht kalt ist. Seine Untergebenen sind geistig träge und ihrer Arbeit wenig gewachsen. Nicht einmal das FBI ist noch sakrosankt: Agent Murray hadert mit der eigenen »Firma«, die es nicht schafft, dem organisierten Verbrechen den Kopf abzuschlagen, weil sie längst ein Teil des korrumpierten Systems geworden ist.

So bleibt ein Fazit, das Ratlosigkeit verrät. Dieses Buch unterhält fast ebenso, wie es ärgert und irritiert. Da mag der Kontrast zwischen Roman und Film seine Rolle spielen, da letzterer eine zwar ebenfalls schmutzige Geschichte elegant, plotbezogen und ohne dramaturgische Hänger erzählt. »Heisse Beute«, das Buch, ist mehr Zeitdokument als Thriller – ein leichte Hysterie verratendes Dokument aus einer Zeit, als die Mafia nicht nur »seriös« wurde, sondern sich – offenbar erfolgreicher als die Kommunisten – anzuschicken schien, die Macht im Staat zu übernehmen.

Der Film zum Buch – Konzentration aufs Wesentliche

»The Looters« wurde 1973 von Don Siegel, dem großen Altmeister des »intelligenten« Thrillers (»Dirty Harry«, »Flucht aus Alcatraz«) mit Walter Matthau in der Rolle des Charley Varrick besetzt. Der oft als reiner Komödiant gehandelte Schauspieler lieferte fabelhafte Darstellerkunst, die vom hervorragenden Drehbuch (Howard Rodman und Dean Riesner) gestützt wurde. Klug löste Siegel aus dem Roman den Handlungsstrang heraus, der den Bankraub, die anschließende Verfolgung und den Kampf mit Molly Edwards beschreibt, verzichtete auf Reeses schiefe Gesellschaftskritik, fand eine recht zynische aber überzeugende Auflösung und schuf einen modernen Klassiker des Genres.

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