Old School von John Niven

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel The Sunshine Cruise Company, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: England, Frankreich, 2010 - heute.

  • London: William Heinemann, 2015 unter dem Titel The Sunshine Cruise Company. 357 Seiten.
  • München: Heyne, . Übersetzt von Stephan Glietsch. ISBN: 3-453-26945-4. 350 Seiten.
  • München: Heyne, 2017. Übersetzt von Stephan Glietsch. ISBN: 978-3-453-67721-0. 400 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2015. Gesprochen von Gerd Köster. ISBN: 3837130347. 2 CDs.

'Old School' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Susan und Julie sind gerade 60 Jahre alt geworden. Sie leben in einem kleinen Dorf in Südengland und sind seit der Schulzeit miteinander befreundet. Susan führt ein bürgerliches Hausfrauendasein, Julie lebt in einer Sozialwohnung und arbeitet als Aushilfe in einem Pflegeheim. Als Susans Ehemann Barry tot aufgefunden wird, offenbart sich, dass er ein surreales Doppelleben als Swinger führte und Susan einen finanziellen Scherbenhaufen hinterlassen hat. Um nicht in Altersarmut abzurutschen, greifen sie zu einer radikalen Lösung: einem Banküberfall.

Das meint Krimi-Couch.de: »Vier Ladys und ein Halleluja« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Die 60-jährige Susan Frobisher erleidet mehr als einen Kulturschock, als sie von zwei Polizisten mitgeteilt bekommt, dass ihr eher bieder wirkender Ehemann Barry bei perversen Sexspielen mit einer Prostituierten einen Herzinfarkt erlitten hat. Sie muss akzeptieren, nicht mehr gut versorgt, sondern völlig mittellos zu sein – Barry hat Kredite aufgenommen, um sein geheimes Sexleben zu finanzieren, und sie hat die Verträge ahnungslos mit unterzeichnet.

Susans Freundin Julie schlägt sich mit einem Putzjob im Altersheim durch, wo die 89-jährige Ethel der Zeit nachtrauert, als sie eine bekannte Tänzerin war. Susans weitere Freundin Jill braucht dringend Geld für ihren schwer kranken Enkel, den nur ein teure Operation retten kann. Und so entschließt sich das Quartett nach vielem Gerede, eine Bank zu überfallen, um sich finanziell zu sanieren. Julie hatte mal einen Liebhaber, der Bankräuber war. So kommt Nails ins Boot – doch bei dem Überfall geht einiges schief, Nails wird festgenommen, und die vier Mädels entkommen nur in einer wilden Flucht. Zwei Polizisten jagen sie hartnäckig – durch Frankreich und bis ans Mittelmeer. Es gibt Verwicklungen und Turbulenzen ohne Ende – die alten Damen müssen ihre ganze Fantasie einsetzen.

Großes Amüsement beim Lesen und nachdenkliche Momente

Was für ein pralles Lesevergnügen! John Niven hat mit Old School einen mehr als lesenswerten Kriminal-Roman geschrieben, dem man die Herkunft aus einer Drehbuchidee zwar deutlich anmerkt, was aber zur Qualität in meinen Augen einiges beigetragen hat. Wobei mir unverständlich ist, warum dieser tolle Stoff nicht verfilmt wurde.

Im Schicksal der vier Damen transportiert der Autor auch einige aktuelle gesellschaftliche Fragen, die neben dem großen Amüsement beim Lesen auch für nachdenkliche Momente sorgen. Es geht um Altersarmut, ein derzeit in Deutschland mehr als aktuelles Thema. Es geht aber auch um die finanzielle Abhängigkeit von Frauen von ihren Männern, um Offenheit und Vertrauen in Partnerschaften. John Niven benutzt dabei keinesfalls einen erhobenen Zeigefinger, bringt vielmehr seine Leser eher unterschwellig zum Nachdenken.

Vier hochgradig unterschiedliche Frauen mit einem Ziel

Neben der spannenden und zugleich amüsanten Geschichte lebt dieser Roman vor allem von den grandiosen Protagonistinnen, von viel Situationskomik und von den spritzig-derben Dialogen. Nails scheidet früh aus, Vanessa ist nur nettes Beiwerk, aber das ursprüngliche Quartett hat es wirklich in sich.

Da ist zunächst Susan, die auf brutale Art aus ihrem alten gutbürgerlichen Leben gerissen wird. Sie zeigt stets Initiative, behält auch in Krisen stets die Nerven und ist so etwas wie der Ruhepol der Gruppe. Ihre Freundin Jill ist dagegen zurückhaltend, ängstlich und leicht mal pikiert. Sie kommt mit Ethels ordinärer Art überhaupt nicht klar, ist das bürgerlich-brave Gewissen der Gruppe – wird aber von ihren Komplizinnen einfach mitgerissen.

Da ist Julie deutlich lebensnaher, pragmatischer und zupackender. Gemeinsam mit Susan sorgt sie dafür, dass immer wieder Lösungen und Auswege gefunden werden. Und sie ist es auch, die dafür sorgt, dass sich in Frankreich die junge Ausreißerin Vanessa der Gruppe anschließt – zu sehr erinnert diese Julie an ihre eigene Vergangenheit.

Und dann ist da noch Ethel – die schon wegen ihres vorlauten und ordinären Mundwerks unbezahlbar für den Unterhaltungswert des Romans ist. Trotz ihres Alters und ihres Übergewichts ist sie ein Powerfrau – und so agiert sie auch in der Gruppe, und vor allem im Konflikt mit der Polizei. Da gibt es schon einige Szenen, die ich gerne mal im Film sehen würde …

Die Geschichte ist Kopfkino der allerfeinsten Sorte

Eine irre Truppe, ein irrer Plan, und eine irre Verfolgungsjagd. Richtig schräg und humorvoll erzählt, voller englisch-französischer Vorurteile und Klischees – die Geschichte ist derart rasant, dass man vorab dafür sorgen sollte, sie nahezu in einem Stück lesen zu können. Ich fand jedenfalls jede einzelne Unterbrechung der Lektüre höchst lästig.

Der Realitätsgehalt der Geschichte tendiert natürlich gegen Null, aber das ist bei diesem Buch völlig irrelevant. Viel zu sehr wünscht man sich als Leser, dass die vier dynamischen Ladies mit ihrer Nummer durchkommen – zumal nur eine Bank dabei geschädigt wird.

John Nivens Geschichte ist ein Roadmovie zum Lesen, Kopfkino der allerfeinsten Sorte. Wenn das Buch nicht verfilmt wird, werde ich es eben mehrfach lesen, denn alle feinen Nuancen bekommt man bei der ersten Lektüre vermutlich gar nicht mit.

Andreas Kurth, Mai 2016

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Janko zu »John Niven: Old School« 23.01.2018
JOHN NIVEN - Old School
(Heyne Hardcore)

- die Alten lassen es so richtig krachen -

Susan Forbisher ist eine rundum abgesicherte Frau in den Ausklängen ihrer Fünfziger und mit dem Langweiler und beeideten Wirtschaftsprüfer Barry verheiratet. Sie bereitet gerade Kunstblut für ihre Laienspielgruppe „Die Wroxham Players“ vor und er sich Frühstück für einen großartigen Tag. Dass ihr heute noch gründlich das Lachen vergehen wird, ahnt Susan zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ihre Freundin Julie Wickham hingegen geht einer frustrierenden, von Pisse und Bleichmittel dominierten Putztätigkeit im Altersheim nach und bewohnt eine kleine (A-)Sozialwohnung. Einst war sie jung, sexy und gut betucht. Nun ist sie keines mehr davon, denn heute ist ihr 60. Geburtstag. Das verspricht ihr Frustration pur. Ethel Merriman, noch keine Neunzig, Altersheimbewohnerin, Gelegenheitsdiebin und Hobbyrollstuhlfahrerin hat es faustdick hinter den Ohren. Nicht nur ihr vulgäres Gebärden, sondern auch ihre freche, urkomische Art machen sie einfach sympathisch und zum Knuddeln liebenswert. Jill Worth wiederum ist 67. Sie gehört ebenfalls Susans' Laienspielgruppe an. Linda ist ihre 35-jährige Tochter, die mittlerweile aussieht wie 50. Lindas Sohn Jamie ist schwer krank und nimmt sie nahezu 24/7 in Beschlag. Jamie leidet am De-Havilland-Syndrom, einer seltenen Autoimmunerkrankung die das eigene Lungengewebe angreift. Eine OP, die weltweit nur ein Team in Chicago durchführen kann, würde 60.000 Pfund verschlingen. Geld das sie beide nicht haben. Das sind natürlich alles Probleme, die nicht einfach zu handeln sind.

Die beinahe schon enthusiastisch erzählte Story des gebürtigen Schotten John Niven spielt zu Beginn in Wroxham einer kleinen Ortschaft in Norfolk, UK. Später geht es dann einmal quer durch Frankreich. Die Charaktere sind bunt ausgeschmückt, nur allzu lebhaft und des Scheiterns endgültig überdrüssig. Als sich dann auch noch ein, den Damen nur allzu bekannter Freier, einen sechzig Zentimeter langen und sechs Zentimeter im Durchmesser fassenden schwarzen Dildo von einer Domina tief in den Darm stoßen lässt, kann das nicht gut gehen...und das tut es auch nicht! (Zitat Seite 44 : "Er hatte praktisch die Größe von fünf aufeinandergestapelen Cola-Dosen). Voll schwarzen Humor erzählt Niven seine Geschichte der gescheiterten Existenzen, geläuterten Irrwege und unerreichten Ziele. Die coole Story ist zwar durchaus vorhersehbar, dennoch absolut lohnenswert und größtenteils „cozy“ geschrieben.

Das Konglomerat aus Altersheim und frustrierten, gescheiterten Existenzen an der Schwelle zum Altwerden ist sympathisch gezeichnet, was es dem Leser ein leichtes macht, empathische Gedanken für die Protagonistinnen zu hegen. Nachdem ihnen ihre allgemeine Geldnot und die damit verbundene ausweglose Situation mehr und mehr vor Augen gehalten wird, fassen die Damen einen irrwitzigen Plan. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an den 89-jährigen Nails, ein ehemaliger Liebhaber von Julie und landesweit bekannten Verbrecher a.D. Man trifft sich, findet sich sympathisch, schmiedet gemeinsame Pläne und schon kann die Sache steigen. In seinem hohen Alter ist Nails allerdings nicht immer so ganz bei der Sache, was er allerdings im denkbar ungünstigsten Moment durchblicken lässt. Und damit treten sie alle das pure Chaos los.

Eine bunt ausstaffierte Flucht vor der Polizei und ihrer eigenen Vergangenheit beginnt. Eine Flucht voller Erlebnisse und Abenteuer. Die Alten lassen sich dabei auf die falschen Leute ein und obschon sie es tunlichst vermeiden sollten, streuen sie Spuren wie ein Straßenköter mit starkem Durchfall. Den beißend scharfen Geruch der Polizei stetig im Nacken, sind die Damen ihr doch immer einen entscheidenden Schritt voraus. Die Polizisten Boscombe und Wesley sind lebensecht, vielleicht ein bisschen trottelig, aber nicht wirklich überzeichnet. Das ein solcher, natürlich nicht ganz ernst gemeinter Thriller-Plot geradezu für Übertreibungen prädestiniert ist, dürfte nicht nur dem geübten Leser nur allzu klar sein. Die äußerst humorvolle und warmherzige Story ist ansonsten herrlich schön bekloppt und gehört in jedem Fall auf die Leinwand.

Der, 1966 in Irvine, North Ayrshire im Südwesten Schottlands geborene und indes nach England übergesiedelte Autor John Niven wohnt mittlerweile in Buckinghamshire, welches nur knapp drei Auto-Stunden vom ersten Handlungsort Wroxham entfernt liegt. Er studierte bis 1991 Englische Literatur in Glasgow und war später im Marketing und als A&R Manager bei diversen Plattenfirmen (u.a. bei PolyGram) tätig. Als Manager bei London Records lehnte er im Jahre 1997 die Band COLDPLAY mit der Begründung ab, sie seien „Radiohead für Trottel“. Anfang 2002 widmete sich John Niven dem Schreiben und avancierte binnen kürzester Zeit zu einem weltbekannten Thriller- und Drehbuchautor. Sein überaus erfolgreiches Werk „Kill Your Friends“ wurde im November 2015 von Regisseur Owen Harris verfilmt. Nicholas Hoult (u.a. X-Men; Mad Max: Fury Road) spielt darin die Hauptrolle des A&R-Managers Steven Stelfox.


Meine Wertung: 85/100

Link zur Buchseite des Verlags:
https://www.randomhouse.de/Buch/Old-School/John-Niven/Heyne-Hardcore/e460314.rhd

Aus dem Englischen von Stephan Glietsch
Originaltitel: Sunshine Cruise Company
Originalverlag: Heineman
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-453-26945-3
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen: 09.11.2015

More Hard Stuff @ www.lackoflies.com
walli007 zu »John Niven: Old School« 05.02.2016
Ich bremse für niemanden

Susans Leben verläuft in geregelten Bahnen, sie ist sozial engagiert und sie hat eine Kreditkarte, für deren Deckung ihr etwas langweiliger Mann Barry zuverlässig sorgt. Ihre Freundin Julie, die als Aushilfe in einem Altenwohnheim arbeitet, hat sie manchmal etwas Mitleid. In der 87jährigen Ethel hat Julie eine Freundin gefunden, die mit ihren markigen Sprüchen für Stimmung sorgt. Jill dagegen, eher zurückhaltend, sorgt sich um ihren kleinen Enkel. Fast unmöglich scheint es, das Geld für die notwendige Operation zusammen zu kratzen. Und so plätschert die Zeit dahin, tja, bis eines Tages Barry tot aufgefunden wird und Susan nichts als Schulden hinterlässt. Susan verliert alles und wenig überraschend ist die Bank keine große Hilfe, wenn man sie wirklich einmal braucht. Doch das Leben hat die Rechnung ohne Susan und ihre Freundinnen gemacht. Die vier älteren Damen schmieden einen Plan.

Die Beschreibung der Handlung geht nicht über den eher beschaulichen Beginn dieses Romans hinaus und mehr soll auch nicht verraten werden. Wundert man sich anfänglich, wieso der Roman so viele gute Stimmen erhält, ist man am Ende sehr geneigt, reichlich Sterne funkeln zu lassen. Man stelle sich den Hörer vor, im Auto verlegen um sich blickend, nach einem lauthalsen Lachen, Juchen oder „Heilige Scheiße“ ausgerufen zu haben. Bräuchte er oder sie nicht beide Hände am Lenker, ein kräftiges auf die Schenkel klopfen wäre angesagt. Beim Hören stellt er sich vor, wie der Vorleser sich seine Figuren beim Vorlesen vorgestellt hat und ihnen schon mehr als nur eine Stimme verliehen hat. In einigen geradezu aberwitzigen Szenen gratuliert man den Damen zu ihrem Quentchen Glück, den beteiligten Polizisten zu ihren YouTube Auftritten und sich selbst dazu gerade dieses Hörbuch ausgewählt zu haben.

Unbekannt bleibt, ob das hervorragende Amüsement dem Ideenfeuerwerk des Autors zu verdanken ist oder ob nicht gar die grandiose Interpretation des Lesers Gerd Köster einen größeren Anteil daran hat. Auf alle Fälle jedoch fühlt man sich mitten im Geschehen und meint nach so manchen Knalleffekt, da kann doch keine Steigerung mehr kommen, kann sie aber doch.

Und Ethel schießt den Vogel ab. „Bollocks“
Ihr Kommentar zu Old School

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