Underground Killer von John Macken

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Breaking point, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 3 der Reuben-Maitland-Serie.

  • London: Bantam, 2009 unter dem Titel Breaking point. 331 Seiten.
  • München: Knaur, 2011. Übersetzt von Christine Gaspard. ISBN: 978-3-426-50878-7. 414 Seiten.

'Underground Killer' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In Londons U-Bahn treibt ein unberechenbarer Killer sein Unwesen. Es gibt keine Spuren, kein Motiv. Selbst die besten Ermittler tappen im Dunkeln. Nur Reuben Maitland, ehemals Chef der Forensik bei der Londoner Polizei, könnte den Täter identifizieren. Doch Reuben ist gerade gefeuert worden.

Das meint Krimi-Couch.de: »Weck den Psychopathen in dir!« 60°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Nachdem Dr. Reuben Maitland unerlaubterweise ein von ihm entwickeltes aber noch in der Erprobung befindliches Programm zur Identifizierung psychopathisch veranlagter Krimineller zum Einsatz gebracht hatte, wurde er seines Amtes als Leiter von »GeneCrime«, einer forensischen Abteilung des »Criminal Investigation Department« (CID) in London, enthoben und entlassen. Seitdem entwickelt Maitland »Psychopath Selection« privat weiter. Allerdings halten ihn seine Nachfolgerin Dr. Mina Ali sowie Detective Chief Inspector Sarah Hirst, die an seine Arbeit glauben, heimlich auf dem aktuellen Wissensstand und versorgen ihn mit Genproben potenzieller Unholde.

Ali ist es, der auffällt, dass eine eigentlich längst gelöschte Datenbank im »GeneCrime«-Speicher ihren Platz gewechselt hat und mächtig angeschwollen ist. Sie enthält Namen von Personen, die im Zusammenhang mit begangenen Verbrechen befragt wurden. Offenbar hat jemand diese Daten mit kürzlich erfolgten Gesetzesverstößen abgeglichen und dabei Maitlands Software missbraucht. Das Ergebnis ist eine Liste von Männern, die als potenzielle Psychopathen gelten müssen.

Maitland, Ali und Hirst sind alarmiert, zumal derjenige, der dies anonym und illegal tat, damit begonnen hat, diese Männer unter Druck zu setzen, um den Killer in ihnen zu wecken. Der böse Plan ging anscheinend bereits auf: In der U-Bahn von London hat ein Unbekannter damit begonnen, Fahrgäste mit Hilfe heimlich im Gedränge verabreichter Giftinjektionen zu töten.

Während unter der Bevölkerung von London, die auf die »Tube« als Transportmittel angewiesen ist, Panik ausbricht, versuchen Maitland und seine wenigen Vertrauten den unsichtbaren Gegner zu stellen. Doch wem können sie trauen? »GeneCrime« hat eine undichte Stelle, die der Drahtzieher zur systematischen »Aktivierung« weiterer Psychopathen nutzt …

Der Killer-Code im Reagenzglas

Der Psychopath und der Forensiker sind ein Dream Team des modernen Kriminalromans. Was die Hannibal Lecters der literarischen Welt in diversen Unterhaltungsmedien anrichten, wird von CSI-Spezialisten unter Nutzung modernster technischer und naturwissenschaftlicher Methoden aufgedeckt.

In der Regel geschieht dies, nachdem die böse Tat bereits geschehen und der Schurke geflüchtet ist. John Macken postuliert nunmehr eine Methode, mögliche Metzelbolde bereits lange vor dem ersten Stich auszusieben. Auf diese Idee ist er natürlich weder als einziger noch als erster Autor gekommen. In der Wissenschaft wird tatsächlich in dieser Richtung geforscht; ein Erfolg käme derzeit allerdings dem Finden des Heiligen Grals gleich.

Ist »das Böse« in den Genen angelegt? Kann es erkannt und womöglich getilgt werden? Muss man sich damit bescheiden, entsprechend vorbelastete Pechvögel unter scharfe Beobachtung zu stellen? Wie sieht es mit den ethischen Aspekten einer funktionierenden Früherkennung aus? Darf man noch unbescholtene Menschen vorsichtshalber separieren? Darf man im Interesse der potenziellen Opfer darauf verzichten?

Schon diese wenigen und eher willkürlich gestellten Fragen machen deutlich, wie brisant das Thema ist – und dass es sich für eine unterhaltsame Umsetzung als Kriminalroman förmlich anbietet. John Macken alias Professor Chris McCabe verfügt zudem über das humanbiologische Wissen, um die Realität unter Einsatz plausibel klingenden Technobabbels glaubhaft zu extrapolieren.

Kaninchen in der U-Bahn

Während die Forschung faktisch weiterhin in den Kinderschuhen steckt, lässt Macken wenigstens in der Fiktion einen Großversuch anlaufen. Auch in seiner selbst geschaffenen Welt bildet das geschriebene Gesetz die Grenze: Entsprechende Versuche am Menschen bleiben streng verboten, zumal Macken dies zum idealen Sprungbrett für seine Geschichte wird.

Verrückte Wissenschaftler teilen mit dem gemeinen Verbrecher die Eigenschaft der Ungeduld. In unserem Fall haben jene, die Reuben Maitlands Software missbrauchen, keine Lust zu warten, ob den als mögliche Psychopathen eingestuften Personen von selbst die Hirnsicherungen herausfliegen. Sie helfen nach – und dies auf eine Weise, die des Lesers Langmut trotz der damit verbundenen Spannung auf eine harte Probe stellt, denn nur dort, wo Macken die Fäden zieht, dürfte ein so krude umgesetztes Prozedere zum gewünschten Erfolg führen.

Geniale Planmäßigkeit wird hinter dem Projekt Psychopathen-Erweckung nicht erkennbar. So wie es die heimlichen Verursacher anstellen, die ihre Zielpersonen regelmäßig verprügeln, würde sich wahrscheinlich jedes Opfer in einen Wüterich verwandeln, was den Sinn des Verfahrens schon diesseits der Frage, wie dies als Geheimnis gewahrt bleiben könnte, in Frage stellt. Diese Feststellung lässt sich nicht mit dem Hinweis auf den »Action-Faktor« parieren, der dem Prügeln & Morden innewohnt. Macken selbst bedient sich der Wissenschaft mit einer Sorgfalt, die sein Plot insgesamt vermissen lässt. Die Diskrepanz ist zu groß, um unerkannt zu bleiben.

Das Labor als Hexenkessel

Glaubhaft ist Macken in der Beschreibung gruppendynamischer Prozesse. Er kennt die akademische Welt aus eigener Erfahrung und weiß deshalb, wie gründlich falsch das Bild vom Elfenbeinturm ist, der sich ruhig und erhaben über die schnöde Alltagswelt erhebt. Die Realität ist eben nicht nur Forschung zur Schaffung von Wissen, sondern ein Hauen & Stechen um begrenzte finanzielle Mittel und begehrte Posten, wie es auch in der Politik oder der Industrie üblich ist. Abhängigkeiten fügen sich gefährlich zu Charakterschwächen und schaukeln sich in unserem Fall zu einer modernen Version der Frankenstein-Tragödie auf.

Macken bleibt in dieser Hinsicht erfreulich sachlich in seinen Figurenzeichnungen. Das Instrument des (schwarzen) Humors, den schreibende Kollegen wie Reginald Hill, Ian Rankin oder Stuart MacBride belebend und ablenkend in ihre Krimi-Serien einfließen lassen, ist ihm fremd. Man vermisst es nicht, dass Wissenschaftler und Polizisten sich keinen Wettlauf um das schrägste Bonmot liefern.

Privatleben ist die Hölle

Leider meint Macken seiner Leserschaft ausführliche Einblicke in die Privatleben seiner Hauptfiguren schuldig zu sein. Wie man sich denken kann, ist vor allem Ruben Maitland ein Mann am Rande des ständigen Nervenzusammenbruchs. Schon bevor die Handlung einsetzt – Underground Killer ist der dritte Band einer Serie –, hat ihn das Schicksal gleich mehrfach niedergeknüppelt.

Um sich darüber zu informieren, ist die Kenntnis der Vorgängerbände überflüssig; Macken lässt seine Figuren ausgiebig über vergangene und gegenwärtige Seelennöte, Missverständnisse u. a. Zwischenmenschlichkeiten reden, diskutieren und streiten; kein Wunder, dass die Bände 1 und 2 hierzulande von einem Verlag veröffentlicht wurden, der sein Programm unter das Motto »Große Gefühle und Nervenkitzel für alle« stellt.

Macken-Thriller stellen eine kühl kalkulierte und auf den höchstmöglichen Verkaufserfolg getrimmte Mischung aus Krimi (für »ihn«?) und Seifenoper (für »sie«?) dar. Dieses Rezept ist keineswegs verwerflich, doch Macken gelingt es nicht, beide Fraktionen harmonisch unter einen Hut zu bringen. Seine emotional aufgeladenen Abschweifungen verärgern denjenigen Leser, der stärker die Elemente Science & Crime goutiert. Umgekehrt wirken die Konflikte, in die Macken seine Figuren verwickelt, wie von einer Liste abgehakt. Selbstverständlich wird die Hire-&-Fire-Beziehung zwischen Maitland und Sarah Hirst sorgfältig für die kommenden Bände konserviert. Und natürlich meint Macken mit einem schockierenden Finaltwist schließen zu müssen, der den Eindruck unterhaltsamer Mittelmäßigkeit, den Underground Killer trotz aller Einwände zu wahren wusste, beinahe noch verspielt.

Michael Drewniok, August 2011

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