Marionetten von John le Carré

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel A Most Wanted Man, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Hamburg, 1990 - 2009.

  • London: Hodder & Stoughton, 2008 unter dem Titel A Most Wanted Man. 366 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2008. Übersetzt von Sabine Roth und Regina Rawlinson. ISBN: 978-3-550-08756-1. 366 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2009. Übersetzt von Sabine Roth und Regina Rawlinson. ISBN: 978-3-548-28128-5. 366 Seiten.
  • Hamburg: Hamburger Abendblatt, 2010. Übersetzt von Sabine Roth und Regina Rawlinson. ISBN: 978-3939716815. 388 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2008. Gesprochen von Herbert Knaup. ISBN: 3899036190. 5 CDs.

'Marionetten' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Ein junger Moslem reist illegal über die Türkei und Dänemark nach Deutschland ein. Im Hamburger Stadtteil Altona bittet er eine türkische Familie um Hilfe. Nur langsam finden die verängstigten Gastgeber heraus, wer der Fremde ist und was er in der Hansestadt will. So beginnt John le Carrés meisterhaft komponierter Roman über unsere Gesellschaft des Verdachts nach dem 11. September 2001. In einem raffiniert gesponnenen Netz aus privaten und politischen Interessen bewegen sich seine Figuren zwischen Gewissenlosigkeit und Nächstenliebe, eiskaltem Kalkül und Gleichgültigkeit. Die Bedrohung durch den islamistischen Terror wird zur Kulisse für ein skrupelloses Spiel der Geheimdienste.

Das meint Krimi-Couch.de: »Resignative Aufklärung« 70°

Krimi-Rezension von Jochen König

 Ausnahmsweise ist die deutsche Titelgebung eines übersetzten Romans einmal annähernd so gelungen wie der Titel des Originals. Auch wenn Marionetten der hintergründige Humor der Originalausgabe fehlt, trifft er doch ins Schwarze. Denn fast alle Figuren aus John Le Carrés neuem Roman sind fremdbestimmte Charaktere, selbst diejenigen, die sich für Puppenspieler halten, werden an wenig seidenen Fäden ruppig auf die ihnen angewiesenen Positionen gezogen.

Mit Marionetten widmet sich Le Carré einem aktuellen, brisanten und gleichzeitig medial über Gebühr beanspruchtem Thema: dem Terrorismus und seiner Bekämpfung im Schatten des elften September 2001. Als Handlungsort hat er sich Hamburg ausgesucht, dort, wo eine mögliche radikale Entwicklung verschlafen, zumindest aber übersehen wurde. Und das nicht nur von deutschen Geheimdienstlern. Wurden Kader geschmiedet, während die Nachrichtendienste vor Ort – Hamburg als internationaler Umschlagplatz legalen und illegalen Gefahrengutes wimmelt nur so vor internationalen »Beobachtern« – däumchendrehend und gemeinsam Espresso schlürfend, die Planung der todbringenden Flüge gen New York verpassten.

Deshalb heißt es in den Folgejahren Augen auf! und forsch angemerkt, wenn sich terroristische Aktivitäten Richtung Fischmarkt bewegen. Hellwach werden die Dienste, als sich der junge Issa Karpow bei einer türkischen Familie einnistet. Ein 23-jajhriger tschetschenischer Moslem, dessen Fluchtroute ihn über die Türkei, Schweden und Dänemark schließlich nach Deutschland führt. Mit dem Wunsch Allah zu dienen und Medizin studieren zu dürfen. Gezeichnet von schweren Misshandlungen und diversen Gefängnisaufenthalten, bittet er die junge Anwältin Annabel Richter seine Interessen zu vertreten. Eine davon ist die Einsichtnahme in ein Schwarzgeldkonto, dass sein Vater bei einer kleinen englischen Bank unterhielt.

Tommy Brue, Erbe und Vorsitzender jener Bank, ist heilfroh, dass jenes »Lipizzaner« genannte Konto endlich vor seiner Auflösung steht. Doch so einfach ist die Sache nicht. Issa möchte keinen Nutzen aus dem verbrecherisch angehäuften Geld des Mannes ziehen, der durch eine Vergewaltigung sein Erzeuger wurde. Annabel Richter und Tommy Brue versuchen das Beste für Karpow rauszuholen, doch er bleibt standhaft. Bis die Geheimdienste anklopfen, Richter und Brue instrumentalisieren und einen Plan aushecken, Geld und Karpow auszunutzen, um Dr. Abdullah, einen möglichen Unterstützer terroristischer Aktivitäten für ihre Belange einzuspannen. Doch wie so oft, wenn mehrere Parteien an ein und demselben Spiel beteiligt sind, macht man sich schon mal gegenseitig Striche durch die Rechnung. Das ziemlich abrupte Ende des Romans ist ein einziger Strich, bzw. Fragezeichen.

Obwohl etliche Agenten seinen Roman bevölkern, ist Le Carré weit davon entfernt, eine Jason Bourne oder gar James Bond-Paraphrase zu schreiben. Man kann es mutig oder Manko nennen: Marionetten bietet kein Personal zur Identifikation an. Ob Geheimdienstmitarbeiter oder mutmaßlicher Terrorist, sämtliche Personen schwimmen im Ungefähren, bieten wenig greifbares, das sie als nachvollziehbare Identifikationsfiguren zulässt. Issa Karpow ist ein getriebener Simpel, eine unbedarfte Figur, die Schlimmes erfahren hat, naive Träume von einem »normalen« Leben träumt, gleichzeitig aber zum Zielsubjekt politischer Interessen wird.

Le Carré lässt offen, bis über das Ende hinaus, ob Issa tatsächlich tiefergehende Verbindungen zu radikalen Islamisten besitzt, oder ob er nur ein unbedarfter Tor ist, den das räudige Schicksal in eine hochtourige Schleudertrommel geschickt hat. Dass er an die vom Willen her redlichen Annabel Richter und Tommy Brue gerät, ist Segen und Fluch zugleich. Je mehr die beiden sich bemühen ihn zu retten, um so mehr leiten sie seinen Untergang ein. Denn beide, ambitioniert und idealistisch zugleich, lassen sich in Windeseile von den jeweiligen Geheimdiensten zu willfährigen Handlangern ummodeln.

Dass am Ende alles anders kommt als geplant, geradezu die platteste Lösung zum Ausweg eines schwärenden Konfliktes gewählt wird, ist anerkennenswert und Schwachpunkt. Einfallslos oder realitätsnah – der Text lässt beide Schlüsse zu. Hier sind keine Superhirne unterwegs, sondern durchschnittliche Beamte, die sich in langwierigen Absprachen mit anderen Beamten ihr Weltbild zurecht zimmern. Menschliche Attribute, Sehnsüchte und Verfehlungen werden politisiert, zu Markierungspunkten auf der imaginären Kladde eines Verwaltungsangestellten.

Leider führt das dazu, dass sich Marionetten jeder herkömmlichen Spannungsdramaturgie entzieht. Negativ ausgedrückt: die ersten 250 Seiten des Romans passiert wenig bis gar nichts, außer, dass sich die Protagonisten über die eigene Stellung und ihre jeweiligen Befindlichkeiten klar zu werden versuchen. Issa Karpow ist dabei die Bruchstelle, an der sich sowohl seine Verteidiger wie seine Gegner zu positionieren versuchen. Da er aber alles andere als ein charismatischer und leicht fassbarer Charakter ist, muss der geneigte Leser eine Menge Geduld und Abstraktionsvermögen mitbringen, um nicht Lust und Faden zu verlieren. Die latente Unsicherheit, die Gefahr plötzlich zum Spielball widerstreitender Mächte zu werden, prägt den Roman zwar offensichtlich, wirkt aber nicht sonderlich beklemmend, da die Figuren seltsam kalt lasen. Was um so verwunderlicher ist, da der Roman sprachlich weitgehend ein Genuss ist. Möglicherweise ist Le Carré sogar ein zu eleganter Autor, um den Schmutz, den die verzweifelt nach Feindbildern suchenden Geheimdienste aufwirbeln, sichtbar zu machen. Zur Groteske fehlt ihm leider die nötige exaltierte Ironie.

In einem anderen Punkt ist Marionetten wesentlich treffender. Denn neben der Terroristenhatz, handelt der Roman von Söhnen und Töchtern und den problematischen Beziehungen zu ihren Eltern (vorzugsweise Vätern). Während Issa seinen Erzeuger aus berechtigten Gründen abgrundtief hasst, versuchen sowohl die noch recht junge Annabel Richter, wie der 60-jährige Tommy Brue ihren Vätern zu gefallen und sich gleichzeitig abzunabeln. Hier weist Le Carré auch das ironische Geschick auf, das ihm vorher fehlte: Brues Vater ist immerhin schon einige Jahre tot. Sein Schatten schwebt aber immer noch über dem armen Tommy und sei es in der Gestalt seiner Sekretärin »Frau Elli«, die er vom Vater übernommen hat. Obwohl sich Annabel und Tommy erst sperren, sind beide höchst erleichtert, als eine staatliche Institution sie bei der Hand nimmt und ihnen diese Abnabelung erleichtert. Natürlich nur, um sie durch andere Abhängigkeiten zu ersetzen.

Hier, wie in der schwärmerischen Beziehung Brues zu Annabel, gelingen Le Carré hervorragende Passagen, die die schleichende Unterwanderung des Privaten durch repressive Staatsorgane eindringlich schildern. Als Spannungsthriller, bis auf den kurzen Showdown zum Finale, kaum zu gebrauchen, hat Marionetten durchaus seine Meriten als resignativer Aufklärungsroman.

Jochen König, Dezember 2008

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dieter47 zu »John le Carré: Marionetten« 07.09.2014
Dass John le Carré als früherer Mitarbeiter exzellente Einblicke in die Arbeitsweise und die Intrigen britischer Geheimdienste besitzt, ist unbestritten - dies macht den Reiz seiner Smiley-Romane und noch des "Nacht-Managers" aus. Ob das "Innenleben" deutscher Geheimdienste wirklich so ausseht wie hier dargestellt, darf man sehr bezweifeln. Sterneskud weist völlig zu Recht darauf hin, dass deutsche Geheimdienste schwerlich eine Rechtsanwältin gewaltsam entführen und zu ihrer Agentin pressen würden (jedenfalls nicht mit Zustimmung der"Zentrale"in Berlin). Le Carré sollte also besser weiter die britischen Nachrichtendienste zum Thema machen.
Jossele zu »John le Carré: Marionetten« 11.03.2014
Wieder im Grunde ein brillanter Roman von John Le Carré über das Wirken der Geheimdienste. Sehr plausibel und spannend in einer wunderschönen Sprache wird erzählt, wie Geheimdienste sich andere Menschen dienstbar machen und dabei das Ganze Programm auffahren: Lob, Geld, Drohung etc. Allerdings fällt das Ende stark ab und damit meine ich nicht, dass es dann anders kommt, wie zuvor mit allen Beteiligten abgesprochen. Diesem Ende mangelt es an einer Begründung, wieso das plötzlich so passiert und nicht anders. Da hätten ein paar Seiten mehr mit einer plausiblen Aufklärung noch gut getan. Deshalb nur 70°
stjerneskud zu »John le Carré: Marionetten« 03.05.2009
Leben in Hamburg nach dem 11. September 2001

Issa Karpow, ein Tschechene, reist illegal über Dänemark nach Deutschland ein, mit der Freien und Hansestadt Hamburg als Ziel. Mehrere Tage lang heftet er sich an die Fersen des zwanzigjährigen Meliks, aber erst am Ende der Woche folgt Issa ihm bis zu seinem Elternhaus und hält dort Melik ein Pappschild entgegen. Seiner Mutter Leyla, die aus der Türkei stammen und sich gemeinsam mit Melik um die deutsche Staatsbürgerschaft bewirbt, hat Mitleid mit Issa und gewährt ihm Unterschlupf in ihrem Haus. Schließlich wird Annabelle Richter vom Fluchthafen Hamburg, die illegale Einwanderer juristisch betreuen, eingeschaltet. Sie wiederum nimmt Kontakt zu Tommy Brue auf, der Issa zu dem Erbe seines Vaters verhelfen kann. Issas Aufenthalt in Hamburg zieht weite Kreise.

Ich hatte bislang keinen von John le Carrés Romanen gelesen und wusste auch jetzt nicht worauf ich mich da eigentlich einlasse. Anfangs las sich die Geschichte noch gut, obwohl sie etwas Aberwitziges an sich hatte, aber später tat ich mich schwer damit und ich konnte nicht übermäßig viel mit ihr anfangen.

Ich konnte nicht einschätzen, in weit es der Realität in Deutschland entspricht, dass man eine Anwältin auf Schritt und Tritt verfolgen darf, ihr droht, sie gegen ihren Willen zu einem Lockvogel macht und sie ihren Mandanten verraten soll. Zum Ende hin wurde es für mich immer verworrener, ich kam mit den Namen durcheinander, konnte mich oftmals nicht mehr daran erinnern, wer wer ist, wer zu wem gehört und was für ein abgekatertes Spiel die Spezialeinheiten und Geheimdienste spielten. Für mich hätten noch ein paar offene Fragen beantwortet werden müssen.

Für die Figur des Issa konnte ich keine rechte Sympathie empfinden. Möglicherweise lag es daran, dass aus seiner Sicht die Geschichte nie erzählt wurde und man somit in Issas Gedankenwelt keinen Einblick erhält. Ich wusste nichts so recht mit ihm anzufangen und was er wirklich für einer ist. Vielleicht hätte er einfach in Schweden bleiben sollen, denn es ist doch utopisch glauben zu können, dass ihm jemand einfach so einen Medizinplatz verschaffen könnte, wenn viele andere junge Menschen diesen Berufswunsch haben und sich um einen Studienplatz bewerben, aber eine Absage erhalten. Am wenigsten mochte ich seine Denkweise Annabels betreffend, dass er sie einfach wie ein Stück Vieh auf einem Markt, in seinen Besitz bringen kann, ihr seine Kultur und seine Religion aufzwingt und sie nur noch das tun muss, was ihr der (Ehe-)Mann vorschreibt.

Es war kein Buch für mich, aber jemand anderer könnte seinen Gefallen daran finden.
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Bettina zu »John le Carré: Marionetten« 26.03.2009
Der Tschetschene Issa Karpow kommt illegal nach Deutschland und will sich in Hamburg eine Zukunft aufbauen. Dabei helfen könnte ihm eine Menge Geld aus dem Erbe seines Vaters, dass er aber nicht annehmen möchte. Dennoch baut er den Kontakt zu Tommy Brue, dem verwaltenden britischen Bankier auf; ihm zur Seite steht die Juristin Annabel Richter, die sich bei einer Flüchtlingsorganisation engagiert und ihm einen legalen Aufenthaltsstatus ermöglichen will. Issa steht allerdings auf der Liste terrorverdächtiger Personen und so geraten sowohl Annabel als auch Tommy schnell ins Visier der Geheimdienste, die Issa mit allen Mitteln in die Finger bekommen wollen.

Geschickt stellt LeCarré von Beginn an fast alle "Fakten" rund um Issa in Frage. Immer wieder werden Zweifel an der Version gestreut, die Issa über seine Vergangenheit zum Besten gibt. Ist Issa der potenzielle Terrorist, zu dem die Geheimdienste ihn machen? Ist er ein Flüchtling, der ein übles Schicksal erlitten hat? Oder ist er ein junger Mann, der mit der Vergangenheit seines Vaters nicht zurecht kommt? Oder ist Issa etwas ganz anderes? Sehr vielsagend lässt der britische Geheimdienst Tommy Brue wissen, dass in der Vergangenheit bereits mehrfach mit unterschiedlichen Wahrheiten operiert worden ist und gerade so geht es weiter. Das Stichwort "Terrorismus" ist nach 9/11 ein probates Mittel, um harmlose Beteiligte gefügig in einen Tanz zu ziehen, bei dem es eigentlich schlicht um Geldwäsche und Korruption zu gehen scheint.

Wer sich diesen LeCarré aussucht, weil er mit dem Namen Spannung und Action verbindet, sollte sich ein anderes Buch suchen. Spannung bietet das Buch nur, wenn man geduldig einer Art Schachspiel zuschauen kann, bei dem mehrere Parteien ihre Figuren strategisch zu setzen versuchen, bei dem man als Leser lange im Dunkeln tappt und die Beweggründe und Hintergründe innerhalb der Handlungsstränge lange weder als Wahrheit oder Lüge identifizierbar sind. Für mich war dieses Buch interessant, weil es Einblick in das Geschäft hinter den Kulissen gibt. Keine Frage, dass sich irgendwann auch Amerikaner an der Hatz beteiligen und keine Frage, dass LeCarré von ihnen genau das Bild zeichnet, das man in diesem Zusammenhang erwartet: Letzten Endes waren so ziemlich alle Beteiligten bloß Marionetten ...
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sassenach zu »John le Carré: Marionetten« 18.03.2009
Wanted: Spannung!

John le Carrés neuster Roman „Marionetten“ spielt in Hamburg, das deutlich von den Folgen der Attentate des 11. September 2001 geprägt ist. Hamburg wurde nicht zufällig als Schauplatz ausgewählt, sondern weil dort zeitweise einige der Attentäter lebten.
In John le Carrés Hamburg leben der türkische Sportler Melik und seine Mutter Leyla, die engagierte Anwältin Annabel Richter und der schottische Bankier Tommy Brue sowie Issa, ein Tschetschene, der illegal über Schweden und Dänemark nach Deutschland kam. Issa taucht plötzlich in Meliks Leben auf und nistet sich auch bei ihm zu Hause ein, weil Meliks Mutter hat Mitleid mit dem offensichtlich körperlich und geistig kranken Issa hat.
Issa ist jedoch bei verschiedenen Geheimdiensten kein unbeschriebenes Blatt und wird als islamischer Terrorist gesucht. Sein Vater soll ein vermögender Osteuropäer sein, der bei dem Vater von Tommy Brue ein Schwarzgeldkonto angelegt hatte. Tommy Brue und Annabel Richter sollen ihm eine Aufenthaltsgenehmigung und einen Studienplatz organisieren.

Als die verschiedenen Geheimdienste und der Verfassungsschutz ins Geschehen eingreifen, wird die meiner Meinung nach ohnehin schon sehr konstruierte Grundidee überstrapaziert. Bis zum Ende wird nicht deutlich, wer die Fäden zieht. Spätestens ab der Mitte des Buches hätte ich jedoch auf sehr verknotete Fäden getippt, so verworren wird die Handlung. Issa ist für mich eine unglaubwürdige Figur und auch die anderen Hauptfiguren wirken eher wie Karikaturen.

John le Carré hat sehr gründlich für diesen Roman recherchiert und seine eigenen Erfahrungen als ehemaliger Geheimagent des britischen Geheimdienstes eingebracht. Das Ergebnis ist leider eine überladene und unglaubwürdige Geschichte, die viel zu spät auf den Markt kommt. In den sieben Jahre seit den Anschlägen in den USA habe ich so viel darüber gehört und gelesen, dass mich „Marionetten“ nicht fesseln konnte.

Fazit: Gute Idee, langweilige Umsetzung und Jahre zu spät veröffentlicht. Vielleicht ist das Buch in ein paar Jahren wieder interessant, wenn eine jüngere Lesergeneration erfahren möchte, welche Auswirkungen die Attentate hatten und wie Geheimdienste arbeiteten.
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villawiebke zu »John le Carré: Marionetten« 10.03.2009
Gefangen im Spiel der Geheimdienste

Hamburg nach dem 11.09.2001. Issa, ein tschetschenischer Flüchtling, hält sich illegal in Deutschland auf und bittet eine ihm unbekannte türkische Familie um Hilfe. Melik, der Sohn der Familie, ist von der Bitte des Fremden völlig irritiert und versucht ihn abzuweisen. Seine Bemühungen sind nicht von Erfolg gekrönt, da seine Mutter Leyla Mitleid mit dem Schwerkranken hegt und so verstecken sie ihn gemeinsam in ihrer Wohnung. Was sie zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht ahnen können, der unbekannte Fremde ist kein unbeschriebenes Blatt mehr.

Im Verlaufe des Geschehens übernimmt die Anwältin Annabel Richter, die für eine Hamburger Hilfsorganisation tätig ist, die rechtliche Unterstützung für Issa. Von Zweifeln geplagt, versucht sie bei Issa alles richtig zu machen. Denn schon einmal hat sie einen Mandanten verloren, der trotz ihrer Unterstützung abgeschoben wurde. Voller Engagement hängt sie sich in die Sache rein, bis auch sie zur Zielperson des Verfassungsschutzes wird und mit ihnen zusammenzuarbeiten muss.

Weitere Hilfe erfährt Issa durch den Bankier Tommy Brue, der nach anfänglicher Skepsis Issa seine volle Unterstützung gewährt. Als Besitzer einer Privatbank verwaltet er das Erbe des Flüchtlings, schmutziges Geld aus Russland, angelegt vor Jahren noch von seinem Vater auf einem so genannten Lippizanerkonto. Sein Interesse an Issa besteht vorrangig darin, sich der Altlasten seines Vaters zu entledigen und die Bank von ihnen zu säubern.

All diese Geschehnisse werden zunächst unbemerkt, später aber offensichtlich, von verschiedensten Organisationen, ob nun Verfassungsschutz oder Geheimdienste überwacht und als diese ihre Chance wittern, über Issa an einen noch größeren Fisch heranzukommen, schlagen diese erbarmungslos zu. Alle Skrupel werden dabei über den Haufen geworfen und zurück bleiben letztendlich nur die Opfer. Und Opfer sind sie alle in diesem Spiel.

Der Autor John le Carre, selbst ein Ex-Agent des britischen Geheimdienstes profitiert von seinem Wissen und den Erfahrungen in dieser Branche, die er gezielt in seinen Romanen einsetzt. Sprachlich recht anspruchsvoll unter Bezugnahme einzelner, sehr relitätsnah umgesetzter Charaktere versteht er es, den Leser stellenweise gut zu fesseln. Leider stolpert dieser aber immer wieder über langatmige Passagen oder Protagonisten, denen es einfach am nötigen Tiefgang fehlt und die dadurch zunehmend blass erscheinen.

Das Thema des Buches ist sehr aktuell gewählt. Die Auseinandersetzung mit moralischen Grundsätzen unserer heutigen Zeit wird aus verschiedenen Positionen heraus verarbeitet, so dass der Leser während des Lesens gezwungen ist, des Öfteren nachdenklich einzuhalten. Alles in allem, ein gut gewählter Stoff. Und trotzdem konnte mich dieser Roman insgesamt nicht so richtig überzeugen. Es bleibt das Gefühl, dass der Autor durch das Buch einen Weg gefunden hat, seine Wut und die Unfähigkeit, Dinge verändern zu können, verarbeitet. Man selbst als Leser bleibt aber ziemlich unzufrieden zurück.
subechto zu »John le Carré: Marionetten« 10.02.2009
Habe früher schon viel von John le Carré verschlungen: i.d.R. Spionage.

Auch dieses Buch hat mir sehr gut gefallen! Mal was anderes, nicht immer nur Serienkiller. Ein sehr aktueller, intelligenter, politischer = anspruchvoller Thriller, ein wichtiges Buch.

Mit dem Thema Terrorismus und Muslime, noch dazu "hier" in Hamburg. Und dass CIA und die Amerikaner nicht so gut wegkommen, finde ich mutig.

Der Autor hat sich weiter entwickelt: kann ich nur wärmstens empfehlen...
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Pela zu »John le Carré: Marionetten« 09.02.2009
Ein anspruchsvolles Buch, das der Meister da vorgelegt hat. Zweifellos gut recherchiert mit einem feinen Sinn für Menschen mit muslimischen Migrationshintergrund in Deutschland auf der einen und der Naivität vieler "Multi-Kulti-ist-toll"-Menschenrechtler wie der Anwältin Annabel Richter auf der anderen Seite. Doch einen wirklich spannenden Roman ergibt das noch nicht. Stattdessen spricht wieder einmal John Le Carrés Zorn auf die undurchdringliche, menschenfeindliche und sich stets selbst auf den Füßen herumstehende Geheimdiensterei aus dem Buch.und das Ende trifft den Leser so überraschend wie unerwartet.
Nicole W. zu »John le Carré: Marionetten« 12.01.2009
Die Idee, ein Buch zu schreiben über unsere Gesellschaft, wie sie sich nach den Ereignissen des 11. Septembers verändert hat, fand ich gut. Die Umsetzung in Form von John le Carrés "Marionetten" lässt meiner Ansicht nach allerdings zu wünschen übrig.

In "Marionetten" geht es um Issa, einen jungen Tschetschenen, der illegal über Schweden nach Deutschland kommt und sofort in den Focus diverser Geheimdienste und anderer Organisationen kommt.
Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt, erfährt der Leser immer direkt die doch sehr unterschiedlichen Aufassungen der diversen Protagonisten. Einen Überblick über die gesamte Situation hat tatsächlich niemand, denn in die Karten schauen lässt sich keine Organisation, geredet wird nie Klartext und jeder glaubt von sich selbst alle Fäden selbst zu spinnen und über alles informiert zu sein. Der Leser weiß allerdings, dass bis zum Ende niemand wirklich weiß, was überhaupt gespielt wird und wer da nach wessen Pfeife tanzt.

Sprachlich recht anspruchsvoll und nicht für Zwischendurch weiß le Carré sich gut auszudrücken. Allerdings konnten mich alle Charaktere zu keiner Zeit überzeugen und ich fragte mich tatsächlich das ganze Buch über, was denn nun die Intention überhaupt ist, so zu handeln wie die Protagonisten handeln. Obwohl die ganze Geschichte recht ausschweifend erzählt wird fehlte mir Tiefe an allen Ecken und Enden, sowohl bei Handlung als auch bei den Charakteren.

Insgesamt konnte mich dieser Roman leider überhaupt nicht überzeugen, denn außer vielen Vorurteilen und diversen Einblicken in Geheimdienstorganisationen, die man sich so nicht vorstellen kann, konnte ich diesem Buch leider nichts entnehmen.
vöglein zu »John le Carré: Marionetten« 05.01.2009
Gemischte Gefühle.
Ausgerechnet das weltoffene Hamburg diente als Schauplatz der Attentäter des 11. September. Der Tschetschene Issa Kapow reist illegal über Schweden nach Hamburg. Er versteckt sich zunächst bei der türkischen Familie Melik und Leyla bis er in der Juristin Annabel eine Verbündete findet, die ihn erstmal versteckt. Aber.verdächtige Muslime wie z.Bsp. Issa geraten ins Fadenkreuz der Behörden. Egal ob BKA, BND oder andere geheime Spezialeinheiten, jeder mißtraut jedem und das große Tauziehen geht los. Schnell ist man mitten im Geschehen. Die Personen sind gut dargestellt und man hat das Gefühl man hätte sie schonmal irgendwo gesehen. Bei Issa wußte ich nie so genau was ich von ihm halten sollte.ist er jetzt ein "Böser" oder eigentlich doch nur ein ganz harmloses "Kerlchen"? Die ersten 2/3 des Buches fand ich dann auch ganz spannend und interessant, leider bricht dann irgendwo der rote Faden und es wird undurchsichtig und es zieht sich dann m.E. auch ziemlich zäh dahin. Leider bleibt auch am Ende alles offen und es bleiben vielen offen Fragen . Insgesamt ein Buch, das ich mit gemischten Gefühlen zur Seite lege und erstmal nachwirken lasse.

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