Das Fleisch ist schwach von John Harvey

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1996 unter dem Titel Easy meat, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 8 der Charlie-Resnick-Serie.

  • London: Heinemann, 1996 unter dem Titel Easy meat. 338 Seiten.
  • München: dtv, 2011. Übersetzt von Sophie Kreutzfeld. ISBN: 978-3423212793. 432 Seiten.

'Das Fleisch ist schwach' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Den brutalen Raubüberfall auf ein älteres Ehepaar hätte Charlie Resnick dem 15-jährigen Nicky nie zugetraut. Jetzt muss der Junge bis zu seinem Prozess in ein geschlossenes Heim. Eines Morgens findet man ihn erhängt in der Dusche. Selbstmord, wie behauptet wird? Kurz darauf wird der ermittelnde Inspektor Bill Aston erschlagen aufgefunden. Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden Toten? Unmittelbar vor seiner Ermordung hatte Aston ein langes Telefonat mit Elizabeth Peck geführt, jener Heimmitarbeiterin, die in Nickys Todesnacht Wachdienst hatte.

Das meint Krimi-Couch.de: »Between the Devil and the Deep Blue Sea« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Easy Meat stammt aus dem Jahr 1996 und ist 2011 erstmalig unter dem Titel Das Fleisch ist schwach auf Deutsch erschienen. Es fällt ganz schön schwer, bei all diesen Neu- und Wiederveröffentlichungen (gerne mit verändertem Titel), den Überblick über die Charlie-Resnick-Reihe zu behalten. Der vorliegende Roman ist der achte der Serie; drei weitere werden noch folgen sowie ein Band mit Kurzgeschichten. Wobei zwischen dem zehnten und dem elften Buch ein ganzes Jahrzehnt liegt.

Doch jetzt sind Charlie Resnick und sein Team Mitte der Neunziger unterwegs. Und wie so oft bleibt zu konstatieren: viel hat sich seit damals nicht verändert. Schon gar nicht zum Besseren.

Nicky, der jüngste Spross von Norma Snape, lügt, schwänzt die Schule und stiehlt. Er ist so auffällig, dass ihm die Nachbarschaft mit Molotowcocktails Respekt vor fremdem Eigentum beizubringen versucht. Doch außer einigen Brandnarben zeigt die radikale Erziehungsmethode keine Wirkung. Trotzdem hätte dem Fünzehnjährigen niemand einen Einbruch zugetraut, in dessen Folge der Junge die Hausbesitzer, ein älteres Ehepaar, mit brutaler Gewalt fast zu Tode prügelt. Doch die Beweise sind erdrückend und Detective Inspector Charlie Resnick, der Norma und ihre Familie gut kennt, bleibt nichts übrig als Nicky festzunehmen. Bis zu seiner Verhandlung wird er in einem staatlichen Heim untergebracht. Wenige Tage später begeht Nicky in dem geschlossenen Heim Selbstmord. Resnick ist erschüttert, bleibt den Ermittlungen aber erst einmal außen vor. Doch nur so lange, bis Bill Alston, der untersuchende Beamte, erschlagen in einem Park aufgefunden wird. Für Charlie Resnick und seine Mitarbeiter stellt sich die Frage: hängt sein Tod mit dem Nickys zusammen, ist er zufällig zum Ziel eines Raubüberfalls geworden, oder fiel er einer Racheaktion, bzw. dem Wüten rechtsextremer Hooligans zum Opfer? Oder steckte von allem etwas hinter dem erbarmungslosen Totschlag?

Gewalt erzeugt immer wieder neue Gewalt. Manchmal richtet sie sich gegen ihre Verursacher, manchmal gegen zufällig Anwesende, manchmal gegen auserkorene Gegner. Die falsche Hautfarbe, die falsche (politische) Überzeugung, der falsche Ort, die falsche Zeit. Gewalt ist kein Konstrukt einer überbordenden Phantasie, die Straftäter dort verortet, wo soziopathische Gelüste befriedigt werden wollen. In John Harveys Büchern ist die Präsenz von Gewalt fester Bestandteil gesellschaftlicher Strukturen. So fokussiert er deren Entstehung und Auswirkungen im vorliegenden Roman auf die Familie Snape und ihr Umfeld. Mutter Norma ist zwar bemüht, doch das beste Beispiel dafür, dass man sein eigenes Leben nicht unbedingt von Beginn an beherrscht, sondern lernen muss. Kinder von unterschiedlichen Vätern, viel zu früh bekommen, sitzen gelassen, hausend zwischen miesen Jobs, Langeweile, Fernsehen, Verzweiflung und dem Versuch das Familienleben halbwegs auf die Reihe zu bekommen. Unbeholfene Zuneigung allein reicht nicht. Vor allem, wenn die kriminellen Verlockungen und Verstrickungen zum naheliegenden Alltag gehören.

Zwar gibt es Pendants wie die engagierte Lehrerin Hannah Campbell oder Charlie Resnick, die sich im Laufe des Buches fast zwangsläufig näherkommen. Doch müssen beide anerkennen, dass sie bestenfalls die Auswirkungen der sich beständig drehenden Gewaltspirale marginal bekämpfen können, aber gegen die tiefsitzenden Ursachen nichts auszurichten vermögen. Im dunklen Kinosaal (Hannah) und beim kontemplativen Jazzgenuss (Charlie) schaffen sie sich ihre Enklaven, in denen die Möglichkeiten diese Welt zu einem besseren Ort werden zu lassen, rosiger aussehen. Doch sobald das Licht wieder angeht und der Plattenarm sich hebt, ist die Realität genauso düster und limitiert wie zuvor.

Konsequenterweise finden sich Dummheit, Gewalt, falscher Stolz und Vorurteile nicht nur in Bereichen sozialer Benachteiligung. Besonders staatliche Einrichtungen stehen kaum besser da. Hier führt blindes Bestreben, dem äußeren Schein zu genügen sowie die mentale Verbrüderung mit dem Stumpfsinn, der die Überlegenheit der eigenen Rasse und eine normgerechte Sexualität propagiert, zum Nährboden für weitere Gewalt und Ungerechtigkeit. Glücklicherweise haben Resnick und sein Team wenigstens im »staatstragenden« Umfeld die Chance, geschehenes Unrecht zu sühnen. Selbst mit homophoben Rassisten in den eigenen Reihen.

Doch obwohl Schuldige überführt und Mörder gefasst werden, Hannah und Charlie eine zaghaft gemeinsame Chance bekommen, bleibt ein schales Gefühl zurück. Zuviel ist verloren gegangen, wurde zerstört oder hatte nie die Möglichkeit zu wachsen. Kein Händchen halten beim Spaziergang im nachmittäglichen Sonnenschein; stattdessen eine kleine, fiese und folgerichtige Pointe zum Schluss. Kein aufgesetzter Gag, sondern ein radikaler Rap mit scharfem Blick serviert.

Das Fleisch ist schwach zeigt Menschen auf der Suche. In den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Nach der eigenen Sexualität, den Fehlern der Vergangenheit, Liebe, Geborgenheit, dem Lebenssinn oder auch bloß nach dem einen, klaren Gedanken, der einen morgens aufstehen lässt. Mancher findet, egal wonach er Ausschau hält, Gewalt am Ende des Regenbogens. Und mutiert schneller vom Täter zum Opfer, als er den Baseballschläger heben kann.

Engagiert und eindringlich geschrieben, ist Das Fleisch ist schwach kein bequemes Buch, das pauschale Lösungen parat hat. Nur ein paar Menschen die sich die Fähigkeit zum Mitleiden und Respekt vorm Nächsten bewahrt haben. Mehr sitzt kaum drin. 1996 nicht und heute schon gar nicht.

Jochen König, Juni 2011

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