Mord am Netz von John Dickson Carr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1939 unter dem Titel The Problem of the Wire Cage, deutsche Ausgabe erstmals 1941 bei A. Müller.
Folge 11 der Dr.-Gideon-Fell-Serie.

  • New York; London: Harper, 1939 unter dem Titel The Problem of the Wire Cage. 296 Seiten.
  • Rüschlikon: A. Müller, 1941. Übersetzt von Rudolf Hochglend.
  • Bern; Stuttgart; Wien: Scherz, 1962 Tennisspieler und Seilakrobaten. Übersetzt von Karl Hellwig. 190 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1969. Übersetzt von Rudolf Hochglend. 155 Seiten.

'Mord am Netz' ist erschienen als

Das meint Krimi-Couch.de: »Sport ist Mord nach Eifersucht« 65°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Die uralte Geschichte einer unglücklichen Liebe entspinnt sich dieses Mal auf dem Landsitz des reichen Dr. Nicholas Young. Jim Rowland, ein junger, redlicher Anwalt, aber leider auch ein Habenichts, hat sich unsterblich in des Doktors Mündel, die junge, natürlich schöne Brenda Scott verguckt. Allerdings war Frank Dorrance, ein arroganter Widerling, dem gerade ein reiches Erbe in den Schoß fiel, in der Minne etwas schneller. Brenda, deren Jugend recht trostlos verlief, bevor sie Young, ein alter Freund der Familie, bei sich aufnahm, kann der Verlockung des Geldes bzw. der Sicherheit, die es verheisst, nicht widerstehen, was den braven Jim zur Weissglut bringt. Die weiss Frank oft und gern zu schüren, denn er verfolgt die inbrünstige, aber vergebliche Werbung mit Hohn und Spott. Unter Gentlemen wahrt man indes die Form, und so verabreden sich die Rivalen und die Umworbene zum Tennisspiel. Das gemischte Doppel komplettiert die nicht mehr ganz so junge Kitty Wilcroft, deren Gatte vor Jahren unter etwas mysteriösen Umständen sein Ende fand.

Nach dem Spiel bricht erneut Streit zwischen Frank und Jim aus, was dieser bald bereuen wird. Dabei schwebt er zunächst auf Wolke Nr. 7: Brenda gesteht ihm nämlich, dass sie nun doch ihrem Herzen und nicht Frank Börse folgen wird. Leider wird die Freude zunichte gemacht, als Jim seine Holde beim Tennisnetz über die Leiche des Rivalen gebeugt findet, der sehr offensichtlich erdrosselt wurde. Nur zwei Spuren führen zum Ort der Untat: Franks – und eben Brendas, obwohl diese ihre Unschuld beteuert und Jim ihr natürlich Glauben schenkt. Bloß: Wird die Polizei ebenso vertrauensvoll sein? Davon sind die neuerdings Liebenden nicht überzeugt, und so beschließen sie, Brendas Spuren zu verwischen, um so den Anschein zu erwecken, sie habe sich dem Opfer nie genähert.

Wie das so üblich ist in solchen Situationen, geht sogleich alles schrecklich schief. Jim und Brenda werden beim dilettantischen Indizienfrisieren ertappt, was sie selbstverständlich erst recht verdächtig macht. Oberinspektor Hadley müht sich redlich, die verworrenen Spuren zu deuten. Glücklicherweise unterstützt ihn ein alter Freund, der Privatgelehrte und Amateurdetektiv Dr. Gideon Fell, der ihn schon oft in rätselhaften Fällen beraten hat. Auch dieses Mal denkt sich Fell seinen Teil, aber er sammelt still und heimlich seine Beweise, mit denen er die Verdächtigen schliesslich konfrontieren wird.

Dreh- und Angelpunkt der Ermittlungen bildet die Frage, wie Frank eigentlich umgebracht wurde. War es niemand der Anwesenden, kann es nach den Spuren (bzw. deren Fehlen) eigentlich nur ein Artist gewesen sein. Siehe da, es wäre möglich: Der fiese Frank hatte seine Braut mit einem schönen Mannequin betrogen und dieses dann schnöde sitzen lassen, was die Dame in einen Selbstmordversuch und ihren gehörnten Bräutigam zu wüsten Drohungen trieb. Dieser Arthur Chandler ist ein berühmter Trapezkünstler, der fast des Fliegens fähig scheint – und er war am Tatort, wie sich herausstellt …

Zum elften Mal ernennt sich Gideon zum Fell zum Werkzeug der Gerechtigkeit. Wer ihn kennt, weiss genau, dass man dies so pompös ausdrücken kann und muss, denn Fell liebt große Auftritte, wenn er ist ist, der sie absolvieren kann. Einen möglichst verzwickten Mord aufzuklären u n d in einem großen Finale dem Täter die Maske vom Gesicht zu reissen, ist ihm das Liebste auf der Welt.

Und die Gelegenheit wird ihm oft (23 Mal, um präzise zu sein) geboten, ist doch sein geistiger Vater John Dickson Carr (1906-1977) der Großmeister des eigentlich unmöglichen Mordes im verschlossenen oder sonstwie eigentlich unzugänglichen Raum. Dieses Mal spielt der Verfasser mit den Regeln des Genres, indem er die Bluttat an einem allseits zugänglichen Ort geschehen lässt – und trotzdem eine Einmischung von Aussen für unmöglich erklärt. Aber auch sonst variiert Carr seinen Lieblingsplot, der in der Tat schon 1939 manchmal allzu oft und schematisch daherkam. Dr. Fell taucht erst sehr spät in der Handlung auf. Als er dann zu spüren beginnt, sind wir Leser ihm zunächst ein gutes Stück voraus: Wir wissen, dass die Spuren, die Polizei und Detektiv vorfinden, zu einem Gutteil manipuliert wurden. Dies wurde von Carr ebenso kundig wie unterhaltsam geschildert. Die Tücke des Objekts ist es, die nicht nur Mörder, sondern auch womöglich Unschuldige in arge Nöte bringen kann. Statt den Ermittlern einen wunschgemäß präparierten Tatort zu präsentieren, haben Jim und Brenda die Beweise heillos und endgültig verwirrt. Das gereicht ihnen zunächst hauptsächlich zum eigenen Nachteil, aber da ist ja glücklicherweise noch Dr. Fell, der unter solchen Umständen erst recht zur Höchstform aufläuft.

Wie er nunmehr die Fäden entwirrt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden; Carr zieht wieder einmal alle Register, um wider alle Wahrscheinlichkeit (und obwohl er fair alle echten und falschen Indizien offenlegt) eine möglichst unerwartete Lösung aus dem Hut zu zaubern. Ganz verzichtet er dieses Mal dagegen auf die von ihm so geliebte Kulisse spukiger Schlösser oder verwunschener Dörflein. Statt dessen spielt »Mord am Draht« ganz im Hier & Jetzt des Jahres 1939; nun ja, fast jedenfalls, denn natürlich war die Story bereits in ihrer Entstehungszeit ein wenig angestaubt. Aber das schmälert das Vergnügen an diesem lupenrein klassischen Krimi nicht im Geringsten bzw. nicht halb so sehr wie die inzwischen doch recht flügellahme deutsche Übersetzung, die – man lese und staune – bereits aus dem Jahr 1941 stammt. Wer hätte gedacht, dass im Nazi-Deutschland des zweiten Kriegsjahrs noch angelsächsische Unterhaltungsliteratur veröffentlicht wurde?

Da eine Neuveröffentlichung – modernisiert und womöglich ungekürzt – zur Zeit in den Sternen steht (die Gideon Fell-Romane werden erstmals originalgetreu vom DuMont-Verlag auf den Buchmarkt gebracht – aber laaangsam ...), muss sich der ungeduldige Krimi-Freund mit dieser altmodischen Version begnügen. Um den guten, alten Fell in ein etwas zeitgemäßeres Gewand zu kleiden, verpasste der Ullstein-Verlag »Mord am Netz« ein unglaublich unangemessenes, ja geschmackloses Titelbild, von dem man sich jedoch nicht in die Irre führen lassen sollte: Die Lektüre lohnt sich allemal, und besonders teuer dürfte das Bändchen im Antiquariat oder auf dem Flohmarkt auch nicht kommen!

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Michael Drewniok zu »John Dickson Carr: Mord am Netz« 22.11.2005
Nein, ist ihm nicht. "Mord am Netz" erschien in dt. Ausgabe tatsächlich zuerst 1941 (in der Übersetzung von Rudolf Hochglend) im Verlag A. Müller, der übrigens nicht in "Nazi-Deutschland", sondern in der neutralen Schweiz (in Zürich) ansässig war.
RolfWamers zu »John Dickson Carr: Mord am Netz« 02.07.2005
Da ist dem Rezensenten ein kleiner Fehler unterlaufen. Die Übersetzung wurde nicht 1941 im Nazi-Deutschland veröffentlicht sondern erschien in der Schweiz im Zürcher Albert Müller Verlag. 1962 gabs eine Scherz-, 1969 eine Ullstein Tb-Ausgabe.
Es bleibt die Frage, ob diese , was besonders die Lösung betrifft, an den Haaren herbei gezogene Geschichte die Mühe der Verlage gelohnt hat.
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