Die Schädelburg von John Dickson Carr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1931 unter dem Titel Castle Skull, deutsche Ausgabe erstmals 1967 bei A. Müller.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Rhein, 1930 - 1949.
Folge 2 der Henri-Bencolin-Serie.

  • New York: Harper & Brothers, 1931 unter dem Titel Castle Skull. 189 Seiten.
  • London: Tom Stacey, 1973. Der Verlag ging noch vor Veröffentlichung pleite, eine kleine Auflage kam dennoch auf den Markt.. 189 Seiten.
  • London: Severn House, 1976. 189 Seiten.
  • Rüschlikon: A. Müller, 1967 Tod im Flammentanz. Übersetzt von Margrit Körner. 189 Seiten.
  • Köln: DuMont, 1991. Übersetzt von Karl H. Schneider. DuMonts Kriminal-Bibliothek ; Bd. 1027. ISBN: 3-7701-2030-2. 219 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2003. Übersetzt von Karl H. Schneider. ISBN: 3832120300. 219 Seiten.

'Die Schädelburg' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Henri Bencolin, Chef der Pariser Polizei, in seinem schwersten Fall: Die am Rhein gelegenen Burg Schädel ist die schaurige Kulisse für einen rätselhaften Fall um den Tod des ehemals berühmten Schauspielers Myron Alison scheint das Übernatürliche seine Finger im Spiel zu haben.

Das meint Krimi-Couch.de: »Groteske Morde im bizarren Spukschloss« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Trutzig und Furcht einflößend ragt sie unweit von Koblenz hoch über dem Rhein auf, seit sie vor einem halben Jahrtausend ein gefürchteten Hexenmeister errichten ließ: Burg Schädel, ein verrufener Ort und deshalb der ideale Unterschlupf für den großen Maleger, einst der beste Bühnenmagier seiner Zeit, doch privat leider ein Ekel und Sonderling. 1913 – vor 17 Jahren also – ist er während der Anreise zur Burg angeblich in den Fluss gestürzt, aus dem man seine ebenso angebliche Leiche zog.

Burg Schädel ging an Myron Alison, den berühmten Schauspiel, und seinen Freund, den Finanzmagnaten Jérôme D’Aunay. Viel Freude bereitete ihnen das Erbe nicht – Alison fand man kürzlich unterhalb der Mauern; man hatte ihn angeschossen, mit Benzin übergossen und angesteckt. Als lebende Fackel taumelte er über die Zinnen, während ein gespenstischer Schatten dies beobachtet haben soll.

D’Aunay heuert einen der besten Kriminalisten Europas an, der den Fall lösen soll: Henri Bencolin ist eigentlich Chef der Pariser Kriminalpolizei, aber das Rätsel lockt ihn. Begleitet wird er von seinem Assistenten Jeff Marle, dem sich während der Anreise in Deutschland der Journalist Brian Gallivan offenbarte, der einst als Manager für Maleger gearbeitet hatte. An dessen Tod mag er nicht glauben; der alte Fuchs könnte sein Ende vorgetäuscht haben und seither auf der Burg sein Unwesen treiben.

Alisons Haushalt ist nicht nur das Heim diverser Familienangehöriger, sondern wird zusätzlich von einigen Freunden beiderlei Geschlechts bewohnt. Allen Anwesenden ist gemeinsam, dass sie Verdächtige sind. Der Verstorbene hütete offenkundig gefährliche Geheimnisse, und der zunehmend panische D’Aunay weiß ebenfalls mehr als er zugibt. Bencolins alter Gegenspieler, der deutsche Kriminalist Baron Sigmund von Arnheim, erscheint rechtzeitig auf der Bildfläche, um an einer nächtlichen Begehung von Burg Schädel teilzunehmen. Dabei stößt man auf die in Ketten aufgehängte Leiche des Verwalters – ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Ermittler besser beeilen, bevor der gespenstische Täter für weitere Opfer sorgt …

Die Handlung unterwirft sich bedingungslos Plot & Stimmung

Alte Burgen in romantisch-spukhafter Landschaft: Sie waren John Dickson Carrs lebenslange Leidenschaft, sie verwandelte er vor allem in seinen großen Jahren in Schauplätze spektakulär vertrackter Rätsel-Krimis, in denen sehr lebendige Mörder und rachsüchtige Gespenster scheinbar Seite an Seite ihr Unwesen treiben konnten.

Die Liebe des Verfassers zu solchen Stätten spricht aus jeder Zeile der »Schädelburg«. Gerade 25 Jahre alt war John Dickson Carr, als dieses Buch – sein drittes erst – 1931 erschien. Diese Tatsache sollte sich der allzu gestrenge Kritiker vor Augen halten. Vor allem im Hinblick auf einen 'logisch’ aufgebauten Plot bietet die »Schädelburg« dem Puristen Anlass zum Stirnrunzeln. Herausgeber Volker Neuhaus weist in seinem informationsreichen Nachwort u. a. auf Carrs absolute Unkenntnis der deutschen Polizeiorganisation hin.

Jedes Ding hat indes bekanntlich zwei Seiten. Der absurde Plot wirkt im Verbund mit der absoluten Künstlichkeit der Kulisse schon wieder reizvoll. »Die Schädelburg« erzählt wie so mancher frühe Carr-Roman eine Geschichte, die der Realität örtlich wie zeitlich völlig enthoben scheint. Der Autor kannte Deutschland zwar, denn er bereiste gern Europa, doch er ignorierte die Realität zugunsten einer Fantasie, die in einem romantischen Niemandsland spielt, dessen Bürger ständig traurige Volksweisen singen, Bier trinken und Butterbrote essen.

Burg Schädel ist aus heutiger Sicht die Karikatur eines Spukschlosses. Keinem Burgherrn fiele es ein, eine Festung in der Gestalt eines Totenschädels zu erbauen; in der Vergangenheit stand vernünftig der Verteidigungsaspekt im Vordergrund. Doch zu der Geschichte, die man uns präsentiert, passt der bizarre Ort ausgezeichnet. Man nennt John Dickson Carr den Meister des »Locked-Room-Mysterys«: In einem von Innen fest verschlossenen Raum ereignet sich ein Mord, der eigentlich unmöglich ist, da kein Täter anwesend ist und auch keine Spuren auf den Tathergang entdeckt werden können. Burg Schädel ist in gewisser Weise ein solcher Raum, obwohl Carr uns schon recht früh ein Gewirr von Geheimgängen offenbart. Seine Talent als Krimiautor manifestiert sich jedoch in der Tatsache, dass uns das Rätsel dadurch eher noch rätselhafter erscheint …(1) Es muss denn im Finale auch umständlich gelöst und erklärt werden und ist überaus dramatisch aber schwer nachvollziehbar.

Ein Reigen gar seltsamer Zeitgenossen

Der privat ermittelnde Detektiv ist seit Edgar Allan Poes Auguste Dupin eine Gestalt, die Genie und skurriles Auftreten verbindet. Die Fälle, an denen der 'normale', womöglich verbeamtete Polizeiermittler – hier verkörpert vom arg in die Rolle des Esels gedrängten Kommissar Konrad – scheitert, erfordern quasi zwangsläufig den Auftritt eines in Wort und Tat außergewöhnlichen Menschen. Auf Henri Bencolin trifft diese Charakterisierung ganz sicher zu. Er gehört zu den Detektiv-Gestalten, mit denen es ihr geistiger Vater ein wenig übertrieben hat. Nicht umsonst gibt es nur fünf Bencolin-Romane, bevor Carr ihn durch den leutseligen, red- und bierseligen Dr. Gideon Fell ersetzte, der 23 Mal zum Einsatz kam.

Bencolin ist ein unsympathischer Zeitgenosse – kalt und arrogant in dem Sinn, dass er seine Mitmenschen sehr genau fühlen lässt, wie genial er ist und sie nicht sind. Seine Mephisto-Frisur und der dazu passende Bart trennt ihn schon äußerlich vom 'plebs'. Mitgefühl ist ihm fremd; höchstens heuchelt er es, wenn es seinen Ermittlungen nützt. Die allein sind ihm wichtig – Bencolin ist ein Kopfmensch, der die gemeine Welt als lästig und das Rätsel als Herausforderung betrachtet. Nicht einmal das Recht ist ihm wichtig; er urteilt aus selbst erteilter Befugnis, sodass die Morde auf der Schädelburg letztlich ungesühnt bleiben. Privatvermögen und Ruf machen Bencolin völlig unabhängig; wie sonst könnte ein Mann in seiner hohen Position sein Amt einfach im Stich lassen, um im Ausland einem Phantom hinterher zu jagen? (2)

Noch etwas ungelenk zeigt sich Carr in »Die Schädelburg« in der Kunst, seinen Detektiv zwar für sich allein ermitteln, jedoch gut getimt diverse Andeutungen zu machen und Hinweise fallen zu lassen – Brosamen für die Leser, die sich so unterstützt ihre eigenen Gedanken machen können. Aber Bencolin gönnt uns nicht einmal das; er brummt gern Ominöses in seinen Bart, mit dem sich freilich gar nichts anfangen lässt.

Um den Kontakt zum Durchschnittsmenschen nicht völlig abreißen zu lassen, bedient sich Carr eines alten Tricks. Er stellt dem überlebensgroßen Bencolin den menschlichen Jeff Marle gegenüber. Der ist nicht nur unser Erzähler, sondern auch Bencolins Chronist und Watson und äußert in dieser Eigenschaft diejenigen Fragen, die sich auch dem Leser stellen.

So richtig dreht Bencolin auf, als Baron von Arnheim die Bildfläche – oder Bühne – betritt. Konkurrenz schätzen sie alle nicht, die großen Detektive der Literaturgeschichte. Von Arnheim scheint dem großen Bencolin ebenbürtig zu sein, was die Spannung steigern soll. Wer wird das Rennen machen, d. h. den Fall lösen? Eine rhetorische Frage ist dies, denn natürlich hält sich Carr an die Konventionen: Bencolin ist sein Held, obwohl er zwischenzeitlich um der Dramatik willen gar keine gute Figur macht, und von Arnheim der 'hässliche Hunne’ mit Stiernacken, Monokel und dem Hang zum Hackenschlagen.

Ein Haushalt voller Verdächtiger ist ein weiteres Muss eines solchen Krimis. Auch hier hält Carr die Fäden nicht so straff in der Hand wie in seinen späteren Werken. Er präsentiert uns das reinste Panoptikum halbwegs unzurechnungsfähiger Zeitgenossen, die sich in Wort und Tat so überspannt und übertrieben geben, dass es ans Lächerliche zumindest grenzt.

Lesespaß vermag dieses Buch trotzdem zu verbreiten. Carr kann für sich den Nostalgie-Faktor geltend machen, und angesichts des Alters der »Schädelburg« fällt es leicht, über die beschriebenen Mängel hinweg zu sehen. Die Geschichte ist spannend und atmosphärisch wie ein schwarzweißer Film aus den 1930er Jahren: Ausstattung, Dramaturgie und Darstellerkunst sind veraltet, haben aber ihren eigenen Reiz gewonnen.

Anmerkungen

(1) Carr-Fan Grobius Shortling (sic!) hat mehrere großartige Aufrisspläne sowie eine Außenansicht von Burg Schädel gezeichnet und kundig kommentiert ins Internet gestellt: www.mysterylist.com/carrclub/castleskull.html
(2) Hierin erinnert Bencolin stark an Joseph Fouché (1759-1820), der unter Napoleon Bonaparte als Polizeiminister (1799-1802 sowie 1804-1810) 'diente', über ein verzweigten Netzes von Spionen und Spitzeln verfügte und quasi selbst definierte, worin seine Tätigkeit bestand.

Michael Drewniok, Dezember 2007

Ihre Meinung zu »John Dickson Carr: Die Schädelburg«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Crispinfan zu »John Dickson Carr: Die Schädelburg« 18.05.2013
Dieser Carr ist antiquarisch am leichtesten zu erhalten, und das hat seinen Grund: Er gehört in den schrillen grün-purpurnen Umschlag eines Groschenhefts.

Vor einer historisch-realistischen Rheinkulisse mit Dampferfahrt, Loreley-Lied, Koblenz und allem, was dazugehört, wird ein Szenario entwickelt, das die verzerrten Konturen eines Albtraums trägt: allem voran eine völlig absurde „Privatburg“ in Schädelform, mysteriöse Treppen und Gänge, wie sie kein ehrenhafter Krimiautor mehr verwendet, eine geschlossene Ausländergesellschaft in einer Rheinvilla, ein mephistophelischer Detektiv, ein irrsinniger Schlossdiener (dem wir u.a. in den „Frankenstein“-Filmen oder bei Michael Innes’ „Klagelied auf einen Dichter“ begegnen) usw.

Für den Liebhaber interessant ist das Buch als Frühwerk eines späteren Großmeisters. Die reizvollen Beobachtungen vor Ort hat Carr selbst nie gemacht, schildert sie aber mit großartiger erzählerischer Phantasie: „Endlich wieder strahlte die Sonne. Durch die Halle strömte eine warme, feuchte Brise, die den Geruch regengesättigter Erde hereintrug. Auf der anderen Flussseite, zu deren Füßen sich die olivgrünen Fluten des Rheins wälzten, türmten sich weiße Wolkenberge hinter der Kuppel der Schädelburg. Ein Eichhörnchen huschte über die Terrasse und richtete sich auf seinen Hinterbeinen auf, um etwas zu knabbern...“

Hoch interessant fand ich auch, dass ein wohlbekannter Trick schon 1931 abgedroschen war: „Man besaß die Unverschämtheit, anzudeuten, ich hätte mir ein Alibi verschafft, indem ich eine Schallplatte laufen ließ. Das ist ein so beliebtes Alibi, dass mich die Verdächtigung keineswegs überrascht.“

Insgesamt ist das Buch Pulp Fiction. Die hat für den einen ihren Reiz, der andere mag sie „in die Tonne treten“.
Nomadenseele zu »John Dickson Carr: Die Schädelburg« 18.09.2010
Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um in das Bucher reinzukommen (warum weiß ich selber nicht). Als ich in der Handlung drin war, war sie geheimnisvoll und düster – perfekt.
Entweder ich habe die Hinweise auf den Mörder überlesen (wie z.B. das Foto) oder es gab sie nicht – ich bin mir nicht sicher.

Fazit:
Atmosphärisch und spannend.
Elmar zu »John Dickson Carr: Die Schädelburg« 26.03.2005
Ich kann dem nur zustimmen, das Buch liest sich wie Edgar Wallace zu seinen schlechtesten Zeiten, der einzige Reiz ist die 'fremde' Sicht auf Deutschland (Rheinlandschaft, Burgen usw.), ansonsten kann man dieses frühe Werk getrost in die Tonne hauen.
RolfWamers zu »John Dickson Carr: Die Schädelburg« 05.10.2004
Dieses Buch habe ich kurz nach Erscheinen der deutschen Erstübersetzung gelesen - und dann mindestens ein Dutzend Jahre keinen Carr-Titel mehr angerührt. Wirr, unlogisch , mit einem Detektiv,der wie Mephisto aussieht und sich benimmt, wie Mephisto (vielleicht) als Detektiv agiert hätte.Und ein zu stark geschminkter Gustaf Gründgens in einem Krimi, das wollte ich mir nicht antun.
Ihr Kommentar zu Die Schädelburg

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: