Der vergoldete Uhrzeiger von John Dickson Carr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1935 unter dem Titel Death watch, deutsche Ausgabe erstmals 1960 bei Scherz.
Folge 5 der Dr.-Gideon-Fell-Serie.

  • New York; London: Harper, 1935 unter dem Titel Death watch. 295 Seiten.
  • Bern; Stuttgart; Wien: Scherz, 1960. Übersetzt von Bernhard Kempner. 191 Seiten.

'Der vergoldete Uhrzeiger' ist erschienen als

Das meint Krimi-Couch.de: »Ihm schlug die Stunde – tief in den Nacken« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Im Londoner Kaufhaus Gamridge stiehlt eine Ladendiebin eine kostbare Uhr. Vom Hausdetektiv erwischt, schlitzt sie diesem den Bauch auf und entkommt – ein bizarrer Mordfall so recht nach dem Herzen von Gideon Fell ist, der als Amateur-Ermittler so berühmt ist wie als Wissenschaftler.

Besagte Uhr wurde von Johannus Carver hergestellt, einem Meister seines Fachs, der zurückgezogen in einem großen Haus lebt. Dorthin begibt sich Fell, der den Uhrmacher und seine seltsame »Familie« gern persönlich kennenlernen möchte. Der Besuch erfolgt unter dramatischen Umständen: Gerade fanden die Bewohner einen Unbekannten tot in einem der Zimmer; der Mann ist offenbar eingebrochen. In seinem Nacken steckt der Minutenzeiger einer gewaltigen Turmuhr.

Chefinspektor David Hadley, der sich des Falls offiziell annimmt, kann die Leiche sofort identifizieren: Inspektor Ames war der Polizeibeamte, der nach der Kaufhaus-Mörderin fahndete, die von der Presse liebevoll »Jacqueline the Ripper« genannt wird! Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass er der Mörderin hart auf den Fersen war und sie unter den Mitgliedern des Carverschen Haushalts vermutete.

Hier gibt es eine ganze Schar potenziell verdächtiger Personen. Gideon Fell stürzt sich deshalb mit Wonne auf den Fall, den er mit der gewohnten Mischung aus Genialität und Dreistigkeit aufdröselt. Eile ist geboten, denn diese Frage bleibt bedrohlich unbeantwortet: Welche Schandtat plant der Mörder mit dem verschwundenen Sekundenzeiger, den er – oder wieder sie? – ebenfalls an sich genommen hat ...?

Die Logik des Aberwitzes

Es muss schon einen verdammt guten Grund geben, der einen Mörder veranlasst seine Tat ausgerechnet mit dem Zeiger einer Turmuhr zu begehen! Weil wir uns mit Der vergoldete Uhrzeiger in der großen Zeit des »Whodunit?«-Krimis befinden, ist dies kein dem Mörder durch Zufall in die Meuchlerhand geratene Waffe. Der Zeiger wurde mit Bedacht gewählt – eine Wahl mit Folgen, denn sie löst eine kriminalistische Kettenreaktion aus, deren Glieder eines der klassischen Meisterwerke des John Dickson Carr ergeben.

Was immer geschah, ist Teil des Verbrechens: Noch schärfer als sonst achtet der Verfasser darauf das wunderlichste Detail in den Ablauf des Geschehens zu integrieren. Die daraus erwachsende Herausforderung ist gewaltig, denn Carr muss ja irgendwann zusammenführen, was er großzügig aufwirbelte – und was sich hier ereignet, ist wahrlich erstaunlich! Der Zufall könnte als Erklärung hilfreich sein, doch ihn klammert Gideon Fell alias Carr ausdrücklich aus.

Dieses kategorische Beharren auf ein letztlich doch logisch erklärbares Verbrechen zieht den Leser unausweichlich in den Bann. Dabei hat Der vergoldete Uhrzeiger (s. auch weiter unten) seine Fehler. Dies ist ein überaus dialoglastiger Krimi. Es fehlt die theatralische Kulisse, in denen Carr Dr. Fell oft wirken lässt. Das Haus des Johannus Carver hat seine verwinkelten Gänge und geheimen Türen, doch es bleibt ein Haus, so sehr sich Carr auch bemüht es in ein Geisterschloss zu verwandeln.

Der Kampf zwischen Vernunft und Vorstellungskraft

Die meisten dieser Dialoge zeigen Gideon Fell und David Hadley im intellektuellen Duell, das stellvertretend für das »Whodunit?«-Genre steht: »Dein Geist ist wie ein Feuerwerk; ich hingegen brauche solide, feste Gründe« (S. 120) spricht Hadley vorwurfsvoll zu Fell und bringt damit auf den Punkt, was den genialen (oder genialischen) Privatermittler vom systematisch arbeitenden Polizisten unterscheidet.

Selten fällt der Kampf zwischen diesen beiden Parteien so gnadenlos aus wie hier. Fell und Hadley schenken einander nichts. Sie finden und deuten die Indizien auf jeweils eigene Art, streiten darüber, sezieren die Beweisführungen des anderen mit messerscharfem Verstand, finden Schwachstellen, werden gekontert, stoßen auf weitere Widersprüche: Das ist Krimi-Kunst vom Feinsten, die quasi die Argumente vorausahnt, die dem aufmerksamen Leser durch den Kopf gehen. Sie mildert die grundsätzliche Schwäche eines Romans, in dem ansonsten wenig geschieht, die Motivation des Mörders recht fragwürdig wirkt und der Autor zu einem gar nicht fairen Trick greift, um den Täter aus einen scheinbar verschlossenen Raum zu schaffen. (Immerhin: Es geht nicht um einen perfekten Mord IM verschlossenen Raum!)

Als sich Fell und Hadley zusammenraufen und sich der Fall endlich zu klären scheint, wird dem Leser im großen Finale der Boden unter den Füßen weggezogen. Damit haben wir zwar gerechnet aber wir gehen Fell trotzdem auf den Leim, der die Indizien noch einmal durcheinander würfelt und neu zusammensetzt. Deinen Augen darfst du nur bedingt trauen, deinen Ohren ebenfalls und deinen Zeugen lieber gar nicht. Die letzte Instanz ist abermals Gideon Fell, weil dessen Verstand über die für die Auflösung notwendige Sprunghaftigkeit verfügt. In diesem Punkt muss sich der wackere aber allzu organisierte Hadley geschlagen geben.

Im Reich des verrückten Uhrmachers

Eleonor: seelisch derangiertes Mündel; Millicent Steffins: hysterisch-bigotte Freundin der verstorbenen Mrs. Carver; Lucia Handreth: abweisende Anwältin mit dem Hang zur üblen Nachrede; Peter Stanley: nervenkranker, unter skandalösen Umständen aus den Dienst entlassener Chefinspektor; Calvin Boscombe: scheinheiliger Hausfreund mit abstoßenden Angewohnheiten; Christopher Paull: ständig alkoholisiert und mit wirren Anschuldigungen schnell bei der Hand; Donald Hastings: Eleonors gern auf dem Hausdach umhergeisternder Galan mit einem düsteren Familiengeheimnis; Henrietta Gorson: theaterliebende und theatralische Haushälterin; Kitty Prentice: tumbes Hausmädchen mit überraschenden lichten Momenten.

»Regiert« wird dieser obskure Haushalt von Johannus Carver, einem Mann, der Uhren mehr liebt als Menschen und von dieser Leidenschaft geprägt bzw. gezeichnet wird: Was er zu dem grotesken Mordfall in seinem Haus zu sagen hat, ist sogar noch schwieriger zu deuten als die ausweichenden, benebelten und gelogenen Aussagen der Mitbewohner.

Der dickfellige Meisterdetektiv

In dieses Getümmel scheint sich Gideon Fell harmonisch einzupassen, doch vorsichtig: Das joviale Äußere und die kultivierte Exzentrik verbergen einen überaus rationalen Geist. Fell kann freundlich wie ein alter Großvater wirken, um im nächsten Moment die Maske fallen zu lassen. Die Konsequenz seiner Ermittlungsarbeit ist ihm stets präsent. Es geht nicht um akademische Gedankenspiele: Der von ihm überführte Täter wird am Galgen enden. Damit kann Fell leben: »Trinken wir noch ein Bier« (S. 192), lautet sein abschließendes Wort, der gleichzeitig den Roman beendet.

Wie üblich hüllt er sich bis dahin in vielsagendes Schweigen und bringt damit nicht nur den armen Hadley, sondern auch den Leser zur Weißglut. Informationen verabreicht Fell grundsätzlich nur in homöopathischen Dosen. Nur so kann er im Finale glänzen (und Vorab-Irrtümer verbergen). Dieses Mal muss er sich wirklich anstrengen, um dem (hoffentlich konzentrierten) Leser ein überkonstruiertes Mordkomplott darzulegen.

Damit Fell nicht gar zu übermenschlich schlau wirkt, stellt ihm Carr wieder einen Watson zur Seite. Professor Melson hält sich freilich zurück. Er führt Fell in Carvers Haus ein, stellt hin und wieder Fragen, die der Leser an dieser Stelle ebenfalls stellen möchte, und mäßigt seinen Freund Fell, wenn die Diskussion mit Hadley gar zu hitzig wird. Ansonsten schaudert es Melson tüchtig, wenn Carr sich anstrengt, dem Carver-Haus eine mysteriöse Ausstrahlung zu verschaffen, die wie schon gesagt ziemlich aufgesetzt wirkt.

Der vergoldete Uhrzeiger erweist sich als Buch, das in seinen Einzelteilen besser wirkt als in seiner Gesamtheit. Zu großen Wert legt der Verfasser dieses Mal auf eine irritierende Grundstimmung, deren Begründung ihm nicht annähernd so gut gelingt wie sein deduktives Scharmützel mit seinem verbeamteten Gegenüber, das nicht genretypisch beschränkt sondern ein würdiger Gegner ist. In diesen Passagen zeigt Carr, was er wirklich kann, und liefert unterm Strich einen Roman, der zwar nicht zu den besten der Gideon-Fell-Reihe gehören mag, sich jedoch dennoch mühelos – wenn auch ein Stückchen weiter hinten als sonst – in die Reihe der klassischen »Whodunit?«-Krimis seiner Epoche einreiht.

Michael Drewniok, Oktober 2008

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