Das dunkle Vermächtnis von John Connolly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Dark hollow, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Maine, 1990 - 2009.
Folge 2 der Charlie-\"Bird\"-Parker-Serie.

  • London: Hodder & Stoughton, 2000 unter dem Titel Dark hollow. 489 Seiten.
  • München: Ullstein, 2003. Übersetzt von Jochen Schwarzer. 463 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2006. Übersetzt von Jochen Schwarzer. ISBN: 978-3-548-26391-5. 463 Seiten.

'Das dunkle Vermächtnis' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die Wunden von Excop Charlie Parker, ausgelöst durch den brutalen Mord an seiner Frau und seiner kleinen Tochter, sind noch nicht verheilt, als er sich entschließt, an den Ort seiner Kindheit ins winterliche Maine zurückzukehren. Dort möchte er zur Ruhe kommen und das Haus seines Großvaters wieder herrichten. Bis eine Freundin der Familie und ihr Sohn ermordet aufgefunden werden und Charlie Parker sich mit einem Schlag in die schlimmste Zeit seines Lebens zurückversetzt fühlt. Alpträume mischen sich mit unheimlichen Vorkommnissen, die sich nachts im Haus seines Großvaters abspielen. Die Lösung liegt in der Vergangenheit, in Verbrechen, die dreißig Jahre zurückliegen, und in den dunklen Wäldern von Maine …

Das meint Krimi-Couch.de: »Murder-Rumble in the Jungle« 100°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Knapp ein Jahr ist es nun her, dass der »Fahrende Mann«, ein psychopathischer Serienmörder, Frau und Kind von Charles »Bird« Parker, Detective des New York Police Department, ermordete. Auf der Jagd nach dem Unhold hinterließ Parker eine breite Blutspur. Auch der »Fahrende Mann« hauchte sein verderbtes Leben nach einem Akt der Selbstjustiz aus. Parker konnte dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden, war aber unter den Kollegen geächtet und quittierte bald den Dienst. Nun lebt er wieder in Scarborough, einem kleinen Ort im Norden des US-Staates Maine. Er hat das Haus seines Großvaters, ebenfalls eines Polizisten, restauriert, lebt zurückgezogen und hat gerade eine Lizenz als Privatdetektiv beantragt.

Parker übt schon einmal für seinen neuen Job, als er für Rita Ferris, eine entfernte Bekannte, Unterhaltsgeld eintreiben will. Ex-Gatte Billie Purdue ist ein cholerischer Kleinkrimineller mit ausgeprägtem Hang zur Gewalt, aber Parker kann das Geld aus dem normalerweise chronisch pleiten Verlierer herauspressen. Damit hat er ahnungslos das Tor zur Hölle aufgestoßen: Billie hatte Wind von der Entführung einer Gangsterboss-Tochter bekommen, nahe der Übergabestelle gelauert, alle Anwesenden über den Haufen geschossen und sich mit 2 Millionen Dollar aus dem Staub gemacht. Die Scheine, die Billie Parker übergab, stammen aus diesem Lösegeld. Damit erregt der unglückselige Fast-Detektiv das Interesse von Mafiaboss Toni Celli, der besagte Entführung arrangiert hatte. Er will die Millionen zurück, denn er hat selbst Gangstergeld unterschlagen und steckt deshalb tief in der Klemme, was ihn jede Rücksicht vergessen lässt.

Entführt, verhört, gefoltert

Auch Parker wird entführt, verhört und gefoltert. Vom Fall lässt er trotzdem nicht ab: Inzwischen wurden Rita Ferris und ihr kleiner Sohn ermordet. Von Billie? Das passt nicht recht zu ihm, zumal sich viel tiefere Abgründe aufzutun beginnen: Vom verschwundenen Lösegeld angelockt wurden die beiden bösartigen Auftragskiller Abel & Stritch, die sich nach Jahrzehnten des Mordens und Folterns gern zur Ruhe setzen möchten. Auch sie würden Billie Purdue schrecklich gern in die Finger bekommen. Wer wird den längst Untergetauchten zuerst finden?

Doch Billie flieht nicht nur, er sucht gleichzeitig seine Eltern, die ihn als Kleinkind zur Adoption freigegeben hatten. Parker folgt seinen Spuren und findet jene, die er befragen möchte, immer nur tot. Läuft Billie Amok und rächt sich für sein verpfuschtes Leben?

Aber da gibt es noch einen weiteren schrecklichen Gegner: Eine alte Frau kündigt vor ihrem spektakulären Selbstmord die Rückkehr des Caleb Kyle an. Dieser hatte im Jahre 1965 binnen kurzer Zeit sechs junge Frauen entführt, geschlachtet und in wie vorzeitliche Menschenopfer in einen Baum gehängt, bevor er einem eifrigen Polizisten einen Hinweis gab: Charlie Parkers Großvater …Der ungeklärte Fall ließ diesen niemals los. Caleb Kyle wurde zum Mythos. Sein Enkel bekommt nun die Gelegenheit, das Geheimnis endlich zu klären – sollten die Mafia, Abel und Stritch oder Billie Purdue ihn nicht früher finden …

Niedergewalzt von der Wucht des Bösen

Nach »Das dunkle Herz« ist dies der zweite Band der Charlie Parker-Serie. Wer den Vorgänger nicht kennt, wird förmlich niedergewalzt von der Wucht, mit der John Connolly das Böse auf diese Welt niederfahren lässt. »Das dunkle Vermächtnis« ist ein dichter Thriller mit einer teilweise überfrachteten Handlung. Schon im ersten Band beschränkte sich Connolly nicht auf einen Killer. Quasi von allen Seiten drangen die Bösewichter auf den geplagten »Bird« Parker ein. Das führte zu einigen unnötigen Ausbuchtungen in der ansonsten stromlinienförmigen Handlung; eine Beobachtung, die sich auch dieses Mal machen lässt: Zumindest Abel und Stritch sind – obwohl sehr unterhaltsam – eigentlich überflüssig in dieser Geschichte. (Einige allzu leichenreichen Massen-Metzeleien weniger hätten es übrigens auch getan.)

Nicht weiter nachdenken sollte man auch über die Wahrscheinlichkeit, die ausgerechnet Opa Parker über den Superkiller Kyle stolpern ließ, den er Enkel Charlie vererbte. Gelingt dies, zieht »Das dunkle Vermächtnis« sein Publikum ebenso wie »Das dunkle Herz« von Seite 1 in seinen Bann. Connolly versteht es meisterhaft, aus zunächst scheinbar zusammenhanglosen, brillanten Einzelszenen nach und nach ein ungeheuerliches, aber mitreissendes Gesamtbild zu fügen, bei dem man nach »Realismus« nicht mehr groß fragt.

John Connolly wandelt im Lande von Stephen King

Da unsere Geschichte in Maine spielt, stören einige übernatürliche Elemente ohnehin weniger als in einem »normalen« Thriller. Schließlich wandelt John Connolly hier im Lande von Stephen King. Da dürfen den armen Charlie Parker des Nachts schon einmal die Geister seiner ermordeten Familie und weiterer Mordopfer heimsuchen, während Caleb Kyle erfolgreich die Rolle der Hexe von Blair übernimmt.

Das alles hat nicht mehr die zermahlende Wucht von »Das dunkle Herz«, womit auch nicht zu rechnen war, denn eine weiterer Abstieg in die Tiefen der (seelischen) Finsternis wäre kaum mehr möglich gewesen. Nüchtern betrachtet ist »Das dunkle Vermächtnis« ein Remake des Vorgängers. Autor Connolly mischt die Karten jedoch gut und spielt sie mit der Könnerschaft eines versierten Falschspielers aus, dem seine Opfer – wir – mit lemminghafter Aufmerksamkeit folgen.

Die Eindringlichkeit der Handlung setzt sich in der Figurenzeichnung fort. Das sollte man freilich mit einer Einschränkung sehen: Connolly erzählt hier eine eindrucksvolle Geschichte, aber wir haben es nichtsdestotrotz »nur« mit einem Thriller zu tun. Eigentlich sollte es für einen Schriftsteller die normalste Sache der Welt sein, glaubhafte Protagonisten zu schöpfen. Des Lesers Überraschung darüber, dass dies manchmal tatsächlich gelingt, verrät viel über die Probleme eines Genres, dessen Vertreter gar zu oft per Autopilot das Finale ansteuern.

Charlie »Bird« Parker – ein echter Charakter

John Connolly hat mit Charlie Parker einen echten Charakter ins Leben gerufen. Ihm bleibt wahrlich nichts erspart. Das grausame Ende seiner Familie hat er zwar überlebt, aber er ist und bleibt gezeichnet. Deshalb belastet ihn Opas »Dunkles Vermächtnis« besonders stark; der Schock des Verlustes hat Parker in gewisser Weise in den Wahnsinn getrieben. Er hat Visionen, ihm erscheinen seine ermordete Frau und Tochter, gefolgt von weiteren Mordopfern, deren Ende ungesühnt blieb. Sie treiben ihn in seinem kriminalistischem Tun an, aber natürlich lässt diese Quelle nichts Gutes für Parkers geistige Gesundheit ahnen. Tröstlicherweise wandelt er sich langsam vom blindwütigen Rächer in eigener Sache zum Racheengel der Verdammten. Auf diese Weise kehrte er langsam ins »normale« Leben zurück. Da es auf dieser Welt noch viel ungesühntes Unrecht gibt, wird er seinem geistigen Vater sicherlich noch einigen Stoff für weitere Abenteuer liefern.

So wie Robert B. Parker seinem »Spenser« für allzu grobe Gewaltakte den Söldner Hawk an die Seite stellt, kann Charlie Parker sich im Notfall auf seine unorthodoxen Kumpels Angel und Louis, Einbrecher bzw. Mietkiller im Halbruhestand, verlassen. Connolly legt sie als schwules Paar an, aber nicht aufdringlich politisch korrekt, sondern ganz »normal«, d. h. wie ein altes Ehepaar mit allerdings sehr ungewöhnlichem Gewerbe. Trotz aller Bemühungen bleiben die beiden recht flach: das schmuddlige Großmaul und der intellektuelle Mörder mit moralischen Grundsätzen (die er auf den Seiten 278-280 allzu aufdringlich beschwört – ein arger Stilbruch), sehr sympathisch, aber auch etwas bemüht, da sowohl Angel als auch Louis nicht wirklich »böse« sein dürfen, um den der (amerikanischen) Schwarz/Weiß- Sicht verhafteten Leser nicht zu verwirren.

Ohne entsprechende Rücksicht darf Connolly Angels und Louis’ düstere Gegenstücke Abel und Stritch zeichnen. Sie wirken in ihrer comichaften Bösartigkeit schon recht überzeichnet; in der Realität dürften ihnen als Killer wohl kaum eine derartige Karriere gelungen sein. Als Schurken wirken sie aber sehr überzeugend, weil Connolly ihre Übeltaten ohne Scheu vor blutigen Details und sehr wortgewandt, aber trotzdem primär im indirekten Bericht in Szene zu setzen weiß und auch darf, denn sie werden ihrer gerechten Strafe nicht entgehen!

Caleb Kyle, der Schatten der Wälder, kann seinen Status als unverwundbarer, womöglich übermenschlicher Killer lange aufrecht erhalten. Connolly lässt ihn nur an den schattigen Rändern der Handlung auftreten oder geschockte Zeugen ängstlich über ihn erzählen. Als Kyle dann die Bühne betritt, vermag er die Versprechen des Verfassers nicht wirklich einzulösen. Letztlich ist er der schlaue Irre vom Dienst, der sich vor dem turbulenten Finale die Zeit nimmt, ausführlich über seine Motive zu referieren. Das Rätsel verdunstet, es sprechen die in ihrer Wirkung liebevoll beschriebenen Waffen.

Ihre Meinung zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

M.albrecht zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 11.08.2012
Also -ich habe mich sehr schwer getan mit diesem Werk.Oft 2 Seiten zurück um den Handlungsstrang erstmal wieder reinzubekommen.Alles in allem too much.Mafia, Serienkiller, Ex Geliebte usw. haben mich nicht wirklich überzeugt.Die Handlung ist eher verwirredn als das meine eine klare Linie erkennt.Am Ende auch noch viel rumgeballere ohne das das Motiv des gesuchten so wirklich klar wird.Wenn die KC von Mörder rumble in the jungle spricht, dann hab ich mich definitiv hoffnunglos verlaufen in dem ganzen überfrachtetenen Werk.Ein Cop allein, zusammen mit seinen fragwürdigen Helfern haben mich wieder mal zweifeln lassen.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
tassieteufel zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 27.02.2012
Charlie Parker hat sich nach Maine, den Ort seiner Kindheit zurückgezogen um dort das Haus seines Großvaters zu renovieren und Abstand zu finden zu den schrecklichen Ereignissen um den
fahrenden Mann. Er hat inzwischen eine Lizenz als Privatdetektiv, doch noch ist er sich unschlüssig, ob er Fälle annehmen soll. Mehr aus Gefälligkeit sucht er für Rita Ferris deren Exmann Billy auf
um die längst überfälligen Unterhaltszahlungen einzutreiben, als Bird mal wieder in ein Wespennest sticht. Billy scheint in eine krumme Sache verwickelt zu sein und wird von gefährlichen Typen gejagt, Rita und ihr kleiner Sohn sind wenige Tage später tot, und Bird stößt auf die Spur eines
brutalen Killers, den schon sein Großvater jagte.

Das Buch schließt an den Vorgänger an, nur wenige Monate sind seit den Ereignissen aus "Das dunkle Herz" vergangen". Das Charlie Parker eine Figur mit viel Potenzial ist, hat man ja schon im ersten Teil gemerkt und tatsächlich hat sich Bird verändert. Noch im Vorgänger war er voller Wut und Zorn, ein von Rache Getriebeber, der seine Vergeltung um jeden Preis durchziehen wollte. Inzwischen weiß er, was er für Schuld auf sich geladen hat und in dem er anderen Opfern hilft,
kommt er so seinem eigenen Seelenfrieden näher, das er dabei trotzdem rücksichtslos vorgeht versteht sich von selbst. Neben Bird tauchten sehr zu meiner Freude auch Angel und Louis wieder auf. Sicher sind die Beiden fast zu gut um wahr zu sein, ein Einbrecher und ein Killer im Ruhestand
die ihre moralische Seite entdeckt haben, aber irgendwie stört das gar nicht. Mit ihrem Geplänkel untereinander sorgen sie ab und an für Heiterkeit und lockern auch sonst das Geschehen durch ihre coole Art ein wenig auf. Und das ist auch nötig, denn Blut fließt wieder in Strömen, es wird geballert was das Zeug hält, gemordet, geqäult und gefoltert und da sollte man nicht zimperlich sein.
Um so mehr kann man dann die witzigen Szenen mit Angel und Louis genießen.
Aber auch die restlichen Figuren sind mit sehr viel Tiefgang geschildert. Rita Ferris und ihr Exmann Billy, die beide nie eine wirkliche Chance hatten oder das brutale Killerpärchen Abel und Stritch, bei dem einem wirklich eine Gänsehaut über den Rücken läuft.
Die Story ist sehr gut konstruiert, verschiedene Erzählsträngen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, entwickeln jeder für sich eine Sogwirkung und wenn am Ende alles miteinander verknüpft wird, muß man erstmal tief Luft holen. Dieses Buch bietet von Anfang bis Ende Spannung
auf sehr hohem Niveau, dazu trägt vor allem auch Connollys teilweise fast poetische Sprache bei.
Grandios sind hier die Landschaftbeschreibungen, die ich gar nicht langatmig fand, vielmehr tragen
sie dazu bei, das sich eine immer intensivere Stimmung aufbaut,man diesen gruseligen Caleb Kyle schon förmlich durch die Wälder streifen sieht!
John Connolly hat scheinbar ein Faibel für den großen Showdown am Schluß auch im vorliegenden Buch ist das Ende wieder eine wahre Orgie aus Gewalt und Blut, führt aber die einzelnen Erzähl-
stränge gekonnt zusammen und bietet eine logische in sich schlüssige Auflösung für alles.
Wirklich ein besonderes Leserlebnis und ich freue mich hier schon auf weitere Teile der Reihe!

FaziT: ein unheimlich spannender, stimmiger Thriller, der mit einem atmosphärisch dichten Settig und sehr detailreich geschilderten Figuren aufwartet. Charlie Parker ist dabei ein Hauptfigur, die man einfach mögen muß! Ein grandioser Thriller, der weit aus der Masse herausragt und einen förmlich an den Seiten kleben läßt.
Volker zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 03.04.2011
Für mich war "Das dunkle Vermächtnis" ein vom Anfang bis zum Showdown ein eher wirres, überfrachtetes Bündel Kriminalliteratur.
Die zu selten eingefügten selbstironischen Elemente konnten diese Makel nicht ausmerzen, sie wirkten neben der ausufernden Mystik des Plots auch seltsam bemüht.
Ich denke "hardboiled"-Krimis leben von ihrem Realitätsbezug, den ich hier überhaupt nicht finden kann.Entführung, Mord, Serienkiller, gebrochener Antiheld, zwei! Auftragskiller-Pärchen, rivalisierende Mafiosi und ein schier unsterblicher Alt-Bösewicht-zuviel für einen Roman.
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Samoa zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 15.03.2010
… und Bird verändert sich.
Im ersten Band noch ein von rasendem, rachedürstendem Zorn und hilfloser Trauer Getriebener, bewegt er sich nun, ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod seiner Familie, langsam auf tief mitfühlende Verantwortung und somit seinen Seelenfrieden zu. Die Wunden vernarben, der spitze schrille Schmerz klingt ab.

Verschiedene, zunächst ohne Zusammenhang erscheinende Erzählstränge verdichten sich, teilweise gemächlich fliessend, dann wieder spannend auflodernd, zu einer in sich schlüssigen Story.

Mit noch ein wenig mehr Wortwitz (Angel & Louis) und einer vergleichsweisen Lockerheit, die nicht mehr an die spektakuläre Wucht und Tiefe des Vorgängers heranreicht, lässt Connolly seinen Protagonisten auch diesmal wieder auf unzählige Tote treffen, es wird erneut entführt, gequält, gefoltert, gemordet und gemetzelt was das Zeug hält.

Allerdings wird die Spannung immer wieder durch zahlreiche Rückblenden und Erinnerungen durchbrochen, Birds „Visionen“ der unzähligen Toten, die seinen Weg säumten, nehmen zu, und es wird gelegentlich über eine (moralisch fragwürdige) Rechfertigung des Tötens „für einen guten Zweck“ philosophiert.

Dennoch: Am Wahrnehmungsrand lauert beständig unterschwellig-furchterregend das eigentliche Grauen dieser Geschichte, unerkannt und unaussprechlich bösartig, ein Erbe von Birds Großvater, der dem Treiben des Serienkillers schon damals keinen Einhalt gebieten konnte.

Trotz all der blutdurchtränkten Szenen, trotz all der physischen Verletzungen, die Bird auch hier erleidet, trotz all der vielen neuen Toten, ist dies ein „leiseres“ Buch geworden.

Jedoch mit einer in sich stimmigen, nachvollziehbaren Weiterentwicklung der „Haupt- und Nebenfiguren“, sowie einer nach wie vor sehr gefälligen, mit ansprechend-poetischen Elementen durchsetzten Sprache. Somit diesmal anerkennende 95°.
annun_ zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 02.09.2009
Auch der zweite Teil um Charlie „Bird“ Parker hat es in sich und knüpft direkt an seinen Vorgänger „Das schwarze Herz“ an.

Bird hat sich in Maine niedergelassen, um das Haus seines Großvaters zu renovieren und endlich zur Ruhe zu kommen. Doch alles kommt anders, als er einen Auftrag annimmt, der weit in die Vergangenheit reicht und seine Schatten in die Gegenwart wirft. Etwas unsagbar Böses setzt seinen Fuß zurück in die Zivilisation und Bird scheint über seinen Großvater mehr oder weniger damit verbunden zu sein.

Man fängt bei diesem Buch das Lesen an und hört einfach nicht mehr auf. Man riecht förmlich das Böse, das sich auf die Suche macht, um ein neues Opfer zu finden. Auch hier ist Connolly wieder sprachlich voll auf der Höhe und keine Sekunde hat man das Gefühl, dass da ein plumper Versuch unternommen wird, den Leser mit ungehobelten Szenen bei der Stange zu halten. Die Geschichte ist extrem gut konstruiert und atmosphärisch dicht ohne irgendwelche Schnörkel. Komischerweise kommt der Charakter des Charlie Parker immer wieder so rüber, dass man ihm abnimmt, echt zu sein. Bei anderen amerikanischen Thrillern gibt es meist einen Helden, der immer wieder dem gleichen Schema unterliegt: Total gebeutelt und kaputt – und vor allen Dingen total überzeichnet. Auch „Bird“ hat so einige „kaputte“ Eigenschaften, aber die sind menschlich und man mag ihn dafür umso mehr. Natürlich gibt’s auch wieder ordentlich Prügel – wahrscheinlich braucht er das einfach. Das scheint nun mal dazuzugehören. Nur die ganzen toten Menschen, die er so sieht und die sich um ihn scharen, um ihm zu sagen, dass er für sie mehr oder weniger „verantwortlich“ ist, sind für mich noch gewöhnungsbedürftig. Vielleicht schaffe ich es aber im nächsten Teil, diese Sache einfach auszublenden.

Auch seine Freunde sind wieder mit von der Partie und seine Gefühle werden auch in privaten Dingen ein wenig durcheinander gewirbelt, wenn er den Mann seiner alten Flamme trifft, der ihn mal - wie sollte es anders sein – ordentlich verprügelt hat. Ganz besonders in sich hat es aber ein furioser Showdown, bei dem geballert wird, was das Zeug hält und wieder mal etliche Leichen seinen Weg pflastern. Fast scheint es, als würde der arme Kerl dann doch so einigen Menschen nicht nur Glück bringen.

Dreckig, angeschossen, zusammengeschlagen und vor allen Dingen blutend findet man seinen Helden also auch in diesem Teil öfters or. Ich hoffe doch, das bleibt auch weiterhin so, denn anders kann ich ihn mir nun gar nicht mehr vorstellen. Hoffentlich altert er nicht so schnell, sonst fehlt mir weiterer Lesestoff – 93°.
5 von 7 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Wilfried zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 12.07.2009
Auch das zweite Buch von Conolly entführt in eine äusserst düstere, gewalttätige Welt voller Geheimnisse und weiss zu fesseln. Parker wird wider sehr lebending dargestellt, nur die Charaktere seine Freunde Louis und Angel wirken überzogen. Dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch und man fiebert dem Ende förmlich entgegen.
Stefan83 zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 06.05.2009
Das Wort "Weltklasse" nehme ich eigentlich im Zusammenhang mit Krimis und Thrillern eher selten in den Mund. Bei John Connollys zweitem Streich mit Charlie "Bird" Parker bleibt mir aber keine Wahl, denn "Das dunkle Vermächtnis" ist wohl das Beste Stück Hardboiled-Literatur, das ich bisher genießen durfte. Derart düster, derart böse, derart packend ist mir noch kein Buch daherkommen. Noch nie hab ich einem Autor so an den gedruckten Lippen gehangen.

Schon im Erstling "Das schwarze Herz" deutete Connolly an, dass er das Potenzial hat sich in die erste Liga zu schreiben. Mit dem zweiten hat er dies nun ohne Zweifel getan. Im Gegensatz zum Vorgänger, der oftmals noch etwas langatmig wirkte, bei dem die mangelnde Zielstrebigkeit und fehlende Routine zwischen den Zeilen durchschimmerte, liest sich "Das Dunkle Vermächtnis" nun wie aus einem Guss. Die Figuren, die Atmosphäre, der Spannungsbogen, der Handlungsschauplatz. Hier passt einfach alles zusammen. Allein diejenigen, welche den ersten Band nicht gelesen haben, könnte vielleicht die Wucht, mit der John Connolly das Böse auf die Welt niederprasseln lässt, erschüttern. Für Zartbesaitete ist auch dieser Roman absolut nicht geeignet, auch wenn er noch so vermeintlich harmlos beginnt.

Es ist gut ein Jahr her, dass Charlie "Bird" Parkers Familie durch die Hand eines psychopathischen Serienmörders den Tod gefunden hat. Der Detective des NYPD hatte nach diesem Schicksalsschlag seiner Arbeit den Rücken gekehrt und auf der Jagd nach dem "Fahrenden Mann", so der Name des Mörders, eine Spur des Blutes hinterlassen. Die Art und Weise, in der er Selbstjustiz verübte, führte zu einer Ächtung durch seine Kollegen, worauf er schließlich den Dienst quittierte. Zurückgezogen im alten Haus seines Großvaters in Maine lebend, verdingt er sich nun als Privatdetektiv und hilft auch alten Freunden gern mal aus. So treibt er für Rita Ferris bei ihrem Ex-Mann, dem stadtbekannten Schläger Billy Purdue, dessen ausstehende Alimente ein... und katapultiert sich damit ohne sein Wissen in ein Gewirr aus Gewalt, Rache und Hass. Rita wird kurz danach samt Sohn tot aufgefunden und Billy, der Hauptverdächtige, der zuvor die Mafia um Geld erleichtert hatte, flieht in den Norden. Mafiosi, Bullen und zwei mysteriöse Killer dicht an seinen Fersen. Parker, von Billys Unschuld überzeugt, versucht ihn zu finden und wird im Verlauf dieser Jagd mit der Vergangenheit konfrontiert. Denn in den dunklen Wäldern von Maine treibt "Caleb Kyle" sein Unwesen. Ein mysteriöser Serienmörder, dem schon sein Großvater, selbst Polizist, auf der Spur war.

Wird Parker dessen dunkles Vermächtnis zu Ende bringen? Und welches Interesse hat "Caleb" Kyle an Billy Purdue? Diesen Fragen geht der "Birdman" einmal mehr mit seinen zwei alten Freunden, dem schwulen Pärchen Angel und Louis, auf den Grund. Und da ersterer Einbrecher und letzterer professioneller Killer im Halbruhestand ist, gibt es auch diesmal "a few bodies a long the way". Wirklich eindrucksvoll, wie Connolly den Leser in seinen Plot hineinreißt, ihn in die stimmungsvollen, nebligen Wälder zerrt und dort zum Schaudern bringt. Stundenlang hab ich um mich herum nichts mehr wahrgenommen, glaubte ich die Schüsse an meinen Kopf vorbeizischen, den kalten Atem von "Bird" in der Luft ausströmen zu sehen. Wenn es um den Aufbau einer spannungsgeladenen Atmosphäre geht, ist Connolly ein Meister.

Einen Spannungsbogen selbt gibt es eigentlich nicht. Einfach aufgrund der Tatsache, dass diese ständig am oberen Limit verweilt und einzig aufgrund der grandiosen Action-Sequenzen das Adrenalin noch höher getrieben wird. Nebenbei werden sowohl Haupt- als auch Nebenfiguren weiter ausgearbeitet, wandelt sich der zynische und harte Charlie "Bird" Parker wieder in einen Menschen mit Reuegefühl und Mitleid. Für das komische Element sorgen erneut Angel und Louis, deren "Ehestreitigkeiten" mich mehr als einmal zum Schmunzeln brachten und zusätzlich Pfeffer in die Geschichte bringen. Das patronengeschwängerte Ende samt genialer Auflösung schließt ein an Unkonventionalität und Spannung nicht zu übertreffendes Leseerlebnis dann letztlich ab.

Insgesamt ist "Das dunkle Vermächtnis" ein grandioser, aus der Masse herausragender Thriller, der keine Zeit zum Luft holen lässt. Ein absolutes, uneingeschränktes Muss für alle Fans harter Kriminalliteratur!
4 von 4 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Krimi-Tina zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 13.04.2009
schon im ersten Buch , in einen Strudel von Ereignissen, der ihn zunehmend persönlich betrifft und weit in seine Vergangenheit reicht.
Das Buch kommt trotz dramatischem Anfang verhältnismäßig langsam in die Gänge. Es wird relativ viel philophiert und nachgedacht. Aber nach einiger Zeit nimmt das Tempo doch zu und wird dann ausgesprochen rasant. Im Gegensatz zum Vorgänger ist die Story auch aus einem Guss und wiederum enorm vielschichtig mit einer Unmenge Wendungen. Wie immer markieren massenhaft Leichen Birds Weg zum unausbleiblichen Showdown.
Was mich allerdings zunehmend irritiert ist dieses „ich sehe tote Menschen“ Element. Meiner Meinung passt das nicht richtig zu dieser Art von düsterer, depressiver und extrem hardboiled Geschichte. Aber das ist nur ein kleiner Mangel
Rolf.P zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 09.08.2008
John Connolly steigert sich von Buch zu Buch.
Meiner Meinung nach reifer und besser als "Das schwarze Herz", startet zwar etwas langsamer, wird dann aber immer besser! Charaktere, Atmosphäre, Spannungsbogen, da stimmt einfach alles!
Im Gegensatz zum etwas wackligen Erstling hat Connolly mit diesem zweiten Roman zu seiner Stimme gefunden. Die Charaktere gewinnen an Tiefe, der Plot ist absolut fesselnd und Angel und Louis sind ein absoluter Geniestreich.
Merkt man dem ersten Teil "Schwarzes Herz" noch sehr den Erstling eines neuen Autors an, so hat Connolly in Band 2 "seine Stimme" gefunden. Protagonist Charlie Parker, in Band 1 noch ein traumatisierter, zerrissener Mensch, der seine dunkle Seite erwachen sieht, als seine Frau und Tochter brutal ermordet wurden, und auf Rache sinnt, ist in Band 2 weniger zynisch und hart gegen sich und andere. Auch seine Ermittlungsmethoden haben an Zielstrebigkeit und Routine gewonnen.
"Das dunkle Vermächtnis" ist ein herausragender Thriller. Dabei lässt der Autor dem Leser kaum Zeit um Luft zu holen. Das Buch lebt von seiner Unkonventionalität und seiner unglaublichen Spannung.

Auch wenn man Vielleser ist, fällt einem trotzdem eigentlich kaum oder kein vergleichbarer Krimi/Thriller Autor ein, allenfalls einige die wie er zu den sehr guten gehören. Ein muss für alle Krimifans! Connolly zähle ich mit, zu den derzeit besten Krimi/Thriller Autoren.
Thomas71 zu »John Connolly: Das dunkle Vermächtnis« 07.08.2008
Auch der zweite Roman um Charlie "Bird" Parker fesselt von Anfang bis Ende. Angefangen von den ziemlich ausgiebigen Beschreibungen des winterlichen Maine (ich friere jetzt noch, wenn ich daran denke ;-)) bis hin zu der liebevollen Charakterzeichnung der Figuren passt einfach alles. Sehr schön finde ich, dass Bird weder wie viele "Thriller-Superhelden" mit den Gräueln seiner Vergangenheit schnell abgeschlossen hat, noch dass er in eine tiefe Depression verfällt, auch wenn das Leben es nicht gut mit ihm gemeint hat. Seite um Seite erfährt man mehr über den Protagonisten und versteht immer besser, warum Parker so ist, wie er ist...
Für mich ein absoluter Hit, aber wie schon der erste Roman sicher nicht jedermanns Geschmack, da er zum Teil schon recht heftig zur Sache geht...
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

Dies sind nur die ersten 10 Kommentare von insgesamt 31.
» alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zu Das dunkle Vermächtnis

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: