Niedertracht von Jörg Maurer

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 bei Fischer Taschenbuchverlag.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Oberbayern, 1990 - 2009.

  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag, 2011. ISBN: 978-3-596-18894-9. 384 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2011. Gesprochen von Jörg Maurer. ISBN: 3839810728. 4 CDs.

'Niedertracht' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

In der Gipfelwand hoch über einem idyllischen alpenländischen Kurort findet die Bergwacht eine Leiche. Wie kam der Mann ohne Kletterausrüstung überhaupt dort hin? Kommissar Jennerwein ermittelt mit seinem Team zwischen Höhenangst und Almrausch, während sich die Einheimischen in düsteren Vorhersagen über weitere Opfer ergehen. Was hat derweil die merkwürdige Mückenplage in Gipfelnähe zu bedeuten, warum besitzt ein grantiger Imker auf einmal viel Geld, und wieso hilft ein Mafioso, ein Kind aus Bergnot zu retten? Jennerwein hat einen steilen Weg vor sich.

Das meint Krimi-Couch.de: »Müde Mücken machen mürbe« 48°

Krimi-Rezension von Jochen König

Mit seinen ersten beiden Romanen Föhnlage und Hochsaison gehörte Jörg Maurer zu den erfreulicheren Erscheinungen im arg knödeligen Mief der Alpen- und Allgäukrimis. Denn bei ihm gab es weniger betuliche oder alberne Komödienstadelkost, garniert mit eher zufällig herumliegenden Leichen, sondern Geschichten, die ihr kriminelles Sujet durchaus ernst nahmen, aber mit spöttischen Alltagsbeobachtungen, Slapstick und sarkastischer Komik unterfüttert wurden. Dabei persiflierte Maurer ziemlich gekonnt und vorauseilend die Realität. Die Fußball-WM in Katar? Der aufmerksame Autor legte mit der größten Skisprungschanze der Welt in Dubai die Messlatte auf. Klar, dass der Blatter Sepp drunter durch tauchen musste.

Jetzt also Niedertracht. Band drei der Alpensaga um Kommissar Hubertus Jennerwein und sein fideles Team höchst unterschiedlicher Kriminalbeamter. Das positive zuerst: keine Homestories von absturzgefährdeten, seelisch labilen Kriminalisten. Jennerwein und seine Combo stehen fest im Leben, bzw. kraxeln darin herum. Mal erfolgreich, mal mühselig und ein bisschen tapsig. Es ist immer noch ganz vergnüglich sie dabei zu begleiten. Der Fall des Putzi genannten Psychopathen, und seiner kaum weniger mental derangierten Mutter, hat seine spannenden Momente, besonders zum Ende hin. Setzt der liebe Putzi doch arglose Probanden in unzugänglichen Felsspalten aus und sieht zu, wie sie erst verzweifeln, dann zugrunde gehen. Hat ihn bei einer verirrten Gemse in Kinderzeiten sehr fasziniert. Diesen Moment, beobachtender Herr über Leben und Tod zu sein, möchte er auskosten, lang und genussreich. Dass zwischendurch ein weiteres Motiv auftaucht – Hilfestellung auf dem bewusst erfahrenen Weg in eine andere Existenzform – ist lässlich und wirkt leicht aufgesetzt. Aber diesem Handlungsstrang kann man folgen, obwohl er ziemlich abseitig ist, aber hey, da kennen wir um Längen abstruseres. Dass ein bisschen Provinzpolitiker- und Lynchmob-abwatschen (letzteres viel zu halbherzig und inkonsequent) dabei anfällt, nehmen wir freundlich billigend zur Kenntnis.

Doch dann gibt es leider noch einen zweiten Plot, der die Bestrebungen der Mafia beschreibt, Kriebelmücken mit bestimmten Lockstoffen zu dressieren, damit man sie als analoges Navigations- und Ortungssystem verwenden kann. Mit dem angepeilten Ziel, Fußballspieler auszuspionieren. Das Unerwartete in seiner extremen Form als Grundlage für den vorgeblich komischen Effekt. Der viel zu abwegig und albern ist, um selbst auf Trash-Ebene überzeugen zu können. Zudem füllt Maurer diese Passagen noch mit ausschweifender Insektenkunde, die bestenfalls den Hobby-Entomologen interessiert. Positiv an diesem Erzählstrang ist lediglich, dass der österreichische »Problemlöser« – und aus den vorigen Büchern bekannte – Karl Swoboda ein paar vergnügliche Präsentationsflächen spendiert bekommt.

Die grundlegende Idee – Mücken gezielt auf bestimmte, markierte Personen anzusetzen, quasi winzige, fliegende Spürhunde mit Appetit auf Kakteensaft und Blut – wird zwar wortreich dargelegt, aber die Erklärung, anhand ihres »Schwänzeltanzes« unterm Schusterglas die zurückgelegte Route nachverfolgen zu können, ist ziemlich an den nicht vorhandenen Haaren herbeigezogen. Und wie vielfältig sollen die Mücken zur genauen Identifizierung eigentlich markiert werden, vor allem, wenn sie auf verschiedene Zielpersonen angesetzt werden (immer in der Hoffnung, dass sie nicht von einem stärkeren Lockstoff zu jemand ganz anderem hingezogen werden)? Rallyestreifen allein dürften kaum genügen und sind per se schwer anzubringen. Und der ganze Aufwand wird nur betrieben, um Einfluss auf kommende Fußball-Weltmeisterschaften zu nehmen. Dieser für die Rahmenhandlung so wesentliche Teil des Romans funktioniert, wie die etwas willkürlich eingestreuten Konflikte innerhalb der Familie aller Familien, überhaupt nicht, und lässt nicht nur etliche Mafiamitglieder bei ihren Kurzauftritten ratlos zurück.

Als wäre das noch nicht öde genug, lässt Maurer auch sein Witz häufig im Stich. Die wenigen Spitzen wirken bemüht, wirklich Pointen sind kaum auszumachen. Im Großen und Ganzen begnügt sich Maurer mit einem müden Aufguss der vorhergehenden Romane. Ein Highlight ist noch, dass er den Werbespruch für seine Bücher, »Sterben wo andere Urlaub machen« im Text unterbringt.

So bleibt ein halbwegs gelungener halber Roman, und ein ziemlich misslungener, uninteressanter halber Roman mit ein paar lesenswerten Ausbrüchen, die Karl Swoboda geschuldet sind.

Bleibt zu hoffen, dass Maurer mit dem nächsten Band wieder zu alter Form aufläuft, oder zu einer neuen, die sich aber zu lesen lohnt. Niedertracht bewegt sich im banalen Ungefähren, das man sich zu Gemüte führen kann, wenn die Urlaubslektüre nicht bis zum Ferienende reicht, und der einzige Laden im Kurort kein anderes Buch im Angebot hat. Oder als Alternative nur kluftige Dampfnudeln mit Rauhnacht-Blues zur Verfügung stehen. Man kann es aber auch im Regal belassen und dem Ruf des Watzmanns oder eines anderen Berges folgen.

Jochen König, Juli 2011

Ihre Meinung zu »Jörg Maurer: Niedertracht«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Bienenmama zu »Jörg Maurer: Niedertracht« 22.01.2012
Ich kann nicht verstehen, wie meinen Vorschreibern das Buch gefallen hat. Extrem verworren und langweilig habe ich es emfpunden. Das ist so gar nicht mein Lesestil - dennoch habe ich micht durchgekämpft, immer in der Hoffnung, dass die Spannung noch kommen wird. Aber da muss ich leider passen. Das war so gar nichts für mich.Die Handlungsstränge waren zu verworren, und ebenso undurchschaubar.Schade, für mich der erste und zugleich letzte Alpenkrimi!
Sonnenschein zu »Jörg Maurer: Niedertracht« 09.09.2011
Was für ein Spaß! Von wegen öde...Ich habe die Lektüre sehr genossen und mich bestens amüsiert. Spannend ist es auch noch, es fällt leicht, die Zeit zu vergessen und immer weitezulesen.
Ich hoffe auf noch viele, viele weitere Jennerwein + Team-Krimis, die hoffentlich ebenso abgedreht sind wie dieser hier!
hemmi zu »Jörg Maurer: Niedertracht« 20.04.2011
Das Buch hat einen großen Nachteil: Es ist so spannend, verworren, trotzdem logisch, nervenaufreibend, witzig, fordern, ironisch, und und und, dass man es viel zu schnell gelesen hat!!!

Das Buch trifft voll den Geschmack derer, die es spannend und auch mal witzig haben wollen. Ein Mörder mit bizarrem Hintergrund treibt sein Unwesen, dazu gesellen sich alte Bekannte und zusätzliche Gaunereien. Alles das kommt mehr zufällig zusammen und hält Kommisar Jennerwein und seine Truppe (und die Leser) auf Trapp. Einfach nur gut, mehr will bzw. brauche ich hier gar nicht zu schreiben.

Mein Fazit: Das Buch ist jedes Wort wert, lange nicht mehr so gut gelesen...;-)
Ihr Kommentar zu Niedertracht

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: