Freakshow von Jörg Juretzka

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 bei Rotbuch.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Ruhrgebiet, 1990 - 2009.
Folge 10 der Kristof-Kryszinski-Serie.

  • Berlin: Rotbuch, 2011. ISBN: 978-3867891400. 192 Seiten.

'Freakshow' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Kryszinskis Auftragsbücher sind voll, mit gleich vier Fällen ist der Ruhr-City-Detektiv mehr als ausgelastet. Doch während er Rollstuhlfahrer vor gelangweilten Teenagern bewahren, Kinderschänder aufspüren, einen Bugatti finden und eine Großbaustelle vor vermeintlich kreuzbraven Anrainern schützen soll, wird ihm allmählich klar, dass alles und alle miteinander verwoben sind  und er selbst mittendrin im Schlamassel steckt!

Das meint Krimi-Couch.de: »Das Duracel-Häschen des deutschen Krimis.« 80°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Freakshow – der Titel in Kombination mit einem leeren Rollstuhl auf dem Cover deutet an, dass es mal wieder böse zugeht in Jörg Juretzkas mittlerweile schon zehntem Roman um Privatdetektiv Kristof Kryszinski aus Mülheim/Ruhr. Doch wie es sich in den letzten Büchern bereits abzeichnete: Der Blick ist keinesfalls nur zynisch, nur Slapstick, nur auf die Zote hinaus. Sondern recht tiefgründig. Dieses trotzdem in Kombination zu bringen mit einer Kriminalhandlung, die arg an Parodie grenzt, ist kunstvoll. Und so hören wir nicht auf, den Autoren aus dem Ruhrpott zu loben.

Leicht hatte es Kristof »Krüschel« Kryszinski noch nie. Und auch in Freakshow läuft mal wieder alles so gründlich daneben, wie es nur aus der Feder von Jörg Juretzka daneben laufen kann. Bude verloren, ein Job als Nachtwächter in einer Anstalt – Wahnsinn, denkt sich Kryszinski und macht eigentlich nur das, was ihm übrig bleibt.

Zum Beispiel Alfred, den sprachgestörten Riesen aus Fallera, mitten in der Nacht in einem abgelegenen Winkel zwischen Duisburg und Mülheim von einer Armee von Armeisen zu befreien. Oder einem Luxemburger Kinderschänder hinterherzujagen, den Frischfleisch von Asien zurück ins Revier führt. Oder einen 1935er-Bugatti aufzufinden. Oder einen pakistanischen Jungen vor dem Allerschlimmsten zu bewahren. Oder seinen Hund einer dem Alkohol nicht abgeneigten Tierärztin zu dognappen. Oder einfach auch nur die Musik seines Kumpels Scuzzi, irgendwo zwischen Madonna und Lady GaGa, zu ertragen.

Wie in letzter Zeit gehabt, sind Juretzkas Plotte komplex geworden. Lange Zeit macht vieles wenig Sinn, lange Zeit sorgen Subplot über Subplot für Abwechslung, ohne einen roten Faden erkennen zu lassen. Das kann nervig, wie hier aber auch höchst unterhaltsam sein, wenn man sich auf die schnoddrige Sprache und den teils ironisch-hintersinnigen, teils brachial-skurillen Humor des Autors einlässt.

Kryszinski jedenfalls, so viel sei gesagt, lässt mal wieder kein Fettnäpfchen aus und kämpft zum Finale ebenfalls mal wieder um sein Leben und so einige Gestörte. Ausdrücklich sind damit nicht die Bewohner der Klinik gemeint, sondern Pädophile und christliche Fundamentalisten, die den »wahren Glauben« ausgerechnet im westlichen Ruhrgebiet an den Mann bringen wollen. Das kann brutal werden und sogar lebensgefährlich.

Juretzkas Spaß am Sarkasmus täuscht dann auch oft über die Ernsthaftigkeit seiner Themen hinweg. Er hat aus Kristof Kryszinski einen Don Quixote des Reviers gemacht, der – um es in der Sprache der Ureinwohner zu sagen – so oft einen auf die Fresse bekommt, dass man ihn bemitleiden muss. Aber Kryszinski  kämpft für das Gute und Kryszinski steht auf. Mittlerweile als das Duracel-Häschen des intelligent-humorvollen deutschen Krimis.

Freakshow ist wegen eines nie zurückhaltenden Ich-Erzählers eine offenst ehrliche Erzählung, eine Hand vor dem Mund kennt der Autor nicht. Und das ist gut so, weil er sich damit ein gänzlich unverkennbares Markenzeichen gesetzt hat. Was der Titel eigentlich besagt, lässt würgen und den letzten Lacher im Hals ersticken.

Ach, könnte es nicht mehr Juretzkas geben? Der Krimi-Landschaft täte es nur zu gut.

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Suse zu »Jörg Juretzka: Freakshow« 27.09.2011
Juretzka beweist auch hier wieder sein absolutes Talent Situationen, Personen und Gegebenheiten perfekt zu be- und zu umschreiben.

Ich finde allerdings das dies das einzige ist was das Buch lesenswert macht.

Das Kryszinski "erwachsen" geworden ist - OK. Das brisante und aktuelle Themen seine Fälle begleiten - auch vollkommen in Ordnung, aber leider ist die schillernde, verrückte mit schrägen Ideen ausgestattete Leitfigur Kristof Kryszinski gänzlich verloren gegangen.

Er wird immer mehr zu einem fast gewöhnlichen Privatdetektiv...

Schade.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Jürgen Wood zu »Jörg Juretzka: Freakshow« 14.09.2011
Endlich wieder herzhaft gelacht!!!
Freakshow ist gelungen,
Sarkasmus im Wort und Realität im Blickpunkt, das ganze
leicht bis derb gewürzt =
ein echter Juretzka = wer richtig lachen will = ein MUSS.

(PS: dann empfehle ich noch=Alles Total Groovy ! man bekommt nicht genug=versprochen!)

Jürgen
.wartet schon auf den nächsten.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Bruderconrad zu »Jörg Juretzka: Freakshow« 14.09.2011
Erst kürzlich - vor der Veröffentlichung des aktuellen Kryszinski-Krimis - habe ich gelesen, dass die Gesamtaufage der bisherigen neun Titel der Reihe bei rd. 60.000 Exemplaren liegt. Wenn diese Zahl wirklich stimmt (ich kann es mir eigentlich gar nicht vorstellen!) ist das doch mehr als traurig. Kryszinski ist der coolste Ermittler des deutschen Kriminalromans, sein Autor Juretzka wird regelmäßig gelobt und mit Preisen ausgezeichnet - aber mehr Leute wollen diese genialen Romane nicht lesen? "Freakshow" habe ich mit Begeisterung gelesen, wer Kryszinski noch nicht kennt, sollte das schleunigst ändern!!!
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