Ein feiner dunkler Riss von Joe R. Lansdale

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel A Fine Dark Line, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Golkonda.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Texas, 1950 - 1969.

  • New York: Mysterious Press, 2003 unter dem Titel A Fine Dark Line. 307 Seiten.
  • Berlin: Golkonda, 2012. Übersetzt von Heide Frank. 276 Seiten.

'Ein feiner dunkler Riss' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

East Texas, 1958. Bis vor Kurzem glaubte der dreizehnjährige Stanley noch an den Weihnachtsmann. Im Laufe eines einzigen heißen Sommers erfährt er jedoch mehr über die wirkliche Welt jenseits seiner Superheldencomics und des elterlichen Autokinos, als ihm lieb ist. Stans Spielkamerad Richard wird zu Hause verprügelt; die schwarze Küchenhilfe Rosy lebt bei einem gewalttätigen Mann; und selbst Stans Vater wird gern handgreiflich, wenn es die Familie zu verteidigen gilt – beispielsweise gegen übereifrige Verehrer von Stans kecker siebzehnjähriger Schwester Callie. Und dann gibt es da noch die faszinierenden alten Geschichten um ein Spukhaus auf dem Hügel, einen kopflosen Geist am Bahndamm und zwei in ein und derselben Nacht ermordete Mädchen. Stan beginnt Detektiv zu spielen, stets begleitet von seinem treuen Hund Nub, und außerdem mit Rat und Tat unterstützt von dem mürrischen schwarzen Filmvorführer und Ex-Polizisten Buster.

Das meint Krimi-Couch.de: »Bittersüße Lektionen über Realitäten des Lebens« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

13 Jahre ist Stanley jung, als die Familie Mitchel  Vater Stanley, Mutter Gal und Schwester Caldonia, frühreife 16  in die kleine Stadt Dewmont im US-Staat Texas ziehen. Dort übernimmt der Senior das örtliche Autokino; ein Geschäft, das gut läuft, denn wir schreiben das Jahr 1958.

Allmählich lebt die Familie sich ein. Beim neugierigen Streifzug durch die Wälder der Umgebung stoßen Stanley Junior und Caldonia auf die Ruinen eines Hauses. Hier ging vierzehn Jahre zuvor die Villa der Stilwinds, der ersten Familie des Ortes, in Flammen auf; dabei starb die Tochter Juwel Ellen. Die Tragödie blieb der Bevölkerung auch deshalb im Gedächtnis, weil man in derselben Nacht die junge Margret Wood vergewaltigt und kopflos auf dem Bahngleis fand; der Täter wurde niemals ermittelt. Seitdem spuke Margrets Geist an der Mordstätte umher, heißt es.

Stanley findet an der Brandstätte ein Kästchen mit alten Briefen, die eine verbotene und nicht folgenlos gebliebene Liebesbeziehung zwischen Margret und James Stilwind, Juwel Ellens Bruder, dokumentieren könnten. Hat sich James Margrets durch Mord entledigt, weil sie Ansprüche stellte? Der faszinierte Stanley will sich als Detektiv versuchen. Ausgerechnet der mürrische Buster Smith, der für Vater Stanley den Filmprojektor des Kinos bedient, will ihm helfen. Der farbige Mann hat vor Jahren als Hilfspolizist gearbeitet und weiß Fachkenntnis und Lebenserfahrung gut zu kombinieren.

Das ungleiche Paar findet weitere Spuren, die Vater und Sohn Stilwell als moralisch korrupte Wüstlinge zeigen, die sich seit jeher von den Folgen ihrer Taten freikaufen. Wer ihnen in die Quere kommt, gerät in ernste Schwierigkeiten, was allerdings nicht so gefährlich wird wie ein verhängnisvoller Fehlschluss, der Amateur-Ermittler Stanley einem wahren Monster in Menschengestalt begegnen lässt &

Frieden oder Totenstille?

Die Farbigen wussten, wo sie hingehörten. Frauen wussten, wo sie hingehörten. Das amerikanische Wörtchen ´gay´ bedeutete noch schlicht und einfach ´fröhlich´. Viele Leute waren immer noch der Ansicht, dass man Kinder sehen, aber nicht hören sollte. Sonntags waren die Geschäfte geschlossen. Unsere Bombe war größer als die Bombe der anderen, und niemand konnte unsere United States Army besiegen, nicht einmal die Marsmenschen. Der Präsident der Vereinigten Staaten war ein freundlicher, großväterlicher, dicker, glatzköpfiger Mann, der gerne Golf spielte und im Krieg zu Ruhm und Ehre gelangt war. (S. 14/15)

Die beiden Jahrzehnte nach 1945 waren in den USA eine Ära offenbar unendlichen wirtschaftlichen Wachstums. Zum ersten Mal schien der amerikanische Traum tatsächlich für alle real zu werden, die sich fleißig um ihn bemühten. Vor allem in der Provinz abseits der großen Städte herrschte Ruhe im Land. Noch ließ sich allmählich unruhig werdende, weil mit den etablierten Verhältnissen zunehmend unzufriedene Gruppen übersehen oder besser: in Schach halten. Der zunehmend aus dem Ruder laufende Krieg in Korea wurde schöngeredet. Insgesamt galt, was Lansdale Stanley Mitchel in simple aber eindeutige Worte fassen lässt.

Unter der Oberfläche bot diese Epoche des Fortschritts und inneren Friedens allerdings einen unschönen Anblick. Ganze Gesellschaftsschichten blieben von den Errungenschaften der Gegenwart ausgespart; die erfolgreichen Entscheidungsträger koppelten sie einfach ab. In Dewmont, Texas, betrifft dies nicht nur die farbigen ´Mitbürger´, die seit jeher als Menschen zweiter Klasse betrachtet und be- bzw. misshandelt werden, sondern auch den »white trash«, zu dem sich Stanley geworfen sieht.

Das Risiko, aus der Reihe zu tanzen

Das soziale Gefüge von Dewmont bleibt deshalb stabil, weil es mit Gewalt gewahrt wird. ´Verstöße´ werden von den Reichen und Mächtigen, die um ihre Privilegien fürchten, mit hoffentlich abschreckender Brutalität geahndet. Die vornehme Stadtprominenz kleidet sich nachts in die Kutten des Ku-Klux-Klans. Wo nicht Terror für Einschüchterung sorgt, wird geschmiert und vertuscht. 1944 starben zwei Mädchen unter Umständen, die womöglich gar nicht so mysteriös waren, wie dies die örtliche Überlieferung behauptet.

Stanley Mitchel stößt auf dieses Geheimnis, das ihn mit seinen 13 Jahren faszinieren muss. Allerdings ist Stanley nicht nur ein Neuling in Dewmont, sondern auch und buchstäblich ein Kind seiner Zeit. Er glaubt noch an ´sein´ Amerika. Auf ihn wartet deshalb in mehrfacher Hinsicht ein böses Erwachen. Ein feiner dunkler Riss ist wie so oft bei Joe Lansdale nicht ´nur´ ein Krimi, sondern auch ein »Coming-of-Age«-Roman. Stanley Mitchel betritt im Sommer 1958 die Welt der Erwachsenen. Was ohnehin eine schwierige Phase ist, wird hier sogar lebensgefährlich. Stanley muss lernen, dass nur ein feiner, dunkler Riss die Welt, die Stanley bisher kannte, von einem Abgrund trennt, in dem keine Geister oder Monster, sondern das tödliche Böse in menschlicher Gestalt lauert.

Zu den vielen positiven Aspekten dieses Romans gehört die (trügerische) Leichtigkeit, mit der Lansdale diesen Lernprozess in eine spannende Geschichte kleidet, die er zusätzlich in den historischen Hintergrund des Jahres 1958 einbettet. Die Realität dieser höchstens in der Erinnerung guten, alten Zeit erhöht die Schärfe, denn Stanley wird nicht nur von ´richtigen´ Verbrechern verfolgt. Viel härter trifft ihn die Erkenntnis, dass man die echten Ungeheuer oft nicht erkennt, weil sie sich gut getarnt in den dunklen Falten einer selbstgerechten Gesellschaft einnisten können.

In Dewmont gibt es keine Geister, die nachts nach ihren Köpfen suchen. Stattdessen treiben Negativ-Kräfte namens Rassismus, Missbrauch oder Wahnsinn ihr Unwesen. Stanley öffnet nicht nur eine Schachtel mit alten Briefen, sondern die Büchse der Pandora, deren Inhalt über ihn kommt, weil ihm und Buster Smith ein folgenschwerer Irrtum unterläuft.

Der Weg in die Wirklichkeit

Buster Smith wird Stanleys Führer auf dem Weg zur Erkenntnis. Er ist ein innerlich zerrissener Mensch, weil lebenslange Ungerechtigkeit ihre Spuren hinterlassen hat. In einer gerechten Welt wäre Smith womöglich ein Virgil Tibbs geworden; Intellekt und Stolz sind vorhanden, doch nachdem Smith einst miterleben musste, wie ein farbiger Pechvogel gelyncht wurde, hat er resigniert  und hasst sich dafür. Smith ist Stanley kein einfacher Freund. Einmal bringt er den Jungen in Lebensgefahr, als er ihn in einem depressiven Anfall aus seinem Haus und direkt in die Arme des Mörders Bubba Joe jagt. Selbst dieser ist kein eindimensionaler Schurke; ihn haben die ständigen Demütigungen gebrochen und bösartig werden lassen.

Joe Lansdale versteht die Kunst, Figuren zum Leben zu erwecken, indem er Schwarz-Weiß-Zeichnung vermeidet. Vielleicht sind ihm Gal Mitchel und Rosy Mae ein wenig zu gutmenschlich geraten, aber sogar ein düsterer Roman verträgt ein wenig Optimismus, wenn die emotionale Balance gewahrt bleibt. »Ein feiner dunkler Riss« ist jederzeit im Gleichgewicht. Die scheinbaren Abschweifungen wie Stanleys Ausflüge in die Stadt, seine Streifzüge durch die Wälder der Umgebung oder die breiten Schilderungen seines Familienlebens sind tatsächlich integrale Bestandteile dieser Geschichte, die lebensnah zwischen Krimi-Geschehen und Handlung keinen Unterschied macht, sondern zwischen diesen beiden Polen beliebig wandert.

Lernen kann schmerzhaft sein

Das Ende ist natürlich nicht happy; es ist konsequent und stellt zufrieden. Offene Fragen beantwortet Lansdale wie nebenbei in einem Epilog, der schildert, was nach dem Sommer von 1958 geschah und der es in sich hat. Wie nebenbei wirft Lansdale gleich mehrere Twist-Granaten, die dem Romangeschehen noch einmal eine neue Dimension verleihen. Der älter gewordene Stanley Mitchel erkennt, dass der feine, dunkle Riss keineswegs verschwunden ist, weil er 1958 einem Gewaltverbrecher das Handwerk legen konnte. Er ist geblieben, er wird immer bleiben, denn er gehört zum Leben, wie Stanley es begriffen hat:

Buster lag nicht mit allem richtig, und manchmal waren seine Antworten etwas konfus. Aber was mich stets begleitet, worauf man sich anscheinend getrost verlassen kann, ist seine Bemerkung darüber, dass das Leben nicht immer ganz befriedigend ist, und am Ende ist Fleisch und Dreck doch alles wieder eins. (S. 275)

Die Lakonie, die in dieser Schlussbemerkung liegt, zieht sich durch das gesamte Buch. Nicht zuletzt dank einer hervorragenden Übersetzung wirkt sie nie aufdringlich. Der erinnerungsschwere und schwermütige Tenor passt zur Geschichte, die aus der Sicht eines 13-jährigen Jungen erzählt wird. Zudem wirkt Wahrheit in simplen Worten stärker. Ein feiner dunkler Riss bietet Hochspannung und echte Gefühle ohne Folterorgien und Blutkaskaden, ohne Figuren in künstlich entworfenen, homöopathisch über viele Serienbände verdünnten Beziehungskrisen.

Dargeboten wird dieser Roman zu guter Letzt nicht als Allerwelts-Taschenbuch mit Fotostock-Coversurrogat, sondern als schön gestaltetes Paperback mit Klappenbroschur. Schon optisch wirken die Bestseller von den Abkauf-Paletten deutscher Buchketten-Filialen kümmerlich gegen dieses Buch. Im inhaltlichen Vergleich wird endgültig deutlich, wieso sie zu Recht nach einem halben Jahr auf Grabbeltischen verramscht werden.

Michael Drewniok, Mai 2012

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anyways zu »Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss« 20.10.2015
Ausgerechnet Dewmont! In diesem verschlafenen Kaff in East Texas, im Sommer 1958, übernimmt der Vater der 16 jährigen Callie und des 13 jährigen Stan ein Autokino. Umkreisen Callie schon nach kurzer Zeit die Jungs, wie Satelliten, findet Stan so gar keinen Anschluss an die Kinder, ihm graut schon richtig vor dem Schulanfang. Außer in Richard, ein Junge der mehr oder weniger vor seinem gewalttätigen Vater flüchtet, hat er einen Freund und natürlich steht ihm sein treuer Hund Nub zur Seite.
Es ist ein sehr heißer, schwüler Sommer und mit ihm kommt das Ende der Kindheit, Stück für Stück. Erst muss Stan verkraften, das weder Weihnachtsmann noch Osterhasen je existiert haben, dann wird er auch noch, für seine Begriffe recht rüde, „aufgeklärt“, aber das ist erst der Anfang von diesen schicksalhaften Sommerferien. Zum Glück hat er etwas Ablenkung, durch die Entdeckung einer Schatulle, in einem verfallenem Haus, das auf dem Grundstück des Autokinos steht. Die daraus folgernde Geister- und Gruselgeschichte, über zwei junge Mädchen die in Newmont vor einigen Jahren , recht grausig, den Tod fanden, versprechen eine gehörige Portion Nervenkitzel. Seine Neugier teilt er mit dem Schwarzen Buster, früher Sheriff in einem Indianerreservat, heute Filmvorführer bei Stans Vater. Beide spielen Sherlock Holmes, und kommen dem Mörder dabei sehr nahe.

Joe R. Landsdale beschreibt eindrücklich die Szenerie einer texanischen Kleinstadt, geprägt von Rassendiskriminierung den Schwarzen gegenüber, von gewaltbereiten Männern, egal welcher Ethnie sie angehören, und von einem Hauch Aufbruchsstimmung, einer kleinen Ahnung vom Umdenken der weißen Bevölkerung und von der Bürgerrechtsbewegung, die erst ein paar Jahre später Verbote von Rassendiskriminierungen durchsetzen wird. Er erzählt seine Geschichte mitreißend, ohne erhobenen Zeigefinger aber auch ohne zu beschönigen.
Es ist erfrischend wie er den Jungen Stan „erwachsen“ werden lässt, seine Empörung ob der Ungeheuerlichkeiten, die das Erwachsenenleben so mit sich bringt, alles Veränderungen, gegen die er sich sträubt, die er am besten nicht näher hinterfragt. Bei einer älteren Schwester, die zudem auch noch viel reifer als er selber ist, gar nicht so einfach. Ein Portrait, über das man schmunzelt und sich an die eigene Kindheit erinnert, und den damit verbundenen Schwierigkeiten in der Welt der Erwachsenen.
Joe R. Landsdale zählt für mich zu den interessantesten Autoren. Seine Geschichten sind nie laut, oder übertrieben, sie sind eher leise und nachhaltig, dabei aber unverkennbar. Sollte man sich aber jetzt dem Glauben befinden, gar keinen Krimi in den Händen zu halten, so täuscht man sich gewaltig.
SchmökerKing zu »Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss« 26.08.2015
Zunächst fand ich mich wie bei Tom Sawyer wieder, aber die Geschichte, die an Ende der 50er in Ost-Texas spielt, ist eine wunderbare Milieu Studie, die Familie Mitchel, die neu in den Ort gezogen ist, der 13 Jährige Stanley, der uns seine Umgebung und seine Familie und seine Sicht der damaligen Welt und der Rassentrennung beschreibt, das ist ganz große Klasse, eine phantastische Geschichte, die man verfilmen müsste. Dass über allem eine Kriminalgeschichte liegt, wird erst im Laufe der Handlung klar und schleicht sich bestimmend in die Sommeratmosphäre. Es ist der Sommer, der sein Leben verändert.Es ist mein erstes Buch von Lansdale und ich hab direkt ein neues besorgt. Einzig, die sympathischen Figuren werde ich nicht wiedersehen, hatte gehofft, es gäbe irgend eine Fortsetzung, aber das ist eigentlich aus der Logik der Geschehnisse gar nicht möglich.Absolut lesenswert.
Kristof Nef zu »Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss« 04.01.2015
Den drei Rezensionen kann ich voll zustimmen. Nicht wirklich ein Krimi, aber ein toller Abenteuerroman. Das Buch hat in seinem ruhigen Erzählfluss eine so hohe Qualität, dass ich es sicherlich in einigen Jahren ein zweites oder auch drittes Mal lesen werde, was ich sonst nur bei Werken der Weltliteratur tue. Angenehm an diesem Roman ist auch, dass die von Lansdale sonst gepflegte milieukolorierende "Vulgarität" hier nicht gewichtig auftritt, so dass man das Buch auch guten Gewissens der Jugend in die Hand drücken kann.
wendelin zu »Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss« 08.05.2014
Ost-Texas 1958. Die Sommerferien beginnen für den 13 jährigen Stanley und seine Welt ist in Ordnung. Er streift mit seinem treuen Hund Nub durch die Wälder hinter dem Autokino und findet eine geheimnisvolle Kiste. Bis gestern glaubte er noch an den Weihnachtsmann, doch dann sickert durch einen feinen dunklen Riss die Realität hindurch, mit all ihrer Gewalt und Ungerechtigkeit. Was als Kinderabenteuer beginnt, entwickelt sich zum Schnelldurchlauf im Erwachsenwerden und wird Stan für immer verändern.

„Schrecklich, wie es in Wirklichkeit zuging auf der Welt, in Dewmont. Wahrscheinlich spielen sich solche Dinge in jeder Kleinstadt ab, und die meisten Leute merkten nichts davon. Ich hätte lieber zu den meisten Leuten gehört. Es war, als ob ich einen Deckel angehoben hätte, und nun kamen alle üblen Geheimnisse der Welt hervorgekrochen.“

Als Krimi würde ich dieses Buch nicht bezeichnen. Es sei denn man könnte ein Kind und einen alten Farbigen, die vom großen Vorbild Sherlock Holmes inspiriert sind, als Ermittler durchgehen lassen. Joe R. Lansdale hat einen großartiger Roman übers Erwachsenwerden geschrieben, unnachahmlich schön und ruhig erzählt, so dass das Lesen eine Wahre Freude ist. Eine Geschichte, die einen gefangen nimmt und bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Und was für ein Schluss. So ruhig die Story sich entwickelt, so spannend wird sie gegen Ende. Denn das Schicksal ist noch nicht fertig mit Stan und nicht immer gewinnen die Guten.

Joe Richard Harold Lansdale wurde 1951 in Gladewater im US-Staat Texas geboren. In Ein feiner dunkler Riss lässt er die Welt seiner Kindheit auferstehen. Das ist ihm wirklich gelungen. Auch im heutigen Texas herrscht noch nicht wirklich der Geist der Aufklärung, aber 1958 war es rückständige Provinz. Die „Nigger“ waren noch Untermenschen, Frauen und Kinder zu schlagen war durchaus noch an der Tagesordnung und unter der rechtschaffenen Oberfläche so mancher Kleinstädte brodelte es mächtig. Trotzdem gelingt es Lansdale auch den Charme und die verschlafene Atmosphäre dieser Zeit wieder lebendig werden zu lassen. Ganz großes (Auto-) Kino!

Lansdales Figuren sind wunderbar lebendig. Mit Macken, Schrullen und Fehlern, aber auch liebenswert mit viel Herz, Humor und Verstand. Man muss sie lieben oder hassen, immer jedoch sind sie glaubwürdig und absolut authentisch.

„Buster lag nicht mit allem richtig, und manchmal waren seine Antworten etwas konfus. Aber was mich stets begleitet, worauf man sich anscheinend getrost verlassen kann, ist seine Bemerkung darüber, dass das Leben nicht immer ganz befriedigend ist, und am Ende ist Fleisch und Dreck doch alles wieder eins.“

Fazit: Großartige Unterhaltung mit subtiler Spannung – zum Lachen, zum Weinen und zum Fürchten – wie das richtige Leben.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Marius zu »Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss« 06.03.2014
Ein typischer Lansdale

Wann ist ein Autor ein Großer? Wenn seine Schreibe unverkennbar ist, wenn man schon auf den ersten Seiten den Eindruck hat, heimzukehren und wenn der Autorenname nicht auf dem Cover stehen müsste, um ihm das Buch zuordnen zu können
Joe R. Lansdale zähle ich definitiv zu den großen Krimiautoren unserer Tage - und sein Roman „Ein feiner, dunkler Riss“ stammt definitiv aus der Feder des Romanciers. Ursprünglich schon 2002 erschienen hat es das Buch nun beim Suhrkamp-Verlag ins Taschenbuch-Format geschafft.
Der Roman wird vom Ich-Erzähler Stanley als Kindheitserinnerung erzählt (auch so ein typischer Lansdale-Kniff) und enthält alle Zutaten, die die Bücher Lansdales kennzeichnen: ein unschuldiges Kind in Texas wird im Laufe des Buchs zum Erwachsenen, ein Verbrechen aus der Vergangenheit wird aufgeklärt, das Kind tritt dem Rassismus entgegen. Im vorliegenden Fall entdeckt Stanley eine Kiste mit alten Liebesbriefen und stößt auf ein verlassenes Haus, das nur der Auftakt zu größeren Abenteuern ist. Zusammen mit seinen Freunden und dem alten farbigen Filmvorführer Buster, der er sich als ehemaliger Polizist entpuppt, ermittelt er um den Geheimnissen seines Städtchens auf die Spur zu kommen.

Mit „Ein feiner, dunkler Riss“ ist Lansdale erneut eine spannende und wehmütige Hommage an ein lang vergangenes Texas gelungen. Zwar kommt „Ein feiner, dunkler Riss“ nicht an Lansdales Meisterwerke „Die dunklen Wälder am Fluss“ und „Der Teufelskeiler“ heran, dennoch wieder ein grandioser Roman übers Erwachsenenwerden und die Erinnerungen an die Kindheit.
Lili zu »Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss« 26.06.2012
Mir hat schon "Die Wälder am Fluß" sehr gut gefallen und auch dieses Buch habe ich mit Begeisterung in einem Rutsch gelesen. Ich mag die Hauptfigur und ihre Familie mit Anhang.

Sicherlich ist immer die Frage, ob es sich dabei um einen Krimi handelt. Ich finde, es geht um deutlich mehr. Es ist ein Buch, aus dem man vieles über das Leben im Süden der USA in den fünfziger und sechziger Jahren erfährt. Es erinnert an "Wer die Nachtigall stört", hat auch was von "Tom Sawyer und Huckleberry Finn". Für den hartgesottenen Krimileser vielleicht nicht das richtige.

Ich fand es spannend und interessant, mochte sehr gern auch lesen, wie diese etwas ungewöhnliche Familie ihren Weg geht.
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