Jim Thompson

James Meyer Thompson wurde am 27. September 1906 in Anadarko, US-Staat Oklahoma, geboren. Hier herrschte noch der Geist des Wilden Westens. James sr., der Vater, arbeitete als Sheriff. Noch lieber trieb er sich freilich in den Spielhöllen herum. Er veruntreute Geld, wurde angeklagt und entzog sich der Verurteilung durch Flucht nach Mexiko. Begleitet von seiner Familie schlug er sich nach seiner Rückkehr als Arbeiter auf den Ölfeldern von Texas durch; ein harter Job, in dem ihm später Sohn Jim folgte. Die Weltwirtschaftskrise, vor allem jedoch das raue, oft brutale Leben dieser Jahre prägten den späteren Schriftsteller. Seine Vorliebe für harte, aber gebrochene Kerls, denen das Schicksal und missliebige Mitmenschen ständig Knüppel zwischen die Beine werfen, bis unterdrückte Gefühle sich schließlich gewaltsam entladen, stammt aus dieser Zeit.

Thompson erlebte in den 1920er Jahren eine harte Zeit in vielen Gelegenheitsjobs. Immer wieder wurde er arbeits- und obdachlos, kam mit dem Gesetz in Konflikt. In den 1930er Jahren ging er zurück aufs College; seine Ausbildung finanzierte er als Alkoholschmuggler. Thompsons eigentlicher Wunsch war es, sich den Lebensunterhalt als Autor zu verdienen. Zwei frühe Romane (Now and on Earth und Heed the Thunder) waren Misserfolge. Also suchte sich Thompson Arbeit in den Minen der Unterhaltungsliteratur: Er schrieb Abenteuer- und »True Crime«-Storys für die unersättlichen Pulpmagazine, später hämmerte er Paperback-Thriller in die Maschine. Allein zwischen September 1952 und März 1954 erschienen zwölf Thompson-Titel. Dieses mörderische Arbeitstempo war nicht freiwillig, sondern notwendig in einem Geschäft, das Sklavenlöhne zahlte. Sein Leben lang wurde Thompson von finanziellen Nöten geplagt.

In diesem Ghetto entstanden Thompsons typische, eigentlich unter Wert verkaufte, rabenschwarze Geschichten von Verlierern und Verlorenen, die verzweifelt und skrupellos nach ihrem Zipfel der Wurst haschen und dabei endgültig zu Boden gehen, von Getriebenen und Verrückten, die manisch ihren inneren Zwängen folgen müssen. Gewalt spielt eine große Rolle, nicht als Selbstzweck, sondern als Resultat einer quasi schicksalhaften Entwicklung, welche ihre Protagonisten wie ferngesteuert aufeinander zu und ins Verderben laufen lässt. Oft in der Ich-Perspektive geschrieben, locken Thompsons Geschichten den Leser in Gedankenwelten, die ihn (und sie) schaudern lassen. Frauen sind berechnend und gefährlich. Nur selten und dann kurz und trügerisch blitzt Hoffnung auf. Thompson-Thriller enden stets düster. Dabei sind sie nicht traurig oder gar sentimental, sondern lakonisch und konsequent: Das Leben dieser literarischen Figuren kennt einfach keine Gewinner.

Außergewöhnliche, ihrer Zeit voraus greifende Romanen wie The Killer Inside Me (1952), der Geschichte eines psychopathischen Deputys, der zum Serienkiller wird, ließen Hollywood aufhorchen. Thompson arbeitete an den Drehbüchern für zwei frühe Stanley-Kubrick-Filme (The Killing, dt. Die Rechnung ging nicht auf, und Paths of Glory, dt. Umwege zum Ruhm) mit. Doch der verheißungsvolle Start einer neuen Karriere endete im Nichts. Als wenig hilfreich erwies sich in den USA der McCarthy-Ära eine frühere Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei. Thompson geriet auf die Schwarze Liste und schrieb bald nur noch selten und für TV-Serienshows.

Thompsons Romane wurden mehrfach verfilmt. Ironischerweise geschah dies verstärkt erst nach seinem Tod; der Autor hatte dies vorausgesehen. 1972 inszenierte Sam Peckinpah, in seinem Metier selbst ein Außenseiter, The Getaway mit Steve McQueen und Ali MacGraw, 1976 entstand The Killer Inside Me mit einem großartigen Stacey Keach in der Titelrolle. 1975 ehrte Regisseur Dick Richards den zu diesem Zeitpunkt in seinem Heimatland bereits vergessenen Schriftsteller und übertrug ihm die kleine aber prägnante Rolle des alten, gebrochenen, betrogenen Mr. Grayle in dem Neo-Noir-Klassiker Farewell, My Lovely (dt. Fahr zur Hölle, Liebling); typisch für den späten Jim Thompson war dies kein Film nach eigenem Buch, sondern nach einem Roman seines ungleich berühmteren Kollegen Raymond Chandler, dem er heute längst als Meister des Genres zur Seite gestellt wird. Weitere Filmklassiker nach Thompson entstanden 1979 (Série noire; Vorlage: A Hell of a Woman) bzw. 1981 (Coup de torchon, dt. Der Saustall; Vorlage: Pop. 1280) in Frankreich, wo der Autor noch heute Kultstatus besitzt.

Als Schriftsteller ausgebrannt, fast erblindet, von jahrzehntelanger Alkohol- und Nikotinsucht gesundheitlich zerstört und nach einer Serie von Hirnschlägen zur Untätigkeit verdammt, starb Jim Thompson am 7. April 1977. Seine Asche wurde über dem Pazifik verstreut.

Michael Drewniok, August 2009

Krimis von Jim Thompson:

Mehr über Jim Thompson:

  • Collins, Max Allan und Ed Gorman: Jim Thompson: The Killers Inside Him. Cedar Rapids, Iowa: Fedora Press, 1983.
  • Frost, Armin: Die Romane von Jim Thompson – Parallelen zum amerikanischen Kino der neunziger Jahre am Beispiel der Filme von Quentin Tarantino. Hamburg, 1998.
  • McCauley, Michael: Jim Thompson: Sleep with the Devil. New York: Mysterious Press, 1991.
  • Pemberton, William E.: »Jim Thompson«. In: Rollyson, Carl (Hrsg.): Critical Survey of Mystery and Detective Fiction. Revised Edition. Pasadena: Salem Press, 2008, S. 1722-1725.
  • Polito, Robert: Savage Art: a Biography of Jim Thompson. New York: Knopf, 1995.
  • Sallis, James: Difficult Lives: Jim Thompson, David Goodis, Chester Himes. Brooklyn, N.Y.: Gryphon Books, 1993.

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