Die Agenda von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Citizen Vince, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Heyne.
- New York: Regan Books, 2005 unter dem Titel Citizen Vince. 293 Seiten.
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München: Heyne, 2006.
Übersetzt von Ursula Gnade.
ISBN:
978-3-453-43149-2. 397 Seiten.
'Die Agenda' ist erschienen als
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In Kürze:
Vince Camden lebt in dem Provinznest Spokane und führt ein Doppelleben: Am frühen Morgen backt er in einem Laden Donuts und anschließend widmet er sich dem Kreditkartenbetrug. Davon kann er gut leben, bis in der Stadt ein angeheuerter Killer auftaucht, der es auf ihn abgesehen hat. Vince erkennt, dass ihn seine Vergangenheit eingeholt hat und die Mafia, mit der er sich in New York angelegt hatte, ihn aufgespürt hat.
Das meint Krimi-Couch.de: »Der Donut-Bäcker, die Mafia und Ronald Reagan«
Krimi-Rezension von Frank A. Dudley überspringen
Wer in das Zeugenschutzprogramm der US-Strafverfolgungsbehörden aufgenommen wird, wäre andernfalls im Knast gelandet. So erhält er eine neue Chance, ein zweites Leben irgendwo in einem abgelegenen Kaff. An alles denken die US-Marshals dabei: Neuer Name inklusive Sozialversicherungsnummer, neuer Job und ausgelöschte Vergangenheit. Zumindest in den Akten.
Vince Camden lebt bereits seit einigen Jahren als Donutbäcker in Spokane, Washington. Neben seinem anspruchslosen, aber respektablem Broterwerb verdient er sich ein angenehmes Zubrot mit Kreditkartenbetrug sowie kleinen Drogenschmuggeleien und sinniert über sein Leben, seitdem er gegen eine New Yorker Mafia-Bande ausgesagt hat. So weit hat Vince nichts am Zeugenschutzprogramm auszusetzen, immerhin lebt er noch. Doch als im Fernsehen ein väterlicher Typ leicht nuschelnd fragt: »Geht es Ihnen besser als vor vier Jahren?« ist es mit seiner Gelassenheit vorbei. Der Typ im Fernsehen ist Ronald Reagan, und es sind nur noch wenige Tage bis zur US-Präsidentenwahl im Jahr 1980.
Geisel der eigenen Vergangenheit
Vince beginnt, sein Leben mit dem Zustand der USA zu vergleichen, er kommt zu dem Schluss, dass er vor vier Jahren eine völlig andere Person gewesen ist. Während der Ex- und erneute Gauner, der laut Selbstauskunft »die längste zölibatäre Phase durchläuft, die außerhalb einer Gefängniszelle stattfindet«, mittels Literaturkenntnissen versucht, die Damenwelt zu beeindrucken, holt ihn seine Vergangenheit ein: Ein Killer aus New York will Vince nicht nur das Kreditkartengeschäft abnehmen, sondern ihn auch gleich komplett beseitigen.
Aber der Donutbäcker ist nicht bloß irgendein Kleinganove, der mit seinem neuen Leben in der amerikanischen Provinz gerade mal so eben zurechtkommt: Vince will normal werden. Er will sein Leben aufräumen und endlich ehrlich werden. Vor dem Hintergrund des amerikanischen Wahlkampfes und der Geiselnahme von US-Botschaftsangehörigen im Iran setzt sich in Vinces Kopf der Wille fest, die Abgabe seiner Stimme entscheidet für ihn alles. Denn ihm ist klar, dass aus jemandem, der bisher von nie mehr als »Mädchen in Short, einem Sixpack und einem Straight Flush« geträumt hat, nichts werden kann.
Also sucht er seine ergaunerten Ersparnisse zusammen, fliegt nach New York, wo er bei der Mafia seine Schulden bezahlen will. Die Bedingungen, die der Pate Vince am Spieltisch stellt, sind jedoch Meilen von dem entfernt, was er sich vorgestellt hat.
Ich wähle, also bin ich
»Die Agenda« ist der dritte Roman von Jess Walter, einem Journalisten, der in den USA bislang durch seine investigativen Recherchen und Artikel bekannt geworden ist. Seine Mitarbeit an einem Buch über den O. J. Simpson-Prozess dürfte ihn für die seltsamen Windungen der amerikanischen Strafverfolgung und seiner Akteure sensibilisiert haben. Der Ausschnitt aus dem Leben des Vince Camden ist allerdings auch eine komische und leichtfüßig erzählte Geschichte, die schwere Fragen stellt: Was bringt das Recht zu wählen mit sich? Was braucht es, damit Menschen den Willen aufbringen, sich zu ändern?
Ohne zu polarisieren, spult Jess Walter den Konflikt Camdens vor dem Hintergrund der US-Wahl und benutzt die Profile der Kandidaten als Blaupause für die Gedankenwelt seines idealistischen Donutbäckers: Jimmy Carter steht für Zurückhaltung, Ronald Reagan für Stärke. Es wird nicht erzählt, ob Camden schließlich demokratisch oder republikanisch wählt, aber wie er zur taktischen Inspiration auf dem Weg zu seinen Entscheidungen auf die Aussagen der Präsidentenkandidaten zurückgreift, ist eine höchst unterhaltsame Überhöhung seiner Situation.
An einer Stelle hat es Walter mit dem politischen Aspekt zum Nachteil der Spannung übertrieben: Eine mehrseitiges Intermezzo, in dem er Wahlkampf-Situationen und �Gedanken des von Zweifeln gequälten Carter und der sonnigen Welt des Ronnie Reagan beschreibt.
Dennoch hält Jess Walter seine mehrsträngige Geschichte unter bemerkenswerter Kontrolle. Allein wie Vince Camden es schafft, seine Mafia-Vergangenheit aufzuarbeiten und dabei alle Beteiligten in politische Diskussionen verwickelt, ist von köstlich-trockenem und teilweise schwärzestem Humor durchsetzt. Der gewitzte Donutbäcker schafft es sogar, den erwähnten Killer zu überzeugen, dass er unbedingt wählen muss, bevor er in den Lauf einer .357 Magnum blickt � eine der besten Szenen des Buches.
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| realsatiriker zu »Jess Walter: Die Agenda« | 25.10.2009 |
|---|---|
| Bio-Fan zu »Jess Walter: Die Agenda« | 01.07.2008 |
| mase zu »Jess Walter: Die Agenda« | 06.09.2006 |
