Die Saat des Bösen von Jeffery Deaver

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1995 unter dem Titel Speaking in Tongues, deutsche Ausgabe erstmals 1998 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1990 - 2009.

  • New York: Viking, 1995 unter dem Titel Speaking in Tongues. 411 Seiten.
  • München: Goldmann, 1998. Übersetzt von Hans-Joachim Maass. ISBN: 3-442-43715-6. 411 Seiten.
  • München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Hans-Joachim Maass. ISBN: 3-442-46135-9. 411 Seiten.

'Die Saat des Bösen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die siebzehnjährige Megan ist spurlos verschwunden. Ihr Vater Paul, ein ehemaliger Staatsanwalt, hat den furchtbaren Verdacht, dass seine Tochter entführt wurde. In seinem Beruf macht man sich viele Feinde, und nicht immer verurteilt die Justiz den wahren Schuldigen. Da die Polizei nicht an ein Verbrechen glaubt, sucht Paul seine Tochter auf eigene Faust. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn der Täter hat nichts zu verlieren …

Das meint Krimi-Couch.de: »Hundertmal spannender als irgendein Grisham«

Krimi-Rezension von Michael Matzer

Eine Mordserie ereignet sich im ländlichen Virginia und versetzt eine ganz bestimmte Familie in Angst und Schrecken, die Familie von Tate Collier. Dass er von seiner Frau Bett McCall schon seit Jahren geschieden ist, stört den Killer nicht. Er fängt mit Tates Tochter an.

Die 17-jährige Megan wird immer die »verrückte Megan« genannt. Sie kommt nämlich nach der Scheidung ihrer Eltern mit ihren Problemen nicht mehr zurecht und hat sich bereits mit mehreren ungewöhnlichen Männern eingelassen. Nach einer besonders turbulenten Nacht lässt sie sich von ihrer Mutter, Bett McCall, dazu überreden, den Psychotherapeuten Dr. James Paters aufzusuchen. Peters gelingt es in der Tat, Megans Vertrauen zu gewinnen. Immer tiefer in ihrer Psyche bohrend stößt er auf sehr viel Zorn und Frustration und überredet Megan, ihre Wut rauszulassen und aufzuschreiben.

Das Mädchen ahnt nicht, dass Peters keine Approbation hat und ein Mörder ist. Am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden. In Tate Colliers Haus tauchen nur die verhängnisvollen Gesprächsaufzeichnungen Megans auf. Sie lesen sich nun wie wütende Abschiedsbriefe. Darauf fällt auch die Polizei herein: Wer sucht schon nach einer Ausreißerin, die wahrscheinlich schon längst im Zug nach New York City sitzt?

Tate Collier, ein ehemaliger Staatsanwalt und seit fünf Jahren im Ruhestand, bittet seinen alten Freund Konnie von der Polizei, dennoch nach Hinweisen auf Megans Entführung zu suchen. Konnie ist ein hervorragender Schnüffler. Schon bald stößt er auf Ungereimtheiten. So etwa scheint der letzte Megan-Lover, der ältere Englischlehrer Carson, sich selbst verbrannt zu haben, weil er sich Vorwürfe macht, Megan und andere Mädchen verführt zu haben.

Ein weiterer Lover Megans ist der Farbige Joshua LeFevre, ein rebellischer Kunstmaler aus betuchtem Hause. Als er mit Colliers und Konnies Hilfe Megans Spur aufnimmt, stößt er in den Bergen Virginias, den höhlenreichen Appalachen, auf ein unheimliches und abgelegenes Anwesen. Zwei Erweckungsprediger hätten hier ihre Gottesdienste mit feurigen Reden abgehalten, erzählt ihm eine Anwohnerin. Doch hier stößt Joshua nur auf Aaron Matthews. Er ahnt nicht, dass Matthews mit Dr. James Peters identisch ist.

Peters/Matthews setzt wie schon bei Megan seine heimtückische Überredungskunst und seinen psychologischen Scharfblick ein, um Joshua aus dem Konzept zu bringen. Joshua ahnt ja, dass er Megan hier finden könnte. Doch als er sich ablenken lässt, unterliegt er.

Nun schweben nicht nur Megans Eltern in ernster Gefahr, sondern auch der alte Polizist Konnie, der sich auf die Spur des Dr. Peters gesetzt hat. Doch auch Konnie hat einen schwachen Punkt, wie jeder. Es erscheint schier unglaublich, aber auch diesen abgebrühten und zynischen Polizisten »schafft« Dr. Peters mit seiner Beredsamkeit. Schließlich aber trifft er auf seinen eigentlichen Gegner: Tate Collier war einmal der brillanteste Staatsanwalt Virginias. Seine Beredsamkeit ist mindestens ebenso so groß wie die von Matthews/Peters. Und damit hatte er fünf Jahre zuvor dessen Sohn hinter Gitter gebracht …

In einer der vielen Höhlen findet der folgerichtige Showdown zwischen diesen beiden Meistern der Beredsamkeit statt. Und vielleicht gibt es für die entführte Megan noch eine Überlebenschance.

Der Leser ist von Anfang im Bilde, was gespielt wird. Wir folgen den Machenschaften Matthews/Peters´ ebenso wie den verzweifelten Befreungsversuchen, die Megan in den unheimlichen Kellern auf dessen Anwesen unternimmt. Getreu dem alten Hitchcock-Grundsatz sind wir den Vertretern des Guten stets weit voraus und bangen um ihr Überleben: So wird Suspense aufgebaut. Wir können dem Tod bei der Arbeit zusehen und fragen uns, wer das moralische Recht hat, zu überleben.

Als der Autor immer mehr Einzelheiten über die Geschehnisse fünf Jahre zuvor enthüllt, die zu Peters´ Rachefeldzug und Colliers Amtsniederlegung führten, gerät Collier zunehmend ins Zwielicht. Der Vertreter von Gesetz und Ordnung scheint ja über Leichen gegangen zu sein, wenn es seiner Sache dienlich war. Vielleicht hat ja am Ende der Mörder Recht? Als es diesem auch noch gelingt, Bett McCall für sich einzunehmen und zwischen sie und ihren Ex-Mann einen Keil zu treiben, scheint Collier auf verlorenem Posten zu stehen. Die Chancen für Megans Überleben schmelzen dahin.

Und so hängt alles von der finalen Konfrontation der beiden männlichen Hauptfiguren ab. Diese Szene ist ebenso hervorragend ausgearbeitet wie jene Szene, in der Konnies Fall und Vernichtung angebahnt wird. Hier spielt Deaver sein ganzes Wissen als Psychologe und sein Können als Rhetoriker aus. Und erst in dieser Szene, kurz vor Schluss, zieht Collier sein größtes Ass aus dem Ärmel (ich werde mich hüten, das hier zu verraten!). Und das haut nicht nur seine Zuhörer um.

Der Originaltitel lautet »Speaking in tongues«, also »in Zungen sprechen«. Das Taten bekanntlich die Leute und Jünger Jesu zu Pfingsten, als sie den Geist Gottes em-PFING-en. Davon leitet sich die Erweckungsbewegung ab, die Pentecost-Sekte. Ihr gehörte beispielsweise auch Jeannette Wintersons Mutter an, wie J.W. in ihrem Roman »Orangen sind nicht die einzige Frucht« (neu als Taschenbuch bei BVT) erzählt.

Im Buch zog Aaron Matthews mit seinem Vater von Dorf zu Dorf, um flammende Erweckungsreden, angeblich göttlich inspiriert, abzuhalten und den zuhörenden Lämmern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Natürlich war das Ganze inszeniert.

Doch der Autor zieht von hier aus eine direkte Parallele zu Tate Colliers Tätigkeit als Staatsanwalt von Fairfax County in Virginia. (Die Polizei zählt nicht: Sie ist den Besitzenden hörig.) Und er rückt somit die Rechtssprechung auf eine Stufe mit Scharlatanen wie Matthews & Sohn. Da ist eine extrem kritische Haltung, die Deaver hier andeutet – mindestens so kritisch wie jene des frühen John Grisham, etwa in »Die Firma«.

Die Parallelen gehen noch weiter, wie der Titel des ersten Buchteils andeutet: Es geht um die jeweiligen Erstgeborenen von Matthews und Collier. Nach dem altbiblischen Gesetz von »Auge um Auge, Zahn um Zahn« vergilt Matthews´ den Tod seines Sohnes an Colliers Tochter, Megan. Aber hat dieses Gesetz heute noch Gültigkeit? Und somit auch die Worte zahlloser Fernsehprediger in den USA und anderswo?

Was mich etwas nervte, war die etwas naive Haltung von Bett McCall. Sie wird auch als Esoterikfanatikerin etwas lächerlich gemacht. Dennoch ist sie ebenso realistisch gezeichnet und plausibel gezeichnet wie der angeblich so gefühlskalte Tate Collier. So richtig sympathisch ist eigentlich nur der arme alte Polizist Konnie, der ein weitaus besseres Ende seines Lebens und seiner Laufbahn verdient hätte.

Dieser Thriller ist hundertmal spannender als irgendein Grisham, hat mehr Action und Intelligenz in den entscheidenden Szenen und lässt den Leser nicht mehr los bis zur letzten Szene. Von späteren Deaver-Romanen unterscheidet er sich lediglich dadurch, dass nicht so viele überraschende Wendungen enthalten sind und keine »Knochenjäger« auftauchen.

Das meinen andere:

»´Die Saat des Bösen´ von Jeffery Deaver schrammt streckenweise hart an einem Horrorroman vorbei. Aber dieses Buch, das nichts für schwache Nerven ist, ist eben mehr, viel mehr. Hier gibt es mehr als einen Schuldigen. Hier gibt es Ursache und Wirkung. Hier wurzelt selbst der Wahn und der Horror ganz in dieser Welt.« (Westdeutscher Rundfunk)

Ihre Meinung zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen«

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Kasia zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen« 04.01.2015
"Die Saat des Bösen" ist für mich ein weiterer superguter Deaver-Roman.
Sehr gute Story, keine Langeweile, keine Längen, super Charaktere, detailreiche Beschreibungen, für mich keine sichtbaren Übertreibungen oder ähnliches.
Viel mehr Gänsehaut und kaum erträgliche Spannung. Leider zu viele offen beschriebene Gewalthandlungen. Aber das ist ja bekanntlich Geschmackssache.
Im Großen und Ganzen: 90° und eine klare Leseempfehlung!
Moschi zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen« 13.10.2009
In diesem frühen Deaver-Werk übte der Autor noch. Da hatte ich doch etwas mehr erwartet. Kein Vergleich zu seinen späteren Büchern (excellent: Der Knochenjäger, Der Insektensammler!).
Zwischen einigen recht spannenden Passagen gibt es viel handlungsarme Ödniss und gähnende Langeweile.
Fazit: Man kann es lesen, hat aber auch nichts versäumt, wenn man es nicht tut.
Heaven23 zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen« 03.03.2008
Ein klasse Buch auf jeden Fall, ich habe es auf deutsch in meinem Regal, habe aber auch das original gelesen, nachdem ich die Rezision voN Conny las. Und sie hat recht, erst wenn man das Original kennt, merkt man, dass der Übersetzer hier einiges verbrochen hat :-D
Ansonsten natürlich ein spannendes buch. Deaver ist auf jeden Fall ein Name der sich einprägt und einreihen kann in die Liga der besten Krimiautoren !
Conny zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen« 25.09.2007
Ein früher Deaver, und das merkt man auch... Psychologisch zwar schon sehr ausgefeilt, aber teilweise sehr wirr, und wenn man die Lincoln-Rhyme-Reihe so gut wie auswendig kennt, vermisst man halt einfach die später so Deaver-typische finale Wendung. Aber ein "schlechter" Deaver ist immer noch besser als das beste Werk so mancher anderer Krimi-Autoren...
Was leider massiv stört, ist die grottenschlechte deutsche Übersetzung. Wer auch immer die verbrochen hat, war eindeutig nicht vom Fach und ist in so gut wie jede Falle getappt. Dadurch wird der Lesefluss gestört, weil das Deutsch teilweise fehlerhaft und/oder unidiomatisch ist und man genau sieht, was im original da stand - Leute reden "weich" ("softly") und bitten "um Vergebung" ("beg pardon")... Schade!!
romimax zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen« 09.07.2007
Ein knallhartes Buch, das wieder einmal zeigt, wie groß die Macht des - wohl überlegten und gezielt gesetzten - Wortes ist. Absolut empfehlenswert, auch wenn für mich persönlich manche Szenen ziemlich gruselig (Was wird aus dem armen Joshua?) gruselig geraten sind.
daniel mores zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen« 22.11.2004
also mir hat es außerordentlich gut gefallen. ich verstehe nicht ganz, warum "die schule des schweigens" diesem hier vorgezogen wird.

die nicht-handlungs-relevanten geschichten, wie diverse inneren konflikte der vermissten megan, oder die rückblenden auf die beziehungsgeschichte von ex-mann und ex-frau fand ich diesmal sehr spannend, und ich habe sogar mitgetrauert als gewisse details verraten wurde.

die poetischen ergüsse der taubstummen mädchen in "die schule des schweigens" fand ich grässlich, viel zu triefend und absolut uninteressant, daher auch das häufige weiterblättern und nicht selten laut ausgesprochenem "blablabla", worauf sich dann meine freundin über mich lustig machte :)

die saat des bösen ist wirklich interessant und spannend, und eigenartigerweise ein wenig anders als die bisherigen deaver bücher. die erwartet unerwartete wende kommt hier in abgeschwächter form schon vor, bezieht sich aber lediglich auf einen nebencharakter.

ein wenig unbefriedigt ließ mich das nicht-wirklich-happy end, aber vielleicht liegt das an meiner eigenen definition dass sich alle wieder liebhaben usw.

rückblickend war "die schule des schweigens" ein wenig interessanter, von den einsichten in geiselnahmen-gegenangriffen, bzw. das ende spannender. aber "die saat des bösen" (ziemlich beschi**ene übersetzung des titels, nebenbei bemerkt) war kurzweiliger und hatte einen besseren rhytmus.
Umbroultra zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen« 21.02.2004
Für einen Deaver ist dieses Buch doch eher langatmig und zäh. Zwischen spannenden Passagen wird der Leser mit viel zu viel Belanglosen gelangweilt.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Anja S. zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen« 11.08.2003
Das Buch war echt schlecht!!! Schade drum. "Die Schule des Schweigens" war so klasse.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
frontside_2002 zu »Jeffery Deaver: Die Saat des Bösen« 11.05.2003
Ein perfekt insziniertes Buch über Täuschung und Gefahr.
Das Buch ist die perfekte Beschreibung eines Horrorfilms, wie es jeden von uns jederzeit passieren kann.
Spannung bis zur letzten Sekunde macht süchtig u. man gibt dieses Buch nicht mehr aus der Hand, bevor der Täter nich gefasst ist.
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