von Jeffery Deaver

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1997 unter dem Titel The Bone Collector, deutsche Ausgabe erstmals 1999 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1990 - 2009.
Folge 1 der Lincoln-Rhyme-&-Amelia-Sachs-Serie.

  • London: Hodder & Stoughton, 1997 unter dem Titel The Bone Collector. 506 Seiten.
  • New York: Viking, 1997. 506 Seiten.
  • München: Goldmann, 1999 Die Assistentin. Übersetzt von Hans-Peter Kraft. ISBN: 3-442-41644-2. 506 Seiten.
  • München: Goldmann, 2000 Der Knochenjäger. Übersetzt von Hans-Peter Kraft. ISBN: 3-442-43459-9. 511 Seiten.
  • München: Goldmann, 2002 Der Knochenjäger. Übersetzt von Hans-Peter Kraft. ISBN: 3-442-45341-0. 511 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als Taschenbuch

ISBN 3-442-41644-2, 512 Seiten. Copyright © 1999 Verlagsgruppe Random House

Leseprobe

Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt

In New York ist die Gegenwart so mächtig, dass die Vergangenheit vergessen ist.

John Jay Chapman

Freitag, 22.30 Uhr, bis Samstag, 15.30 Uhr
Eins

Die Maschine war mit zwei Stunden Verspätung gelandet, und sie hatten ewig lange auf das Gepäck warten müssen. Und dann hatte auch noch die Mietwagenfirma Mist gebaut – die Limousine war vor einer Stunde weggefahren. Deshalb mußten sie jetzt auf ein Taxi warten.
Sie stand mit den anderen Passagieren in der Schlange, die schlanke Gestalt leicht zur Seite geneigt, um das Gewicht des Laptop-Computers auszugleichen, den sie über der Schulter hängen hatte. John quasselte unentwegt über Zinssätze und neue Möglichkeiten zur Umschichtung des Transitgeschäfts, doch sie konnte nur noch an eins denken: Freitag abend, halb elf. Ich will mir bequeme Klamotten anziehen und mich hinhauen.
Sie musterte den endlosen Strom der gelben Taxis. Irgend etwas an der Farbe und der Gleichförmigkeit der Wagen erinnerte sie an Insekten. Und sie erschauderte leicht, spürte wieder dieses grusligkrabbelige Gefühl, das sie aus ihrer Kindheit in den Bergen kannte, wenn sie und ihr Bruder einen toten Dachs mit heraushängenden Eingeweiden gefunden oder einen Waldameisenhaufen umgetreten und das Gewusel feuchter Beine und Leiber betrachtet hatten.
T. J. Colfax trat vor, als das nächste Taxi kam und mit quietschenden Bremsen anhielt.
Der Fahrer ließ den Kofferraumdeckel aufspringen, blieb aber im Wagen sitzen. Sie mußten ihr Gepäck selbst einladen, was John sauer aufstieß. Er war es gewohnt, dass man ihn bediente. Tammie Jean störte sich nicht daran; sie war gelegentlich immer noch überrascht, dass sie eine Sekretärin hatte, die ihre Korrespondenz tippte und verwaltete. Sie warf ihren Koffer hinein, schlug den Deckel zu und setzte sich in den Wagen.
John stieg nach ihr ein, knallte die Tür zu und wischte sich über das schwammige Gesicht und die beginnende Glatze, so als hätte er sich beim Verstauen seiner Reisetasche völlig verausgabt.
»Zuerst zur Zweiundsiebzigsten Ost«, brummte John durch die Trennscheibe.
»Danach zur Upper West Side«, fügte T. J. hinzu. Das Plexiglas zwischen den Vordersitzen und dem Fond war völlig verkratzt, so daß sie den Fahrer kaum sehen konnte.
Das Taxi schoß davon und rollte kurz darauf über die Stadtautobahn in Richtung Manhattan.
»Schau«, sagte John. »Daher die vielen Menschen.«
Er deutete auf eine riesige Reklametafel, auf der die Delegierten zu der am Montag beginnenden UN-Friedenskonferenz willkommen geheißen wurden. Rund zehntausend Besucher sollten in der Stadt weilen. T. J. betrachtete die Reklametafel – Schwarze, Weiße und Asiaten, alle lachten und winkten. Irgend etwas störte an diesem Bild. Die Proportionen und die Farben stimmten nicht. Und die Gesichter wirkten alle viel zu blaß.
»Leichenräuber«, murmelte T. J.
Sie rasten über die breite Stadtautobahn dahin, die schmutziggelb im Licht der Straßenbeleuchtung schimmerte. Vorbei am alten Navy Yard, vorbei an den Piers von Brooklyn.
John hörte endlich auf zu reden, holte seinen Taschenrechner heraus und tippte irgendwelche Zahlen ein. T. J. lehnte sich zurück, blickte hinaus auf die flirrenden Bürgersteige und die mürrischen Mienen der Menschen, die auf den Vordertreppen der Sandsteinhäuser entlang der Stadtautobahn hockten. Sie wirkten wie besinnungslos vor Hitze.
Auch im Taxi war es ziemlich heiß. T. J. streckte die Hand nach dem Knopf aus, mit dem sich das Fenster senken ließ. Sie war nicht weiter überrascht, als er nicht funktionierte. Sie griff über John hinweg. Der Fensterheber auf seiner Seite war ebenfalls kaputt. Erst dann stellte sie fest, dass die Türverriegelungen fehlten.
Die Türgriffe ebenfalls.
Ihre Hand glitt über die Tür, tastete nach der Griffnabe. Nichts – als hätte sie jemand abgesägt.
»Was ist?« fragte John.
»Tja, die Türen …Wie kriegen wir die wieder auf?«
John schaute von der einen zur anderen, als das Hinweisschild auf den Midtown Tunnel auftauchte und vorbeihuschte.
»He!« John klopfte an die Trennscheibe. »Sie haben die Ausfahrt verpaßt. Wo wollen Sie hin?«
»Vielleicht fährt er über die Queensboro«, meinte T. J. Die Strecke über die Brücke war zwar weiter, aber man sparte dadurch die Tunnelmaut. Sie setzte sich auf und klopfte mit ihrem Ring an das Plexiglas.
»Fahren Sie über die Brücke?«
Er beachtete sie nicht.
»He!«
Und im nächsten Moment raste er an der Ausfahrt zur Queensboro Bridge vorbei.
»Scheiße«, schrie John. »Wo fahren Sie denn hin? Nach Harlem. Ich wette, er bringt uns nach Harlem.«
T. J. blickte aus dem Fenster. Ein anderer Wagen fuhr neben ihnen her, zog langsam vorbei. Sie trommelte an die Scheibe.
»Hilfe!« schrie sie. »Bitte ...«
Der andere Fahrer warf ihr einen Blick zu, dann noch einen, und runzelte die Stirn. Er fuhr langsamer und reihte sich hinter ihnen ein, doch das Taxi scherte jäh aus, nahm schlitternd eine Ausfahrt nach Queens, bog in eine Gasse ab und raste durch eine menschenleere Lagerhausgegend. Sie mußten um die hundert Stundenkilometer fahren.
»Was machen Sie da?«
T. J. hämmerte an die Trennscheibe. »Fahren Sie langsamer. Wohin -?« »O Gott, nein«, murmelte John. »Schau.« Der Fahrer hatte eine Skimaske übergezogen. »Was wollen Sie?« rief T. J. »Geld? Wir geben Ihnen Geld.« Noch immer kein Ton von vorne.
T. J. riß ihre Targus-Tasche auf und zog ihren schwarzen Laptop heraus. Sie holte aus und knallte die Kante des Computers gegen die Trennscheibe. Das Glas hielt, doch der Schlag hatte den Fahrer anscheinend zu Tode erschreckt. Der Wagen brach aus und hätte beinahe die Ziegelwand des Hauses gestreift, an dem sie gerade vorüberrasten.
»Geld! Wieviel? Ich kann Ihnen jede Menge Geld geben!« John geiferte geradezu, und die Tränen liefen ihm über die dicken Backen. Wieder rammte T. J. ihren Laptop mit aller Kraft gegen das Fenster. Der Bildschirm flog weg, doch die Trennscheibe blieb ganz. Sie versuchte es noch mal, und diesmal zerbrach das Computergehäuse und rutschte ihr aus der Hand. »O Mist ...« Sie wurden beide heftig nach vorn geschleudert, als das Taxi in einer schmuddeligen, unbeleuchteten Sackgasse scharf abbremste. Der Fahrer stieg aus. Er hatte eine kleine Pistole in der Hand. »Nein, bitte«, flehte sie. Er ging zur Hintertür, beugte sich hinab und schaute durch das schlierige Glas. Er stand eine ganze Weile so da, während sie und John sich in die andere Ecke drängten und die schweißnassen Leiber aneinanderdrückten.
Der Fahrer schirmte die Augen mit der Hand ab und schaute sie sich genau an. Plötzlich ertönte ein lautes Krachen, und T. J. fuhr zusammen. John schrie kurz auf.
In der Ferne, hinter dem Fahrer, zuckten rot-blaue Feuerzungen über den Himmel. Dann weiteres Geknatter und Geheul. Er drehte sich um und blickte auf, als eine riesige orangerote Spinne ihre Beine über der Stadt ausstreckte.
Ein Feuerwerk. T. J. fiel ein, dass sie in der Times etwas darüber gelesen hatte. Ein Geschenk des Bürgermeisters und des UN-Generalsekretärs, mit dem sie die Konferenzteilnehmer in der großartigsten Stadt der Welt empfingen.
Der Fahrer wandte sich wieder dem Taxi zu. Mit einem lauten Schnappen entriegelte er das Schloß und öffnete langsam die Tür.


Ein anonymer Anruf. Wie üblich.
Folglich konnte man nicht nachhaken und feststellen, welches unbebaute Grundstück der Anrufer meinte. »Siebenunddreißigste, Nähe Eleventh Avenue, hat er gesagt. Das ist alles«, hatte die Zentrale über Funk durchgegeben.
Anonyme Anrufer waren, was genaue Ortsbeschreibungen anging, bekanntlich nicht die Zuverlässigsten.
Amelia Sachs, die jetzt schon schwitzte, obwohl es erst neun Uhr morgens war, kämpfte sich durch das hohe Gras. Sie ging in Schlangenlinie, schritt den Suchabschnitt ab – so nannte man das bei der Polizei. Nichts. Sie beugte sich zu dem Funkmikrofon, das an ihrer marineblauen Uniformbluse befestigt war.
»Streife 5885. Kann nichts feststellen, Zentrale. Haben Sie weitere Angaben?«
»Nicht zur Örtlichkeit, 5885«, meldete sich knisternd und knackend die Einsatzzentrale. »Aber eins noch …der Anrufer hat gesagt, er hofft, dass das Opfer tot ist. Ende.«
»Sagen Sie das noch mal, Zentrale.«
»Der Anrufer hat gesagt, er hofft, dass das Opfer tot ist. Um seinetwillen. Ende.«
»Ende.«
Hofft, dass das Opfer tot ist?
Sachs kletterte über einen durchhängenden Stacheldrahtzaun und suchte eine weitere unbebaute Parzelle ab. Nichts.
Sie wollte am liebsten aufgeben. Einen 10-90 melden, eine Fehlanzeige, und zum Deuce zurückkehren, ihrem üblichen Streifenbezirk. Ihre Knie schmerzten, und sie kochte förmlich vor Hitze in diesem mistigen Augustwetter. Sie wollte sich zur Hafenbehörde verziehen, bei den Kollegen herumhängen und eine große Dose Arizona-Eistee trinken. Danach, um halb zwölf – in etwas über zwei Stunden -, wollte sie ihren Spind in Midtown South ausräumen und zur Fortbildung ins Präsidium nach Downtown fahren.
Doch sie blies den Einsatz nicht ab – sie brachte es nicht über sich. Sie ging weiter: den heißen Gehsteig entlang, durch eine Lücke zwischen zwei verlassenen Wohnblocks, über ein weiteres verwildertes Grundstück.
Sie grub den langen Zeigefinger in das flache Dach ihrer Uniformmütze, in das Nest ihrer langen, hochgesteckten roten Haare. Sie kratzte sich krampfhaft, griff dann unter die Mütze und kratzte weiter. Schweiß rann ihr über die Stirn und kitzelte sie, worauf sie sich auch die Augenbrauen vornahm.
Sie dachte: Die letzten zwei Stunden auf der Straße. Damit kann ich leben.
Als Sachs tiefer in das Gestrüpp vordrang, war ihr an diesem Morgen zum erstenmal unwohl zumute.
Jemand beobachtete sie.
Raschelnd strich der heiße Wind durch das dürre Gestrüpp, dazu kam der Lärm der Personen- und Lastwagen am Lincoln Tunnel. Ein Gedanke ging ihr durch den Kopf, der Streifenpolizisten häufig zu schaffen machte: Diese Stadt ist so verdammt laut, dass sich jemand von hinten mit dem Messer an mich ranschleichen könnte, ohne daß ich es überhaupt mitbekäme.
Oder ein Zielfernrohr auf meinen Rücken richten ...
Sie fuhr herum.
Nichts als trockenes Laub, rostige Maschinenteile und Müll.
Sie zuckte ein paarmal zusammen, als sie auf einen Steinhaufen kletterte. Amelia Sachs, einunddreißig Jahre alt- erst einunddreißig, wie ihre Mutter sagen würde -, litt an Arthritis. Ein Erbteil ihres Großvaters, und zwar ebenso eindeutig, wie sie die gertenschlanke Figur von ihrer Mutter und das gute Aussehen von ihrem Vater hatte, in dessen Fußstapfen sie auch beruflich getreten war (woher die roten Haare stammten, wußten die Götter). Ein weiterer stechender Schmerz, als sie sich durch ein hohes, halbvertrocknetes Gebüsch zwängte. Sie blieb gerade noch rechtzeitig stehen, denn nur einen Schritt vor ihr fiel das Gelände mindestens zehn Meter steil ab.
Unter ihr lag eine düstere Schlucht – tief in das Muttergestein der West Side eingegraben. In ihr verlief die Gleisbettung für die Amtrak-Züge in Richtung Norden.
Sie kniff die Augen zusammen und blickte hinunter auf den Grund der Schlucht, auf eine Stelle unmittelbar neben der Bahntrasse.
Was war das?
Ein kreisrunder Fleck aufgewühlter Erde, aus dem eine Art Ast aufragte? Es sah aus wie -
Ach, du lieber Gott ...
Sie erschauderte beim bloßen Anblick. Spürte, wie ihr schlecht wurde, wie ihre Haut zu prickeln begann. Sie mußte sich mit aller Macht zusammennehmen, denn am liebsten hätte sie kehrtgemacht und so getan, als hätte sie nichts gesehen.
Er hofft, dass das Opfer tot ist. Um seinetwillen.
Sie rannte zu einer eisernen Leiter, die vom Gehsteig hinab zum Bahnkörper führte. Sie griff nach dem Geländer, hielt sich aber gerade noch rechtzeitig zurück. Mist. Der Täter könnte über diese Leiter geflüchtet sein. Wenn sie sie anfaßte, ruinierte sie womöglich die Fingerabdrücke, die er hinterlassen hatte. Na schön, dann eben auf die komplizierte. Sie atmete tief durch, um die Schmerzen in ihren Gelenken zu unterdrücken, setzte ihre Dienstschuhe – sie hatte sie für den ersten Tag in ihrer neuen Stellung eigens auf Hochglanz poliert – in die ins Gestein gekerbten Spalten und kletterte am Felsen hinab. Sie sprang die letzten anderthalb Meter zur Bahntrasse hinunter und rannte zu dem Fleck, an dem das Erdreich aufgegraben worden war.
»O Mann ...«
Es war kein aus dem Boden ragender Ast, es war eine Hand. Die Leiche war aufrecht begraben und mit Erde zugeschüttet worden, bis nur mehr Unterarm, Handgelenk und Hand herausstanden. Sie starrte auf den Ringfinger: Sämtliches Fleisch war entfernt worden, und auf dem blanken, blutigen Knochen steckte ein mit Diamanten besetzter Damenring.
Sachs kniete sich hin und fing an zu graben.
Als sie mit den Händen die Erde nach hinten schleuderte wie ein Hund, fiel ihr auf, dass die nicht verstümmelten Finger weit gespreizt und unnatürlich durchgebogen waren. Was ihr verriet, dass das Opfer noch am Leben gewesen war, als man ihm die letzte Schaufel Erde auf das Grab geworfen hatte.
Und vielleicht immer noch lebte.
Sachs wühlte wie wild im lockeren Erdreich und zerschnitt sich die Hand an einer Glasscherbe, worauf sich ihr dunkles Blut mit der dunkleren Erde mischte. Sie stieß auf die Haare, dann auf die Stirn, sah die typischen Anzeichen einer Zyanose, die bläulichrote Verfärbung, die auf Tod durch Ersticken hindeutete. Sie grub weiter, bis sie die gebrochenen Augen sah und den Mund, der zu einem grausigen Grinsen verzerrt war. Vermutlich hatte das Opfer bis zur letzten Sekunde versucht, den Kopf über der schwarzen Erde zu halten.
Es war keine Frau. Trotz des Ringes. Es war ein korpulenter Mann, um die Fünfzig. So tot wie der Boden, in dem er steckte.
Sie wich zurück, konnte aber den Blick nicht von ihm abwenden und wäre beinahe über ein Bahngleis gestolpert. Eine ganze Minute lang war sie zu keinerlei Gedanken fähig. Stellte sich nur immer wieder vor, was für ein Gefühl es gewesen sein mußte, so zu sterben.
Dann: Komm schon, Schätzchen. Du hast hier einen Mord an der Hand, und du bist die erste Polizistin vor Ort.
Du weißt, was du tun mußt.
FAUST.
F steht für Festnahme eines Täters, falls bekannt.
A steht für Aufschreiben von Zeugen und Verdächtigen.
U steht für Überblick über den Tatort verschaffen.
S steht für ...
Wofür stand S doch gleich wieder?
Sie senkte den Kopf und sprach ins Mikrofon. »Streife 5885 an Zentrale. Einsatzmeldung. Habe einen 10-29 bei den Bahngleisen an der Siebenunddreißigsten, Ecke Eleventh Avenue. Tötungsdelikt. Brauche Kripo, Spurensicherung und Polizeiarzt. Kommen.«
»Verstanden, 5885. Täter festgenommen? Kommen.«
»Kein Täter.«
»Verstanden, 5885.«
Sachs starrte auf den Finger, von dem das Fleisch entfernt worden war. Den Ring, der nicht paßte. Die Augen. Und das Grinsen …oh, dieses verfluchte Grinsen. Wieder schauderte es sie am ganzen Leib. Amelia Sachs war im Sommerlager in Flüssen geschwommen, in denen es vor Schlangen wimmelte, sie hatte sich zu Recht gebrüstet, dass es ihr nichts ausmachen würde, am Bungeeseil von einer dreißig Meter hohen Brücke zu springen. Aber sobald sie an Gefangenschaft dachte, an enge Räume …sobald sie sich vorstellte, in der Falle zu sitzen, nicht weg zu können, packte sie die helle Panik. Deswegen ging Sachs schnell, wenn sie zu Fuß unterwegs war, und deswegen fuhr sie mit dem Auto wie der Teufel persönlich.
Wenn man in Schwung ist, kriegt einen keiner ...
Sie hörte ein Geräusch und spitzte die Ohren.
Ein dumpfes Rumpeln, das lauter wurde.
Papierfetzen wehten die Bahngleise entlang. Staubwolken umwirbelten sie wie wütende Geister.
Dann ein tiefes Heulen ...
Streifenpolizistin Amelia Sachs, einen Meter fünfundsiebzig groß, stellte fest, dass sie es mit einer dreißig Tonnen schweren Amtrak-Lokomotive zu tun hatte, einem rot-weiß-blauen Stahlkoloß, der mit fünfzehn Stundenkilometern entschlossen auf sie zuhielt.
»Sie da, stehenbleiben!« schrie sie.
Der Lokführer beachtete sie nicht.
Sachs rannte auf den Bahnkörper, stellte sich breitbeinig mitten auf die Gleise und winkte ihm zu, dass er anhalten solle. Quietschend kam die Lokomotive zum Stehen. Der Lokführer streckte den Kopf aus dem Fenster.
»Sie können hier nicht durch«, erklärte sie ihm. Er fragte sie, was sie damit meine. Ihrer Ansicht nach sah er furchtbar jung aus, viel zu jung, um einen so großen Zug zu fahren. »Sie haben hier einen Tatort vor sich. Stellen Sie bitte den Motor ab.« »Gute Frau, ich seh’ nirgendwo eine Tat.« Aber Sachs hörte nicht zu. Sie schaute hinauf zu einem Loch im Maschendrahtzaun, oben an der Westseite der Bahnstrecke, nahe der Eleventh Avenue.
Auf diesem Weg hätte er sein Opfer ungesehen hierherschaffen können – wenn er an der Eleventh Avenue parkte und es durch die enge Gasse zu dem Steilabfall schleppte. An der Siebenunddreißigsten, der Querstraße, lief er Gefahr, dass jemand aus einem der zahllosen Fenster schaute und ihn bemerkte.
»Der Zug, Sir. Lassen Sie ihn einfach stehen.«
«Ich kann ihn hier nicht stehenlassen.«
»Stellen Sie bitte den Motor ab.«
»So eine Lok stellt man nicht ab. Die läuft immerzu.«
»Und rufen Sie Ihren Einsatzleiter an. Oder irgendwen. Die Züge in Richtung Süden müssen ebenfalls angehalten werden.«

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