Sanpaku von Jef Geeraerts

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1989 unter dem Titel Sanpaku, deutsche Ausgabe erstmals 1992 bei Alano.

  • Antwerpen: Manteau, 1989 unter dem Titel Sanpaku. 163 Seiten.
  • Aachen: Alano, 1992. Übersetzt von Bernd Kehrer. ISBN: 3893991638. 139 Seiten.
  • Mönchengladbach: Juni, 1992. Übersetzt von Bernd Kehrer. 139 Seiten.

'Sanpaku' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein junger, hochbegabter Cellist, Mathieu Salvan, erbt ein wertvolles Instrument, dessen Spiel ihm ein Gefühl von Allmacht und abgrundtiefer Liebe verleiht. Die Symbiose zwischen dem Musiker und seinem Cello scheint vollkommen, bis ihm das Instrument entwendet wird. Der Roman folgt dem Cello, das eine Spur von Gewalt und Mord hinter sich lässt, durch die europäische Geschichte. Geeraerts schlägt einen gewagten Bogen vom Mittelalter ins 20. Jahrhundert, und scheut auch nicht davor zurück, im technikbegeisterten Industriezeitalter die geheimnisvollen Kräfte der Erde und der Musik herbeizuzitieren. Dieses »Lied ohne Worte«, wie Geeraerts »Sanpaku« genannt hat, bezieht sich auf ein altes japanisches Schriftzeichen. Es bezeichnet eine dunkle Kraft, die einige wenige Samurai bessen haben sollen, »Sanpaku« oder »Todesaugen« genannt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Genie und Wahnsinn« 77°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Paris, 1939. Mathieu Salvan, 19 Jahre jung, ist begnadeter Cellist, Schüler der Cello-Koryphäe Paul Bazelaire und hat kürzlich ein besonderes Instrument geerbt, ein »Vuillaume«, in Form und Klang ein einzigartiges Werk. Getrieben von seiner unnachgiebigen Begeisterung zur Musik spielt er mitten in der Kirche am Place Saint-Augustin die Sarabande aus der 5. Suite für Cello Solo in c-moll von Johann Sebastian Bach – ein musikalischer Moment, der sein ganzes Leben umwerfen wird.

Die Noten treiben ihn zur Ekstase kurz vor den Wahnsinn, er spielt, dass die Töne die gesamte Kirche erfüllen, er spürt, wie er Mittelpunkt des Geschehens ist, wie die Sarabande ihn beherrscht – und als er aufhört, sieht er, dass der Priester, der ihm aufmerksam zugehört hat, ihn tränenüberströmt anschaut.

Allerseits Neugier

Selbst mehr als überrascht über diese Erfahrung, dieses Gefühl der Unsterblichkeit, das Salvan während der Sarabande gepackt hatte, will er mehr über sein »Vuillaume« wissen und bringt es zur Expertise und Anpassung zum höchst anerkannten jüdischen Geigenbauer Alain Azzato, der das Cello begeistert betrachtet und zur Anpassung für einen Tag in der Werkstatt behalten will. Widerwillig stimmt Salvan zu und muss ebenso widerwillig zur Kenntniss nehmen, wie Azzato versucht, ihn zu verführen. Salvan flieht in die Arme seiner japanischen Freundin Yukiyo (die seine Mutter sein könnte), die sich mit erstaunlicher Neugier für Salvans Erlebnis in der Kirche interessiert und zu wissen scheint, was er in diesem Moment gefühlt hat.

Nach einem berauschenden Liebesabenteuer erhält Salvan das Cello zurück – doch es ist anders, die Obertöne fehlen. Ungläubig versucht es der 19jährige ein weiteres Mal in der Kirche mit Bachs Sarabande – und ist erschüttert. Statt Unsterblichkeit sieht er sich selbst auf dem Totenbett, gepeiningt von höllischen Qualen. Leichenblass sucht er bei seiner Asiatin Trost, die ihn jedoch mit orangeroten Augen wie die einer Raubkatze bitter erbost verspottet, verhöhnt und verlässt, da er sich mit einem anderen, falschen Cello betrügen hat lassen. Am Boden zerstört, setzt Salvan seinem Leben melodramatisch ein Ende, indem er sich an einer Saite erhängt. Yukiyo, immer noch in unendlicher Rage, sucht Azzato auf, um den echten »Vuillaume« zurück zu bekommen. Azzato spielt den Unwissenden und bezahlt dafür schließlich mit dem Leben – Yukiyo zückt ein langes Messer, schlitzt den Geigenbauer auf und verschwindet spurlos.

Die blutige Spur des Cellos

Nach dieser kurzen, dramatischen Episode folgt der Leser weiter der blutigen Spur, die das Vuillaume-Cello hinter sich zieht. Heinrich Stangl, österreichicher Cellist, spielt darauf 1951 im Bayreuther Festspielhaus. Standing Ovations und auch die Frau des japanischen Botschafters ist entzückt – bis, ja bis Stangl die Sarabande von Bach spielt. Ihre Augen sind urplötzlich hasserfüllt, glühen orangerot. Sie besucht ihn, will ihm den Vuillaume für eine atemberaubende Summe abkaufen. Stangl weigert sich jedoch und wird von der Asiatin mit einer Art Fluch belegt: Seine linke Hand verwandelt sich in Sekunden zu einer Klaue, nie wieder wird er Cello spielen können. Stangl beauftragt Eugène Azzato, Sohn des und Nachfolger des ermordeten Geigenbauers, den Stammbaum des »Vuillaume« zu recherchieren. Und was Azzato herausfindet, ist mehr als beängstigend. Azzato stößt auf unglaubliche Zusammenhänge, bis hin zu Judenmorden in einem Konzentrationslager, wo das Cello eine seltsame Rolle spielt …

Geeraerts´ Verfolgungsjagd nach dem unseligen Cello gipfelt schließlich in einem kleinen Dorf in der Dordogne, ein schon zu Zeiten der Kelten mystischer Ort, an dem im Mittelalter ein wahnsinniges Massaker stattgefunden hat und an dem die blutigen Fäden des Vuillaume-Cellos zusammen laufen. Was als angenehme Reise für Azzato und seinen jugendlichen Liebhaber Philippe Lamargelle beginnt, endet in einer fernöstlich-keltischen Tragödie.

Es träuben sich die Nackenhaare

Was soll der Leser davon also halten? Auf der einen Seite ist »Sanpaku« so etwas ganz anderes, als die übliche Krimi-Einheits-Massenkost. Kurz (140 Seiten), packend, fesselnd und mit einem Cello als eigentlichem Protagonisten. Dazu diese unheimliche, fernöstlich-mystische Spannung, die – soweit man für übernatürliche Fiktion erreichbar ist – noch lange nach Schluss des Buches die Nackenhaare sträubt.

Auf der anderen Seite ist »Sanpaku« moralisch-ethisch stark bedenklich. Damit, dass ein Belgier deutsche Nazis als »Geister der Vergangenheit« bezeichnet, stumpfsinnige, saufende Gesellen, »groß, fett, und blond«, wird der deutsche Leser noch leben können. Dass in »Sanpaku« die Gattinnen dieser Geister aber zu »groben, fleißigen« Wesen werden, die den Tag damit verbringen, Kartoffeln, Kohl, Schweinefleisch und Würste zu kochen und sich »kurz und knurrend begatten lassen«, ist weniger verzeihlich, allzu klischeehaft und grenzt an eine Beleidung gegenüber den »Trümmerfrauen«.

Ist diese Art an Ressentiments bei einem 1930 geborenen Belgier vielleicht noch nachvollziehbar, hört mein Verständnis für Geeraerts Schilderungen spätestens mit folgendem Satz auf:

»´Monsieur Azzato\', begann dieser, ohne eine Spur von der Nervösität, die er bis dahin gezeigt hatte, und eine Idee zu selbstbewusst für sein Alter, was allerdings in dieser Gesellschaft weniger auffiel, weil intellektuelle Pedanterie bei Juden recht verbreitet ist [...]«

Zwar bleibt dieser Satz die expliziteste antisemitische Äußerung in »Sanpaku«, doch lassen sich allgemeine antisemitische Tendenzen nicht verleugnen, die Geeraerts´ Roman durchziehen. Denn: Die Charakterzeichnungen der beiden Azzatos sind alles andere als positiv. Habgierig, eitel, beide mit Vorliebe für Jünglinge und dazu noch Gewissensbisse des jüngeren Azzato, dass er sich erfolgreich vor dem Holocaust in der Schweiz verstecken konnte, während andere Opfer des Massenmords der Nazis wurden.

Darf der Leser trotz dieser nicht akzeptablen Judenbeschreibung »Sanpaku« gut finden? Brilliante Sprache und spannende Unterhaltung einerseits, arge ethische Fehltritte andererseits? Nach Walsers »Tod eines Kritikers« soll an dieser Stelle die gleiche Diskussion nicht nochmals geführt werden, bedenkt man jedoch, dass »Sanpaku« 13 Jahre vor Walsers Roman erschienen ist, wird verständlich, warum der Krimi des Belgiers heute nur noch über Antiquariate und Tauschbörsen zu erhalten ist und wohl auch keine Wiederauflage erfährt.

Wer »Sanpaku« trotzdem bekommen kann und es aufmerksam und mit nötigem intellektuellen Abstand liest, wird für Geeraerts´ Entgleisungen mit einer fast poetischen, intensiven Sprache und einer Handlung, die ihresgleichen sucht, mit kurzweiligem, jedoch durch und durch verstörendem Lesegenuss entschädigt.

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Bernd Kehren zu »Jef Geeraerts: Sanpaku« 20.09.2003
Der Roman ist ganz hervorragend!
Die oben genannten Kritikpunkte finde ich spitzfindig und bestimmen nicht die Stimmung und Handlung des Romans.
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