Chourmo von Jean-Claude Izzo

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1996 unter dem Titel Chourmo, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Unionsverlag.
Ort & Zeit der Handlung: Marseille, 1990 - 2009.
Folge 2 der Fabio-Montale-Serie.

  • Paris: Gallimard, 1996 unter dem Titel Chourmo. 268 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2000. Übersetzt von Katarina Grän und Ronald Voullié. ISBN: 3293201873. 268 Seiten.

'Chourmo' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Fabio Montale will nicht mehr länger Polizist sein. Er möchte lieber gut essen und trinken, mit seinen Freunden reden und mit seinem Boot die Küste entlangschippern. Aber seine Cousine Gelou, die aussieht wie Claudia Cardinale, ist verzweifelt: Ihr Sohn Guitou ist mit seiner arabischen Freundin verschwunden. Dass Guitou schon lange tot ist, dämmert Montale erst nach und nach. Plötzlich hat auch Kommissar Loubet von der Polizei gar nicht mehr so viel dagegen, dass Montale sich um Aufklärung bemüht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Izzos Sozial- und Gesellschaftskritik ist glaubhaft und konsequent« 95°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter

»Tötet sie alle. Gott wird die Seinen erkennen« (Simon de Montfort)

Nach den Ereignissen in »Total Cheops«, dem ersten Teil der Marseille – Trilogie, hat Fabio Montale seinen Dienst als Polizist quittiert. Die Jugendfreunde Manu und Ugo sind tot, und Lole hat ihn mittlerweile verlassen.

Fabio hat sich in seine Hütte am Meer zurückgezogen und möchte die Vergangenheit verdrängen. Er verbringt seine Zeit, mit seinem Boot aufs Meer hinauszufahren und zu fischen, nachmittags Karten zu spielen, gut zu essen, Whisky zu trinken und stundenlang durch die Buchten von Marseille zu wandern.

Doch die Idylle währt nicht lange. Seine Cousine Gélou sucht ihn äußerst beunruhigt auf und bittet um Hilfe. Ihr jüngster Sohn Guitou ist verschwunden und seit Tagen nicht auffindbar. Seine neue Freundin Naima stammt aus einer algerischen Einwandererfamilie. Aber Gélous Lebensgefährte Alex ist Rassist, und Gélou teilt seine Ansichten. Zwischen Alex und Guitou entwickelte sich deshalb eine Feindschaft, die oft in tätliche Auseinandersetzungen ausartete. Nach dem letzten Eklat verschwand Guitou.
Widerwillig macht sich Fabio auf die Suche, er hält die Sache für eine harmlose Angelegenheit von zwei verliebten Jugendlichen.

Unterwegs zur Familie Naimas wird er Zeuge eines Mordes: Serge, ein Sozialarbeiter in den Einwanderervierteln und Kollege von früher, wird auf offener Strasse erschossen. Er war offenbar einer gefährlichen Verschwörung islamischer Fundamentalisten auf der Spur. In weiterer Folge muss Fabio erkennen, dass Guitou kaltblütig ermordet wurde, als er in der Wohnung eines Freundes mit Naima zusammen war. Aber warum wurde er getötet? Und wo ist das Mädchen?
Bald ist ihm auch ein Killer auf den Fersen, den Fabio in einem rasanten Showdown auszuschalten versucht …

Die Marseille – Trilogie von Jean Claude Izzo ist ein sehr persönliches und leidenschaftliches Bekenntnis eines politischen Autors zu seiner Heimatstadt. Izzo liebt Marseille und wie jede grosse Liebe schließt diese auch Unzulänglichkeiten und Schattenseiten ein.Marseille ist geprägt von seinen Einwanderern aus Nordafrika, dem Arabischen Raum bis hin zu Italien. Fabio Montale, der Held der Trilogie, stammt selbst aus einer neapolitanischen Familie. Diese Collage aus Menschen unterschiedlicher Herkunft macht den Charakter und die Atmosphäre der Stadt aus, ist aber auch Ursache der massiven gesellschaftlichen und sozialen Probleme, denen Izzo in seinen Büchern breiten Raum bietet.

Bei Jean Claude Izzo muss man wissen, worauf man sich einlässt: Auf einen sehr leidenschaftlichen Schriftsteller, der sich nicht scheut, seine Leidenschaften in ihrer gesamten dynamischen Bandbreite zu artikulieren. Verzweiflung ist immer die grosse Verzweiflung, Hass immer der abgrundtiefe Hass, Sehnsucht die Unendliche, Liebe die Unerfüllbare. Gelegentlich nähert er sich in einem Ausbruch von Wut oder Verzweiflung dem Operettenhaften, aber für einen Südländer wie Izzo ist das in Ordnung, er muss ja stilistisch nicht so schreiben wie Fossum oder Mc Dermid.

Er ist ein engagierter und glaubhafter Anwalt der Jugendlichen aus den trostlosen Einwanderervierteln. Dort herrscht Gewalt, Willkür, Rassismus in jeder Richtung, eine gewalttätige Polizei in der Nähe zur Front National, Arbeitslosigkeit, Armut, Menschen ohne Hoffnung oder Zukunft. Izzo ergreift als genauer Beobachter voller Mitgefühl Partei für diese Menschen abseits der sauberen Leistungsgesellschaft, er zeigt die Kehrseite der Medaille. Deshalb heißt dieses Buch »CHOURMO«, so nannte man die Rudersklaven auf französischen Galeeren.

»Es gab einen Chourmo – Geist. Man gehörte nicht mehr zu einem Viertel oder einer Vorstadt. Man war Chourmo. Man ruderte in derselben Galeere! Um rauszukommen. Zusammen. Rastafada eben!«

Hintergrund:

1209 fiel ein starkes Heer aus Nordfrankreich im südlich gelegenen Languedoc ein, einer damals unabhängigen Grafschaft, welche sprachlich, kulturell und politisch nicht nur hochentwickelt war (Viele französische Adelige konnten nicht einmal lesen oder schreiben), sondern dem spanischen Aragon oder Castilla ähnlicher als Frankreich. Die Religion wurde von den Katharern beeinflusst (Davon leitet sich der Name »Ketzer« ab), es herrschte religiöse Toleranz.

Das war der Grund, warum Papst Innozenz III. in damals guter katholischer Tradition – den Einfluss der Kirche und den Füllungszustand der päpstlichen Schatzkammer zu sichern – die am höchsten entwickelte Kultur des Mittelalters in Schutt und Asche legen ließ.

Unter Führung des berüchtigten Simon de Montfort wurde alles Leben vernichtet, Männer, Frauen und Kinder ermordet, zu Tode gefoltert oder am Scheiterhaufen verbrannt. Die okzitanische Sprache des südfranzösischen Raumes wurde unterdrückt und wird seit langem nicht mehr gesprochen. Die Städte Toulouse, Beziers und besonders, als letzte gefallene Festung, Montségur gelten heute den Unabhängigkeitsaktivisten als Symbol für den Widerstand der südfranzösischen Kultur gegenüber dem Pariser Zentralismus.

Eine wesentliche Rolle auf der Suche der von der Gesellschaft ausgegrenzten und hoffnungslosen Jugendlichen, abseits vom staatlich zentralistischen Einfluss, spielt neben der Fussballmannschaft Olympique Marseille die Musikergruppe Massilia Sound System. Diese Gruppe, 1984 als Trio gegründet, heute ein Quintett, setzt sich entschieden für die Eigenständigkeit und Abgrenzung der Jugendlichen ein. Ihre Musik ist eine Mischung aus Reggae, Rap, Folklore und elektronischen Elementen. Die Texte behandeln den Alltag, die Sprache ist eine Besonderheit: Eine Verbindung von Okzitanisch mit regionalen Dialekten. Was hat es damit auf sich?

Um das zu verstehen, muss man ins Jahr 1209 zurückgehen, in dem es zum ersten Genozid in Europa kam (siehe »Hintergrund«). Massilia Sound System, deren neues Album bezeichnenderweise »Occitanista« heißt, möchten ihre Zuhörer zum Okzitanisch – Sprechen animieren und so das Bewusstsein stärken, dass Zweisprachigkeit eine große Bereicherung darstellt. Sie stellen sich in ihren Texten gegen Rassismus und Rechtsextremismus. »CHOURMO« bedeutet auch einen lockeren Zusammenhang der Jugendlichen als Unterstützer oder Fangruppe von MSS, man trifft sich, kümmert sich um Soundsysteme, arrangiert günstige Reisen zu Konzerten. Entscheidend ist, dass die Leute zusammenkommen, sich »mischen«, wie man in Marseille sagt.

Izzo ist ein konsequenter, emotioneller, politisch denkender Autor, der seine persönliche Betroffenheit schonungslos darlegt. Gleichzeitig bietet er ein faszinierendes, großangelegtes Portrait von Marseille, ihrer Atmosphäre bis in detaillierte Beschreibungen kulinarischer Ereignisse. Die Rahmenhandlung ist spannend, plausibel, Fabio wirkt als Person authentisch, trotz aller Verzweiflung und Resignation ist er jedoch ein Mensch mit Hang zu Lebensfreude und Genuss.

In vielen Rezensionen oder Kommentaren liest man über Izzos Bücher nur von gutem Essen, mediterraner Stimmung und Urlaubszielen. Doch er hat es sich verdient, ernstgenommen zu werden, seine Sozial- und Gesellschaftskritik ist glaubhaft und konsequent.

Umso mehr ist es dem Herausgeber der Metro-Reihe im Unionsverlag, Thomas Wörtche, zu danken, dass er Schriftsteller wie Izzo umfassend ernst nimmt, die Verbreitung ihrer Werke ermöglicht und mit kurzen, kompetenten Kommentaren zu Leben und Werk das Verständnis erleichtert.

Es ist längst an der Zeit, dass die große Zahl der Autoren, die Kriminalromane schreibt, in ihrer unglaublichen stilistischen und künstlerischen Vielfalt von den Fesseln der Kategorisierung befreit werden. Überlassen wir dieses Schubladendenken den Kunst- und Schönheitstheoretikern in ihren Staubmänteln. Schließlich ist beispielsweise ein Liebesakt weit mehr als die Summe chemischer Reaktionen von Sexuallockstoffen.

Das Schlusswort hat Fabio Montale, in Gedanken an seinen Vater:

».....wie oft habe ich an ihm gezweifelt? An seiner Moral eines Einwanderers. Kleinkariert und ambitionslos, dachte ich. Später hatte ich die Brüder Karamasow von Dostojewski gelesen. Gegen Ende des Romans sagt Aljoscha zu Krassotkin: «Hören Sie, Kolja, Sie werden im Leben unter anderem auch ein sehr unglücklicher Mensch sein. Aber alles in allem werden Sie dennoch das Leben segnen.» Worte, die mit der Betonung meines Vaters in meinem Herzen widerklangen. Aber es war zu spät, danke zu sagen.«

Das meinen andere:

»Izzo besingt die Stadt Marseille, ihre Schönheit im frühen Sonnenlicht, ihre unverfälschte Lebensfreude, aber er zeigt auch das tödliche Gift, das in ihr Steckt.« (Die Welt)

Ihre Meinung zu »Jean-Claude Izzo: Chourmo«

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Lucia zu »Jean-Claude Izzo: Chourmo« 31.03.2014
Echt, glaubhaft und ungeheuer intensiv.
Die Geschichten wie die Menschen die sich in ihnen finden, kriechen sich einem unter die Haut und klingen hier lange nach.
Selten so gut, selten so traurig und selten
so liebevoll in Zeilen gegossene Schicksale
erzählt bekommen. Leidenschaftlich
und unbarmherzig lebt Fabio und vergisst
über seine Sehnsucht nach Frieden seine
Kraft und Hoffnung.
John67 zu »Jean-Claude Izzo: Chourmo« 27.08.2010
Vielleicht fehlt mir das Feingefühl oder das soziale Interesse an den Lebensumständen der Ausländer in Frankreich, aber der Krimi fand hauptsächlich nur am Rande statt.
Die beiden anderen Bände werde ich garantiert nicht lesen, wenn dies schon der Beste war.
Eine in sich zerrissene Persönlichkeit als Ermittler, umfangreiche Erinnerungsszenen, die in keinem Zusammenhang mit der Story stehen und eigentlich auch keine Spannung, können mich wirklich nicht begeistern.
Benediktpaul zu »Jean-Claude Izzo: Chourmo« 29.06.2009
Chourmo ist sicherlich der beste Band der Trilogie. Man sollte aber unbedingt alle drei gelesen haben. Geschichte und Personen sind liebevoll und detailgetreu beschrieben. Es handelt sich hier nicht nur um bloße Krimis, sondern gleichzeitig um einen Spiegel der sizilianischen Gesellschaft mit all ihren Nöten aber auch kleinen Freuden. Gerade die Sprache ist es, die Izzo qualitativ von anderen Autoren deutlich abhebt. Quillen die Regale in den Bücherläden immer mehr von schlechten Krimis über (man hat den Eindruck jeder Studienrat und jede Hausfrau fühlt sich heutzutage davon beflissen einen Roman zu schreiben), findet man mit Izzo einen leuchtenden Stern am ansonsten doch recht dunklen Himmel der Krimiliteratur.
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Yvonne zu »Jean-Claude Izzo: Chourmo« 25.11.2007
Ich finde Chourmo auch noch besser als Total Chéops. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich Total... zunächst als Film gesehen hatte und so das Erlebnis des Buches nicht mehr unmittelbar war. Chourmo kannte ich vorher nicht, und so konnte ich mich voll und ganz auf diese Geschichte einlassen und traurig sein, als sie zu Ende war. Vor allem angesichts des frühen Todes (Lungenkrebs) seines Autors. Only the good die young, muss man wieder sagen. Sehr informativ ist die homepage seines Sohnes. Man hat das Gefühl, dass auch Izzos Leben so kurz und intensiv und zuweilen melancholisch war wie das von Montale. Obwohl die Bücher besser sind als die Filme, erwischte ich mich dabei, den älter gewordenen Alain Delon bei Montale vor Augen zu haben. Was nicht störte... Trotz der überaus interessanten Gesellschaftsanalysen hat Chourmo wie auch die anderen Bücher der Trilogie vor allem in mir den Wunsch geweckt, nach Marseille zu fahren - und auf jeden Fall ein Glas Lagavulin zu probieren.
milla zu »Jean-Claude Izzo: Chourmo« 04.01.2005
Nach Total Cheops der zweite Band der Marseille-Trilogie, der mir noch besser gefallen hat als der erste! Mittlerweile den Polizeidienst gekündigt sucht der allzu menschliche und daher überaus sympathische Montale den verschwundenen Sohn seiner Cousine und gerät in ein Netz aus Rache, Gewalt und Rassismus in den Vororten von Marseille. Der eigentlichen Krimihandlung wird mehr Platz eingeräumt als im ersten Teil der Trilogie, was die Spannung erhöht und trotzdem nichts von der Poesie nimmt, mit der Izzo den Leser berührt.
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