Mitleid mit den Ratten von Jean Amila

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1964 unter dem Titel Pitié pour les Rats, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Conte.

  • Paris: Gallimard, 1964 unter dem Titel Pitié pour les Rats. 212 Seiten.
  • Saarbrücken: Conte, 2006. Übersetzt von Helm S. Germer. 212 Seiten.

'Mitleid mit den Ratten' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Julien Lenfant, seine Frau Yvonne und die 17-jährige Tochter Solange betreiben ein Familienunternehmen der besonderen Art: Sie haben sich auf Einbruchdiebstähle spezialisiert. Julien erweckt dabei den Eindruck, dass dies keineswegs verwerflich sei. Er glaubt, nicht schlechter als ein Finanzbeamter zu sein. Er ist außerdem bei den Einbrüchen stets darauf bedacht, seine Opfer nicht zu demütigen. Gegen Demütigungen seien die Leute schließlich nicht versichert. Bei einer der nächtlichen Diebestouren wird Julien durch Schüsse eines Polizisten schwer verletzt. Sein Bruder André, Arzt von Beruf, behandelt ihn. Er selbst hat aber nichts mit den kriminellen Machenschaften zu tun. Fraglich ist, wer Julien in jener Nacht zu André brachte. Darüber kann Solange Auskunft geben, die ebenfalls vor Ort war. Es war ein gewisser Michel, der zufällig zur Tatzeit am Tatort vorbeikam. Michel war es auch, der den Polizisten erschoss, Julien so vor weiteren Schüssen bewahrte und ihm das Leben rettete. Michel – nur einer von vielen Aliasnamen – gehört einer kriminellen Vereinigung an, die generalstabsmäßig politische Attentate vorbereitet und kaltblütig ausführt. Zwei kriminelle Welten treffen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwar versucht Michel, einen Fuß in die Welt der Lenfants zu setzen. Die Auffassungen über die kriminelle Vorgehensweise sind jedoch zu verschieden, als dass eine dauerhafte Kooperation möglich wäre. Und als Julien einen Fuß in die Welt Michels setzt, nimmt ein dramatisches Geschehen seinen Lauf.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die diebischen Lenfants« 75°

Krimi-Rezension von Bernd Neumann

Um es vorweg zu sagen: Thrillerfans würden ebenso enttäuscht sein wie Freunde des geschliffenen Ausdrucks. Wer sich aber ganz sanft dem leider in Vergessenheit geratenen Black Noir-Krimi annähern möchte, findet in »Mitleid mit den Ratten« ein ideales Buch.

Blut, Schweiß und Tränen – all das kann der Leser hier mitleiden. Es wird aber auch jene Krimifreunde erfreuen, für die Familienbande, Zusammenhalt und Verlässlichkeit wichtige Wertevorstellungen darstellen. In guten wie in schlechten Zeiten. Die unpolitische Familie Lenfant wächst dem Leser ans Herz, trotz ihrer verwerflichen kleinkriminellen Ambitionen!

Denn die Lenfants klauen, und zwar sehr erfolgreich: mittlerweile zwanzig Jahre lang und frei von allen herkömmlichen moralischen Skrupeln.

Tochter Solange hat für Pappa Julien das Erfolgsgeheimnis in Worte gefasst: »Man muss die null Dezibel anpeilen.«
Deshalb ist der körperlich kleine, aber noch äußerst agile Fünfzigjährige bei seinen Beutezügen auf den Dächern von Paris auf wolligen Strümpfen unterwegs, jedes überflüssige Geräusch vermeidend. Als Fassadenkletterer mit der Gewandtheit eines Armin Dahl hangelt er sich in die angepeilten Wohnungen gut betuchter Mitbürger, die gerade Mal außer Haus sind:

»Seine Technik war ungewöhnlich, aber simpel. Beweglich wie er war, tauchte er lautlos kopfüber ab. Er strampelte ein wenig mit den Beinen und verschwand dann wie ein Brief im Postschlitz.« 

Die in Frage kommenden Objekte hat seine liebe Gattin Yvonne, mit ihren 40 Jahren immer noch ein sehr hübsches und begehrenswertes Frauchen, im Vorfeld genauestens und verlässlich ausgekundschaftet – getarnt als Sozialarbeiterin bei fiktiven Hausbesuchen. Sie ist die Leiterin der Diebesprojekte, stellt die Prioritätenliste auf, hält sich dezent im Hintergrund.

Selten liegt Yvonne daneben. Okay, der Bruch in das Haus, was eigentlich unter Denkmalsschutz stand, war zugegebenermaßen ein Flop. Aber das konnte doch keiner vorher ahnen! Seitdem füllen die nicht veräußerbaren musealen Kunstgegenstände den brechend vollen Schuppen auf ihrem kleinen Grundstück …

Das ist aber nicht so schlimm, denn ihre kleine Räuberhöhle liegt gut gesichert zwischen zwei Flüssen, als kleines Eiland gut abgeschottet vom Festland. Hier ist man unter sich, Schnüffelnasen tauchten hier bisher nicht auf.

Und das Wichtigste: Die Lefants klauen mit Stil und nicht wie die Vandalen. Da werden keine Schubladen herausgerissen, Mobiliar umgestürzt oder sinnlos Spiegel zerdeppert! Nein, die Beraubten werden nicht gedemütigt, sondern befreit von den Dingen, die sie eigentlich nicht zu schätzen wissen und welche deshalb achtlos in Kammern, auf Dachböden oder in Kramecken ihr angestaubtes Dasein fristen.

Für all’ diese Kostbarkeiten gibt es in Paris Liebhaber, welche dem entsprechenden Diebesgut wieder einen würdigeren und repräsentativen Platz schenken. Ja, die Lefants erfüllen eine kulturelle Mission …

Und Julien Lefant kennt sich aus mit Kitsch und Kunst. Tagsüber ist er einer der vielen namenlosen Schrauber in der Automontage bei Simca, aber nach Feierabend hat er sich im Laufe der Jahre als Autodidakt über Kunstbücher sachkundig gemacht. Es weiß genau, welche lieblos weg gesperrten, mittlerweile angestaubten Gegenstände vergangener Zeiten auch heute noch Objekte der Begierde sind und sich mühelos über befreundete Zwischenhändler an Liebhaber verscherbeln lassen.

Damit die handverlesenen Gegenstände beim zumeist waghalsigen Rückzug keinen Schaden nehmen, werden sie vor Ort noch sorgfältig in Papier eingewickelt und transportsicher verpackt. Das nennt man hingabevollen Diebstahl, der die Familienbande zusammenschweißt: Mutter Yvonne, hauptamtlich Hausfrau, organisiert, Pappa Julien führt aus und Tochter Solange, die vormittags erfolgreich das Gymnasium besucht, steht Schmiere.

Das eingeschworene Team, in dem sich jeder hundertprozentig auf den anderen verlassen kann, läuft beim Dunkelwerden zur Höchstform auf: »Together we are strong!«

Der große Blonde mit den gelben Augen

Als Julien bei einer der Diebestouren völlig überraschend angeschossen wird und nur knapp mit fremder Hilfe dem Tod entrinnt, wird bei den Lefants Alles anders.

Sein Lebensretter nennt sich »Michel« und sieht erstaunlich gut aus. Ihm fühlen sich die Lefants dank seiner entschlossenen Rettungstat dafür verpflichtet. Als dieser sich dann auf eigenes Bitten und Fürsprache der in ihn verknallten Solange in die Familie eindrängt, werden deren Geschicke bald gänzlich durcheinander gewirbelt.

Bald wird klar, dass die Pistole, welche Pappa Julien das Leben rettete, ständiger Begleiter des großen Blonden ist, und das nicht nur aus Imponiergehabe. Es dauert nicht lange, da treffen seine finsteren Kumpels auf Lafantschem Grund und Boden ein. Im Gepäck haben sie ein gewaltiges Waffenarsenal, mit dem sie als politische Attentäter Schlimmes planen.

Wie die diebischen, aber eher harmlosen Lefants, welche niemals eine Schusswaffe benutzt haben und das auch nie freiwillig tun würden, mit diesen ungebetenen Gästen umgehen und immer tiefer in deren Machenschaften hinein gezogen werden, wie Lebensretter »Michel« die Gastfreundschaft der Familie rigoros und mit allen Mitteln und in allen Lebens- und Liebeslagen egoistisch ausnutzt, ist als ein sich zuspitzendes Familiendrama beklemmend zu lesen.

Hier prallen zwei Welten aufeinander, die ihr Handeln jeweils verachten. Aber sie sind schon zu sehr miteinander verquickt, um unbeschadet einen Trennungsstrich ziehen zu können. Verbrechen, Leidenschaft und Tragik nehmen unaufhaltsam ihren Lauf und enden in gegenseitiger Vernichtung …

»Mitleid mit den Ratten« ist ein lesenswerter Krimi für Alle, welche die Schilderung von provinzieller Familienatmosphäre auch in ihren tragischen und hoffnungslosen Situationen mögen. Wie die Lefants als intakte Familie und mit ihrem verbindenden Hobby, dem handwerklich korrekt durchgeführten Einbruchdiebstahl, an den immer stärker werdenden äußeren Einflüssen scheitern, ist dramatisch und spannend zu lesen. Mitgefühl keimt auf, sie werden zu Sympathieträgern, die in letzter Konsequenz jedoch aneinander zerbrechen werden.

Ein Krimi mit Tragik und Leidenschaft, der letztendlich in düsterer Hoffnungslosigkeit endet.

Das Buch »Mitleid mit den Ratten« lechzt nach einer Verfilmung (z.B. unter Regie von Jean-Pierre Melville!) in bester Tradition der französischen Neo-Noir-Streifen der sechziger und siebziger Jahre, leider ist das Heute nicht mehr die Zeit dafür.

Wir können froh sein, dass das Saarland mit seinem CONTE-Verlag zur »Bunten Republik Deutschland« gehört, aber immer noch die französische Nähe zu schätzen weiß! Vielleicht wäre sonst dieser französische Krimi für alle Zeit völlig unbeachtet an den deutschen Landen vorbeigerauscht.

Ihre Meinung zu »Jean Amila: Mitleid mit den Ratten«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Jürgen zu »Jean Amila: Mitleid mit den Ratten« 21.07.2010
Mit Mitleid mit den Ratten hat Jean Amila einen gelungenen moralischen Kriminalroman geschrieben.
Die Familie Lenfant hat sich auf Einbrüche spezialisiert. Dabei haben Mutter Yvonne und Vater Julien genau bestimmte Aktionsrollen; sogar die 17-jährige Tochter Solange mischt mit. Da sie bei ihren Taten konsequent einen Ehrenkodex einhalten, prallen die moralischen Vorhaltungen Juliens Bruder, dem Arzt André Lenfant ab.
Da taucht Michel auf und krempelt das beschauliche Gaunerleben um. Er gehört zu einer politischen Gruppe, bei der vornehmlich das Ziel zählt. Julien nimmt Michel auf eine seiner Touren mit. Beide merken, dass ihre Methoden völlig verschieden und nicht miteinander vereinbar. Julien legt Wert auf schonendes Vorgehen. Seinen Stil erläutert er Michel (und damit dem Leser) ausführlich. Gekonnt zieht umgekehrt die Gruppe die Familie Lenfant in ihre Geschäfte mit Waffen und Sprengstoff ein. Schließlich kommt es zur Katastrophe.
Der Roman ist für die Richtung »noir« sorgfältig konstruiert. Das Einnisten der Gangster in die bescheidenen Wohnverhältnisse der Lenfant ( l'enfants, die Kinder) wird hervorragend erzählt. Ich dachte unwillkürlichan Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter. Das Dreieck Gauner ("Diebsgesindel" meinen die anderen) ? politischer Extremist ? bürgerliche Moral (Arzt André Lenfant) wird klug inszeniert. Der entscheidende Umschwung steht genau in der Mitte: die Gangster bringen Waffen (S. 105). Zur Ebene der Tat kommt die Ebene der beiden Frauen, Mutter und Tochter. Auch hier baut Amila manche Überraschung ein. Die Übersetzung scheint mir sehr gelungen. In einem Roman dieser Art darf man flotte Sprüche einbauen und auch ? obwohl das Original schon 1964 erschienen ist ? ein "Weltkulturerbe" benennen.
Im letzten Akt kulminiert der "Clash" zwischen den beiden Kulturen, die Bibersymbolik und das Buchtitel werden klar.
Hervorragend und mit gelungener moralischer Thematik.
Anja S. zu »Jean Amila: Mitleid mit den Ratten« 15.03.2007
Ich mag das Noir-Genre, und so hat mir auch dieser aeltere Noir sehr gut gefallen. Etwas sehr abseits vom Mainstream ist dieser Krimi natuerlich schon, Fan von Karin Schlaechterin wuerde er auch bestimmt nicht gefallen.
ja, eine Verfilmung waere sicherlich gut gewesen.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Wolle zu »Jean Amila: Mitleid mit den Ratten« 11.01.2007
Na, als ganz so enthusiatisch habe ich das Buch nicht empfunden. Es ist auf jeden Fall gute Krimi-Litertur, aber es ist 'altmodisch'. Es war in seiner Zeit sicherlich zu Recht ein sehr gutes Buch, aber warum brauchen wird so viele Jahre später noch. Es gibt so viele Neuerscheinungen. Aus heutiger Lesersicht ist die Geschichte angestaubt, das Ende vorhersehbar. Gut gefallen hat mir die Sprache.
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ihr Kommentar zu Mitleid mit den Ratten

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: