Die Abreibung von Jean Amila

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1955 unter dem Titel La bonne tisane, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Conte.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1950 - 1969.

  • Paris: Gallimard, 1955 unter dem Titel La bonne tisane. als John Amila. 184 Seiten.
  • Saarbrücken: Conte, 2009. Übersetzt von Helm S. Germer. ISBN: 978-3936950960. 184 Seiten.

'Die Abreibung' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze

René Lecomte ist wieder da. Der Chef der Pariser Unterwelt hat einen längeren Aufenthalt in Lateinamerika hinter sich. Nun will der »Comte« ausstehende Schulden eintreiben und offen stehende Rechnungen begleichen. Bei einer Schießerei wird er schwer verletzt und rettet sich ins Krankenhaus. Aline, Sylvie und Thérèse, soeben mit dem Krankenschwesterndiplom ausgestattet, müssen zum ersten Mal in der Nachtschicht über Leben und Tod entscheiden. Während der »Comte« die Notoperation übersteht, beginnt draußen schon der Kampf um seine Nachfolge.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenn schon Noir, dann richtig – gut: Une Nuit A Paris« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

»One night in Paris Is like a year in any other place” sangen 10cc, und es scheint fast so, als würden sie Jean Amilas «Die Abreibung” kennen.

Nacht in Paris: der legendäre Gangsterboss René Lecomte, genannt »Der Graf« (Comte) kehrt aus dem unfreiwilligen Exil zurück und will, Sportsmann, der er ist, eigenhändig Schulden bei aufstrebenden Vorstadtgangstern eintreiben. Leider haben die etwas gegen seine Forderungen; es kommt zu einer Schießerei, und der Graf wird von mehreren Kugeln getroffen. Sein Fahrer und Kumpan Roger vermutet ihn, an dem schon die Ratte knabbert, tot und hat nichts eiligeres zu tun, als sich um die Erbfolge zu kümmern und den (oder die) vermeintlichen Todesschützen auszuschalten.

Nacht In Paris: Drei Schwesternschülerinnen während ihrer ersten Nachtschicht. Zwischen Gebärenden, aufmüpfigen Patienten und anzüglichen Assistenzärzten durchleben sie eine aufreibende Zeit mit sämtlichen Gemütszuständen zwischen Übermüdung, Hoffnung  und Panik.

Nacht in Paris: Der schwerverletzte René Lecomte kann sich ins Krankenhaus schleppen, wird dort in einer ersten Notoperation gerettet. Ein Umstand, der nicht nur Roger und seinem Anhang, sondern auch einer konkurrierenden Gangsterbande zu Ohren kommt. Es dauert nicht lang, bis vor dem Krankenhaus eine wilde Schlacht ausbricht. Und auch im Hospital selbst sterben nicht nur kranke Menschen. Der Graf bekommt noch einen (letzten?) großen Auftritt, und die drei Schwesternschülerinnen Aline, Sylvie und Thérése dürfen erschöpft den neuen Morgen begrüßen – und haben mehr gelernt als andere Menschen in einem Jahr.

 Kein Glamour in Paris. Ein graues Krankenhaus in einem grauen Viertel. Gegenüber eine Werkstatt, in der auch krumme Geschäfte betrieben werden. Zwei Welten, in denen der Tod ständig parat steht, in denen unermüdlich gekämpft wird. Bei Jean Amila gibt es keine edlen Halbgötter in Weiß, in seinem schäbigen Hospital regieren notgeile Assistenzärzte, lebenskluge und zynische Helferinnen, während junge Schwesternschülerinnen zwischen Versagensängsten, Ekel und dem festen Willen, die Prüfungen der Nachtschicht zu überstehen, durch die Gänge hetzen. Immerhin ist das Krankenhauspersonal fachlich kompetent, was man von den Gangstern nicht unbedingt behaupten kann. Der »schöne« Roger bringt sich durch sein zauderndes Herumlavieren immer tiefer in die Bredouille, nassforsche Großmäuler enden als Kanonenfutter, während die diplomatischen Taktierer ihre große Stunde erst noch kommen sehen und auch schon mal freundlich mit der Polizei die Hände schütteln. Über allem steht die Legende vom nahezu unzerstörbaren Grafen, der dieser in jener Nacht auch fast gerecht wird.

Die Abreibung ist ein Klassiker, der es hoch verdient hat (wieder) entdeckt zu werden. Ein in Kriminalromanen seltener Schauplatz (Krankenhaus), Amilas Fähigkeit ganze Lebensläufe in knappen Federstrichen sichtbar werden zu lassen, ein gehöriges Maß an düsterem Witz – der vor allem in den Krankenhausszenen auf dem Wissen beruht, das alles noch viel schlimmer kommen kann – plus ein gerüttelt Maß an vergnüglicher Spannung, lassen den 184seitigen  Roman zu einem nahezu perfekten Noir im wahrsten Wortsinn werden. Mit lakonischer Genugtuung lässt Amila zwei Welten aufeinander prallen, die sich anscheinend diametral gegenüber stehen. Doch in ihrem innersten Kern verbrüdern sich Gangstertum und Gesundheitswesen. Ein toter Concierge? Egal, Hauptsache wir hatten eine aufregende Nachtschicht, und die anwesenden Schwestern waren auch knackig. Da geht was. Beim nächsten Mal. Die Welt ist purer Materialismus und will erobert sein. Ob mit Kanone oder Skalpell.

 Das Ende gehört wieder 10cc:  

»One night in Paris
will wipe the smile off your pretty face
One girl in Paris
Is like loving every woman […]
One night in Paris
May be your last!!!”

 PS.: Natürlich gebührt dem Conte-Verlag wieder viel Lob für die Veröffentlichung und dem engagierten Übersetzer-Team für seine Arbeit. Nur der «Westentaschenrambo", in einem Buch aus dem Jahr 1955, musste nicht sein …

Jochen König, Dezember 2009

Ihre Meinung zu »Jean Amila: Die Abreibung«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Ihr Kommentar zu Die Abreibung

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: