Strindbergs Stern von Jan Wallentin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Strindbergs stjärna, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Fischer.

  • Stockholm: Bonnier, 2010 unter dem Titel Strindbergs stjärna. 469 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011. Übersetzt von Antje Rieck-Blankenburg. ISBN: 978-3-10-090514-7. 544 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2011. Gesprochen von Matthias Brandt. ISBN: 978-3867177009. 6 CDs.

'Strindbergs Stern' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

Ein Tauchgang durch die verschlungenen Schächte einer alten Mine in Falun bringt Unheimliches zutage. Mitten auf einem Stein liegt eine Leiche. Und neben der Leiche ein mysteriöses Kreuz. Ein finsteres uraltes Geheimnis tut sich auf. Nur einige Wenige kennen dieses Kreuz, die Eingeweihten wissen: ein Stern gehört dazu, und Kreuz und Stern bilden zusammen einen magischen Gegenstand, der unendliche Macht verleiht. Doch der Stern ist verschollen. Eine mörderische Jagd beginnt, und alle haben nur ein Ziel – sie wollen den Stern: Don Titleman, tablettensüchtiger Experte für altnordische Mythologie und von seiner dunklen Vergangenheit besessen. Ein deutscher Geheimbund, der sich zu okkulten Riten auf einer Burg trifft. Und die unbändig schöne Hex, die sich in die Computer des europäischen Verkehrssystem hackt. Jeder will der Erste sein. Doch dann wird die Jagd nach dem Stern zur Jagd nach den Jägern.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wallentins Mystery-Thriller – eine Parodie« 62°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Wie schon jüngst bei Paul McEuens Spiral setzt die Fischer-Verlagsgruppe bei einem Debütanten wieder auf einen Internet-Auftritt (www.strindbergsstern.de) mit Trailer, Gewinnspiel (beides auch bei You Tube zu finden) und einem Interview mit dem Autor Jan Wallentin auf der Frankfurter Buchmesse. Vielleicht waren es die guten Erfahrungen bei Paul McEuen oder aber die überschwänglichen Kritiken aus Schweden, die den Verlag zu diesem bemerkenswerten Aufwand veranlasst haben. Auch der Schutzumschlag des Hardcovers macht einen edlen Eindruck. Auf dem eisgrauen Grund einer Gletscherspalte erheben sich Versalien in Metallic-Rot, deren Farbe sich leider nicht als stoßfest erweist. Das korrespondiert ein bisschen mit dem Inhalt, der sich bei fortgeschrittener Lektüre als wenig standfest erweist.
Wenn man den Debütroman eines noch unbekannten Autors zur Rezension vorliegen hat und zur Vorinformation die spärlich vorhandenen Quellen ausschöpfen muss, wird die Lektüre eine Reise ins Ungewisse. Das birgt unter Umständen besondere Reize. Auch Strindbergs Stern steckt voller Überraschungen, die zum Leidwesen des Rezensenten nicht immer angenehm sind. Vielleicht muss man das große Ganze sehen und sollte sich nicht daran stören, dass hier mal etwas fehlt oder dort mal etwas unvermittelt auftaucht oder ein Handlungsstrang nicht zu Ende gebracht wird.

Die Geschichte beginnt in der Nähe von Falun in Mittelschweden. Es ist September. Der Hobbytaucher Erik Hall – voll aufgebrezelt mit allem Schnickschnack, den der Tauchsport so zu bieten hat, schickt sich an,  einen aufgelassenen, teilweise gefluteten  Bergwerkstollen zu erkunden. Mit Wasser hat er gerechnet. Dass er aber auch auf Eisschollen trifft, mag den besonderen klimatischen Bedingungen im spätsommerlichen Mittelschweden geschuldet sein. Nachdem er sich zeitvergessen durch das Tunnellabyrinth gekämpft hat, trifft er auf einen grottenähnlichen Raum, in dem er auf eine mumifizierte Leiche stößt, in deren Händen sich ein Kreuz in der Form einen ägyptischen Henkelkreuzes befindet.

Rückblick. In den 1890er Jahren unternahm der schwedische Forscher Sven Hedin seine ersten Forschungsreisen, die ihn u.a. auch in die menschenleere, inner-asiatische Sandwüste Taklamakan führten. Dort soll er in den Ruinen einer alten Stadt einen fünfzackigen Stern und ein Henkelkreuz gefunden haben. Da Hedin mit beiden Objekten nichts anzufangen weiß, schickt er sie an den befreundeten, schon damals als Allround – Genie bekannten August Strindberg. Auch Strindberg scheitert an einer näheren Bestimmung und leitet die Objekte an seinen Neffen Nils Strindberg weiter. Dieser – noch sehr jung an Jahren – ist Wissenschaftler und Fotograf in Stockholm. Er unterzieht Stern und Kreuz verschiedenster physikalischer Untersuchungen und stellt fest, dass sie bei einer bestimmten Temperatur miteinander verschmelzen, wobei sich dann geheimnisvolle Sphären aufbauen, die einen Teil des arktischen Himmels zeigen. Ein vom Polarstern ausgehender Strahl weist auf genau lokalisierbare Stellen im Polareis. Fasziniert von den an Wundern grenzenden Erscheinungen beschließt er, den Dingen auf den Grund zu gehen. Gemeinsam mit dem schwedischen Ingenieur und Polarforscher Salomon August Andrée plant Strindberg eine Expedition ins Ewige Eis. Da sie keine schwedischen Finanziers finden können, akzeptieren sie das Geld, das von einem deutschen Konsortium bereit gestellt wird. Es sollte eine Reise ohne Wiederkehr werden. Hier endet die erste Verquickung von Fiktion und Historie. Das historisch belegte Scheitern der Expedition markiert nicht das Ende der fiktiven Objekte. Die Geschichte von Stern und Kreuz steht gerade erst am Anfang.

Gegenwart. Nach den kurzen Augenblicken des lokalen Ruhms, den die wilden Spekulationen über die mumifizierte Leiche mit sich brachten, ist es wieder still geworden um den Hobbytaucher Erik Hall. Abgesehen von einer hellhörig gewordenen Stiftung in Deutschland ist der frühere Arzt und jetzige Historiker Don Titelman der Einzige, der den Kontakt zu Hall aufrecht erhält. Wie die Stiftung ist auch er an dem gefundenen Kreuz interessiert. Titelman und Hall vereinbaren ein Treffen. Als Titelman Halls Haus am See erreicht, findet er den Hausherrn erschlagen auf dem Steg. Eine oberflächliche Suche ergibt, dass das Kreuz verschwunden ist. Es soll jedoch noch andere Gegenstände aus der Grotte geben, wie er von Hall weiß. Das wohlwollende Schicksal drückt ihm eine alte Postkarte mit dem Abbild der Kathedrale von Ypern im belgischen Flandern in die Hand. Bevor er sich aber Gedanken über die Karte machen kann, wird er von der alarmierten Polizei zum Verhör mitgenommen. Blutverschmiert und verstört, wie man ihn auffindet, ist er natürlich verdächtig. Auch die um Klärung bemühte Pflichtverteidigerin Eva Strand kommt nicht recht voran, da inzwischen die schwedische Sicherheitspolizei den Fall übernommen hat. Nach und nach wird dem Historiker und seiner Rechtsanwältin klar, dass es nicht nur um die Aufklärung eines Mordes geht, sondern dass ganz andere Kräfte hier die Finger mit im Spiel haben. Die besonderen Umstände zwingen die beiden, die Hintergründe selbst auszuforschen, was in eine Odyssee durch halb Europa mündet.

Wer jetzt denkt, der Rezensent hätte viel zu viel verraten, wird sich getäuscht sehen. Jan Wallentin hat seiner Fantasie freien Lauf gelassen und hat seine Geschichte sehr geschickt in den historischen Kontext eingebaut. Ausgehend von Sven Hedins Forschungsreisen, über die missglückte Arktis-Expedition von Strindberg und Andrée, über den österreichischen Okkultisten Karl Maria Wiligut bis hin zum Reichsführer-SS Heinrich Himmler, dessen wahnsinnige Rassen- und Ahnenforschung ausgiebig beleuchtet wird. Auf die Initiative Himmlers und Wiliguts gründet auch der Umbau der Wewelsburg bei Paderborn zu einer Ordensburg der SS, die Jan Wallentin in eine Kultstätte für seine fiktive Organisation verwandelt.
Als Kontrapunkt zu soviel Nazi-Ideologie hat der Autor seinen Helden Don Titelman aufgebaut, der ja mehr Jude als Schwede ist, dessen Gedanken oft um das Leiden seiner Großmutter im KZ Ravensbrück kreisen. Auch beruflich beschäftigt sich der Historiker intensiv mit Nazi-Devotionalien. Schade, dass Wallentin diese Figur zum Tabletten-Junkie degradiert. Titelman konsumiert in rauen Mengen Psychopharmaka, Tag für Tag, von morgens bis nachts, sodass er normalerweise zu keinem klaren Gedanken fähig wäre. Das mag ja schwedischer, (schwarzer) Humor sein, der nicht jedem zugänglich ist.
Don Titelman ist keine Ausnahme. Auch die meisten anderen Charaktere sind verschroben bis seltsam oder verfügen über geheimnisvolle Kräfte. So kann man über die Selbstheilungskräfte der Rechtsanwältin staunen oder über die paranormalen Fähigkeiten der schönen Elena, einer Aktivistin der Gegenseite. Titelmans Schwester Sarah, »Hex« genannt, haust seit Jahren unter einer nicht in Betrieb genommenen Station der Stockholmer U-Bahn. Sie ist die Computerspezialistin, die in keinem Roman mehr fehlen darf. Womit sie ihr Leben bestreitet, wird nicht bekannt, aber an Geld scheint es ihr nicht zu mangeln.

Strindbergs Stern ist sicherlich nicht als Parodie gedacht, obwohl man sich bei kritischem Lesen genau diesen Eindruckes nicht erwehren kann. Gegen außergewöhnliche Figuren ist nichts einzuwenden, auch nicht dagegen, dass im Laufe der Geschichte die phantastischen Elemente zunehmen, bis sie in einem geradezu »höllischen« Finale gipfeln. Das sind ausdrucksstarke Bilder, die nach einer Verfilmung schreien. Knackpunkte sind aber die zahlreichen handwerklichen Fehler, die die Handlung ihrer Ernsthaftigkeit berauben. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Da tritt eine Person in eine nur wenige Zentimeter hohe Staubschicht. Wenige Zeilen später versinken die Räder eines Rollstuhls bis zu ihrer Oberkante in demselben Staub?? Eine Unachtsamkeit, für sich allein genommen, aber bei vermehrtem Auftreten kann es nur Kopfschütteln beim Leser auslösen. Natürlich kann man auch über solche Fehler hinweglesen, aber nur, wenn man von der – hier leider nicht vorhandenen – Spannung gefesselt ist.

Ist Strindbergs Stern nun ein Thriller mit starkem Mystery-Touch oder Fantasy mit realem historischen Hintergrund? Oder eine Parodie von beidem? Das muss ein jeder für sich entscheiden. Für den Rezensenten war allein schon die Frage, um was es da geht, schwierig. Klar! Kreuz und Stern müssen wieder vereint werden, dann …ja, was dann? Hier drückt sich der Autor ziemlich schwammig bis unverständlich aus. Von geheimen Wissen ist die Rede, vom Austausch mit dem Schattenreich. Was kann das konkret bedeuten? Macht? Reichtum? Unsterblichkeit oder Erlösung? Wir wissen es nicht. Der Autor vielleicht?

Jan Wallentins Debütroman wird hierzulande mit viel Tamtam präsentiert. Oberflächlich betrachtet ist die Story ganz passabel. Lobenswert hervorzuheben ist die gute Einbindung  historischer Fakten und Personen in die Geschichte.
Man hätte dem Autor mehr handwerkliches Geschick gewünscht oder bessere Lektoren, dann hätten sicher viele Fehler ausgemerzt werden können. So dominiert eine ungewollt parodistische Note die Handlung, die somit Gefahr läuft, zur Farce zu werden. Ob man hierfür zwanzig Euro investieren sollte, muss gut überlegt werden.

Jürgen Priester, April 2011

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Geert Müller zu »Jan Wallentin: Strindbergs Stern« 20.08.2012
Ich habe mal länger überlegt, aber ich glaube dieses Werk - welches ich glücklicherweise in einer kostenfreien Leihbibliothek mitgenommen (und zurückgebracht) habe - ist mit Abstand das schlechteste Buch, was ich in den letzten 20 Jahren gelesen habe. Völlig wirre Aneinanderrreihung von völlig undurchdachten Erzählsträngen mit überflüssigen Personen (diese Kröte?) und unsinnigen Dialogen und Handlungen. Bitte Lektüre unbedingt vermeiden - es ist ein Graus!
Fritz Bogdan zu »Jan Wallentin: Strindbergs Stern« 11.01.2012
Ich bin noch nicht ganz durch mit dem Buch, kann aber schon sagen, daß die Geschichte sehr spannend geschrieben ist, ein echter page turner. Nach Logik darf man nicht fragen, ist ungefähr so realistisch wie Harry Potter oder die alten Robert-Ludlum-Knallschoten. Störend ist höchstens, daß die Rolle der Übelmänner mal wieder von Deutschen gespielt wird und alle beliebten Klischees ausgiebig genutzt werden. Gutes Buch für schlechtes Wetter und noch schlechteres Fernsehprogramm.
Marc Raabe zu »Jan Wallentin: Strindbergs Stern« 14.06.2011
Ganz ehrlich: Nach Seite 81 hatte ich die Geduld verloren. Ich gebe zu, ich bin ein sehr kritischer Leser, zumal ich selbst schreibe - da fallen einem Fehler noch mehr auf. Vor allem aber bin ich nicht bereit zu verzeihen, dass mich jemand bis Seite 81 noch nicht fesseln kann. Zuviel spürbare Angst vor Dialogen, zu viel des Praktikanten, der so seltsam unspezifisch und unpersonalisiert durch die Gegend recherchiert. Einzig packend ist der Moment, wenn dem Taucher die Leiche in die Hände fällt. Drumherum ist viel sinnloses Geplänkel, bei dem man spürt, dass ihm die Richtung fehlt. Nettes Thema, das sich da im Aufbau ankündigt, aber ich bin nun mal ungeduldig und nicht bereit, dem unbelohnt über 80 Seiten hinterherholpern zu müssen. Mag sein, dass jemand das ungnädig findet. Ich behaupte auch nicht, es unbedingt besser zu können. Dennoch wünsche ich es mir besser für ein Buch, dass ich zu Ende lesen soll.
Gerrit H. zu »Jan Wallentin: Strindbergs Stern« 14.06.2011
Ich habe das Buch soeben zuende gelesen, aber der Schluss wirft viele Fragen auf und lässt so manches im Unklaren.
Was bewirkt die Schwarze Sonne?
Was bewirken das Kreuz und der Stern zusammen?
Was wird aus den beiden Gruppen, die in der Unterwelt bleiben, während Don und Elena "auffahren" auf die Erde?
Und was wird mit Elena am Ende des Buches?
An sich schon lesenswertes Buch, aber zuviele Fragen bleiben offen, zu viele Genres, alles wird zusammengemischt ...
Sonnenschein zu »Jan Wallentin: Strindbergs Stern« 10.06.2011
Was für eine wilde Geschichte! Es fängt ganz interessant an, wird dann aber immer wirrer und merkwürdiger, und dann wird es einfach lächerlich.
Was hat der Verlag sich nur dabei gedacht, diesen Murks so hochzujubeln? Aber wie der alte Jansen im Buch schon sagt: "Es ging immer nur ums Geld".
Wenn mit Hilfe der PR-Unterstützung genug Bücher verkauft wurden, ist es ja egal, wie das Urteil der Leser ausfällt.
Schlimm, schlimm, schlimm.
Agaton Hinterhuber zu »Jan Wallentin: Strindbergs Stern« 17.04.2011
Ich kann J. Priester nur zustimmen! Mein Urteil fällt sogar etwas harscher aus: schon lange nicht mehr habe ich einen vergleichbar kruden Unsinn gelesen. Hinweise auf seriöse wissenschaftliche Untersuchungen zum Themenkreis Esoterik und Nazi-Ideologie, -Symbole etc. hätten angesichts der im Roman behandelten Thematik am Ende des Buches unbedingt gegeben werden müssen.
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