Kalte Wahrheit von Jan Mehlum

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Ren samvittighet, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Grafit.
Folge 14 der Svend-Foyn-Serie.

  • Oslo: Publicom forlag AS, 2014 unter dem Titel Ren samvittighet. 384 Seiten.
  • Dortmund: Grafit, 2015. Übersetzt von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann. ISBN: 978-3-89425-673-9. 384 Seiten.

'Kalte Wahrheit' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Rechtsanwalt Svend Foyn erhält eine ungewöhnliche Anfrage: Die vierzehnjährige Elvira Widerberg bittet ihn herauszufinden, wer ihrer älteren Schwester Johanna regelmäßig Nacktfotos auf ihr Handy sendet. Der Anwalt, der den Eindruck hat, dass Elvira ihn eigentlich wegen etwas ganz anderem aufsucht, darf jedoch von Minderjährigen keine Aufträge annehmen, sodass er sie unverrichteter Dinge wieder wegschickt. Wenige Tage später wird das Mädchen tot in der Badewanne aufgefunden, alles deutet auf Selbstmord hin. Foyn allerdings kommen Zweifel: Würde Elvira noch leben, wenn er sie nicht einfach abgewiesen hätte? Sein schlechtes Gewissen wächst, als Johanna spurlos verschwindet. Dann wird Elviras Tagebuch entdeckt und Foyn gerät plötzlich selbst ins Visier der Ermittler. Er versucht unter Hochdruck, seine Unschuld zu beweisen, und tritt dabei eine Entwicklung los, die er nicht mehr stoppen kann …

Das meint Krimi-Couch.de: Solider Norwegen-Krimi mit unerbittlich konstruiertem Ende 70°

Krimi-Rezension von Nicole Goersch

Rechtsanwalt Svend Foyn erhält überraschend Besuch von der 14-jährigen Elvira Widerberg. Diese möchte ihn gerne beauftragen, den Absender eines pornografischen Fotos herauszufinden, das an ihre Schwester geschickt wurde, aber aufgrund ihrer Minderjährigkeit lehnt Svend ab. Als Elvira wenige Tage später tot in der Badewanne gefunden wird, plagt ihn das schlechte Gewissen. Hätte er ihr doch helfen sollen? War es wirklich Selbstmord oder steckt mehr dahinter? Von Fragen geplagt versucht Svend Antworten zu finden, denn Elvira hat mehr verschwiegen als gesagt.

Eine ungewöhnliche Auftraggeberin

Der Anfang ist ruhig und bedächtig. Der Leser wird als stiller Beobachter angesprochen, weiß nur so viel wie der Ich-Erzähler Svend, und erlebt die Geschehnisse aus dessen Perspektive. Dadurch kann man seine Zwickmühle gut nachvollziehen, als er Elvira wegschicken muss, so sehr es ihn auch in den Fingern juckt, weil sein Unrechtsgefühl stark angesprochen wird. Elviras Verhalten ist jedoch merkwürdig, weckt auch das Misstrauen von Svend, der vermutet, dass es noch mehr geben könnte, als Elvira zugibt.

Während Svend ein ruhiges und friedliches Wochenende verlebt, sieht es bei Familie Widerberg anders aus. Elvira ist tot, alles deutet auf Selbstmord hin. Allerdings gibt es ein paar Ungereimtheiten, so dass ein Mord nicht final ausgeschlossen werden kann, zum Beispiel war ein Schlüssel zum Haus frei zugänglich. Ist er eventuell benutzt worden?

Für Svend kommt erschwerend hinzu, dass Elvira ihn in ihrem Tagebuch erwähnt, was zweideutig ausgelegt werden kann. Das greifen überregionale Medien auf, so dass Svend zunehmend unter Druck gerät. Ein Spießrutenlauf beginnt, der ihn veranlasst, weiter zu recherchieren, insbesondere nachdem die Polizei von einem Selbstmord ausgeht und nicht weiter ermittelt.

Jan Mehlum erzählt klar und direkt

Die zahlreichen Dialoge werden ohne Schnörkel erzählt, wodurch sie zeitnah und aktuell wirken, als würde man eine Filmszene verfolgen. Die dabei entstandene Dynamik kann allerdings nicht durch die komplette Geschichte transportiert werden. Zwischenzeitlich wirkt die Geschichte langatmig.

Die Gedankengänge von Svend zwischen gesprochenen Sätzen sind aufschlussreich und vertiefen den eigenen Eindruck. Es gibt viele Hinweise und Gespräche, die aber mehr Fragezeichen aufwerfen als Antworten liefern. Das Gefühl, andauernd in Sackgassen zu laufen, verstärkt sich. Was wird vielleicht noch an Bedeutung gewinnen, was in Vergessenheit geraten? Die Aufmerksamkeit des Lesers ist gefordert.

»Kleine Zufälle konnten ein ganzes Leben verändern.« (Seite 79)

Aber sind es Zufälle gewesen? Was ist ein ausgeschmücktes Gerücht, worin steckt ein Quäntchen Wahrheit oder was ist einfach böse Verleumdung?

Alltägliche, kleine Beschreibungen geben Mehrdimensionalität, so etwa als Hündin Hulda ein heruntergefallenes Ei aufleckt, oder der Gedanke von Svend, dass seine Tante genauso hieß wie die Freundin von Sara, nämlich Ester. Die Ausdrucksweise der einzelnen Figuren ist sehr treffend artikuliert und unterscheidet die Charaktere deutlich voneinander, beispielsweise wenn Johanna jugendlich genervte Sätze formuliert – oder ihr Großvater im Gegenzug sehr gesetzte Sprachnuancen anwendet.

Viele Verdächtige und noch mehr Hinweise

Jeder scheint ein dunkles Geheimnis zu haben, aber reicht es für einen Mord? Verdächtige gibt es einige, die nach und nach in Aktion treten und auch wieder abtauchen. Welche Beschreibungen sind nebensächlich, welche könnten hauptsächlich werden? Zuweilen hatte ich das Gefühl, an allen Fingern Handlungsfäden zu haben, die sich miteinander verheddert hatten.

Dies passiert Jan Mehlum nicht. Es handelt sich bei »Kalte Wahrheit« auch nicht um ein Erstlingswerk, sondern um den fünfzehnten Fall für Rechtsanwalt Svend Foyn, der das erste Mal 1996 in dem Krimi »Schöner Schein trügt« aktiv wurde. Allerdings sind nicht alle Bücher ins Deutsche übersetzt worden, obwohl der Autor in seiner Heimat Norwegen recht bekannt ist und schon mehrere Auszeichnungen erhalten hat wie den Rivertonprisen, der 1972 das erste Mal vergeben wurde – und zu dessen bekannten Preisträgern Anne Holt, Torkil Damhaug und Gunnar Staalesen zählen.

Obwohl der Charakter Svend Foyn deshalb bekannt sein müsste, wird er in diesem Fall doch so gut vorgestellt, dass ich nicht den Eindruck hatte, bisher etwas verpasst zu haben, was durchaus an der Erzählperspektive liegen kann. Die Gefühle und Stimmungen der Hauptfigur werden oft auf die Orte übertragen, als unheimliche Stille beschrieben, die etwas Düsteres hat, das traurig macht.

Genügend Stoff für einen zweiten Krimi

Manche Reaktionen der Personen sind allerdings zweifelhaft: warum gibt Alice, Svends Geliebte, ihre Informationen erst heraus, wenn er in einer Sackgasse ist und ruft nicht von sich aus an? Svends Freund Mørk hat ein Händchen dafür, Hinweise zu liefern, woher er sie allerdings bekommt, bleibt im Dunkeln, ebenso wie er es schafft, diese ohne Probleme zu erfahren, denn beliebt ist er bei seinen Kollegen nicht.

Im letzten Drittel des Buches häufen sich merkwürdige Aktionen, um nachfolgende Handlungen rechtfertigen zu können. Das wirkt arg konstruiert und zu sehr in eine bestimmte Richtung gewollt, so dass ich mich gefragt habe, ob die Verhaltensweisen überhaupt realistisch wären.

Ich hatte das Gefühl, dass Jan Mehlum viele Ideen hatte, die er alle gleichzeitig in diesem Roman verwirklichen wollte. Das war zu viel das Guten, hätte auch noch für einen weiteren Teil Stoff liefern können, ohne dass die Spannung in diesem darunter hätte leiden müssen.

Das Ergebnis war am Ende recht unbefriedigend und ließ mich mit einem schalen Beigeschmack zurück, aber plötzlich gab es doch noch eine Wende, die mich versöhnlich gestimmt hat. Jeder macht Fehler, auch ein Anwalt.

Nicole Goersch, Dezember 2017

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