Auf den Schwingen der Hölle von Jan Flieger

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei fhl.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen / Lofoten, 2010 - heute.

  • Leipzig: fhl, 2012. 182 Seiten.

'Auf den Schwingen der Hölle' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

Ein Ehepaar sucht auf den Lofoten den vorzeitig aus der Haft entlassenen Vergewaltiger und Mörder ihrer Tochter. Doch suchen sie die Nadel im Heuhaufen, denn sie wissen nur, dass der Gesuchte ein rotes Auto fährt. Sie verfolgen ihn durch eine dramatische Landschaft, von Insel zu Insel, von Fischerdorf zu Fischerdorf. Der traumatisierte Vater lässt sich durch nichts aufhalten, doch entgeht ihm dabei, dass seine Frau bei dieser Suche endgültig zerbricht. Die Jagd wird für den Jäger, seine Frau und den Gejagten zu einem Alptraum, als sie in der Herberge eines entlegenen Fischerdorfes aufeinandertreffen und sich zu belauern beginnen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Rachetrip in die Finsternis« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

4000 Einwohner hat Svolvær, der touristische Hauptort der Lofoten und ich genieße gerade den norwegischen Winter mit Tageshöchstwerten minus 10 Grad, während ich mir die Lektüre von Jan Fliegers Norwegen-Krimi Auf den Schwingen der Hölle aus dem fhl-Verlag Leipzig zu Gemüte führe, das allerdings diese schöne, karge Landschaft zu deutlich wärmeren Jahreszeiten beschreibt.

Sie hatten eine gute Ehe bis zu jenem Tag, als man ihn zur toten Manu führte. Bis zu diesem Tag, dem Tag, als ein Mann in weißem Kittel ein Laken zurückschlug und er nur noch nicken konnte, da das Entsetzen ihn stumm machte.

Bachmann hat den Tod seiner Tochter nicht überwunden. Und als der Vergewaltiger und Mörder seines Kindes nach Jahren frei kommt, setzt er sich gemeinsam mit seiner Frau auf die Spur des verhassten Mannes und kennt nur ein Ziel: Emmerlein muss sterben.

Der Detektiv, denn Bachmann auf Emmerlein angesetzt hat, weiß nur eines sicher. Dieser hat sich mit einem roten, japanischen Auto nach Norden abgesetzt und soll zum Fischen auf die Lofoten gefahren sein. Und es kann gar nicht so schwer sein, auf den nur insgesamt 24.000 Einwohner zählenden Inseln den Killer zu finden und zu liquidieren …

Jan Flieger zeichnet ein bedrückendes Bild eines Vaters, der ob des gewaltsamen Todes seiner Tochter jeglichen Bezug zur Gegenwart verliert und an nichts Anderes mehr als an Rache zu denken vermag. Dieses alles beherrschende Denken eines durch Verbrechen gewaltbereit gewordenen Menschen zeichnet ein düsteres Leben, das in der einsamen Landschaft der norwegischen Inseln perfekt angesiedelt ist, obwohl es speziell im Sommer auf den herrlichen Inseln keine Spur von Düsternis gibt, aber dieser gewisse Hauch von Einsamkeit und Einklang mit der Natur lässt auch während der warmen Jahreszeit genügend Spielraum für individuelle Motive und Lebensformen aufkommen.

Bachmann jedenfalls packt all sein Hab und Gut und auch seine Frau ins Auto und beginnt die Jagd. Bachmann, ein Getriebener und Einzelgänger, wird hier im Kampf gegen seine Frau gezeigt, die in all den Jahren mit dem Schicksal abgeschlossen hat und seine krankhafte Sucht nach Rache nur mehr teilweise akzeptieren kann. Wie ein gesunder Mann im Lauf der Jahre zu einer psychisch kranken Person wird, fehlt zwar als Einleitung zu diesem Roman, aber der Leser hat sofort den Knackpunkt im Leben des bedauernswerten Bachmann erkannt und verfolgt mit ihm die erschreckende Jagd auf den Spuren des Verbrechers von damals. Begleitet von einer Frau, die begierig ist, das alles hinter sich zu lassen und endlich wieder ein freies Leben zu führen und einem Mann, der nicht sieht, wie sehr er sich und seine Partnerschaft aufreibt, trifft er dann auf denjenigen, der an all dem schuld haben muss.

Eine beklemmende Geschichte, auch für den Leser, der eigentlich gemeinsam mit Bachmanns Frau aufschreien will, dass es gut ist und endlich mal aus sein muss mit den Rachegefühlen und auch ein normales Leben wieder möglich sein sollte, kann man sich der engstirnigen und getriebenen Gedankenwelt Bachmanns nicht entziehen. Dieses Buch ist vor allem gefühlsmäßig völlig verquer angelegt und im Endeffekt wird der arme Bachmann vom bedauernswerten Sympathieträger zum tragischen Bösewicht hochstilisiert und dann scheint auch dem Leser die Gerechtigkeit und der Blick auf das Wesentliche zu entgleiten …ein psychologischer Drahtseilakt, an dessen einem Ende Schuld und am anderen Sühne zu liegen scheinen.

Jan Fliegers Auf den Schwingen der Hölle ist kein Krimi, den man so einfach liest. Spätestens zur Hälfte des Buches fragt man sich, ob das wirklich alles so sein muss. Für die Schönheit der Landschaft fehlt trotz aller Bemühungen des Autors, dies in wunderbares Licht zu rücken, völlig der Blick, so dominant wird die beinharte Selbstzerstörung des unrühmlichen Romanhelden inszeniert. Ein Buch, das den Leser mitnimmt und beschäftigt, aber sicher kein Buch, das man nach dem Lesen einfach aus der Hand legt, ohne ein Mal kräftig durchzuatmen.

Wolfgang Weninger, März 2013

Ihre Meinung zu »Jan Flieger: Auf den Schwingen der Hölle«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

kuba1971 zu »Jan Flieger: Auf den Schwingen der Hölle« 21.07.2013
Was für ein Buch. Die Story ist kurz und knackig. Die Geschichte dreht sich eigentlich nur um drei Personen: Vater, Mutter und der Mörder. Immer wieder werden moralische Fragen aufgeworfen und die eigenen Gefühle ständig auf den Kopf gestellt. Zu Beginn ist man auf der Seite des Familienvaters, der von seiner eigenen Rachsucht angetrieben wird. Im weiteren Verlauf der Geschichte ist man sich jedoch nicht mehr so sicher. Ist Vergeltung der richtige Weg oder hat jeder Mensch eine zweite Chance verdient ? Kann sich der Charakter einer Person ändern, auch wenn diese vor langer Zeit eine grausame Tat beging ? Der Protagonist ist vollkommen auf sein Ziel fokussiert, befindet sich im Tunnel und nimmt sein Umfeld (insbesondere seine Ehefrau) kaum noch war. Und so endet die Geschichte zum Schluss in eine absolute Katastrophe. Sehr bewegend ... bitte mehr davon.

kuba1971
Ihr Kommentar zu Auf den Schwingen der Hölle

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: