Tage des letzten Schnees von Jan Costin Wagner

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 bei Galiani.
Ort & Zeit der Handlung: Finnland / Turku, 2010 - heute.
Folge 5 der Kimmo-Joentaa-Serie.

  • Berlin: Galiani, 2014. ISBN: 978-3869710174.

'Tage des letzten Schnees' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

Anfang Mai, im finnischen Turku fällt der letzte Schnee. Kimmo Joentaa wird gleich zwei Mal gerufen: an einen Unfallort, an dem eine Elfjährige durch einen Unbekannten ums Leben gekommen ist, und an einen Tatort, an dem zwei unbekannte Tote auf einer Parkbank liegen, als würden sie schlafen. Für den Vater des bei dem Unfall verstorbenen Mädchens wird Kimmo Joentaa zum Begleiter in der Trauer, während er gleichzeitig daran arbeitet, die Unfallf lucht und den Doppelmord aufzuklären. Die Ermittlung führt Joentaa in ein fatales Beziehungsgeflecht, das Menschen, die ursprünglich nichts verband, schicksalhaft zusammengeführt hat: einen Architekten, der den festen Glauben an die Symmetrie des Lebens verliert, einen Schüler, der unauf haltsam auf einen Amoklauf zusteuert, eine junge Frau, die versucht, der Armut zu entkommen, und einen Investmentbanker, der sich im Dickicht seines Doppellebens verliert. Als Kimmo Joentaa die Linien, die diese Menschen verbinden, schließlich zu erkennen beginnt, ist es fast zu spät. Und erst dann begreift er, dass seine große Aufgabe nicht die Suche nach einem Doppelmörder ist, sondern eine, die ihm noch bevorsteht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Nutten, Banker und eine Möchtegern-Massenmörder« 80°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Bei einem tragischen Verkehrsunfall wird auf der Rückfahrt vom Eishockey-Training ein junges Mädchen getötet, ihr Vater überlebt den Unfall. Der finnische Kommissar Kimmo Joentaa wird zur Unfallstelle gerufen, obwohl der Polizei gar nicht bekannt ist, dass es sich um einen Fall von Fahrerflucht handelt. Das ganze Szenario wird für Leser und Ermittler gleichermaßen zu einer komplizierten Geschichte, denn in ständigen Rück- und Umblenden schildert der Autor weitere Handlungsstränge, zurück liegende Ereignisse und eine weitere Geschichte, die angeblich gar nicht erzählt wird. Erst langsam und in kleinen Schritten wird für Joentaa und seine Kollegen deutlicher, was hier geschehen ist. Es gibt nämlich auch einen Doppelmord aufzuklären, und fast schon per Zufall werden weitere Straftaten verhindert. Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, führt das Schicksal zusammen, und Kimmo Joentaa dringt immer weiter in dieses fatale Beziehungsgeflecht ein. Bis sich einiges in einem überraschenden Finale doch noch aufklärt.

Verschachtelte Sichtweisen und Zeitebenen

Tage des letzten Schnees war mein erster Roman von Jan Costin Wagner, und ich muss zugeben, es hat ein wenig gedauert, bis ich mich auf seine Art des Erzählens einlassen konnte. Wenn man das als Leser aber schafft, wird man mit einem Kriminalroman der besonderen Art belohnt. Der Autor lässt die Romane dieser Reihe in der Heimat seiner Frau spielen, und nach meinem Eindruck hat er sich intensiv in die Lebens- und Denkweise seiner zeitweisen Wahlheimat eingefühlt. Und er hat einen Protagonisten erschaffen, der durch seine eigene Trauer offenbar ein besonders ausgeprägtes soziales Einfühlungsvermögen hat. Das zeigt er bei der Ermittlungsarbeit, die er allerdings erst Monate später gemeinsam mit Kollegen aus seiner Heimatstadt Turku und aus Helsinki abschließt. Dem Leser wird allerdings suggeriert, dass er frühzeitig erkennt, was los ist. Weit gefehlt. Durch seine verschachtelten Sichtweisen und Zeitebenen sorgt Wagner im Laufe des Romans für reichlich Verwirrung. Einzelne Kapitel sind Abschnitte aus »einer Geschichte, die nicht erzählt wird«. Was von diesem Paradoxon zu halten ist, wird allerdings erst am Ende des Buches offenbart – wodurch die Spannung enorm gesteigert wird.

Psyche des Kommissars im Blickpunkt

Lasse Ekholm wird von einer Sekunde zur anderen – sozusagen übergangslos und unvorbereitet – vom Alltagsleben in einen Ausnahmezustand katapultiert. Bei dem Unfall verliert er das Bewusstsein, als Lasse wieder zu sich kommt, ist seine Tochter Anna tot. Wer die früheren Romane von Wagner gelesen hat, trifft hier mit dem melancholischen Kommissars Kimmo Joentaa einen alten Bekannten. Der Ermittler leidet immer noch an den psychischen Folgen des frühen Ablebens seiner Frau. Die persönlichen Befindlichkeiten des Kommissars nehmen breiten Raum in der Handlung ein, wer so etwas mag, kommt hier auf seine Kosten. Neben dem Autounfall muss Joentaa auch noch einen einen Doppelmord untersuchen. Neben den laufenden Ermittlungen gibt es reichlich zeitliche Rückblicke, und dann eben auch noch die Geschichte, die eigentlich gar nicht erzählt wird. Man muss als Leser also permanent versuchen, einen Überblick über das verwickelte Geschehen zu bekommen, und darin Zusammenhänge irgendwelche zu sehen. Das fällt nicht wirklich leicht, macht aber einen großen Teil der Faszination dieses ungewöhnlich komponierten Romans aus.

Vielfalt macht die Geschichte besonders lesenswert

Jan Costin Wagner hat einiges an Themen in seinem Roman verpackt. So geht es auch um den jungen Unto Beck, der von Mitschülern gemobbt wird – und nach dem Vorbild des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik dafür eine blutige Vergeltung plant. Diese Mordtat vom Sommer 2011 wird hier ebenso thematisiert wird das Leben von illegal zugewanderten Prostituierten. Vor allem das letztere Thema wird derzeit in Kriminalromanen vielfach angepackt, in dieser Hinsicht bietet Wagner nicht wirklich Neues. Aber er schafft auch eine Verbindung zur Bankenwelt, und die gesamte Geschichte ist durch ihre Vielfältigkeit bemerkens- und lesenswert. Tage des letzten Schnees ist kein Roman, den man mal eben so nebenbei liest. Wahrscheinlich sollte man das Buch sogar zweimal lesen, um alle Nuancen und Zwischentöne in den verschiedenen Erzählebenen zu erfassen. Es lohnt sich in jedem Fall.

Andreas Kurth, Februar 2015

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Marina Henning zu »Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees« 30.10.2016
die ganzen Verbindungen zueinander waren in "Tage des letzten Schnees" ein bisschen too much für mich, zuviel Zufall und Verwicklung miteinander, aber trotzdem habe ich das Gefühl Kimmo zu kennen und wäre so gespannt zu sehen, dass Kimmo nun mit seiner Tochter ein anderes Leben lernen muss, nicht mehr das sentimantal trauernde, sondern ein neues lebenszugewandtes, da er jetzt ein Kind aufzuziehen hat. Aber ich fürchte, das Wagner keine Fortsetzung mehr wagen wird, wie soll er das hinkriegen, dass Kimmo er selbst bleibt und sich trotzdem verändern muss.
Aber ich bin dem Schriftstelle unendlich dankbar für diese Krimis, sie haben mir über eine sehr schwierige Zeit hinweg geholfen...
Peter Faesi zu »Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees« 11.09.2015
Es kommt einiges zusammen in diesem Roman: Zunächst ein Autounfall, bei dem ein elfjähriges Mädchen ums Leben kommt. Ein Junge, der sich Andres Breivik zum Vorbild nimmt. Seine schwangere Schwester. Zahlreiche Prostituierte. Dann ein Banker, der ein Doppelleben führt. Später zwei Tote auf winterlicher Parkbank. Viele Kommissare und Ereignisse in Ungarn, Belgien und Finnland. Vor allem aber: Ein Ermittler, Wagners legendärer Kimmo Joentaa, dessen Trauerarbeit dem Roman übergestülpt ist wie eine schwere Novembernebeldecke. Der Text spielt zwar von März bis Mai, aber in Finnland schneit’s halt auch noch im Mai. Und in Ostende erfriert man sogar im Mai. Nur wer sich auf so viel Trauer, Tränen und Trübnis einstellt, wird diesen Roman mit seiner wirklich überraschenden Schlusswendung auch zu schätzen wissen.
Maureen zu »Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees« 17.04.2015
Ein wunderbarer Roman. Einer der Besten die ich in letzter Zeit gelesen habe.ein symphatischer Kommissar, viele lose Enden von verschiedenen Geschichten die am Ende zusammenfinden ist einfach toll gemacht Es ist ein besonderes Buch und ich werde es bestimmt nochmal lesen, aber könntet ihr den Kommentar von Werner Horstmann bitte löschen.es ist nicht Ok wenn das Ende verraten wird !
Filia zu »Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees« 20.03.2015
Herr Horstmann, es ist nicht nett, dass sie hier das Ende des Buches kundtun!!
Dem Himmel (oder wem auch immer) sei Dank, dass ich Ihren Kommentar nicht schon eher gelesen hatte! Gerade der Schluss hat für mich dieses tolle Buch wunderbar abgerundet! Es wäre sehr ärgerlich für mich gewesen, wenn ich es schon vorher gewusst hätte!
Peter Schneider zu »Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees« 26.03.2014
Das ist Krimi-Kost auf allerhöchstem Niveau, Chapeau!Habe bis anhin alle Bücher von Jan Costin Wagner gelesen, sie haben mir alle sehr gut gefallen. Sein Schreibstil ist nicht protzig, die Charaktere seiner Darsteller kommen aber sehr überzeugend daher. Wie im letzten Buch zum Schluss die Puzzleteile alle an ihren Platz fallen, das ist wirklich sehr gut geschrieben. Daher von meiner Seite, sehr empfehlenswert mit Maximalnote!
Niklas zu »Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees« 21.03.2014
Es gibt zu den Worten von Frau Gehm-Schmitt nichts hinzuzufügen.Jan Costin Wagner hat mit diesem Buch einen Krimi vorgelegt, der nur Lob verdient. Alles, was einen guten Krimi ausmacht, kann der Leser bei diesem Buch finden: interessante Handlungsstränge, viel Spannung, wunderbar beschriebene Charaktäre und Personen - mit einem Wort: 100 Punkte.
Birgit Gehm-Schmitt zu »Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees« 16.01.2014
Ich habe lange auf den neuen Krimi von Jan Costin Wagner gewartet. Das Warten hat sich gelohnt. Von Anfang an fand ich das Buch sehr spannend. Wie gekonnt der Autor die verschiedenen Spannungsfäden (und es ist wirklich spannend) zusammen laufen lässt, das hat mich von Anfang an fasziniert. Noch nie habe ich in einem Internetportal meine Meinung zu einem Buch eingetragen. Dieses Buch war es mir wert.
Nicht nur die Geschichte sondern auch die Sprache des Autors zeugt von großem Können. Wie passend die Sprache den Personen zugeordnet ist, mit wie viel Einfühlungsvermögen Wagner seine Personen handeln und besonders fühlen lässt, zeigt auch in diesem Krimi, wie nah er bei den Handelnden ist. Zwar werden die Geschichten wie Prostitution und Bankwesen nur angerissen - sie sind auch nur von untergeordneter Bedeutung für die Entwicklung des Krimis - trotzdem hinterlassen sie beim Leser ein Nachdenken über die Problematik.
Wieder ist Kimmo der nachdenkliche und sensible Kriminalist, dem man gerne zur Seite steht und dem man etwas Glück wünscht, das sich am Ende mit einem Hoffnungsschimmer, allerdings von völlig unerwarteter Seite (super!) anbahnt. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung!
Werner Horstmann zu »Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees« 13.01.2014
Der Kriminalinspektor Kimmo Joentaa leidet noch immer unter dem Tod seiner Frau(nun im 5. Roman).Das macht ihn --
der noch nie viel gesprochen hat--nun fast
gänzlich sprachlos.
Er ermittelt auch nicht mehr im Fall des durch einen Autounfall mit Fahrerflucht
getöteten Mädchens--er vergisst sie schlicht weg und der Fall wird auch einfach vergessen. Ist auch scheinbar nicht nötig,
denn er hat ja noch 2 andere Tote, die --konventionell-- erschossen worden sind.
Und das größte Geheimnis, das sich schon
über mehrere seiner Bücher hinzieht ,wird
gelüftet: seine Freundin, Deckname
Larissa, die ihren tatsächlichen Namen nie verraten wollte, gibt sich als Frau Beck zu erkennen--aber auch reichlich spät: sie kommt bei einem weiteren Autounfall mit ihrem Bruder zu Tode! Schade, jetzt ist Kimmo wieder ganz alleine, vielleicht auch bald ohne Leser!
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