Sakari lernt, durch Wände zu gehen von Jan Costin Wagner

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei Galiani.
Folge 6 der Kimmo-Joentaa-Serie.

  • Köln: Galiani, 2017. ISBN: 978-3869710181.

'Sakari lernt, durch Wände zu gehen' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Auf dem Marktplatz der finnischen Stadt Turku steigt ein junger Mann in einen Brunnen. Er ist nackt und offenbar verwirrt. Und er hat ein Messer bei sich. Im Nachhinein kann sich niemand so recht erklären, warum einer der herbeigeeilten Polizisten ihn erschossen hat – vor allem nicht der Schütze selbst: Petri Grönholm. Er versucht, mehr über den jungen Menschen zu erfahren, dem er das Leben genommen hat, und wendet sich hilfesuchend an seinen Kollegen Kimmo Joentaa. Kimmo, inzwischen selbst alleinerziehender Vater einer Tochter, sucht die Eltern des Toten auf – und stößt auf Spuren einer Katastrophe, die nicht nur das Leben des Jungen aus dem Brunnen, sondern das zweier Familien tragisch und tiefgreifend verändert hat. Wahrend Kimmo mit der Mutter des Jungen spricht, steht plötzlich das Nachbarhaus in Flammen, und ein Kind, der kleine David, verschwindet spurlos. Kimmo Joentaa geht auf die Suche. Nach dem vermissten Kind, nach der Ursache für das große Feuer und schließlich auch nach einer Antwort auf die Frage, woran Menschen sich in unserer Welt festhalten können, wenn schlimmste Befürchtungen wahr werden.

Das meint Krimi-Couch.de: Neues vom Meister der Melancholie 75°

Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

Finnland – damit verbinden wir Deutsche Lakonie, Schwermut und versponnene Charaktere, so, wie in den Filmen des finnischen Regisseurs Aki Kurismäki. Auch Jan Costin Wagners Krimis zeichnen sich durch die anfangs genannten Merkmale aus. Wagner ist zwar kein Finne, aber er mit einer Finnin verheiratet, und er lebt mehrere Monate im Jahr in Finnland. Das lässt darauf schließen, dass unser Finnland-Klischee durchaus der Realität entspricht.

Jan Costin Wagner schreibt Krimis, welche die Spielregeln des Genres nicht bedienen. Es gibt zwar eine Tat, die Suche nach Motiv und Täter und eine Auflösung. Aber Spannung steht bei seinen Krimis nicht im Vordergrund, selbst die dramatischen Momente werden undramatisch erzählt. Während die Täter in anderen Krimis förmlich »explodieren« und Emotionen und Sachverhalte wortreich geschildert werden, »implodieren« sie bei Wagner und verlieren dabei wenig Worte. Aber die treffen den Punkt.

»Joentaa schweigt für eine Weile. «Ja», sagt er dann, gerade als Petri Grönholm nach Worten sucht, die ihn überreden könnten. Grönholm denkt, dass das typisch Kimmo ist. Keine wichtigtuerischen Hinweise, kein Verweis darauf, dass es nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt, nichts dergleichen, sondern einfach nur ein Ja.«

Wagners Texte besitzen viel Ähnlichkeit mit Gedichten: Inhalt und Atmosphäre werden komprimiert in knappen Sätze, die den Leser herausfordern, sie zu interpretieren. Der Autor scheint an jedem seiner Sätze lange zu feilen – es steht kein überflüssiges Wort in ihnen. Wie ein Gedicht ruft seine Sprache beim Leser eine Stimmung hervor.

In seiner Kimmo-Joentaa-Reihe ist es das Gefühl von Schwermut und Kälte, entsprechend dem Sujet des Buches, das von einsamen und traurigen Menschen bevölkert ist. In einer Kettenreaktion setzt sich das Leid, dass durch ein Unglück in der Vergangenheit ausgelöst wurde, bis in die Gegenwart fort und hinterlässt traumatisierte Menschen und dysfunktionale Familien.

Großes Thema wird auf wenigen Seiten erzählt

Mit 234 Seiten ist »Sakari lernt, durch Wände zu gehen« ein dünnes Buch, dass es trotz der Kürze schafft, ein großes Thema zu erzählen. Es handelt von Verlust und davon, wie Menschen damit umgehen und was das mit ihnen und ihren Mitmenschen macht. Auch der Protagonist der Krimireihe, Kommissar Joentaa, gehört zu denen, die einen geliebten Menschen verloren haben. Im ersten Band der Reihe ist seine Frau gestorben. Inzwischen, im sechsten Band der Reihe, befindet er sich auf dem gesunden Pfad der Heilung – im Gegensatz zu allen übrigen Beteiligten im Buch.

Die Farbe Blau zieht sich als Motiv durch das Buch. Sie ist eine kalte und kontemplative Farbe, steht für Melancholie, aber auch für Hoffnung und Transzendenz. Sakari malt das blaue Meer und den blauen Himmel – ein sehr symbolisches Bild. Im übertragenen Sinn überwindet Sakari die Wände, die ihn einsperren – damit beginnt das Buch. Es endet damit, dass die eingefrorenen Emotionen der übrigen Romanfiguren langsam auftauen.

»Die helle Nacht hat begonnen, kaum merklich, auf einem schmalen Grad zwischen Blau und Blau, mit dem Morgen zu verschmelzen.

Wer zu «Sakari lernt, durch Wände zu gehen" greift und einen hochspannenden Krimi nach üblichem Genremuster erwartet, wird enttäuscht werden. Wer nach den ersten Seiten dran bleibt, sich auf den lakonischen Stil einlässt und weiterliest, wird das Buch am Ende trotz all seiner Schwermut beglückt mit einem Lächeln zuklappen – egal, ob und wie der Fall gelöst wurde.

Brigitte Grahl, November 2017

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Schörlock zu »Jan Costin Wagner: Sakari lernt, durch Wände zu gehen« 06.04.2018
Ich habe die Romane um Kimmo Joentaa geradezu verschlungen. So ganz anders als andere Krimis, sparchlich herausragend, so melancholisch... Etwas an Dürenmatt erinnernd. Sakari lernt, durch Wände zu gehen hat mich allerdings etwas ratlos zurückgelassen. Vielleicht war es mir doch etwas zu wenig Krimi, zu esoterisch? Mit Sicherheit stilistisch wieder exzellent. Allerdings fehlte mir doch die Spannung der vorhergehenden Krimis und auch das Ende hinterließ Fragezeichen.
walli007 zu »Jan Costin Wagner: Sakari lernt, durch Wände zu gehen« 28.12.2017
Das Verschwinden

Ein junger Mann steht nackt in einem Brunnen, mit einem Messer in der Hand. Die herbei gerufene Polizei soll die Situation entschärfen. Schließlich ist der junge Mann tot und weitere Polizisten müssen aufklären, wie es dazu kam. Kimmo Joeenta, der einen letzten Urlaubstag mit seiner neunjährigen Tochter Sanna und deren Freundinnen verbringen möchte, schaltet sich in die Untersuchung ein. War der Tote wirklich eine Bedrohung für sich oder andere? Und wer ist der Junge, der neben dem Brunnen stand? Von diesem berichtete Petri, der Polizist mit der Waffe. Der etwa zehnjährige Junge ist verschwunden, einfach davon gegangen.

Im August neigt sich in Finnland der Sommer dem Ende entgegen, die Hitze des Tages geht schon relativ früh in die Dunkelheit der Nacht über. Sanna und ihre Freundinnen genießen die Ferientage. Die Mutter des Toten erscheint seltsam unberührt, ihr Sohn hatte die Familie schon lange verlassen. Aufgrund einer psychischen Erkrankung lebte er in einer betreuten Wohngruppe. Die Mutter selbst ist Psychologin, doch sie konnte ihrem Sohn nicht helfen. Niemand konnte ein traumatisches Ereignis ungeschehen machen. Ein Verlust ist unwiederbringlich. Wieso mussten sich der junge Sakari und der Polizist Petrie ausgerechnet in diesem Moment begegnen. Kimmo Joeenta fühlt sich in die Beteiligten hinein, doch auch er kann Geschehenes nicht ungeschehen machen.

Selbst der Sommer birgt eine gewisse Melancholie. Die Erforschung des Geschehens fördert eine unendliche Traurigkeit zutage. Noch wärmt die Sonne, aber wie ist der lange dunkle Winter zu überstehen. Kommissar Kimmo Joeenta versucht mit all seiner Kraft, das Geheimnis hinter dem Geschehen zu entschlüsseln. Man gewinnt den Eindruck, er versucht, die Sonne zurück in die Herzen zu bringen, um das eigentlich unerträglich wenigsten soweit erträglich zu machen, dass die Überlebenden auf ein Weiterleben hoffen können. Wie ein Foto, auf dem die Menschen lächelnd einen unbeschwerten Moment erleben. Und so schließt man auch dieses Buch lächelnd mit ein paar Gedanken einer unbeschwerten Hoffnung.
Anette Weber zu »Jan Costin Wagner: Sakari lernt, durch Wände zu gehen« 10.11.2017
Das Haus am See ist eine Idylle. Hier kann Kriminalkommissar Kimmo Joentaa mit seiner Tochter Sanna den Urlaub genießen. Sanna hat ihre Freundinnen eingeladen, sie baden im See, naschen Kekse und sind ausgelassen und fröhlich. In der Nacht, die sie gemeinsam verbringen werden, wollen sie den Mond vermessen und keine Minute schlafen. Kimmo mag es, die Heiterkeit der Mädchen zu beobachten. Nicht wissend, dass ungefähr zeitgleich auf dem Marktplatz in der nahe gelegenen Stadt Turku ein junger Mann erschossen wird. Er heißt Sakari und war eben nackt in den Brunnen gestiegen, mit einem Messer in der Hand. Schaulustige versammeln sich um ihn herum.

Kurze Zeit später ist Sakari tot; erschossen vom diensthabenden Polizisten Petri Grönholm. Der Schütze ist ebenso erschrocken über den Hergang der Situation wie die Beobachter, dass er wie vernebelt in sein Auto steigt, um bei seinem Freund und Kollegen Kimmo Joentaa Rat zu suchen. Immer wieder hört er in Gedanken die letzten Worte des jungen Mannes: „Ich bin ein Engel, lass mich einfach nur ein Engel sein!“

Der Autor spielt hier ganz geschickt mit den Divergenzen, den Gegensätzlichkeiten in Allem. Leben und Tod, Freude und Leid liegen in diesem Roman ganz dicht beieinander; scheinen durch eine unsichtbare Wand miteinander verbunden. In wechselnden kleinen Sequenzen lässt er die jeweiligen Gegenpole sich vermischen und in seiner Bedeutung verstärken. Dies wird auch deutlich, wenn Jan Costin Wagner die Welt in zwei sich gegenüber stehenden Farben weiß und blau beschreibt oder aber dem fröhlichen Gelächter der spielenden Kinder den Tod des jungen Sakari entgegensetzt.

Der Autor verzichtet sowohl auf lange Dialoge, als auch auf detailreiche Beschreibungen der Polizeiarbeit. Allein über das, was nicht gesagt wird und darüber, wie er seine Figuren agieren lässt, versteht der Leser und ist schnell in der Atmosphäre gefangen.

Mit einer außergewöhnlich poetischen Sprache wird diese Geschichte erzählt, die man nicht unbedingt dem Genre Krimi zuordnen würde. Der Autor überrascht mich ein weiteres Mal mit seinem emotionalen Ausdruck und seine Fähigkeit, mich mit seinen Worten direkt ins Herz zu treffen. Manche Sätze sind so schön, dass man sie immer wieder lesen möchte, die Ereignisse so bildhaft geschildert, dass eine Leseunterbrechung unmöglich ist.

Die Reihe um den sympathischen Kommissar Kimmo Joentaa gehört für mich zum Besten, was die Krimiszene zu bieten hat. Die Menschen und das Leben stehen hier im Fokus. Und der Tod. Und dann kann es schon vorkommen, dass auch meine Augen bei der Lektüre nicht ganz trocken bleiben.
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