Getäuscht von James Siegel

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Detour, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Ehrenwirth.

  • New York: Warner, 2005 unter dem Titel Detour. 413 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Ehrenwirth, 2006. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 978-3-431-03698-5. 413 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2008. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 978-3-404-15876-8. 413 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2006. Gesprochen von Matthias Koeberlin. gekürzt. ISBN: 3-7857-3192-2. 4 CDs.

'Getäuscht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Paul und Joanna sind zweiunddreißig und seit sechs Jahren verheiratet. Paul ist Versicherungsangestellter, ein Mann, der jedes Risiko abzuwägen versteht. Alles was den beiden zu ihrem Glück fehlt, ist ein Kind. Doch all ihre Bemühungen sind vergebens. Aber in Kolumbien, so heißt es, ist es einfach, ein Baby zu adoptieren. Die kleine Joelle ist alles, was Joanna und Paul sich erträumt haben. Nur für kurze Zeit müssen sie das Baby einer einheimischen Kinderfrau anvertrauen. Als sie zurückkehren, ist Joanna plötzlich überzeugt: Das ist nicht Joelle. Paul erklärt sie für verrückt, holt aber trotzdem die Polizei. Die Polizisten hören sich die Geschichte an, schütteln den Kopf und ziehen wieder ab. Paul und Joanna nehmen die Spur auf – und geraten in die Hände der Kokainmafia. Paul wird vor die Entscheidung gestellt: Entweder er verdingt sich als Drogenkurier, oder er wird Frau und Kind nie wiedersehen. Was soll er tun? An die Polizei kann er sich nicht wenden. Mit bleichem Gesicht und Schweiß auf der Stirn, den Bauch gebläht von prall gefüllten Kondomen, macht sich Paul auf den Flug nach New York. Es ist ein kalkuliertes Risiko. Doch was ihn an dem vereinbarten Treffpunkt erwartet, damit hat niemand gerechnet …

Das meint Krimi-Couch.de: »Drogensumpf und Kinderhandel in Kolumbien« 65°

Krimi-Rezension von Thorsten Sauer

Je nach Quelle schwanken die Angaben zwar beträchtlich, aber es dürften ca. 600 Tonnen Drogen pro Jahr sein, die aus dem kleinen Andenstaat Kolumbien nach Amerika und – in geringeren Mengen – nach Europa gelangen. Für die Bekämpfung dieses Problems haben die USA bereits über vier Milliarden Dollar ausgegeben. Stoff für einen Thriller ist da reichlich vorhanden, erst recht, wenn man sich die mitunter brutalen Auswüchse des Drogenkrieges in Kolumbien vor Augen hält, die es – allerdings nur selten – in die deutschen Nachrichten schaffen. James Siegel hat sich dieses Themas angenommen, doch wer Siegel kennt, dem dürfte sofort klar sein, dass bei Getäuscht keine tiefgehenden Bestandsaufnahmen der realen Hintergründe zu erwarten sind, sondern hauptsächlich Action und ein filmreifer Plot.

(Un-)erfüllter Kinderwunsch

Paul und Joanna Breidbart haben eigentlich alles, was sich eine amerikanische Durchschnittsfamilie gemeinhin wünscht – bis auf eines und das macht sie mit zunehmendem Alter fast zu Außeneitern der amerikanischen Mittelschicht: sie sind kinderlos. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es einfach nicht klappt. Selbst dann nicht, als mit medizinischer Unterstützung nachgeholfen werden soll.

Doch bevor die Ehe daran zu zerbrechen droht, findet sich für die beiden eine einfache, wenn auch zunächst in vielerlei Hinsicht suspekte Lösung: Adoption. Da eine normale Adoption zu lange dauert, sieht sich das Paar am Ziel ihrer Wünsche, als sie Kontakt zu einem Anwalt bekommen, der ihnen die Abwicklung der Formalitäten innerhalb von acht Wochen zusichert; einschließlich Wunschkind. Der Haken an der Sache: die zukünftige Tochter der Breidbarts lebt in einem kolumbianischen Waisenhaus und das Paar muss das Kind persönlich dort abholen. Dank perfekter Organisation ist das Risiko Kolumbien kalkulierbar, wichtig für Paul den Mathematiker, der bei einer Versicherung die Eintrittswahrscheinlichkeit so ziemlich jedes Unglücks kalkuliert. Und tatsächlich, es klappt alles perfekt und bereits nach wenigen Tagen sind die Breidbarts stolze Eltern.

Doch nur wenige Stunden später stecken die beiden in einem Albtraum. Paul und Joanna geraten in die Hände des Drogenkartells und Paul, der Wahrscheinlichkeiten berechnende Mathematiker, hat die absurd geringe Chance seine neue Familie zu retten, wenn er bereit ist, das Unmögliche zu tun. Er soll Drogen in die Vereinigten Staaten schmuggeln, um als Gegenleistung seine Familie wieder zu sehen.

Beschützerinstinkte

Siegels Plot ist klassisch: Ein amerikanischer Durchschnittstyp, Langweiler und absoluter Antiheld, wird in einen Strudel gerissen, aus dem er nur entkommt, wenn er über sich hinaus wächst. Paul der Versicherungsangestellte muss als Drogenkurier arbeiten, um seine Familie aus den Händen eines Drogenkartells zu befreien, das normalerweise keine Gefangenen macht, sondern eine dicke Blutspur hinterlässt. Wer jetzt glaubt, große Teile der Handlung seien damit vorweg genommen, der irrt und unterschätzt Siegels Einfallsreichtum beim Setzen abrupter Wendungen im Plot gewaltig. Paul hetzt durch die Geschichte, wird gejagt, gefoltert, angezündet und fast erschossen, darf am Ende aber – ganz der amerikanische Held – zur Selbstjustiz greifen und ein nationales Problem aus der Welt befördern.

Es ist eine Binsenweisheit: Wendungen machen einen Plot spannend, zu viele lassen ihn konstruiert erscheinen und ein Antiheld wird zum Versager, wenn er über weite Teile eines Romans nichts mehr ist, als eine Zielscheibe. Beides passiert in Getäuscht – leider, denn davon abgesehen ist der Roman in gewohnter Siegel-Manier kurzweilig geschrieben und spannend, zumindest oberflächlich betrachtet. Spannend ist zunächst einmal die Ausgangssituation: Paul geht als Kurier in die USA und Joanna bleibt in der Hand der Entführer. Die Geschichte bekommt dadurch zwei Erzählstränge: auf der einen Seite Paul, der verzweifelt versucht das Leben seiner Familie zu retten und auf der anderen Seite Joanna, die einfach nur überleben will, um für die Tochter da zu sein. Dabei entwickelt sie – den aufkeimenden Muttergefühlen sei Dank – den sprichwörtlichen Mut einer Löwin, wenn es darum geht, die Tochter zu beschützen. Leider scheitert Siegel streckenweise daran, uns diesen Entwicklungsprozess hin zur Mutter mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt zu zeigen, er muss es schreiben: »Es war das, was Mütter taten.« Leider büßt dieser Handlungsstrang dadurch viel von seiner Intensität und Glaubwürdigkeit ein.

Viel wohler fühlt sich Siegel da schon bei den Action-Szenen. Er meint es sogar etwas zu gut damit, so dass der arme Paul fast den gesamten Roman hindurch von einem Schlamassel ins Nächste trudelt, und die Geschichte dadurch eine ziemlich abrupte Auflösung, unmittelbar am Ende des Romans, erfährt. Trotzdem bewahren gerade die Actionszenen und Siegels Fähigkeit eben diese fesselnd zu schreiben, Getäuscht davor, ein Langweiler zu sein. Viel mehr schreit Getäuscht geradezu danach, ebenso wie der Vorgänger Entgleist, verfilmt zu werden. Handlung, Handlung, Handlung – das ist das Rezept für spannendes Popcorn-Kino made in Hollywood. Für einen 400 Seiten Roman ist es allerdings zu wenig und so bleibt Getäuscht im Mittelmaß stecken, da sich neben den erzählerischen Schwächen auch einige logische Ungereimtheiten eingeschlichen haben.

Fazit: Action- und Siegel-Fans können weitgehend bedenkenlos zugreifen, für alle anderen bietet der Roman zu wenig.

Thorsten Sauer, September 2008

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Schrodo zu »James Siegel: Getäuscht« 08.06.2008
Paul und Joanna reisen nach Bogota um ihr adoptiertes Baby abzuholen. Hotel toll, Baby toll, alles bestens, bis die beiden dann gekidnappt werden (soll ja dort, gleich nach Mord ziemlich häufig vorkommen). Paul bekommt dann eine „Aufgabe“ gestellt um Frau und Tochter zu retten…was natürlich gründlich schief geht (sonst wäre das Buch ja auch schnell zu Ende).
Das Buch: Rasant, spannend, immer mal wieder wird Paul von Herrn Siegel durchgeschüttelt, was der Geschichte neue Wendungen gibt. Toll zu lesen, empfehlenswertes Buch.
Allerdings hätte ich da noch einige unwichtige Fragen am Rande Herr Siegel! Wozu haben die Bösen das Baby mal vertauscht und warum kommt das Ende so plötzlich? u.A.w.g.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Anja S. zu »James Siegel: Getäuscht« 18.09.2006
Das hier ist ebenfalls ein ueberaus spannender Thriller mit einer originellen Story und gut zu lesen. Dieses Buch hat mich wirklich gut ueber einen Transatlantikflug mit Verspaetung gebracht und mich blendend unterhalten.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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