Der 3. Grad von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2004
unter dem Titel 3rd Degree,
deutsche Ausgabe erstmals 2005
bei Limes.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Kalifornien / San Francisco, 1990 - 2009.
Folge 3 der Women´s-Murder-Club-Serie.
- Boston: Little, Brown and Co., 2004 unter dem Titel 3rd Degree. 341 Seiten.
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München: Limes, 2005.
Übersetzt von Andreas Jäger.
ISBN:
3-8090-2497-X. 288 Seiten. -
München: Blanvalet, 2007.
Übersetzt von Andreas Jäger.
ISBN:
978-3-442-36921-8. 284 Seiten. -
München: Blanvalet, 2007.
Übersetzt von Andreas Jäger.
ISBN:
978-3-442-36627-9. 284 Seiten. - Augsburg: Weltbild, 2008. Übersetzt von Andreas Jäger. 284 Seiten.
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[Hörbuch] München: audio media, 2010.
Gesprochen von Nicole Engeln.
ISBN:
3868045880. 5 CDs. -
[Hörbuch] München: audio media, 2010.
Gesprochen von Nicole Engeln.
gekürzt.
ISBN:
3868045708. 6 CDs.
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Leseprobe
– 1 –
Es begann als wolkenloser, windstiller, träger Aprilmorgen – und wurde der erste Tag der schlimmsten Woche meines Lebens. Ich joggte unten an der Bucht mit meiner Border-Collie-Hündin Martha. Das ist mein Sonntagmorgen-Ritual: in aller Herrgottsfrühe aus den Federn, und dann meinen vierbeinigen Lebensabschnittspartner auf den Beifahrersitz des Ford Explorer gepackt. Ich versuche gewissenhaft, mindestens drei Meilen zu absolvieren, ehe mir die Puste ausgeht, von Fort Mason bis runter zur Brücke und zurück. Gerade genug, um mich davon zu überzeugen, dass ich mit meinen sechsunddreißig Jahren immer noch annähernd fit bin.
An diesem Morgen leistete mir meine gute Freundin Jill Gesellschaft. Otis, ihr junger Labrador, brauchte Auslauf. Das hatte sie jedenfalls behauptet, aber wahrscheinlich wollte sie sich nur ein bisschen aufwärmen für ihren Radsprint auf den Mount Tamalpais, oder was immer Jill für den Rest des Tages an ernsthaften sportlichen Aktivitäten geplant hatte.
Es war schwer zu glauben, dass erst fünf Monate vergangen waren, seit Jill ihr Baby verloren hatte. Jetzt stand sie vor mir, schlank und durchtrainiert wie eh und je.
»Na, wie war’s gestern Abend?«, fragte sie, während sie seitwärts neben mir hertrabte. »Es geht das Gerücht, Lindsay hätte ein Date gehabt.«
»Man könnte es schon ein Date nennen...«, sagte ich, den Blick voraus auf die Anhöhen von Fort Mason gerichtet, die für meinen Geschmack viel zu langsam näher rückten. »Man könnte Bagdad auch ein Urlaubsparadies nennen.«
Sie zuckte zusammen. »Tut mir Leid, dass ich es erwähnt habe.«
Die ganze Zeit hatte ich vergeblich versucht, vor der unerfreulichen Erinnerung an Franklin Fratelli davonzulaufen, den »Asset-Remarketing«-Guru – was nur ein schicker Name dafür war, dass er Dotcom-Pleitiers, die mit den Ratenzahlungen für ihre BMWs und Rolex-Uhren nicht mehr nachkamen, finstere Gestalten auf den Hals hetzte. Zwei Monate lang hatte Fratelli mich jedes Mal, wenn er im Justizpalast war, in meinem Büro heimgesucht, bis er mich endlich so weit zermürbt hatte, dass ich ihn für den Samstagabend zu mir zum Essen eingeladen hatte (zu den Schmorrippchen in Portwein, die ich wieder in den Kühlschrank verfrachten musste, nachdem er sich in letzter Minute abgeseilt hatte).
»Ich bin versetzt worden«, sagte ich, ohne aus dem Tritt zu kommen. »Die Fragen kannst du dir sparen, ich rücke keine Details raus.«
Am Ende von Marina Green liefen wir aus und blieben schließlich stehen. Während ich mir die Lungen aus dem Leib japste, hopste unsere Mary Decker-Slaney auf und ab, als könnte sie locker noch mal eine Runde laufen.
»Ich weiß nicht, wie du das machst«, sagte ich, die Hände auf die Knie gestützt und nach Luft ringend.
»Meine Oma«, meinte sie und dehnte dabei ihre Kniesehnen.
»Als sie sechzig war, hat sie angefangen, jeden Tag fünf Meilen zu gehen. Jetzt ist sie neunzig, und wir haben keine Ahnung, wo sie inzwischen steckt.«
Wir mussten beide lachen. Es tat gut, zu sehen, wie die alte Jill allmählich wieder zum Vorschein kam. Es tat gut, zu hören, dass sie das Lachen nicht verlernt hatte.
»Wie wär’s mit einem Mochaccino?«, fragte ich. »Martha lädt uns ein.«
»Geht nicht. Steve kommt jeden Moment aus Chicago zurück. Er will nur rasch seinen Koffer abstellen und sich umziehen und dann mit mir zur Dean-Friedrich-Ausstellung im Legion-of-Honor-Museum radeln. Du weißt ja, wie der kleine Racker ist, wenn er nicht regelmäßig seinen Auslauf kriegt.«
Ich runzelte die Stirn. »Irgendwie fällt es mir schwer, mir Steve als kleinen Racker vorzustellen.«
Jill nickte. Sie zog ihr Sweatshirt aus und reckte die Arme in die Luft.
»Jill«, stieß ich hervor, »was ist das?«
Unter dem Träger ihres Sport-BHs lugten mehrere kleine, dunkle Blutergüsse hervor. Sie sahen aus wie Fingerabdrücke. Sie warf sich das Sweatshirt über die Schulter. »Hab mir die Schulter angehauen, als ich aus der Dusche gestiegen bin«, sagte sie abwehrend. »Aber du solltest erst mal die Dusche sehen«, fügte sie augenzwinkernd hinzu.
Ich nickte, aber irgendetwas an den blauen Flecken behagte mir ganz und gar nicht. »Bist du sicher, dass du keine Lust auf einen Kaffee hast?«, fragte ich.
»Tut mir Leid …Aber du kennst ja den gestrengen Herrn. Wenn ich ein Mal fünf Minuten zu spät komme, ist das für ihn schon eine schlechte Angewohnheit.« Jill pfiff nach Otis und begann zu ihrem Wagen zurückzutrotten. Sie winkte mir zu.
»Wir sehen uns in der Arbeit.«
»Und wie ist es mit dir?« Ich kniete mich vor Martha. »Du siehst mir so aus, als wäre ein Mochaccino jetzt genau das Richtige.« Ich nahm sie an die Leine und trabte auf das Starbucks-Café an der Chestnut Street zu.
Die Marina war immer schon eine meiner Lieblingsecken von San Francisco. Gewundene Sträßchen mit bunten, restaurierten Wohnhäusern. Familien, das Geschrei der Möwen, die Seeluft, die von der Bucht hereinweht.
Ich überquerte die Alhambra Avenue, und mein Blick fiel auf ein wunderschönes dreistöckiges Wohnhaus, das ich jedes Mal bewundern musste, wenn ich hier vorbeikam. Handgeschnitzte Fensterläden, das Dach mit Terrakottaziegeln gedeckt – man kam sich vor wie am Canale Grande. Ich hielt Martha fest, um ein Auto vorbeizulassen.
Das sind meine Erinnerungen an diesen Moment. Das Viertel, das sich noch den Schlaf aus den Augen rieb. Ein rothaariger Bursche mit einem FUBU-Sweatshirt, der mit seinem Kickboard Tricks übte. Eine Frau mit Latzhose, die mit einem Bündel Kleider im Arm um eine Ecke gehastet kam.
»Auf geht’s, Martha.« Ich zog an ihrer Leine. »Komm, ich kann den Mochaccino schon riechen.«
Und dann verschwand das dreistöckige Haus mit dem Terrakottadach plötzlich in einem Feuerball. Ich schwör’s – es war, als hätte San Francisco sich urplötzlich in Beirut verwandelt.
– 2 –
»O mein Gott!«, stieß ich hervor,
als der heiße Luftstoß und umherfliegende
Trümmerteile mich fast
zu Boden rissen.
Ich drehte mich weg und ließ
mich auf die Knie fallen, um Martha vor den Druckwellen
der Explosion zu schützen, die uns wie aus einem gewaltigen
Backofen entgegenschlugen. Ein paar Sekunden später drehte
ich mich wieder um und rappelte mich auf. Gütiger Himmel -
ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Das Haus, das ich
gerade noch bewundert hatte, war jetzt eine Ruine. Das gesamte
Obergeschoss war in einem Flammenmeer verschwunden.
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In diesem Augenblick wurde mir klar, dass vielleicht noch
Menschen im Haus waren.
Ich band Martha an einem Laternenpfahl an. Nur fünfzehn
Meter von uns entfernt loderten die Flammen. Ich rannte über
die Straße auf das brennende Wohnhaus zu. Das Obergeschoss
war komplett zerstört – wer sich dort aufhielt, hatte keine
Chance gehabt.
Hektisch kramte ich in meiner Gürteltasche nach dem
Handy und wählte 911, die Notrufnummer. »Hier spricht
Lieutenant Lindsay Boxer vom San Francisco Police Department,
Dienstnummer zwei-sieben-zwei-eins. An der Ecke Alhambra/
Pierce hat es eine Explosion gegeben. Ein Wohnhaus.
Wahrscheinlich mit Toten oder Verletzten. Brauche sofort Notarzt
und Feuerwehr. Schicken Sie die Jungs los!«
Ich wartete die Antwort nicht ab, obwohl die Vorschriften es
verlangten – aber wenn da drin noch irgendjemand am Leben
war, durfte ich keine Zeit verlieren. Ich riss mir das Sweatshirt
vom Leib und band es mir locker vors Gesicht. »Um Gottes
willen, Lindsay«, stieß ich hervor, dann hielt ich die Luft an
und stürmte in das brennende Haus.
»Ist hier irgendjemand?«, schrie ich und musste sofort würgen,
als der dichte graue Rauch mich im Hals kratzte. Ich
spürte die enorme Hitze in den Augen und auf dem Gesicht,
und wenn ich den schützenden Stoff auch nur ein Stück herunterzog,
tat es gleich höllisch weh. Über mir hing eine Wand
aus brennenden Rigipsplatten.
»Polizei!«, schrie ich erneut. »Ist hier irgendjemand?«
Der Rauch schien meine Lungen wie mit Rasierklingen zu
zerfetzen. Das Prasseln der Flammen verschluckte jedes andere
Geräusch. Plötzlich verstand ich, wieso Menschen, die bei
einem Brand in einem oberen Stockwerk gefangen sind, lieber
in den Tod springen, als noch länger in der unerträglichen
Hitze auszuharren.
Ich schirmte meine Augen ab und kämpfte mich durch die
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wallenden Rauchwolken vor. Ein letztes Mal brüllte ich: »Ist
hier noch jemand am Leben?«
Ich konnte nicht weitergehen. Meine Augenbrauen waren
versengt. Ich begriff, dass ich hier drin sterben könnte.
Ich machte kehrt und steuerte den Ausgang an, wo Licht und
kühle Luft auf mich warteten. Plötzlich erblickte ich zwei liegende
Gestalten – einen Mann und eine Frau. Sie waren offensichtlich
tot; ihre Kleider standen in Flammen.
Mir drehte sich der Magen um, und ich blieb stehen. Aber
ich konnte nichts mehr für sie tun.
Und dann vernahm ich plötzlich einen erstickten Laut. Ich
wusste nicht, ob ich richtig gehört hatte. Ich hielt inne und versuchte
angestrengt, in dem Getöse der Flammen etwas zu
hören. Die brennenden Schmerzen in meinem Gesicht waren
kaum auszuhalten.
Da war es wieder. Kein Zweifel, ich hatte richtig gehört.
Da weinte jemand.
– 3 –
Ich sog die heiße Luft in meine
Lungen und drang tiefer in das
Haus ein, das jeden Moment über
mir zusammenbrechen konnte.
»Wo sind Sie?«, rief ich, während
ich über brennende Trümmer stolperte. Ich hatte jetzt echte
Angst, nicht nur um den Menschen, dessen Weinen ich gehört
hatte, sondern auch um mich.
Ich hörte es wieder – ein leises Wimmern, das aus dem hinteren
Teil des Hauses zu kommen schien. Ich ging darauf zu.
»Ich komme!«, rief ich. Links von mir krachte ein hölzerner
Träger zu Boden. Je weiter ich ging, desto schwieriger wurde
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es. Ich erblickte einen Flur, von dessen Ende die Laute zu kommen
schienen. Von der Decke zwischen dem Erdgeschoss und
dem zerstörten ersten Stock waren nur noch ein paar bedenklich
schwankende Fetzen übrig.
»Polizei!«, schrie ich. »Wo sind Sie?«
Nichts.
Und dann hörte ich das Weinen erneut. Näher als zuvor. Ich
hielt mir das Sweatshirt vors Gesicht und taumelte den Flur
entlang. Komm schon, Lindsay …Nur noch ein paar Schritte.
Ich trat durch eine Tür, aus der Rauchwolken schlugen. Mein
Gott, es ist ein Kinderzimmer! Oder vielmehr das, was davon
übrig war.
An einer Seite stand ein umgekipptes Bett mit der Oberseite
zur Wand, bedeckt mit einer dicken Staubschicht. Ich rief, und
da hörte ich den Laut wieder. Ein gedämpftes Geräusch, wie
ein leises Husten.
Das Bettgestell war glühend heiß, doch es gelang mir, es ein
Stück von der Wand wegzurücken. O mein Gott …Ich erkannte
die schemenhaften Konturen eines Kindergesichts.
Es war ein kleiner Junge. Vielleicht zehn Jahre alt.
Das Kind hustete und weinte. Es konnte kaum sprechen.
Sein Zimmer war unter einer Schuttlawine begraben. Ich
konnte nicht länger warten. Wenn ich zögerte, würden die
Brandgase allein uns schon töten.
»Ich hol dich hier raus«, versprach ich dem Kleinen. Dann
schob ich meinen Körper zwischen Bett und Wand und
stemmte mich mit aller Kraft dagegen, bis die Lücke groß genug
war. Ich fasste den Jungen an den Schultern und betete,
dass ich ihn dabei nicht verletzen würde.
Mit dem Jungen im Arm stolperte ich durch die brennenden
Trümmer. Alles war voller Rauch, beißend und giftig. Ich sah
einen Lichtschein an der Stelle, wo ich hereingekommen zu
sein glaubte, aber ich war mir nicht sicher.
Ich hustete. Der Junge klammerte sich mit eisernem Griff an
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mir fest. »Mommy, Mommy«, schluchzte er. Ich drückte ihn,
um ihm zu versichern, dass ich ihn nicht sterben lassen würde.
Dann schrie ich in Richtung Ausgang und betete nur, dass
jemand mich hören würde: »Bitte, ist da draußen irgendwer?«
»Hier!«, hörte ich eine Stimme aus der Schwärze, die uns
einhüllte.
Ich stolperte über Trümmerteile, wich aufflackernden neuen
Brandherden aus. Jetzt sah ich den Ausgang. Sirenen, Stimmen.
Die Gestalt eines Mannes. Ein Feuerwehrmann. Behutsam
nahm er den Jungen aus meinen Armen. Ein zweiter Feuerwehrmann
legte mir den Arm um die Schultern. Wir traten
ins Freie.
Und dann war ich draußen. Ich fiel auf die Knie und saugte
gierig die kostbare Luft ein. Ein Sanitäter hüllte mich vorsichtig
in eine Decke. Alle waren so gut, so professionell. Ich ließ
mich gegen ein am Straßenrand parkendes Löschfahrzeug sinken.
Beinahe hätte ich mich übergeben. Und dann übergab ich
mich tatsächlich.
Irgendjemand legte mir eine Sauerstoffmaske auf den Mund,
und ich atmete mehrmals tief ein. Ein Feuerwehrmann beugte
sich über mich. »Waren Sie drin, als es explodierte?«
»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin reingegangen, um
zu helfen.« Ich konnte kaum sprechen oder einen klaren Gedanken
fassen. Ich öffnete meine Gürteltasche und zeigte ihm
meine Dienstmarke. »Lieutenant Boxer«, sagte ich hustend.
»Mordkommission.«
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»Mir fehlt nichts«, sagte ich und
löste mich aus den Armen des
Sanitäters, um auf den Jungen zuzugehen,
der bereits auf eine fahrbare
Trage geschnallt worden war.
Sie schoben ihn gerade in einen Rettungswagen. Die einzige
Regung in seinem Gesicht war ein leises Flackern der Augen.
Aber er lebte. Mein Gott – ich hatte ihm das Leben gerettet.
Auf der Straße hatten Polizisten einen Kordon gebildet, um
die Schaulustigen zurückzudrängen. Ich erkannte den rothaarigen
Jungen mit dem Kickboard, umringt von anderen entsetzten
Gesichtern.
Plötzlich registrierte ich, dass da irgendwo ein Hund bellte.
Meine Güte – es war Martha; sie war immer noch an den Laternenpfahl
gebunden. Ich lief auf sie zu und schloss sie in die
Arme, und sie leckte dankbar mein Gesicht.
Ein Feuerwehrmann kam auf mich zu. Das Wappen auf
seinem Helm wies ihn als Hauptmann aus. »Mein Name ist
Captain Ed Noroski. Alles okay mit Ihnen?«
»Ich glaube schon«, antwortete ich unsicher.
»Ihr vom Justizpalast kriegt im Dienst wohl nicht genug
Gelegenheit zu Heldentaten, wie, Lieutenant?«, sagte Captain
Noroski.
»Ich bin zufällig beim Joggen vorbeigekommen. Ich habe gesehen,
wie es in die Luft geflogen ist. Sah aus wie eine Gasexplosion.
Ich habe nur getan, was ich für richtig hielt.«
»Nun, Sie können stolz auf sich sein, Lieutenant.« Der Feuerwehrhauptmann
wandte sich zu dem ausgebrannten Haus
um. »Aber das war keine Gasexplosion.«
»Ich habe da drin zwei Leichen gesehen.«
»Ja.« Noroski nickte. »Ein Mann und eine Frau. Und noch
eine Erwachsene in einem der hinteren Zimmer im ersten Stock.
Dieser Junge kann von Glück sagen, dass Sie ihn rausgeholt haben.
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»Ja«, pflichtete ich ihm bei. Eine plötzliche Angst schnürte
mir die Brust zusammen. Wenn es keine Gasexplosion war...
Und dann erblickte ich Warren Jacobi, meinen leitenden Inspector.
Mit seiner Dienstmarke bahnte er sich einen Weg
durch die Menschenmenge und kam auf mich zu. Warren hatte
die »erste Halbzeit« erwischt – so nennen wir die Sonntagmorgen-
Schicht, wenn es draußen allmählich warm wird.
Jacobi hatte ein feistes, rosiges Gesicht, das niemals zu lächeln
schien – auch nicht, wenn er einen Witz erzählte – und
tief liegende Augen mit schweren Lidern, in denen nie so etwas
wie Überraschung aufblitzte. Doch als er die Lücke betrachtete,
wo einmal das Haus Alhambra Street Nr. 210 gestanden
hatte, und mich davor sitzen sah, verdreckt, rußverschmiert
und außer Atem – da musste Jacobi doch zweimal hingucken.
»Lindsay? Alles okay mit dir?«
»Ich glaube schon.« Ich versuchte mich hochzuziehen.
Er starrte zuerst die Ruine an und dann mich. »Sieht doch
arg renovierungsbedürftig aus, auch wenn es ein Schnäppchen
war. Aber du wirst bestimmt was draus machen.« Das
Grinsen gefror ihm auf den Lippen. »Haben wir vielleicht eine
palästinensische Delegation in der Stadt, von der ich nichts
weiß?«
Ich berichtete ihm, was ich gesehen hatte. Kein Rauch, kein
Feuer – der erste Stock war einfach urplötzlich in die Luft geflogen.
»Meine siebenundzwanzig Jahre bei der Truppe flüstern mir
ins Ohr, dass wir es hier wohl kaum mit einem defekten Boiler
zu tun haben«, meinte Jacobi.
»Kennst du irgendwen, der in einem Haus wie diesem wohnt
und einen Boiler im ersten Stock hat?«
»Ich kenne überhaupt niemanden, der in so einem Haus
wohnt. Bist du sicher, dass du nicht ins Krankenhaus willst?«
Jacobi beugte sich über mich. Seit ich bei dem Coombs-Fall
eine Kugel abgekriegt hatte, war Jacobi zu mir wie ein rührend
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besorgter Onkel. Er hielt sich sogar mit seinen blöden sexistischen
Witzen zurück.
»Nein, Warren, mir geht’s gut.«
Ich weiß selbst nicht genau, wie ich zuerst darauf aufmerksam
geworden bin. Ich saß lediglich da auf dem Gehsteig, an
ein parkendes Auto gelehnt, und ich dachte mir: Verdammt,
Lindsay, was hat das Ding denn da verloren?
Gar nichts – nach allem, was hier passiert war.
Eine rote Schultasche. Wie sie Millionen von Schülern tragen.
Stand einfach so herum.
Wieder stieg Panik in mir auf.
Ich hatte von Folgeexplosionen im Nahen Osten gehört.
Wenn es eine Bombe gewesen war, die in dem Haus explodiert
war, dann – wer weiß? …Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Ich konnte den Blick nicht von der roten Tasche wenden.
Ich packte Jacobis Arm. »Warren, ich will, dass die Straße sofort
geräumt wird. Schaff die Leute weg von hier, aber schnell!«
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Aus dem hintersten Winkel des
großen Kellerschranks zog Claire
Washburn einen vertrauten alten
Kasten hervor, den sie seit Jahren
nicht mehr gesehen hatte.
»O mein Gott...« Sie lachte.
Sie war früh aufgewacht an diesem Morgen, und nach einer
Tasse Kaffee auf der Veranda, wo sie zum ersten Mal in diesem
Jahr die Eichelhäher gehört hatte, war sie in ein altes Hemd und
Jeans geschlüpft und hatte sich an die unangenehme Aufgabe
gemacht, den Keller aufzuräumen.
Als Erstes flogen die alten Brettspiele raus, die sie seit Ewigkeiten
nicht mehr gespielt hatten. Danach die alten Baseballhandschuhe
und Football-Monturen. Eine Patchworkdecke,
einst liebevoll bestickt, jetzt nur noch ein Staubfänger.
Und dann stieß sie auf den alten Aluminiumkasten, versteckt
unter einer muffigen Decke. Mein Gott.
Ihr altes Cello. Claire lächelte, als sie an damals zurückdachte.
Du liebe Zeit – es war zehn Jahre her, dass sie es zuletzt
in Händen gehalten hatte.
Sie zog es mit einem Ruck heraus. Allein der Anblick ließ sie
in Erinnerungen schwelgen: die vielen Stunden des Übens, all
die Griffe und Tonleitern. Ihre Mutter, die stets gesagt hatte:
»Ein Haus ohne Musik ist ein Haus ohne Leben.« Der vierzigste
Geburtstag ihres Mannes Edmund, als sie sich durch den
ersten Satz von Haydns Cellokonzert in D-Dur gekämpft hatte.
An diesem Tag hatte sie zum letzten Mal gespielt.
Claire ließ die Verschlüsse aufschnappen und betrachtete
das gemaserte Holz des Korpus. Es war immer noch ein wunderschönes
Instrument; ein Geschenk des Fachbereichs Musik
in Hampton anlässlich ihres Stipendiums. Bevor sie erkannt
hatte, dass sie nie eine Yo-Yo Ma sein würde, und ihr Medizinstudium
aufgenommen hatte, war es ihr kostbarster Besitz gewesen.
Eine Melodie kam ihr in den Sinn. Just diese eine schwierige
Passage, die sie nie so recht gemeistert hatte. Aus dem ersten
Satz des Haydn-Konzerts. Claire lugte um sich, es war ihr
irgendwie peinlich. Ach, was soll’s, dachte sie. Edmund schlief
noch. Niemand würde sie hören.
Claire hob ihr Cello aus dem mit Filz ausgeschlagenen Kasten.
Sie griff nach dem Bogen, hielt ihn andächtig in den Händen.
Wow...
Eine gute Minute ging fürs Stimmen drauf; knarzend spannten
sich die alten Saiten bis auf ihre gewohnten Tonhöhen. Ein
einziger Strich mit dem Bogen über die leeren Saiten ließ un-
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zählige Empfindungen in ihr aufsteigen. Sie bekam eine Gänsehaut,
als sie die ersten Takte des Konzerts spielte. Es klang
ein wenig schief, aber allmählich bekam sie wieder ein Gefühl
für das Instrument. »Ha, das alte Mädchen hat’s immer noch
drauf«, murmelte sie lachend. Sie schloss die Augen und spielte
weiter.
Und dann bemerkte sie Edmund, der im Pyjama am Fuß der
Treppe stand und sie staunend ansah. »Ich weiß, dass ich nicht
mehr im Bett liege« – er kratzte sich am Kopf -, »ich erinnere
mich daran, dass ich meine Brille aufgesetzt und mir sogar
schon die Zähne geputzt habe. Aber es kann einfach nicht sein,
weil ich ganz offensichtlich träume.«
Edmund summte die Eröffnungstakte, die Claire gerade gespielt
hatte. »Und, denkst du, dass du die nächste Passage hinkriegst?
Das ist nämlich der knifflige Teil.«
»Ist das eine Herausforderung, Maestro Washburn?«
Edmund lächelte verschmitzt.
In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Edmund hob
das schnurlose Telefon im Treppenhaus ab. »Da bist du gerade
noch mal davongekommen«, grummelte er. »Es ist das Institut.
Am Sonntagmorgen, Claire. Können die dich denn nie in Ruhe
lassen?«
Claire nahm das Telefon. Es war Freddie Rodriguez, ein Mitarbeiter
der Gerichtsmedizin. Claire hörte eine Weile zu und
legte dann auf.
»Mein Gott, Edmund …in der Stadt hat es eine Explosion
gegeben. Lindsay ist verletzt.«
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Ich weiß nicht, was da plötzlich in
mich gefahren ist. Vielleicht war
es der Gedanke an die drei getöteten
Menschen im Haus oder
die Scharen von Cops und Feuerwehrleuten
am Ort der Unglücks. Ich starrte den Ranzen an,
und mein Instinkt sagte mir laut und deutlich, dass etwas daran
faul war – oberfaul. »Alles zurücktreten!«, schrie ich noch
einmal.
Ich ging auf die Tasche zu. Noch wusste ich nicht, was ich
tun würde, aber die Umgebung musste unbedingt geräumt werden.
»Nix da, Lindsay.« Jacobi packte meinen Arm. »Das ist nicht
dein Job.«
Ich riss mich von ihm los. »Schaff sie alle weg von hier, Warren.
«
»Ich stehe zwar im Dienstgrad unter dir, Lindsay«, sagte Jacobi,
jetzt schon leicht erregt, »aber ich habe vierzehn Jahre
mehr Diensterfahrung. Ich sage dir, lass die Finger von der
Tasche.«
Der Feuerwehrhauptmann kam auf uns zugelaufen. »Verdächtiges
Objekt, möglicherweise Sprengsatz«, bellte er in sein
Funkgerät. »Schaffen Sie die Leute aus der Gefahrenzone und
schicken Sie Magitakos vom Sprengkommando her.«
Keine Minute später drängte sich Niko Magitakos, der Leiter
des städtischen Sprengkommandos, zusammen mit zweien
seiner Profis an mir vorbei. Mit ihrer schweren Schutzkleidung
näherten sie sich der roten Schultasche. Niko holte ein kastenförmiges
Gerät hervor, einen Röntgenscanner. Ein klobiges
Panzerfahrzeug, das aussah wie ein riesiger Kühlschrank, kam
herangerollt. Ein Anblick, der nichts Gutes verhieß.
Der Spezialist mit dem Röntgenscanner richtete das Gerät
aus einem Meter Abstand auf den Schulranzen. Ich war mir
sicher, dass die Tasche einen scharfen Sprengsatz enthielt -
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oder dass der Täter sie zumindest absichtlich zurückgelassen
hatte. Bitte, lass sie nicht losgehen, flehte ich.
»Holt sie in den Lkw.« Niko wandte sich mit ernster Miene
um. »Das Ding sieht scharf aus.«
In den nächsten Minuten wurden Abdeckschürzen aus verstärktem
Stahl vom Lastwagen geladen und als Schutzwall um
die Tasche herum aufgestellt. Einer der Spezialisten näherte
sich der Tasche mit einem fahrbaren Greifer. Falls wirklich eine
Bombe darin war, konnte sie jede Sekunde losgehen.
Ich saß im Niemandsland fest und wagte nicht, mich zu rühren.
Eine Schweißperle rann mir über die Wange.
Der Mann erfasste die Tasche mit dem Greifer und transportierte
sie zu dem Panzerfahrzeug.
Nichts passierte.
»Ich habe keinen Messwert«, sagte der Mann mit dem
Elektrosensor. »Wir müssen sie wohl von Hand aufmachen.«
Sie hoben den Ranzen in das Panzerfahrzeug, wo Niko ihn
in Empfang nahm. Er kniete sich davor und öffnete mit ruhigen,
sicheren Bewegungen den Reißverschluss.
»Da ist keine Sprengladung drin«, sagte Niko. »Es ist bloß
ein verdammtes Radio.«
Ein kollektiver Seufzer der Erleichterung war zu vernehmen.
Ich löste mich von den Umstehenden und lief hin. Am Riemen
der Tasche hing ein Namensschild – einer dieser Plastikanhänger.
Ich hob es an und las.
RUMMS! IHR SCHWEINE.
Ich hatte Recht gehabt. Der Täter hatte die Tasche absichtlich
zurückgelassen. Im Inneren fand sich neben einem gewöhnlichen
Radiowecker noch ein gerahmtes Foto. Es war ein
Computerausdruck einer Digitalaufnahme. Das Gesicht eines
gut aussehenden Mannes um die vierzig.
Eine der verkohlten Leichen im Haus, da war ich mir sicher.
MORTON LIGHTOWER, lautete die Aufschrift, EIN FEIND
DES VOLKES.
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»DIE STIMME DES VOLKES SOLL GEHÖRT WERDEN.«
Darunter ein gedruckter Name. AUGUST SPIES.
Gütiger Himmel, das war eine Hinrichtung!
Mein Magen verkrampfte sich.
– 7 –
Wir hatten ziemlich schnell alles
über das Haus herausgefunden.
Es gehörte tatsächlich dem Mann
auf dem Bild, Morton Lightower,
und seiner Familie. Der Name kam
Jacobi bekannt vor. »Hat der nicht diese Firma gehabt – X/LSystems?
«
»Keine Ahnung.« Ich schüttelte den Kopf.
»Na, du weißt schon – dieser Internet-Zampano. Hat sich
mit rund sechshundert Millionen aus dem Staub gemacht, während
die Firma den Bach runtergegangen ist. Die Aktien haben
mal sechzig Dollar gekostet, jetzt stehen sie bei so was wie
sechzig Cent.«
Plötzlich fiel mir ein, dass ich davon in den Nachrichten gehört
hatte. »Der König des Raubtier-Kapitalismus.« Er hatte
versucht, Baseballteams aufzukaufen, hatte feudale Villen gesammelt
wie andere Leute Briefmarken und seine Residenz in
Aspen mit einem 50000-Dollar-Sicherheitstor ausgestattet, während
er zugleich seine eigenen Anteile verschleudert und die
Hälfte seiner Belegschaft auf die Straße gesetzt hatte.
»Ich habe ja schon von erzürnten Reaktionen enttäuschter
Investoren gehört«, meinte Jacobi kopfschüttelnd, »aber das
geht doch ein bisschen zu weit.«
