Weißes Leuchten von James Lee Burke

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1992 unter dem Titel A Stained White Radiance, deutsche Ausgabe erstmals 1994 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Louisiana, 1990 - 2009.
Folge 5 der Dave-Robicheaux-Serie.

  • New York: Hyperion, 1992 unter dem Titel A Stained White Radiance. ISBN: 1562829807. 305 Seiten.
  • München: Goldmann, 1994. Übersetzt von Oliver Huzly. ISBN: 3-442-41544-6. 377 Seiten.

'Weißes Leuchten' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

In einem nur scheinbar verschlafenen Nest in den US-Südstaaten gerät eine zwielichtige Geschwisterschar ins Visier der örtlichen Mafia. Ein Polizist versucht die Mauer des Schweigens zu durchdringen. Er gerät in ein altes, gut abgehangenes Geheimnis um Mord, Wahnsinn, Rache und Schuld, das ihn mit in den Strudel des Verderbens zu ziehen droht ... – Der fünfte Fall des Dave Robicheaux ist so zuverlässig wie stets ein Meisterwerk des modernen Thrillers. So wichtig wie der gut konstruierte Plot ist die eigenartige Louisiana-Atmosphäre, deren schwüle Hitze die Leidenschaften kochen und altes Unrecht reifen lässt, bis die Eiterblase platzt. Anders ausgedrückt: uneingeschränkte Leseempfehlung.

Das meint Krimi-Couch.de: »Schwüle Rache mit vielen Leichen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

New Iberia, ein kleiner Ort US-Staat Louisiana, gar nicht weit von New Orleans gelegen und doch ein abgeschiedenes Fleckchen in den tropischen Sumpfwäldern, die diesen Teil der Südstaaten prägen. Tropisch ist das Klima, heißblütig die Bevölkerung. Fast anderthalb Jahrhunderte nach dem Bürgerkrieg scheint sich nur wenig geändert zu haben. Bigotterie, Hinterwäldlertum, Korruption

und Rassendiskriminierung prägen weiterhin den Alltag. Die Waffen sitzen locker, die Nerven liegen in der schwülen Hitze schnell blank. Das moderne Verbrechen hat sich problemlos in die alten Strukturen integriert. Die Mafia ist präsent, sie schätzt Louisiana vor allem als Umschlagplatz für eingeschmuggelte Drogen aus Südamerika.

Weldon Sonnier ist ein typischer Vertreter des schillernden Establishments von New Iberia. Als Ölbohrer ist er zu Geld gekommen, dann in Schwierigkeiten geraten und sich Kredit suchend an die Mafia gewandt. Mit der scheint er eine Meinungsverschiedenheit zu haben; man hat ihn mit einer großkalibrigen Waffe durch das Wohnzimmerfenster anvisiert und beinahe getroffen. Dave Robicheaux vom Sheriff’s Department beginnt mit den Ermittlungen, die sich zäh gestalten, weil sich das mutmaßliche Opfer überaus wortkarg gibt. Robicheaux steckt ohnehin in einem Gewissenskonflikt. Er kennt die drei Geschwister Sonnier. Mit Weldons Bruder Lyle war er in Vietnam, mit der Schwester Drew ist er sogar kurz zusammen gewesen. Außerdem weiß er um die düstere Kindheit der Sonniers, deren Kindheit von Misshandlung und Inzest geprägt war.

Drei irre Auftragskiller jagen Weldon. Dies festzustellen kostet einige Menschenleben. Joey Gouza, der hoch in der Hierarchie der Mafia steht, scheint es zu sein, der es auf den Ölmagnaten abgesehen hat. Robicheaux sieht freilich auch Verbindungen zum Demagogen Bobby Earl, der einem Bund neonazistischer Gewalttäter, Mitläufer und Rassisten vorsteht – ein Pack, das sogar die Mafia fürchtet. Viel Ärger also für Robicheaux, als er wieder einmal zwischen sämtliche Fronten gerät, derweil im Hintergrund ein entstellter Unbekannter sein Unwesen treibt, welcher der verschollene, geistig derangierte Vater der Sonniers sein könnte, auf die in rascher Folge einige Anschläge verübt werden …

Der schäbige Charme des lässigen Südens

Die literarische oder filmische Darstellung der US-amerikanischen Südstaaten kennt – buchstäblich – nur weiß oder schwarz. Entweder schwelgt man in Romantik à la »Vom Winde verweht« (schneeweiße Herrenhäuser, stolze Herren in Leinenanzüge, schöne Damen in wallenden Kleidern, üppige Plantagen, vorn singende & tanzende schwarze Plantagenarbeiter, im Hintergrund Ol’ Man River) oder man suhlt sich im Schlamm, aufgerührt von selbst ernannten »Herrenmenschen«, bigotten Predigern, korrupten Sheriffs, Ku-Klux-Klan- und »Aryan Brotherhood«-Trash, während aufdringlich schwarze Frauen belästigt und tapfere schwarze Männer mit dem Ochsenziemer verprügelt werden. Und immer ist es heiß und feucht, der Schweiß fließt in Strömen, die Hitze steckt im Blut, das allzu leicht überkocht.

Die Realität sieht anders aus. Vor allem wirkt sie trügerisch ruhig. James Lee Burke ist wahrlich kein Schriftsteller, der mit drastischen Bildern sparsam umgeht. Auch »Weißes Leuchten« präsentiert wieder Szenen detaillierter Gewalttaten. Sie stehen indes nicht im Vordergrund. Präsent ist dagegen eine Atmosphäre brütender Bedrohlichkeit. Während die Fassade aufrechterhalten wird, geht es hinter den Kulissen zur Sache. Politische Schieberei, Verbrechen, Umweltzerstörung, familiäre Gewalt: Nach Burke sind dies keine Ausnahmen, sondern Alltag in »seinem« Louisiana.

Diesen Zustand und diese Stimmung weiß er meisterhaft zu ermitteln. Gleichzeitig erzählt er eine sauber geplottete Kriminalgeschichte, die den Leser befriedigend lange im Dunkeln tappen lässt. Die Auflösung überrascht – und doch wieder nicht, denn natürlich kann es in einem Burke-Thriller keine glatte Lösung geben. In Louisiana gehen die Uhren anders als im Yankeeland, hier ist es an der Tagesordnung, der Gerechtigkeit über einige Abkürzungen zum Sieg zu verhelfen. Auf die »Guten« sind nie ohne Fehl.

So ist es zu erklären, dass sich Dave Robicheaux trotz zeitweiliger Gewissensnöte (über die er uns ausführlich berichtet) in einem recht zwielichtigen Umfeld bewegt. Sein Chef, der Sheriff, will gar nicht genau wissen, wie sein bester Mann die ihm übertragenen Fälle löst. Loyalität ist Robicheaux ohnehin gleichzeitig Last und Ehrensache. Sein bester Freund Cletus Purcel ist ein gestrauchelter Polizist mit manischen Zügen. Cletes anarchistische Attacken gegen Verbrecher, denen das Gesetz nichts anhaben kann, würzen wieder einmal die Handlung und verhindern, dass diese gar zu Ernst wird; Robicheaux neigt nämlich gern zur Predigt über die Verkommenheit der modernen Welt. Ausgeklammert bleiben nur seine tapfere Gattin, das süße Töchterlein und der gute, alte, schwarze Kumpel, die man als Leser bald sehr satt hat.

White trash beautiful?

Bemerkenswert klare Worte findet Burke, wenn er über den »white trash«, den explosiven Bodensatz der Südstaaten-Gesellschaft schreibt: »Als Individuen sind diese Menschen gewöhnlich unselige, von Misserfolg verfolgte Geschöpfe, die unter einem schlechten Stern geboren wurden und deren größte Erfolgserlebnisse im Leben für gewöhnlich darin bestehen nicht ins Gefängnis zu müssen, Schulden bei den Kautionsagenturen abstottern zu können und die Termine mit Bewährungshelfern und Sozialarbeitern einzuhalten. Es ist wahrscheinlich kein reiner Zufall, dass die meisten hässlich und dumm sind.« (S. 145) »Ein klares Bewusstsein einer eigenen Identität hatten diese Menschen nur, wenn es ihnen gelang, jemandem Angst einzujagen. Voller Neid und Eifersucht suchten sie ihre Arbeitsplätze vor Schwarzen und vietnamesischen Flüchtlingen zu schützen, die in ihren Augen ein riesiges und gefräßiges Heer bildeten, das nur darauf wartete, sich über ihre Frauen, ihre Wohngegenden, ihre Schulen, selbst ihre klapprigen Bretterkirchen herzumachen, so sie sich jeden Sonntag- und Mittwochabend die Versicherung abholten, dass die Bitterkeit und Furcht, die ihr Leben beherrschten, nichts mit den sozialen Umständen ihrer Herkunft oder eigenem Unvermögen zu tun hatten.« (S. 361)

Mit solchen Rednecks bekommt es Robicheaux immer wieder zu tun. Gefährlicher sind allerdings Männer wie Bobby Earl, die sich den fanatisierten Mob zu Eigen machen und ihn zur Durchsetzung eigener Ziele missbrauchen. Beide, die Meute und ihre Herren, sorgen dafür, dass jene weiter oben skizzierten Südstaaten-Klischee fortleben.

Burkes Mafia ist gierig, brutal und ohne Moral, seine Killer sind monströse Psychopathen, Väter treten als Schreckgestalten auf. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass der Autor in der Tat »böse« mit »hässlich« gleichsetzt. Hier sollte man keinem Trugschluss aufsitzen. Figuren wie Lyle Sonnier, der als Gaukelpfarrer von eigenen Gnaden den Armen, Ängstlichen und Dummen das Geld aus der Tasche zieht, ist auch ein von Erinnerungen und Selbstzweifeln geplagter Mann mit einer Mission: Er will tatsächlich helfen – und ein angenehmes Leben führen. Ausgerechnet der moralisch geschmeidige Weldon Sonnier hat von Gewissensbissen geplagt Mafiadrogen vernichtet. Irgendwo leuchtet es trotz aller Schlechtigkeit auf Erden doch, das »weiße Licht der Ewigkeit«, das der Mensch so ausgiebig bricht und verdunkelt. (Burke legt die Erläuterung des Romantitels Lyle Sonnier in den Mund; er paraphrasiert Worte von Percy Bysshe Shelley, in dessen Gedicht »Adonais« es 1821 heißt: »Life, like a dome of many-coloured glass, / Stains the white radiance of Eternity, / Until Death tramples it to fragments.«)

Wem es nun zu poetisch wird sei beruhigt: »Weißes Leuchten« erzählt eine Geschichte ganz aus dem Hier & Jetzt. Sie ist es Wert gelesen zu werden. Auf alle Romane von James Lee Burke trifft zu, dass sie mehr sind als »nur« Kriminalromane. Die Abwertung des Genres ist ungerecht, ich weiß, aber Fakt ist, dass zumindest hierzulande weiterhin zwischen »Literatur« (hehr & gut) und »Unterhaltung« (tragbar aber pöbelhaft) geschieden wird. Burke verschmilzt unbekümmert beides und es ist erfreulich, wie vorzüglich ihm das gelingt.

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Stefan83 zu »James Lee Burke: Weißes Leuchten« 10.05.2011
Auch wenn uns „Bestseller“-Aufkleber und Autoren-Lobeshymnen auf den Buchcovern etwas anderes glauben machen wollen: Eine Garantie für hervorragende Unterhaltung gibt es im Literaturbereich eigentlich nicht. Ich sage mit voller Absicht eigentlich, weil es hin und wieder doch ein/e Autor/in schafft, sich aus der Masse des großen Angebots hervorzuheben und die einmal gezeigte Qualität auch immer wieder in folgenden Werken zu unterstreichen. James Lee Burke ist ein solcher Schriftsteller. Einen Roman aus seiner Feder dem Bücherregal zu entnehmen, bleibt für mich stets etwas Besonderes. Zum einem deshalb, weil sämtliche Titel des amerikanischen Autors auf Deutsch seit langem vergriffen und nur noch zu Höchstpreisen zu erstehen sind (Man betrachtet die komplette Sammlung mit einem gewissen Stolz). Zum anderen aber auch, weil Burke es wie keinem anderen gelingt, den für die meisten unmöglichen Spagat zwischen „Kriminalromanen“ und „ernstzunehmender Literatur“ zu meistern. Er erzählt Geschichten, die weit über das übliche Mordermittlungsthema hinausgehen, mehr bieten, als nur schlichten Thrill und den Alltag vertreibende Kurzweil. Und dies tut er auf eine Art und Weise, welche den Vergleich mit Faulkner, McCarthy und Co. nicht scheuen muss.

Das gilt auch für „Weißes Leuchten“, dem fünften Band aus der Reihe um den Cop Dave Robicheaux, der zwar nicht ganz die Qualität der Vorgänger erreichen kann, aber einmal mehr unterstreicht: Ein mittelmäßiger Burke ist immer noch besser als ein Großteil der Konkurrenz.

Alles beginnt mit einem Schuss durch ein Fenster im Haus des Öl-Magnaten Weldon Sonnier. Dave Robicheaux, Police-Detective in New Iberia, Louisiana, wird mit den Ermittlungen beauftragt. Als ein Gangstertrio Weldons Haus durchsucht, dabei einen hinzukommenden Polizisten erschießt und Robicheaux niederschlägt, spitzt sich die Lage dramatisch zu. Die Spuren scheinen geradewegs in das enge Beziehungsgeflecht der alten und prominenten Familie der Sonniers zu führen: Neben Weldon Sonnier, dem Kopf der Familie, sind dies u.a. dessen Schwager, ein ehrgeizigen Politiker mit Klan-Verbindungen namens Bobby Earl, sein Bruder Lyle, ein charismatischer Tele-Evangelist mit Traumvilla und seine Schwester Drew, eine renitente Amnesty-International-Aktivistin, die einmal Robicheaux' Sandkastenliebe war. Dieser muss sich nun mit Drogenhandel und Korruption, mit Verrat und Bestechung auseinandersetzen. Und gleichzeitig wird er in eine düstere Familiengeschichte gezogen, deren alptraumartige Wurzeln auch Teil seiner eigenen Vergangenheit sind.

Robicheaux, der alles daran setzt, den sturen Weldon von der ihm drohenden Gefahr zu überzeugen, gerät einmal mehr mitten zwischen die Fronten und nimmt die Hilfe seines alten Freundes Cletus Purcel in Anspruch. Gemeinsam üben sie Druck auf den örtlichen Mob aus und erzwingen eine Reaktion. Als diese erfolgt, wird ihnen langsam klar, mit wem sie sich da angelegt haben. Denn neben dem unantastbaren Bobby Earl, hat auch der hochrangige Mafiosi Joey Gouza seine Finger mit im Spiel. Und der kennt keinerlei Skrupel …

„Weißes Leuchten“ ist eins dieser Bücher, das man einfach im Sommer oder zumindest im Frühling zur Hand nehmen muss, da es doch, wie überhaupt alle Titel dieser Reihe, von der Atmosphäre der tropischen Bayous von Louisiana lebt. Heiß ist es hier im Süden der USA, wo in den üppigen Sumpfwäldern nicht nur Alligatoren und Wasserschlangen auf Jagd gehen, sondern auch die ewig Gestrigen einen relativ sicheren Rückzugsort gefunden haben. Inmitten der Abgeschiedenheit der überwucherten Kanäle und Flussläufe hat sich seit Ende des Bürgerkriegs nur wenig getan. Die Flagge der Konföderierten ist weiterhin genauso allgegenwärtig wie der fest verwurzelte Rassenhass. Hinterwäldler, Rednecks und Rockerbanden bestimmen das Bild in der Bevölkerung, die Arbeitslosenzahl ist fast genauso hoch wie das vorhandene Gewaltpotenzial. In der brütenden, feuchten Hitze werden nur die wenigsten Streits verbal ausgetragen. Entweder man ertränkt die Wut im Alkohol oder man greift zur Waffe. Es ist ein Ort, in dem die Starken über die Schwachen herrschen und die Polizei nur hilflos zusehen kann (Wenn sie nicht sogar korrupt ist und selbst mitmischt).

James Lee Burke wirft einen ungeschönten Blick auf einen Landstrich, der seine eigene Heimat und welcher ihm, und das liest man immer wieder zwischen den Zeilen, lieb und teuer ist. Nicht weit von der Touristenhochburg New Orleans entfernt, taucht der Leser in eine Welt ein, in der das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zwar nicht gescheitert ist, wo aber in erster Linie die kriminellen Elemente sich die gegebenen Freiheiten zunutze machen. Der Mafia dient sie als Umschlagplatz für Drogen aus Mittel- und Südamerika, der „Aryan Brotherhood“ und anderen rechtsgerichteten Organisationen als Nährboden für ihre radikalen Parolen. Burke braucht wenige Worte um hinter diese Fassade der exotischen Flora und Fauna zu blicken, die im Untergrund brütende Gewalt deutlich zu machen. Wofür andere ganze Handlungsstränge verschwenden, das vermag dieser Autor in wenigen Zeilen zu leisten: Eine packende, spannungsgeladene Atmosphäre zu kreieren, welcher keiner „Aha-“Momente oder künstlicher Cliffhanger bedarf und Bilder mit Leben zu füllen, ohne dabei dem Leser in seiner eigenen Fantasie einzuschränken.

Das wiederum soll nicht heißen, dass Burke mit drastischen Szenen geizt. Ganz im Gegenteil: „Weißes Leuchten“ ist trotz seiner Komplexität und der stilistischen Geschliffenheit immer noch ein „Hardboiled“-Novel alter Schule, dessen ruhige Passagen stets allzu trügerisch sind. Wie bereits in den vorherigen Bänden, so sind auch hier die Gewalttaten von ernüchternder und erdrückender Brutalität. Sie fügen sich jedoch nahtlos in die Handlung ein und dienen lediglich als ein Stilmittel von vielen. Wo die Konkurrenz sonst den gesamten Plot auf ein blutiges Spektakel hin ausrichtet, sucht Burke in seinen Schilderungen lediglich einen Weg, die bittere Realität zu unterstreichen. Die Folge davon: Egal, welche Geschichte er erzählt – man glaubt ihm, was er erzählt.

Das es ihm dabei dann auch noch immer wieder gelingt, eine Kriminalgeschichte aus der Taufe zu heben, die sich zwischen seinen Milieuschilderungen nicht verliert, macht die Klasse dieses Autors aus. Kaum ein anderer Schriftsteller verwebt die gute, alte „Whodunit“-Frage derart geschickt mit den anderen Strängen der Handlung, verzichtet in solchem Maße auf die üblichen Ermittlungsvorgänge, ohne das die von Robicheaux geleistete Polizeiarbeit dadurch an Authentizität verliert. Überhaupt steht und fällt jeder Band der Serie immer mit dieser Hauptfigur, deren Entwicklung Burke mit einer Akribie vorantreibt, die bewundernswert ist. Im Laufe der Reihe ist Dave Robicheaux zu einem guten, alten Bekannten geworden, dessen Schwächen ihn erst sympathisch machen. Einerseits ein Mann von Ehre, sieht er keinen Fehler darin, die Gesetze zu beugen, um dem größeren Ganzen zu dienen oder seine Familie vor Gefahr zu schützen. Unerschütterlich an seiner Seite steht Cletus Purcel, Ex-Partner von Robicheaux und Mann fürs Grobe, dessen kompromisslose Alleingänge (die diesmal leider viel zu kurz kommen) man jedes Mal herbeisehnt. Seine gewaltbereite Ader ist es auch, welche die doch diesmal sehr ernste Handlung etwas auflockert und für ein wenig bissigen Humor sorgt.

Wie bereits von User Bartensen oder KC-Rezensent Michael Drewniok erwähnt, so ist auch mir hier allerdings der Hang zur Predigen bitter aufgestoßen. Wo er sonst die Handlungen seiner Figuren für sich hat sprechen lassen, überwiegen nun lange, innere Monologe, welche nicht nur dem Spannungsaufbau (der sonst wie immer gelungen ist) entgegenwirken, sondern in einem zu hohen Maße die gängigen Südstaaten-Klischees bedienen. Die Balance ist James Lee Burke da bereits schon mal weitaus besser gelungen. Auch im Zusammenhang mit der Zeichnung der Gegenspieler, die mir persönlich ein wenig zu kontrastreich daherkommt. (Hier fühlte ich mich übrigens stark an „Die weiße Straße“ von John Connolly erinnert, welche neben dem farbigen Titel auch sonst noch ein paar auffällige Parallelen zu dem vorliegenden Buch aufweist. Überhaupt hat der gute John eindeutig das ein oder andere Element Burkes für seine eigene Reihe übernommen.) Dem Lesevergnügen tut dies jedoch keinen großen Abbruch. Erneut werden geschickt mehrere Figuren in den Lichtschein der Verdächtigen geschoben, so dass man als Leser lang genug im Zweifel ist, um letztlich von der Burke-üblichen unkonventionellen Lösung gänzlich überrascht und überzeugt zu werden.

Insgesamt ist „Weißes Leuchten“ wieder eine nachhaltige und gefühlsintensive Leseerfahrung, die Freunden der „Harten Gangart“ nur ans Herz gelegt werden kann, sofern sie denn bereit sind, die derzeitigen astronomischen Preise für die raren Gebraucht-Exemplare zu berappen. Ich freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Dave Robicheaux.
Bartensen zu »James Lee Burke: Weißes Leuchten« 02.03.2009
Ein Anschlag auf die alteingesessene Familie Sonnier, deren drei Geschwister alte Freunde vom im Sheriff's Department tätigen Dave Robicheaux sind, schickt selbigen auf eine Reise durch die dunklen Geheimnisse von Louisiana, auf der Verstrickungen der Mafia und ein Politiker mit extremster Nähe zum Ku-Klux-Klan ein undurchsichtiges Schauspiel betreiben. Natürlich endet auch hier einiges mit Mord, aber auch Dave Robicheaux selbst und sein alter Kumpel Cletus Purcel zeigen hier einmal ihre besonders fiesen Fratzen, wenn es darum geht die Wege des Gesetzes einmal zu verlassen. Polizeiarbeit einmal anders ...

James Lee Burkes Romane leben von der dichten Atmosphäre der Bayous Louisianas. Nur wenige Schriftsteller vermögen es, eine komplette Gegend so sehr mit Leben zu erfüllen, wie es Burke vermag. Menschen, Landschaft und vor allem das Essen nehmen einen großen Teil der Beschreibungen ein und lassen Weißes Leuchten zu einem großartigen Lesevergnügen werden.

Auffällig jedoch ist, das James Lee Burke einen Hang zum predigen besitzt, der in diesem Roman jedoch noch nicht allzu negativ zu Tage tritt. Rassendiskriminierung, Drogenprobleme, Korruption in der Politik und Religion in dieser Region sind Themen dieses Buches, sind Themen die Burke offensichtlich am Herzen liegen, die allerdings nicht nur in einem kriminaltechnischen Aspekt behandelt werden.
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