Sumpffieber von James Lee Burke

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel Sunset Limited, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Louisiana, 1990 - 2009.
Folge 9 der Dave-Robicheaux-Serie.

  • New York: Doubleday, 1998 unter dem Titel Sunset Limited. 309 Seiten.
  • München: Goldmann, 2000. Übersetzt von Christine Frauendorf-Mössel. ISBN: 3-442-44509-4. 382 Seiten.

'Sumpffieber' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Schauplatz dieses Thrillers ist eine Kleinstadt im Süden der USA. Als Dave Robicheaux erfährt, dass Megan Flynn und ihr Bruder wieder in die Stadt zurückgekehrt sind, sagt ihm sein untrüglicher Instinkt sofort, dass dies nur Ärger bedeuten kann. Der Vater der Geschwister Flynn wurde vor Jahren brutal vom Klan ermordet, die Täter aber nie zu Rechenschaft gezogen. Was die beiden sich von ihrer Rückkehr versprechen, fragt sich nicht nur Dave …

Das meint Krimi-Couch.de: »Düster-spannende Geschichte vor farbenfroher Kulisse« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

»Nur zweimal in meinem Leben hatte ich eine solche Morgendämmerung erlebt: einmal in Vietnam, als auf einer Nachtpatrouille eine Mine vor mir detoniert war und ihre Leuchttentakel um meine Oberschenkel geschlungen hatte, und das andere Mal, Jahre davor, draußen vor Franklin, Louisiana, als mein Vater und ich die Leiche eines Gewerkschaftlers entdeckt hatten, den man mit Sechzehn-Penny-Nägeln an Fuß- und Handgelenken an eine Scheunentür genagelt hatte.«

Willkommen zurück in den feuchtschwülen Sümpfen Louisianas, wo die Erinnerung an den scheinbar so glorreichen Süden der noch nicht Vereinigten Staaten vor dem Sezessionskrieg (1861-1865) ebenso frisch zu sein scheint wie das Unbehagen über das von den »Yankees« aus dem »Norden« erzwungene Ende der Rassentrennung ein Jahrhundert später. Hitze, missverstandenes Traditionsbewusstsein und Alkohol schaffen eine Atmosphäre mühsam gebändigter Spannungen, die sich jederzeit in Gewaltausbrüchen entladen können – und in den Weiten des tropfenden Mangroven- Dschungels ist schon so Manche/r spurlos verschwunden …

Dave Robicheaux, der Vietnam-Veteran, Ex-Polizist, Bootsverleiher und Gelegenheits- Detektiv, weiss aus eigener Erfahrung, dass trotzdem ein längst vergessen geglaubtes Skelett im ungünstigsten Moment aus dem Schrank fallen kann. Er hat dies schon oft erlebt (»Sumpffieber« ist sein zehntes Abenteuer) und ist dabei mehr als einmal nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Daher ist er nicht begeistert, als er prominenten Besuch erhält: Megan Flynn, eine alte Freundin, nun eine berühmte Fotografin, kehrt in ihre Heimatstadt New Iberia zurück. Sie untersucht den Tod von zwei jungen Männern, die offenbar von der Polizei regelrecht hingerichtet wurden. Der Doppelmord wurde einem Unschuldigen angehängt, der indes aus dem Gefängnis fliehen konnte. Megan fühlt sich an ein ähnliches Verbrechen aus ihrer Kindheit erinnert: Der ermordete Gewerkschaftsführer, der Robicheaux nicht aus dem Kopf gehen will, war ihr Vater. Sein Tod konnte niemals gesühnt werden.

Megan bringt ihren Bruder Cisco mit, der es in Hollywood als Regisseur zu einigem Erfolg gebracht hat und nun angeblich in den Bayous um New Iberia nach Drehorten für seinen nächsten Film suchen will, der über soziale Konflikte in den Südstaaten der USA handeln soll. Cisco arbeitet für den mächtigen Produzenten Terrebonne, eine schillernde Gestalt, die – so findet Robicheaux bald heraus – enge Verbindungen zur Unterwelt von New Orleans pflegt und offenbar in die alten und neuen Feme-Morde verwickelt ist.

Clete Purcell, Robicheaux’ ehemaliger Partner bei der Polizei, später auf die »Gegenseite« gewechselt, hilft seinem alten Freund, die Spur zu verfolgen – und am Leben zu bleiben, als sein Stochern im trüben Sumpf alter und neuer Verbrecher, Rassisten und Mörder Wellen aufrührt, die über seinem Kopf zusammenzuschlagen drohen …

»Sumpffieber«, der neue Roman der Robicheaux-Serie, zeigt einen James Lee Burke auf der Höhe seines Könnens. (Der Originaltitel des vorliegenden Romans – »Sunset Limited« – ist übrigens der Name eines US-amerikanischen Überland-Zuges – jenes Zuges, den einst Dave Robicheaux’ Mutter bestieg, als sie ihre Familie verliess.) Die ausgezeichnet geplottete Handlung ist wie immer hervorragend in eine stimmige und stimmungsvolle Beschreibung von Landschaft und Menschen der tropisch- geheimnisvollen Bayous an der Südküste der USA eingebettet. Nicht nur die Natur hat hier ihre Tücken; die menschlichen Bewohner können es leicht mit den Alligatoren und Giftschlangen der unergründlichen Sümpfe aufnehmen. Geographisch mag der Äquator nicht mehr fern sein, doch die Menschen um Dave Robicheaux stehen nicht auf der Sonnenseite des Lebens, geschweige denn auf der »richtigen« Seite des Gesetzes. Doch selbst die Schwachen und Aussenseiter bilden eine Klassengesellschaft, deren Grenzen mit unerbittlicher Härte bewacht werden. In Louisiana gehen die Uhren wahrlich anders.

In dieser Umgebung bewegt sich Dave Robicheaux, der lakonische Cajun-Detektiv, wie ein Fisch im Wasser. Die Bayous hat er schon in frühen Jahren verlassen, doch spätestens in Vietnam wurde ihm klar, dass auch die »grosse, weite Welt« ihre Tücken hat. Schon vor langer Zeit ist er heimgekehrt, hat seine Alkoholkrankheit meistens im Griff und könnte ein ruhiges, zurückgezogenes Leben führen, wenn ihm nicht ständig sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl einen Strich durch die Rechnung machte. Obwohl er es besser wissen müsste, ist Robicheaux in seinem Herzen ein Idealist geblieben; ein Ritter, der sich stets auf die Seite der Schwachen schlägt – wenn er dies auch hinter der Maske des illusionslosen Zynikers, den nichts mehr erschüttern kann, zu verbergen sucht.

Nicht von ungefähr ist Dave Robicheaux eine Figur, die dem Leser im Gedächtnis bleibt. Sein geistiger Vater James Lee Burke hat ihn nach seinem Ebenbild geformt. Auch dessen Biographie weist einige bemerkenswerte Verwerfungen auf, die sich in seinem Werk (vorteilhaft) niederschlagen.

Schon mit neunzehn Jahren begann James Lee Burke (geboren 1938 in Louisiana) zu schreiben. Sein Talent wurde freilich beeinträchtigt durch ein erhebliches Alkoholproblem, das er nach qualvollen Jahren erst 1982 im Rahmen eines langwierigen Entwöhnungs-Programms unter Kontrolle bekam. Seitdem arbeitet der bemerkenswert fleissige Burke (ausser den elf Robicheaux-Thrillern veröffentlichte er bisher acht weitere, von dieser Serie unabhängige Romane und eine Sammlung mit Kurzgeschichten) mit grossem Erfolg an seiner Karriere, in deren Verlauf er nicht nur regelmässig auf den Bestseller-Listen vertreten war (und ist), sondern auch für den renommierten Pulitzer-Preis nominiert wurde, während er den begehrten »Edgar Award« gleich zweimal (1989 für »Black Cherry Blues«, 1997 für »Cimarron Rose«) sowie den »CWA/Macallan Gold Dagger for Fiction« (1998 für den vorliegenden Roman) gewann.

Mehrere seiner Werke wurden inzwischen auch verfilmt, darunter ein Roman der Robicheaux-Serie (Mississippi Delta / Heaven´s Prisoners, 1995, Regie: Phil Joanou, mit Alec Baldwin als in der Rolle des Titelhelden. Die Verfilmung weiterer Romane der Serie ist angekündigt, verzögert sich jedoch aufgrund eines komplizierten Rechtsstreites bereits seit einigen Jahren.)

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Michael zu »James Lee Burke: Sumpffieber« 25.07.2003
Burkes Romane sprengen das Genre des Kriminalromans. Seine Südstaatenepen um Schuld und Sühne und Auswirkungen der Historie lassen die vordergründige Krimihandlung in den Hintergrund treten. Obwohl sich die Themen in allen Romanen wiederholen, war ich von jedem Burke-Roman restlos begeistert. Burke schreibt für mich wirklich ganz große Literatur. Ich bete dafür, dass er noch lange lebt und die Leserschaft mit noch vielen Romanen beglückt.
Anja S. zu »James Lee Burke: Sumpffieber« 15.07.2003
ziemlich spannend, aber brutal und deprimierend. Ich kann jeweils nur einen Krimi von Burke pro halbem Jahr ertragen.
75 grad
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