Straße ins Nichts von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2000
unter dem Titel Purple Cane Road,
deutsche Ausgabe erstmals 2002
bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Louisiana, 1990 - 2009.
Folge 10 der Dave-Robicheaux-Serie.
- New York: Doubleday, 2000 unter dem Titel Purple Cane Road. 341 Seiten.
-
München: Goldmann, 2002.
Übersetzt von Georg Schmidt.
ISBN:
3-442-45104-3. 412 Seiten.
'Straße ins Nichts' ist erschienen als
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In Kürze:
Im Staatsgefängnis von Louisiana droht der jungen Kreolin Letty Labiche die Hinrichtung. Sie wurde möglicherweise unschuldig zum Tode verurteilt. Detective Dave Robicheaux stellt nun neue Ermittlungen zu ihrer Rettung an, als er überraschend auf die Spur seiner vor mehr als 30 Jahren verschwundenen Mutter trifft: Die war damals einfach fortgegangen, und nun erfährt er, dass sie eine Hure war und von zwei brutalen Polizisten aus New Orleans als unliebsame Zeugin ermordet wurde. Der Informant wird kurz darauf von einem gedungenen Killer umgebracht, der offenbar alle Spuren zu der alten Tat tilgen soll. Von einem Killer der ungewöhnlichen Art allerdings, denn Johnny Remeta, so sein Name, ist blitzgescheit, charmant und zugleich ein völlig unberechenbarer Psychopath. Als Remeta seinerseits beseitigt werden soll und Robicheaux ihm das Leben rettet, meint er sich zu dessen Schutzengel aufschwingen zu müssen. Er behütet ihn vor Anschlägen, verfolgt die vermeintlichen Mörder seiner Mutter, stellt aber gleichzeitig auch Robicheaux‹ Adoptivtochter Alafair nach. Für Robicheaux ergibt sich daraus ein dreifaches Dilemma: Um seine Tochter zu schützen, muss er Remeta ausschalten. Damit aber beraubt er sich der Möglichkeit, die Mörder seiner Mutter zur Verantwortung zu ziehen, denn mit rechtlichen Mitteln sind diese kaum zu belangen. Gleichzeitig verrinnt die Zeit, um Letty Labiche doch noch vor der Hinrichtung zu bewahren. – Eine ausweglose Lage, aus der niemand ungeschoren davon kommt. Eine Hinrichtung findet letztlich statt, aber es wird eine Person exekutiert, die nicht zum Tode verurteilt war. Die Mörder von Robicheaux‹ Mutter büssen für ihre Tat, aber er muss mit dem Vorwurf leben, zumindest unterbewusst einen Akt der Selbstjustiz herbeigeführt zu haben. Mit seiner toten Mutter und damit auch der eigenen Vergangenheit ist Robicheaux am Schluss jedoch versöhnt.
Das meint Krimi-Couch.de: »Burke hält das Niveau der überdurchschnittlichen Vorgängerbände«
Krimi-Rezension von Michael Drewniok überspringen
New Iberia ist ein kleiner Ort in Louisiana, dem vielleicht tropischsten Südstaat der USA. In diesem Winkel, gar nicht weit entfernt von der pulsierenden Metropole New Orleans, ist es sommers wie winters heiß und feucht, und die Mangrovenwälder sind dicht – und verschwiegen. Klima und Abgeschiedenheit ziehen übles Gelichter seit jeher magisch an, denn der Arm des Gesetzes wird rasch lahm im Labyrinth der Sümpfe, in denen man sich nicht nur wunderbar verstecken, sondern auch allerhand verschwinden lassen kann …
Dave Robicheaux, Vietnam-Veteran, Bootsverleiher und Ermittler des Sheriff’s Department von New Iberia, kennt sich gut aus in dieser üppigen Wildnis. Er ist hier geboren und aufgewachsen, was ihm einen einmaligen Heimvorteil verschafft, wenn es gilt, der rauhen Realität hinter der scheinfreundlichen Dixieland-Fassade nachzuspüren. Auch im beginnenden dritten Jahrtausend ist beispielsweise Rassengleichheit in Louisiana ein Fremdwort: Hier achtet noch der letzte weiße Abschaum sehr genau darauf, dass »Neger« und »Mischlinge« auf dem Platz verharren, den der HERR und der Ku-Klux-Klan ihnen zugewiesen hat.
Selten wird diese Mentalität so deutlich wie im Fall der Kreolin Letty Labiche. Sie und ihre Zwillingsschwester Passion wurden nach dem Selbstmord der Eltern von Vachel Carmouche, dem Henker des Staates Louisiana, adoptiert und großgezogen. Der Sadist und Päderast verging sich immer wieder an den Kindern, ohne dass ihm jemand Einhalt gebot. Erst als erwachsene Frau übte Letty Rache und erschlug den Peiniger. Für den Mord an einem Staatsbediensteten wanderte sie direkt in die Todeszelle, wo sie seit acht Jahren ihr Ende juristisch hinauszögert. Doch nun ist ihre Zeit abgelaufen. Gouverneur Belmont Pugh hadert mit sich, denn er kennt die Wahrheit, doch er will wiedergewählt werden, und die braven Bürger seines Staates lieben es, die bösen Jungs oder Mädels sterben zu sehen.
Robicheaux hatte in seiner Zeit als Beamter der Polizei von New Orleans vergeblich versucht, Carmouche das Handwerk zu legen. Seither fühlt er sich verantwortlich für die Labiche-Schwestern. Noch immer sucht er nach Spuren, die Letty entlasten könnten. Deshalb horcht er auf, als Cletus Purcell, sein alter Partner, ihn auf den Zuhälter Zipper Clum aufmerksam macht, der angeblich weiß, was vor acht Jahren wirklich geschah. Doch statt der gewünschten Informationen stößt Clum für Robicheaux das Tor zur Hölle auf: Vom gewalttätigen Purcell in die Mangel genommen, gibt er plötzlich sein Wissen über den Mord an Robicheaux’ Mutter Mae vor mehr als 30 Jahren bekannt! Der Sohn ist wie vor den Kopf geschlagen, da ihn die Frage des rätselhaften Verschwindens der Mutter schon lange innerlich zerfrisst. Robicheaux beginnt zu ermitteln. Rücksicht kennt er nicht, und so dauert es nicht lange, bis er an Dingen rührt, die einige Leute lieber weiterhin unter Verschluss halten wollen – mächtige Leute, die nicht davor zurückscheuen, einen Killer anzuheuern, der in New Iberia dafür sorgt, dass unliebsame Zeugen zuverlässig den Mund halten werden. Als es Robicheaux gelingt, den Spieß umzudrehen, wird der Jäger zum Gejagten. Das entschärft die Situation jedoch keineswegs, sondern heizt sie nur weiter auf, bis eine entfesselte Meute korrupter Polizeibeamter, Politiker und Gangster den einsamen Sucher zu umzingeln beginnt …
»Straße ins Nichts«, der neue Roman der Robicheaux-Serie, schafft etwas eigentlich Unmögliches: James Lee Burke hält das Niveau der überdurchschnittlichen Vorgängerbände, obwohl er seiner Saga nicht grundsätzlich Neues mehr einfügen kann. Die Last der Vergangenheit wiegt schwer – und damit ist hier die Vorgeschichte jenes Dave Robicheaux gemeint, die der Autor natürlich in die Geschichte integrieren muss. Aber schon die ersten Seiten machen deutlich, dass Burke auch dieses Mal wieder ein As im Ärmel hat: Der düstere Prolog vom Kinder schändenden Henker und seinem bizarren, aber verdienten Ende zieht den Leser sogleich in den Bann einer Handlung, die sogleich die für die Sumpfflüsse Louisianas und den Verfasser typische verschlungene Bahn nimmt: Wer glaubt, es ginge darum, eine holde Jungfrau in Not aus dem Kerker zu retten, ist schwer auf dem Holzweg. Die schwer geprüften Labiche- Schwestern sind wahrlich nicht die Engel, als die man sie gern sehen möchte.
Ambivalenz ist überhaupt der einzige Faktor, der Burkes Protagonisten eint. Ob Freund oder Feind – sie sind nicht einfach nur böse oder nur gut. Sogar Zipper Clum, der brutale Zuhälter, ist nur ein Mensch – eine Schwäche, die ihn das Leben kosten wird, als er einem unschuldigen Kindheitstraum huldigt. Johnny O’Roarke, der kaltherzige Killer mit dem IQ von 160, mag keine Mütter töten, und ist selbst nur das Produkt einer grausamen Kindheit. Gouverneur Pugh ist eine Schurke, Säufer und Schürzenjäger – und ein Mann mit Gewissen, das ihm eigentlich nicht gestatten will, eine vom Schicksal gezeichnete Mörderin der Karriere zu opfern – er wird sich allerdings überwinden. Clete Purcell ist ein Psychopath, der es liebt, die Bösen zu züchtigen und auszulöschen; trotzdem ist er Dave Robicheaux stets ein treuer Freund und Verbündeter. So geht es weiter; keine Figur ist, wie sie sich auf den ersten Blick darstellt. Immer wieder gibt es Überraschungen, obwohl sich Burke unnötig aufs Eis begibt, als er Zwillingsschwestern als Opfer und Täter einführt. Schon dieser Schachzug verrät dem einigermaßen thrillerkundigen Leser, welche »Überraschung« ihn (und sie) im Finale erwartet …
Egal: James Lee Burke hat uns alle wieder fest im Schwitzkasten. Während er die Handlung finten- und temporeich vorantreibt, baut er die dramatische Familiengeschichte seines (Anti-) Helden weiter aus. Schon im Vorgängerband »Sunset Limited« (1998, dt. Sumpffieber) erfuhren wir mehr von Robicheaux’ finsterer Kindheit – und dem Verschwinden seiner Mutter, die einst den Überland-Zug gleichen Namens bestieg, um niemals wiederzukehren. Nun erfahren wir zeitgleich mit Dave – den dieses Ereignis als Sohn niemals wirklich erwachsen werden ließ -, wie diese Flucht weiterging und endete – tragisch, aber konsequent.
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| peach zu »James Lee Burke: Straße ins Nichts« | 23.08.2007 |
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| Hans zu »James Lee Burke: Straße ins Nichts« | 08.03.2006 |
| Svel Hur zu »James Lee Burke: Straße ins Nichts« | 12.11.2003 |
| Anja S. zu »James Lee Burke: Straße ins Nichts« | 15.07.2003 |
