James Hadley Chase

Als René Brabazon Raymond wurde der spätere James Hadley Chase am Heiligen Abend des Jahres 1906 als Sohn eines Armeeoffiziers in London geboren. Er besuchte die King’s School in Rochester, Kent, verließ sein Elternhaus mit 18 und versuchte sich in mehreren Jobs, bis er Anfang der 1930er Jahre auf die Idee kam sich als Unterhaltungsschriftsteller zu etablieren. Nach der Lektüre des überaus erfolgreichen Krimiklassikers »The Postman Always Rings Twice” (1934, dt. «Wenn der Postmann zweimal klingelt») von James M. Cain beschloss Raymond einen möglichst verkaufstauglichen Thriller zu schreiben. Er studierte das Genre gezielt und orientierte sich am zeitgenössischen Lektüregeschmack.

Sehr beliebt waren in der Unterhaltungsliteratur und im Kino Gangsterstorys. In den frühen 1930er Jahren trieben in den großen Städten der USA aber auch in den ländlichen Regionen des US-Mittelwestens diverse Verbrecherbanden ihr Unwesen. Ihre Taten fanden eine dankbare Presse und ein begeistertes Publikum. Aus sicherer Entfernung bewundert wurden u. a. die kriminellen Umtriebe und das Ende (1935) der Karpis-Barker-Gang um Kate «Ma» Barker, das sie, ihre Söhne und ihrem Spießgesellen Alvin Karpis das Leben kostete. Diese Bühne wählte Raymond als Kulisse für sein Debüt, obschon er niemals in den USA gewesen war. Er studierte Landkarten und Reiseführer, eignete sich (eher schlecht als recht) den amerikanischen Slang an und schrieb (oder fabrizierte) in sechs Wochen den Roman «No Orchids for Miss Blandish”, der 1939 unter seinem Pseudonym James Hadley Chase veröffentlicht wurde und bemerkenswerte Verkaufserfolge erzielte.

Am II. Weltkrieg nahm Chase als Pilot der RAF teil, wobei er es bis zum Staffelführer brachte. Noch 1944 erschienen wieder neue Thriller. In den USA ist Chase übrigens in seinem Leben nur zweimal und recht kurz gewesen. Wie gehabt schuf er sich sein eigenes Nordamerika, das er fleißig mit Serienfiguren wie den kalifornischen Privatdetektiv Vic Malloy, den Ex-CIA-Agenten Mark Girland, den Playboy Don Miclem und anderen bevölkerte.

In seinen Werken setzte Chase auf ein für ihn typisches Muster: Verbrechen werden begangen, um sich aus finanzieller Not und gesellschaftlicher Isolation zu befreien. Doch dieser Plan geht in der Regel schief, führt zu weiteren kriminellen Taten, zu Verrat, Erpressung, Mord. Zu spät geht dem Täter, der stets auch Opfer ist, auf, dass er niemals eine wirkliche Chance hatte. Das Ende ist düster und brutal.

Einer besonderen Erwähnung bedarf Chases für seine Zeit nicht unbedingt ungewöhnliches, aber aus heutiger Sicht bemerkenswertes Frauenbild. Er, der ein halbes Jahrhundert mit derselben Frau verheiratet war, stellt seine weiblichen Figuren als schön und schlau, aber verräterisch und mörderisch dar. Dafür liefert er sie gern einem grausamen Schicksal aus, das mit viel Liebe zum sadistischen Detail beschrieben wird. Was Chase hier möglicherweise zu kompensieren versuchte bleibt unklar; er lebte sehr zurückgezogen, biografische Zeugnisse sind rar.

Chase schrieb fast 100 Bücher und blieb bis zuletzt – er starb am 6. Februar 1985 in der Schweiz – als Schriftsteller aktiv. Seine einfach aber meist sauber geplotteten, rasanten Thriller waren wie geschaffen für das Kino der B-Movie-Ebene. Besonders in Frankreich, Italien und Deutschland entstanden – oft als Koproduktionen – Filme nach Chase-Reißern. Hin und wieder bedienten sich allerdings auch die Großen des Kinos seiner Stoffe. 1962 drehte Joseph Losey »Eva« (nach »Eve«) mit Jeanne Moreau in der Titelrolle, 1971 Robert Aldrich »The Grissom Gang« (nach »No Orchids for Miss Blandish«), 1998 Volker Schlöndorff »Palmetto« (nach »Just Another Sucker«).

Die Gunst seiner Kritiker konnte Chase nie gewinnen; »zweitklassiger [James M.] Cain« war nur eine von zahllosen Schmähungen. Seine Leser schätzten ihn dagegen sehr – auch in Deutschland, wo sein Stern indes nach seinem Tod rasch sank. Im 21. Jahrhundert sind Chase-Romane – bis in die 1990er Jahre immer wieder aufgelegt – vom Neubuchmarkt verschwunden.

Krimis von James Hadley Chase:

  • Dave Fenner-Reihe:
    • (1939) Die Erbschaft der Carol Blandish / Keine Orchideen für Miss Blandish
      No Orchids for Miss Blandish (The Villain and the Virgin)
    • (1940) Die anderen sind tot, sagte Miller/Die anderen sind tot ...
      Twelve Chinks and a Woman (The Doll’s Bad News)
  • Vic Malloy-Serie
    • (1949) Tote sind einsam
      You’re Lonely When You're Dead
    • (1950) Jeff Barretts Ratten
      Figure It Out for Yourself (The Marijuana Mob)
    • (1950) Die Katze im Sack
      Lay Her among the Lilies (Too Dangerous to Be Free)
  • Steve Harmas-Serie
    • (1952) Strich durch die Rechnung / Millionentanz
      The Double Shuffle
    • (1956) Man muss für alles zahlen
      There’s Always a Price Day
    • (1959) Plötzlich und unerwartet
      Shock Treatment
    • (1963) Keine Versicherung gegen Mord
      Tell It to the Birds
    • (1968) Brillanten für die Bestie
      An Ear to the Ground
  • Frank Terrell-Serie
    • (1964) Wenn der Film reißt
      The Soft Centre
    • (1965) Der Mini-Killer
      The Way the Cookie Crumbles
    • (1967) Es tut nicht weh, Baby
      Well Now, My Pretty
    • (1968) Die Todespille
      Believed Violent
    • (1970) Die Jacht des Toten
      There’s a Hippie on the Highway
  • Mark Girland-Serie
    • (1965) Nach Gebrauch vernichten
      This Is for Real
    • (1966) Schwarze Perle aus Peking
      You Have Yourself a Deal
    • (1967) Einmal Prag und zurück
      Have This One on Me
    • (1969) Süßes Parfüm Gold
      The Whiff of Money
  • Helga Rolfe-Serie
  • Weitere Krimis
    • (1939) Rollendes Dynamit
      The Dead Stay Dumb (Kiss My Fist!)
    • (1939) Bedarf gedeckt
      He Won’t Need It Now (als James L. Dochery)
    • (1940) Nach Mitternacht / Ein Ticket für die Todeszelle
      Lady, Here’s Your Wreath (als Raymond Marshall)
    • (1941) Get a Load of This
    • (1941) Dann knackte es, und der Strom summte / Miss Callaghan muss Trauer tragen
      Miss Callaghan Comes to Grief
    • (1944) Wilder Zauber
      Miss Shumway Waves a Wand
    • (1944) Hallo, ist da jemand?
      Just the Way It Is (als Raymond Marshall)
    • (1945) Eva
      Eve
    • (1946) Leichen sind lästig
      Make the Corpse Walk (als Raymond Marshall)
    • (1946) Der Sarg mit dem doppelten Boden / Ein Schlummertrunk vom Boss
      I’ll Get You for This
    • (1946) Satan in Satin
      More Deadly Than the Male (als Ambrose Grant)
    • (1946) Blonde’s Requiem (als Raymond Marshall)
    • (1947) Nicht mein Bier
      No Business of Mine (als Raymond Marshall)
    • (1948) Ein Grab voll roter Orchideen / Das Fleisch der Orchidee
      The Flesh of the Orchid
    • (1948) Trusted Like the Fox (als Raymond Marshall)
    • (1949) Ein Hauch von Gewalt
      The Paw in the Bottle (als Raymond Marshall)
    • (1949) Make-up für eine Somnambule
      You Never Know with Women
    • (1950) Gesucht wird Mallory
      Mallory (als Raymond Marshall)
    • (1951) Nur wer im Wohlstand lebt …/ Geld stinkt nicht
      Strictly for Cash
    • (1951) Der Ring des Bogenschützen
      Why Pick On Me? (als Raymond Marshall)
    • (1951) But a Short Time to Live (als Raymond Marshall)
    • (1951) In a Vain Shadow (als Raymond Marshall)
    • (1952) Der scharlachrote Mund
      The Wary Transgressor (als Raymond Marshall)
    • (1952) Er schwieg bis zuletzt
      The Fast Buck
    • (1953) Auge um Auge
      I’ll Bury My Dead
    • (1953) Der Schlächter von Dead End Rezension
      This Way for a Shroud
    • (1953) Der Mann mit dem blauen Gesicht
      The Things Men Do (als Raymond Marshall)
    • (1954) Stier bei den Hörnern
      Tiger by the Tail
    • (1954) Mord am Canale Grande
      Mission to Venice (als Raymond Marshall)
    • (1954) Alibi auf Tonband
      The Sucker Punch (als Raymond Marshall)
    • (1954) Tote reden nicht
      Safer Dead (Dead Ringer)
    • (1955) Zahle oder stirb
      Mission to Siena (als Raymond Marshall)
    • (1955) Zu hoch hinaus
      You’ve Got It Coming
    • (1955) The Pickup (als Raymond Marshall)
    • (1955) Ruthless (als Raymond Marshall)
    • (1956) Die Kanaille
      You Find Him, I’ll Fix Him (als Raymond Marshall)
    • (1957) Ängstlich sind die Schuldigen / Nur Streichhölzer
      The Guilty Are Afraid
    • (1957) Never Trust a Woman (als Raymond Marshall)
    • (1958) Gemeingefährlich
      Not Safe to Be Free (The Case of the Strangled Starlet)
    • (1958) Dame mit beschränkter Haftung
      Hit and Run (als Raymond Marshall)
    • (1959) An einem Freitag um halb zwölf ...
      The World in My Pocket
    • (1960) Was ist besser als Geld?
      What’s Better Than Money?
    • (1960) Rasthaus des Teufels
      Come Easy, Go Easy
    • (1961) Palmetto – Dumme sterben nicht aus / Dumme sterben nicht aus
      Just Another Sucker
    • (1961) Lotosblüten für Miss Quon
      A Lotus for Miss Quon
    • (1962) Lohngelder für Pittsville
      I Would Rather Stay Poor
    • (1962) Ein Sarg aus Hongkong
      A Coffin from Hong Kong
    • (1963) Kein Tag wie jeder andere
      One Bright Summer Morning
    • (1966) Cade
      Cade
    • (1969) Geier sind geduldig
      The Vulture Is a Patient Bird
    • (1970) Nett wie ein Loch im Kopf
      Like a Hole in the Head
    • (1971) Falls Sie Ihr Leben lieben
      Want to Stay Alive?
    • (1972) Gut geplant ist halb gemordet
      Just a Matter of Time
    • (1972) You’re Dead Without Money
    • (1973) Tödlicher Tapetenwechsel
      Have a Change of Scene
    • (1973) Der Tod klopft an die Tür
      Knock, Knock! Who’s There?
    • (1974) Absturz ins Paradies
      So What Happens to Me?
    • (1974) Wo soll ein Goldfisch sich verstecken?
      Goldfish Have No Hiding Place
    • (1974) Three of Spades
    • (1975) Hurrikan der Leidenschaften
      Believe This, You’ll Believe Anything
    • (1976) Sei so gut und stirb
      Do Me a Favour, Drop Dead
    • (1977) Vier Asse auf einmal
      I Hold the Four Aces
    • (1977) Meet Mark Girland
    • (1977) Ich lache zuletzt
      My Laugh Comes Last
    • (1978) Gleich bist du eine Leiche
      Consider Yourself Dead
    • (1979) Einen Kopf kürzer
      You Must Be Kidding
    • (1979) Einmal zuviel geheiratet
      A Can of Worms
    • (1980) Ein Double für die Falle
      You Can Say That Again
    • (1980) Trau keinem Schurken
      Try This One for Size
    • (1981) Was steckt hinterm Feigenblatt?
      Hand Me a Fig Leaf
    • (1982) Schöner Abend für Ganoven
      Have a Nice Night
    • (1982) Jagt den Killer
      We’ll Share a Double Funeral
    • (1983) Mach mir den Pelz nicht nass
      Not My Thing
    • (1984) Zahltag
      Hit Them Where It Hurts

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