Inspektor O von James Church

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel A Corpse in the Koryo, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: Nordkorea, 1990 - 2009.
Folge 1 der Inspector-O-Serie.

  • New York: St. Martin´s Minotaur, 2006 unter dem Titel A Corpse in the Koryo. 413 Seiten.
  • München: Heyne, 2008. Übersetzt von Uli Mayer. ISBN: 978-3-453-43276-5. 413 Seiten.

'Inspektor O' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein Kriminalinspektor in Pjöngjang versucht zwei Morde aufzuklären. Er hat keine technischen Hilfsmittel, niemand unterstützt ihn und er hat das Gefühl, dass alle ihn bewusst gegen Wände laufen lassen. Ständig befindet er sich im Visier der Geheimdienste und seines Vorgesetzten. Je näher Inspektor O der Wahrheit kommt, desto mehr gerät sein Leben in Gefahr.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein meisterliches Debüt« 92°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Ein vorgeblich einfacher Überwachungsauftrag: Inspektor O. soll Fotos eines verdächtigen Wagens auf einer Schnellstraße schießen. Mangels funktionstüchtiger Batterien misslingt der Auftrag, und Inspektor O. muss sich resigniert zurückziehen. Als zwei Leichen unweit der Stelle gefunden werden, an der er auf der Lauer lag, sieht er sich plötzlich in eine finstere Intrige verstrickt. Als Drahtzieher entpuppen sich Obristen zweier verfeindeter Dienste, Kang und Kim; aber auch O.'s scheinbar loyaler Vorgesetzter Pak hat seine Finger im Spiel. So wird O. durch halb Nordkorea geschickt, gerät in die Fänge des militärischen Abschirmdienstes, dessen finsterster Vertreter der sinistre Oberst Kim ist, wird mehrfach gerettet vom undurchsichtigen Oberst Kang, der ihn in seine Dienste einspannen möchte. Ein ermordeter Finne – eben jene Leiche im (Hotel) Koryo (s. Originaltitel) wird schließlich zum Auslöser für eine Säuberungsaktion, der mehrere Hauptfiguren zum Opfer fallen. Inspektor O. kann sich mit Mühe und Not angeschlagen nach Prag retten. Dort erzählt er seine Geschichte einem irischen Agenten namens Richie, wird aber am Ende wieder in Richtung Korea aufbrechen.

Thriller, die in totalitären Systemen spielen, sind eine Seltenheit. Detektivarbeit ist demokratische Arbeit. Jeder noch so billige Kriminalroman, jede Krimiserie geht davon aus, dass Interesse daran besteht, ein Verbrechen aufzuklären. Denn das Rechtssystem einer demokratischen Gesellschaft ist (theoretisch) ein heiliges Gut; es gilt seit ehedem das einfache Prinzip von Schuld und Strafe. Nicht wegzudenken sind Behörden oder Einzelpersonen, die die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zuführen wollen. Die wirklich guten Kriminalromane wissen davon zu berichten, wie oft dieses Rechtssystem versagt, dass nur Löcher gestopft werden, während der Staudamm bricht. Gerechtigkeit ist vielfach eine Frage der Käuflichkeit, kurz des Geldes, das eingesetzt werden kann, um ein Urteil zu kaufen. Da trifft Demokratieverständnis auf Kapitalismuskritik, und kann aus einem spannenden Timewaster ein relevantes Stück Kriminalliteratur machen. In einem totalitären System herrschen andere Gesetzmäßigkeiten. So kann korrekte Polizeiarbeit gar nicht stattfinden, da die Mittel fehlen. Da brüllen Streifenpolizisten Verdächtigen hinterher, dass sie jetzt schießen würden, wenn es eine Patronenzuteilung für ihre Dienstwaffen gegeben hätte. Da versagen Kameras, weil Batterien nicht funktionieren, eine Spurensicherung ist mangels Tatortabsicherung unmöglich, die wenigen Computer sind reparaturanfällig und nahezu unbrauchbar, selbst telefonieren wird zu einem Akt der Herausforderung. Zugleich misstraut jeder jedem, verschiedene Dienste bekämpfen sich gegenseitig, das tägliche Leben ist durchsetzt von rigiden Kontrollmaßnahmen, Observierungen und Vorgaben, die sich an hohlen Phrasen orientieren, statt an realen Gegebenheiten. Ein dumpf, aber effektiv organisierter Überwachungsstaat, der glücklicherweise seine Steinchen im Getriebe hat. Eines davon ist Inspektor O.

O. ist ein entfernter Verwandter von Kafkas Josef K., ihm wird zwar (noch) nicht der Prozess gemacht, aber er befindet sich unwillen- und unwissentlich in den Fängen einer Bürokratie, die an Wahrheitsfindung nicht interessiert ist, deren oberstes Ziel der Schutz eigener Belange ist. Wenn innerhalb dieses Apparates widerstreitende Gruppen aufeinandertreffen, ist der Ruf nach einer »Säuberung« nicht weit. Und genau die passiert und hinterlässt Leichen. Logischerweise will die siegende Gruppierung eine Entlarvung ihrer Machenschaften verhindern. Hier nähert sich Churchs Thriller dem Gestus des Hardboiled-Romans. Denn O. ist nicht bloß kafkaeske Figur, sondern ebenso die ironisch gebrochene Wiedergeburt des klassischen Noir-Helden. Gefangen in einem System, dessen Spielregeln er zwar erahnt, die er teilweise sogar gewitzt beherrscht, wollen die ausführenden Helfer des Totalitarismus ihn permanent beugen. Doch trotz aller Widerstände setzt O. hartnäckig alles daran, mehrere Mordfälle aufzuklären. Als er am Ende ein paar lose Fäden verknüpfen kann – auch wenn es keine endgültige und komplette Auflösung gibt -, sind einige Beteiligte nicht mehr zu retten. O. sieht sich allenfalls in der Lage, eine Intrige mit der vagen Aussicht zu schmieden, das ihr ein Drahtzieher und Mörder zum Opfer fallen wird.

James Church hat mit Inspektor O. ein meisterliches Debüt vorgelegt. Als mehrfach unterbrochene Rückblende angelegt, macht Church von Anfang an keinen Hehl daraus, wie die Geschichte ausgehen wird. Trotzdem ist Inspektor O. ein ungemein spannendes Werk, das seine Spannung aber nicht alleine aus O.s Ermittlungsarbeit zieht – eher im Gegenteil, es dauert weit über hundert Seiten bis die Mordfälle an Bedeutung gewinnen -, sondern aus den Unsicherheiten, den Unwägbarkeiten, die eine diktatorische Gesellschaft mit Gewalt gegen ihre Feinde aufbietet. Nur wenige Aufrechte kümmert es, ob Kinder, Frauen, unbeteiligte Zeugen oder wackere Kämpfer für die Gerechtigkeit unter die Räder kommen, oder sogar ihr Leben verlieren. Sieger haben immer Recht und keine Probleme damit, stumpfe Gewalttaten zu vertuschen. Churchs vielschichtiger Roman zeigt das beklemmende Bild einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft, die nur durch unmenschliche Kontrollmechanismen zusammengehalten wird. Er tut dies mit den Mitteln des Kriminalromans, er spielt mit Klischees und lässt ihnen eine ganz neue Bedeutung zukommen. Das macht das Originäre seines Romans aus. Inspektor O. ist ein frühes Highlight dieses Krimijahres. Kommende Bücher müssen verdammt hoch springen, um über diese Messlatte zu gelangen.

Leider lässt sich derart Gutes von der deutschen Bearbeitung kaum behaupten. Setzfehler en masse; da wird aus einem »auf« schon mal ein »auch« and so on. Der Klappentext ist eine formale und inhaltliche Katastrophe. Die Übersetzung hinterlässt ebenfalls Verwunderung, z.B. wenn Fahrradreifen »Undichtigkeit« angedichtet wird, oder ein Kühlschrank »ausgesteckt« wird. Der übermäßige Gebrauch des Plusquamperfekts »war [so oder so] gewesen« irritiert und nervt ebenfalls. Zu schade bei einem Buch, das sich eine sorgfältige und gewissenhafte Behandlung redlich verdient hat. Wo sind Harry Rowohlt oder Jürgen Bürger (meinetwegen auch Sepp Leeb), wenn man sie braucht?

Jochen König, März 2008

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Stefan83 zu »James Church: Inspektor O« 06.11.2012
Es geschieht ja eher selten, dass Krimi-Couch Rezensent Jochen König und meine Wenigkeit verschiedene Geschmäcker haben - „Inspektor O“ von James Church ist aber so ein Fall. Egal, aus welchem Winkel ich das Gelesene auch betrachte, „ein meisterliches Debüt“, wie Kollege König, vermag ich nicht zu erkennen, was allerdings auch schlichtweg daran liegt, dass ich zu keinem Zeitpunkt einen Zugang zu dem Buch gefunden habe. Und das obwohl James Church, das Pseudonym eines ehemaligen Geheimdienstmannes und (angeblichen) Fernost-Kenners, durchaus schriftstellerisches Talent beweist und die Handlung, von vielen Geheimnissen umwölkt, besten Nährboden für einen spannenden Thriller geboten hätte. Nicht zuletzt auch wegen des Schauplatzes Nordkorea, mit dem sich bisher nur wenige Literaten der Neuzeit (und noch weniger Krimi-Autoren) befasst haben, und welchem, abgeschottet vom Rest der Welt, eine gewisse mysteriöse Aura anhaftet, die vielerlei Fragen aufwirft.

Was genau geht dort hinter der am schwersten bewachten Grenze der Welt eigentlich vor sich? Wie sieht das alltägliche Leben in einer kommunistischen Diktatur des 21. Jahrhunderts aus? Und wie genau dürfen wir aus dem Westen uns die dortige Polizeiarbeit vorstellen? Es sind Fragen, auf die ich mir als Leser vor Beginn der Lektüre Antworten erhofft habe, zumal der Hauptprotagonist und Titelgeber des Buches, Inspektor O, sogar einer real existenten Persönlichkeit nachempfunden sein soll und der Autor damit eine gewisse Authentizität suggeriert.

Antworten, sogar in äußerst detaillierter Art und Weise, liefert Church. Das Problem: Ich kauf es ihm nicht ab.

Das ganze Verhalten der Figuren, ihre Mentalität und ihre Sprache, die Arbeitsabläufe – all das lässt sich mit meinem Bild von Nordkorea, oder überhaupt von einem Land aus Fernost, nicht in Einklag bringen. Alles wirkt zu steril, zu konstruiert, ja, zu westlich, um glaubhaft zu sein. Wenn ich mir hier, wie ich es oft bei Romanen tue, die Charaktere im Geiste vorstelle, habe ich das Bild von Europäern vor Augen. Dem eigentlichen Nordkorea komme ich nicht näher, der Funke springt nicht über. Was bleibt ist ein grauer DDR-Hintergrund, der gedanklich herhalten muss, um die vom Autor beabsichtige Stimmung des Buches zu transportieren. Und mittels dieser bildlichen Eselsbrücke zündet dann auch die Geschichte besser, welche die von Angst und Misstrauen geprägte Atmosphäre eines kommunistischen Staates ansonsten äußerst eindringlich einfängt.

Wo jedoch andere Autoren (wie z.B. Tom Rob Smith in seinem Erstling „Kind 44“) diese Begleiterscheinungen des auf die Spitze getriebenen Sozialismus als Aufbauelement ihres Spannungsbogens nutzen, verkommt es bei „Inspektor O“ zu einer faden, gräulich-drögen Kulisse ohne Nutzwert. Der trockenen, gelangweilten Stimme des Inspektors, dessen lakonischer Humor noch zu den Highlights zählt und für ein paar Lacher gut ist, wird man über kurz oder lang ebenso überdrüssig, wie den statischen „Ermittlungen“, die sich in erster Linie auf Reisen quer durchs Land beschränken und welche die Krimihandlung kein Jota voranbringen. Church verfährt hier nach dem Babuschka-Puppen-System. Ein Geheimnis in noch einem Geheimnis hinter welchem sich noch ein Geheimnis verbirgt. Und ganz am Ende? Wer es bis hierhin geschafft hat, den erwartet ein Finale, das ebenso ruhig und unspektakulär abläuft, wie schon der Beginn des Romans. Ein bisschen fühlt es sich so an, als würde man, nach einer langen, ereignislosen Fahrt im Auto, auf einer schnurgeraden Straße, mitten im nirgendwo am Straßenrand abgesetzt.

Letztlich fehlt es „Inspector O“ an Tempo, an Zug, ja, an Durchschlagskraft, um die Botschaft, welche Church vermitteln und mit dessen Hilfe er seine Geschichte erzählen will, an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. So kommt sein Werk, bei aller sprachlicher Qualität und Eleganz, nicht über das Mittelmaß hinaus. Weitere Bücher aus der Reihe sind bisher unübersetzt – und mögen es wegen mir auch ruhig bleiben.
Stuckenberg zu »James Church: Inspektor O« 12.04.2010
Gerade habe ich den "Inspector O" durchgelesen. Mir ist auch dieser unsinnig häufige Gebrauch des Plusquamperfekts aufgefallen. Leider wird dadurch der Text oftmals sehr kantig und man wird aus der Spannung, die der Autor aufbaut, herausgerissen. Mich störten außerdem sehr die Übersetzungsfehler und eigenartige Satzstellungen und wenn jemand "gesessen ist", mag das ja für Bayern richtig sein, bleibt jedoch für den Rest des Landes schlicht falsch!
Was mich jedoch gefesselt hat, ist die Beschreibung des Lebens in Nordkorea. Der Überlebenswille der Bevölkerung und die Schwierigkeiten, das Leben zu meistern erinnern mich sehr stark an George Orwells "1984".Alles in allem ein Buch, das man gelesen haben sollte.
Bartensen zu »James Church: Inspektor O« 29.08.2008
In totalitären Systemen geschehen natürlich keine Verbrechen. Es passt nicht ins das Bild, das die Machthaber ihrem Volk vorgaukeln. Dementsprechend schwer hat es Inspektor O bei seinem Ermittlungen Ergebnisse vorzuweisen, besonders dann, wenn einige der Verdächtigen recht hoch in der Hierarchie des Staates stehen.
James Church hat es geschafft die beklemmende und statische ,von Paranoia geprägt Atmosphäre in einem kommunistischen Staat einzufangen. Er verlegt sich dabei jedoch nicht auf klassische Klischees und Vorurteile, sondern lässt dies immer aus den Augen eines nordkoreanischen Bürgers geschehen, wodurch das Bild an Realismus gewinnt. Churchs Charaktere haben Profil, Wiedererkennungswert (für Menschen, die Probleme mit asiatischen Namen haben ein Vorteil) und reichlich nordkoreanische Seele, wie sie Inspektor O mehr als einmal beschreibt.
Die Reise durch Nordkorea, das Treffen mit beteiligten Menschen und viele alltägliche Kleinigkeiten stehen zu Beginn dieses Romans wesentlich mehr im Vordergrund, als der eigentliche Kriminalfall, der erst zur Hälfte des Buches an Fahrt gewinnt. Inspektor O gerät zwischen die Fänge von hohen Tieren des Polizei und Regierungsapparates und ihren krummen Geschäften und muß einiges an Tricks und Einfallsreichtum anwenden um sich aus diesen Fängen zu befreien. Die Lösung oder Nicht-Lösung der Geschichte mag dann fast schon Hardboiled-Krimi-artige Züge haben, passt aber perfekt ins Bild ...
Ein beeindruckendes, fesselndes aber auch bedrückendes Buch, den potentiellen Nachfolger würde ich blind kaufen (bei dem mir vermutlich Inspektor O´s großartige Sidekicks Pak und Kang fehlen würden) ... und vielleicht schafft es Inspektor O ja im nächsten Buch ein Tasse Tee zu bekommen und auch zu trinken ...
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Teeshan zu »James Church: Inspektor O« 13.04.2008
"Insoektor O" ist einer der besten Asien-Krimi Nr. 1. Ich habe es nicht gekauft oder geliehen, sondern in dieser Webseite eine Leseprobe vom diesem Buch gelesen. Ich muss wohl eines sagen: GENIAL!

Von mir gibt es 100°
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Anja Schade zu »James Church: Inspektor O« 10.03.2008
Vollste Zustimmung dem Rezensenten der Krimi-Couch: dieses Buch ist ein echt meisterhaftes Debüt!!! Der Autor kann die beklemmende Atmosphäre des Lebens in einem totalitären Staat hervorragend einfangen, die Geschichte ist originell ausgedacht und gut umgesetzt.
Bitte mehr davon!!!
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