Chez Max von Jakob Arjouni

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 bei Diogenes.

  • Zürich: Diogenes, 2006. ISBN: 978-3-257-06536-7. 224 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2007. ISBN: 978-3-257-23651-4. 222 Seiten.
  • [Hörbuch] Zürich: Diogenes, 2006. Gesprochen von Jakob Arjouni. ISBN: 3-257-80060-6. 4 CDs.

'Chez Max' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Wir befinden uns im Jahr 2064. Die Welt ist durch einen Zaun geteilt: hier Fortschritt und Demokratie, dort Rückschritt, Diktatur und religiöser Fanatismus. Doch das Wohlstandsreich will verteidigt sein, Prävention ist angesagt wie noch nie. Dies ist die Aufgabe der beiden Ashcroft-Männer Max Schwarzwald und Chen Wu, Partner – aber alles andere als Freunde.

Das meint Krimi-Couch.de: »Arjounis ganz spezielle, schöne neue Welt« 67°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Jakob Arjounis Kriminalromane mit Kemal Kayankaya, dem deutschen Privatdetektiv türkischer Herkunft, sind zweifellos Kult. Mit beissendem Sarkasmus begegnet Arjounis Hauptprotagonist dem ganz normalen Rassismus und sein einzigartiger derber und trockener Humor begleitet die Suche nach kleinen und grossen Ganoven im Frankfurter Milieu.
Mit seinem neuen Roman begibt sich der Autor auf ein etwas anderes Terrain, Chez Max ist Genre übergreifend, ein Mix aus Kriminalroman und politischer Science-Fiction.

Eine neue Weltordnung …

Die Ereignisse des 11. September 2001 gelten als Geburtsstunde einer neuen Weltordnung. Der euro-chinesische und nordamerikanische Kontinent sind vom Rest der Welt durch einen Zaun abgetrennt worden. Afrika, Südamerika und Teile Asiens existieren im Bewusstsein der Öffentlichkeit nicht mehr. Die Welt außerhalb dieser Grenze auch nur zu erwähnen, gilt als staatsfeindlich. Europa und China teilen sich die politische Macht, Nordamerika verarmte infolge der Anti-Terror Kriegsmassnahmen zu einem Agrarstaat, bleibt aber aus Dankbarkeit an die Grundsteinlegung für die neue Welt auf der richtigen Seite des Zauns.

...erfordert besondere Wächter

Der Deutsche Max Schwarzwald und der Chinese Chen Wu gehören der Ashcroft-Geheimpolizei an, die für vorbeugende und ausübende Verbrechensbekämpfung zuständig ist. Zu diesem Zweck hat die Ashcroft-Organisation ein engmaschiges Netz an Spitzeln etabliert, die eine lückenlose Beobachtung der Bevölkerung gewährleisten. Die Geheimagenten erhalten Tarnidentitäten, wie die als deutscher Gourmet-Gastronom oder als chinesischer Gärtner. Max und Chen sind Partner, sie teilen sich die Überwachung des 11. Arrondissements in Paris.

Max ist der kultivierte Typ, der sich gern mit Künstlern und gebildeten Menschen umgibt. Chen dagegen ist vulgär und anmaßend. Er provoziert Max mit Beleidigungen und kritischen Äusserungen über die totgeschwiegene Welt jenseits des Zauns. Trotz Max’ unerschütterlicher Gesinnungstreue, ist Chen der erfolgreichere Agent und anerkannte Held der Ashcroft-Organisation. Nach jahrelanger Demütigung, glaubt Max endlich, eine Schwäche in Chens vermeintlich makelloser Erfolgsbilanz entdeckt zu haben und sieht seine Chance gekommen, sich des verhassten Kollegen ein für alle mal zu entledigen.

Provokativer Science-Krimi mit Realitätsbezug

Jacob Arjounis abgeschottete und streng überwachte Welt im Jahre 2064 erinnert ein wenig an die dystopischen Klassiker von George Orwell (1984) und Aldous Huxley (Schöne neue Welt) oder auch an die literarische Vorlage zum Film »Minority Report« von Philip K. Dick. Chez Max weist allerdings durch den direkten Bezug zu den Ereignissen des 11. Septembers 2001 und der nachfolgenden politischen Entwicklung einen viel erschreckenderen Realitätsbezug auf. Die Erschaffung einer Ersten Welt hinter einem 60 000 km langen Zaun erscheint zwar absurd, wäre aber als letzte Konsequenz einer erfolglosen, aber absoluten Terrorbekämpfung nicht völlig unvorstellbar. Arjounis beissender Spott über die amerikanische Anti-Terror-Politik ist ebenso zynisch, wie amüsant: In Chez Max verarmten ausgerechnet die reichen Vereinigten Staaten infolge des nicht endenden Irak-Desasters und wurden von Europa und China zur Kornkammer der privilegierten Staaten umfunktioniert.

Der Wolf im Schafspelz

Ähnlich wie in Arjounis gesellschaftskritischem Roman Hausaufgaben wird die Geschichte aus der Sicht des Unsympathen Max Schwarzwald erzählt, ein opportunistischer Heuchler, der hinter der Fassade des vertrauensseligen Gastwirts agiert und seinen besten Freund wegen geplantem Zigarettenschmuggel in den Knast befördert. Der Hauptprotagonist wird als charakterschwacher Verlierer mit einer verschrobenen Sichtweise auf Moral und Pflicht charakterisiert. Er wirkt immer dann besonders menschlich, wenn ihn Anflüge eines schlechten Gewissens dazu zwingen, sich selbst in die Tasche zu lügen.

Sein Konterpart, der chinesische Kollege Chen Wu ist keineswegs ein Sympathieträger, wirkt allerdings ehrlicher und durchschaut die Unmenschlichkeit des Systems. Die Charakterisierung der Akteure ist Arjouni auch diesmal exzellent gelungen, beide haben neben ihren fiesen Seiten auch menschliche und nachvollziehbare Eigenschaften. Man weiß nicht so recht, welcher der beiden Charaktere der Verachtenswertere ist und wem man vielleicht etwas Sympathie entgegenbringen kann. Herkunft und Name von Max Schwarzwald sind sicherlich kein Zufall, sondern als ironischer Fingerzeig auf den Missbrauch der von ihm personifizierten, so genannten deutschen Tugenden zu verstehen.

Aus Dystopie wird Kriminalroman

Arjouni entwickelt aus den Ansätzen eines Science-Fiction Romans einen Krimi, in der der Zukunftsgeheimagent Max Schwarzwald versucht, seinen Kollegen als Schleuser von illegalen Einwanderern zu überführen. So überzeugend und originell der anfängliche Aufbau der Geschichte auch ist, die Ausführung des Plots misslingt Arjouni leider, denn die Entwicklung ist einfach zu vorhersehbar und daher nur mässig spannend. Das Ende lässt den Leser etwas ratlos zurück, man hat den Eindruck einen entscheidenden Teil der Auflösung verpasst zu haben.

In sprachlicher Hinsicht überzeugt Arjouni wie gewohnt durch lockere, witzige Dialoge und seinen typischen unverblümten Klartext. Chez Max ist insgesamt ein empfehlenswerter Roman, eine kritische Real-Satire, die entlarvt und nachdenklich stimmt. Was Spannung und Dramaturgie angeht, bleibt Chez Max allerdings deutlich hinter den Kayankaya-Romanen zurück.

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Angelo zu »Jakob Arjouni: Chez Max« 22.04.2009
Wer den Saft, den Schwung, den Witz und die Ironie der Kayankaya-Romane liebt und deshalb die vier Bände von "Happy Birthday Türke" bis "Kismet" verschlungen und seinen Freund als "Kult"-Tipp weitergeflüstert hat, der wird vermutlich stutzen, wenn er bei "Chez Max" einsteigt.
Es ist kein Krimi. Es ist Science Fiction. Wirklich? Es ist ein gesellschaftskritischer Roman. Tatsächlich? Ja was jetzt? - Ich fand seine andern Romane "Hausaufgaben" gelungen, "Magic Hoffmann" genial, die Erzählungen in "Idioten" sehr lesenswert.
Aber "chez Max" würde ich nicht mehr einkehren. Sprache, Entwicklung, Plot, die Personen sind nicht stimmig, manchmal zu übertrieben, dann wieder dürftig, man merkt was gemeint ist, man schmunzelt immer wieder, - gepackt wird man nicht.
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