Evil von Jack Ketchum

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1989 unter dem Titel The Girl Next Door, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Heyne. 335 Seiten. ISBN-10: 3-453-67502-9, ISBN-13: 978-3-453-67502-5. Übersetzt von Friedrich Mader.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1950 - 1969.

'Evil' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In die nur äußerlich heile Welt einer US-Kleinstadt bricht 1958 das Grauen ein, als eine psychotische Frau systematisch ihre Nichte zu misshandeln beginnt und damit einen Strudel in Gang setzt, der nach und nach sie selbst, ihr Opfer, ihre Kinder und deren Freunde in einen Abgrund niederträchtiger Gräuel zieht …Unerhört düsterer, geradezu quälender Roman, dessen Verfasser der Versuch gelingt das schwer erklärbare Phänomen menschlicher Grausamkeit als verhängnisvolle Kette sich unmerklich und unkontrollierbar aufbauender Gewalt zu beschreiben.

Das meint Krimi-Couch.de: »Das wahrhaft Böse brütet im Nachbarhaus« 95°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Im Jahre 1958 ist die kleine Welt der US-amerikanischen Mittelschicht noch in Ordnung. Man fürchtet nur die gottlosen Roten drüben in Russland und lässt die Haustür ständig offen, denn den Nachbarn kann man vertrauen und ein guter Bürger und Kirchgänger hat selbst nichts zu verbergen. Kinder sind rechtlose Wesen und haben nicht nur den Eltern, sondern allen Erwachsenen zu gehorchen. Wenn sie sich einfügen, haben sie in dem kleinen Städtchen, in dem diese Geschichte spielt, ein angenehmes Leben, denn es gibt viele Freunde und natürliche Abenteuerspielplätze an der frischen Luft. In diesem Sommer wird es sogar noch interessanter, denn der zwölfjährige David erfährt, dass ins Nachbarhaus zwei neue Bewohnerinnen eingezogen sind.

Die Schwestern Meghan und Susan Loughlin haben bei einem Autounfall ihre Eltern verloren. Sie ziehen zu Ruth Chandler, ihrer Tante, die selbst drei Kinder versorgen muss – eine schwere Aufgabe, nachdem sie ihr Mann verlassen hat. Ruth ist verbittert und grämt sich ob ihrer vergeudeten Jugend. Die Kinder der Straße schätzen sie jedoch, denn sie hat immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen.

Doch Ruth ist eine psychisch kranke Frau, die an ihrem frustrierten Zorn auf die ganze Welt schier erstickt. In ihren Nichten, vor allem in der hübschen, selbstbewussten Meg, findet sie ihr Ventil. Erst langsam, dann immer hemmungsloser beginnt sie diese zu piesacken, zu quälen, zu misshandeln. Ein verhängnisvolles »Spiel” hat seinen Anfang genommen, das bald auch die Kinder der Umgebung in seinen Bann zu ziehen beginnt. Meg wird zum Prellbock für die Nachbarschaft und muss für immer neue, krasser werdende Folterungen herhalten.

Die Erwachsenen bleiben ahnungslos, während Ruth ihr irres Schreckensregiment ausübt. Auch David kann sich dem nicht entziehen. Der krankhafte Zwang mitzutun oder wenigstens tatenlos zuzuschauen ist stärker. Für Meg ist ihr Alltag längst die Hölle auf Erden. Schläge, Demütigungen, Vergewaltigung – bald beginnt auch David zu ahnen, wie dies alles enden wird. Endlich versucht er einzugreifen, doch er befindet sich längst unter Wilden, die sich ihr «Spiel” keinesfalls verderben lassen wollen …

Vom späten deutschen Starts eines bösen Klassikers

Unterhaltungsliteratur hilft ihren Lesern sich die Zeit zu vertreiben und kann anschließend vergessen werden, »richtige” Literatur (auch Belletristik genannt) greift ernsthaft die echten Probleme des Menschseins auf und bringt die Leserschaft zum Nachdenken: Stephen King, der für «Evil” ein langes, kluges und engagiertes Vorwort verfasst hat, weist auf die Sinnlosigkeit dieser willkürlichen Unterscheidung hin. Er verdammt den Spagat zwischen den beiden literarischen Welten, die in Wirklichkeit nur eine sind, und weist darauf hin, dass die Stimme der Vernunft oder der Kritik auch in einfachen Worten erklingen kann, welche zudem eine unterhaltsame Geschichte formen.

King gibt sein Bestes, denn er hat in »Evil” ein Werk erkannt, dass es einfach nicht verdient im Ghetto der Ex-und-Hopp-Literatur begraben zu werden. Zwar liegt es wohl an seinem wohlklingenden Namen, doch vielleicht sind es auch eigene Argumente, die «Evil” ein Nachleben jetzt auch in Deutschland sicherten: Mit 16-jähriger (!) Verspätung erscheint endlich ein Roman, der Maßstäbe setzt.

»Hardcore” heißt die neue Reihe des Heyne-Verlags; der Name scheint eigens für dieses Buch ausgesucht worden zu sein. Denn dies ist keine Geschichte für die Zartbesaiteten: Über 300 Seiten müssen wir den moralischen Zerfall einer Menschengruppe verfolgen, während wie nebenbei ein junges Mädchen zu Tode gefoltert wird. Letzteres geschieht nicht zwischen den Zeilen; in der Unterhaltungsliteratur muss sich ein Autor solche Fesseln nicht anlegen lassen. Ketchum lässt seinen Lesern keine Hintertür offen und beschreibt explizit was geschieht.

Dafür werden ihn jene, die dem Bösen im Menschen lieber literarisch verbrämt und mit einigem Abstand begegnen, zweifellos einen Gewaltpornografen nennen; diesen Vorwurf hat Ketchum in seiner Karriere in vielen Variationen immer wieder gehört. Doch wer genau liest wird umgehend erkennen, dass «Evil” für Voyeure nichts zu bieten hat: Was hier geschieht und in eine einfache, klare Sprache gefasst wird, ist einfach nur fürchterlich und soll so – und nur so – wirken.

Eine Reise ins Herz der menschlichen Finsternis

Ketchum plante durchaus Großes mit seinem Werk. Er versucht nichts Geringeres als eine Erklärung für ein logisch nicht nachvollziehbares Verhalten zu finden: Wie kommt es, dass ganz normale Menschen zu Tätern, zu Mitläufern, zu tatenlosen Zuschauern degenerieren, während andere, ebenfalls normale Menschen zu Opfern degradiert werden? Welche Mechanismen kommen dabei in Gang? Wie lassen sich innere Schranken in Gestalt ethischer Grundsätze so nachhaltig aushebeln, dass alltägliche Zeitgenossen im Denken und Handeln zu Bestien werden?

Solche Fragen sind selbstverständlich nicht neu. Gerade in diesem unseren Lande werden sie in den mehr als sechs Jahrzehnten nach dem Ende des Naziterrors nachhaltig und zu Recht diskutiert. Darüber hinaus werden sie jedes Mal dann gestellt, wenn wieder ein Kind bis zum Tod und womöglich von der eigenen Familie misshandelt wurde. »Wie konnte das bloß geschehen?”, wird dann in den Medien wieder in allen Tonlagen geklagt, während kluge Köpfe darüber zerbrochen werden, ob dem Fernsehen oder den Computerspielen die Hauptschuld zuzuweisen ist.

In «Evil” übernimmt es Jack Ketchum zu antworten. Man hat es ihm nicht gedankt, denn die Schlüsse, die er zieht, sind unbequem. Einfache Erklärungen, aus denen sich Lösungen destillieren ließen, verweigert er. Er nimmt uns einfach mit auf die dunkle Seite der Menschenseele. Ob wir verstehen, was wir dort beobachten, bleibt uns überlassen – schließlich kann uns auch David, der die Geschichte erzählt, nie wirklich begreiflich machen, was wirklich und wieso im Haus der Chandlers geschehen ist.

Eine Interpretation: Das Grauen benötigt einen Meister und gewisse Regeln. Ruth übernimmt diese Rolle und ihre Aufgabe, die auf einen einfachen Nenner gebracht folgendermaßen lautet: Nimm dem Opfer seine Persönlichkeit, bis es als Mensch nicht mehr präsent ist. Um ein »Ding” zu quälen , muss man keine hohe Hemmschwelle überschreiten. Regel 2: Zieh die Schraube langsam an. Gewalt muss fast unmerklich gesteigert werden. Erst wenn ein Gräuel für den Folterknecht quasi zur Selbstverständlich geworden ist, darf sein Meister die «nächste Stufe” anordnen. Stück für Stück, womöglich ohne es selbst zu bemerken, wird der Knecht in seine Rolle gleiten.

Regel 3: Enthebe das Individuum seiner Verantwortung, indem du es in der gesichtslosen Masse verschwinden lässt. Ruth foltert, vor allem jedoch lässt sie foltern und sorgt dafür, dass jede/r an die Reihe kommt: In der Gruppe verwandelt sich der Mensch leicht in einen Mob, ein Kollektivwesen, das zu beachtlichen Grausamkeiten in der Lage ist, weil seine »Zellen” nicht wirklich erkennen, wohin sein Gesamthandeln steuert.

Was schließlich bleibt sind das Opfer auf der einen und der oder die Täter auf der anderen Seite, systematisch seiner anerzogenen oder gesetzlich verordneten Menschlichkeit beraubt und fasziniert von der Möglichkeit, pure Macht jenseits aller Grenzen über einen anderen Menschen auszuüben.

Hat Ketchum das Regelwerk des «banalen Bösen” in allen Details begriffen? Natürlich nicht, denn wieso sollte ihm gelingen, woran schon weisere Zeitgenossen scheiterten? "Evil” ist zudem ein Roman, der seinen Verfasser ernähren und deshalb Leser = Käufer finden soll. Dennoch hat Ketchum seinen Beitrag zur Diskussion eines grundsätzlichen Themas geleistet. Was ihm dabei hoch anzurechnen ist, wird andererseits erneut kritisiert: »Evil” ist Botschaft als spannende Lektüre. Fern jeglicher Didaktik greift sich Ketchum sein Publikum. Stephen King ist in mehrfacher Hinsicht eine gute Wahl als Verfasser des Vorworts. «Evil” beginnt wie ein typisches »Coming of Age«-King-Werk über den Verlust der »unschuldigen” Jugend im Angesicht der brutalen Realität. King selbst spricht dies in seiner meisterlichen Novelle «Die Leiche” an. Weitere Ähnlichkeiten gibt es im beherzten Aufgreifen schwieriger Themen. Immer wieder gelingen auch King qualvoll realistische Szenen einer Unmenschlichkeit, die keinerlei übernatürliche Verstärkung bedarf. »Der Mensch ist des Menschen Wolf”, heißt ein uraltes Sprichwort völlig zu Recht. «Evil” ist – es sei noch einmal hervorgehoben – kein »phantastischer” Roman im Sinne des Genres, d. h. hier treten keine Zombies, Vampire oder ähnliche Halloweengestalten auf. Das Grauen wird von Menschenhand angerührt. Die Wirkung ist durchschlagend.

Das Personal einer schrecklich banalen Tragödie

Dazu trägt die präzise Figurenzeichnung ihren Teil bei. Ketchum hat seine Protagonisten überaus sorgfältig charakterisiert. Sie stehen stellvertretend für das bereits skizzierte Dreieck der alltäglichen Gewalt, das aus Opfer – Täter – Mitläufer/Zuschauer besteht. (Die tatsächlichen Ahnungslosen lassen wir wie Ketchum hierbei außen vor, obwohl der Autor auch hier böse Seitenhiebe verteilt: Beispielsweise bemerken Davids Eltern vor allem deshalb nichts von dem, was im Nachbarhaus vor sich geht, weil sie in ihrer eigenen Ehehölle gefangen sind.)

Ketchums hauptsächliches Augenmerk gilt den Kindern. Sie sind im US-Amerika der 1950er Jahre aber auch generell «unfertige” Menschen, denen keine besondere Seelentiefe und vor allem keine seelischen Abgründe zugebilligt werden. Wie gänzlich falsch das ist, verdeutlicht Ketchum u. a. am Beispiel der drei Chandler-Söhne Donny, Willie und »Woofer”. «The New York Times” vermerkte in einer Rezension von »Evil” die inhaltliche Verwandtschaft zu William Goldings Klassiker «Herr der Fliegen”: In Abwesenheit der Zivilisation fällt der (junge) Mensch in die Barbarei zurück. Ketchum weist auf eine Variante dieser Entwicklung hin: Umgekehrt können Kinder i. S. von »formbaren” Menschen zur Barbarei erzogen werden. Donny, Willie und Woofer werden von ihrer Mutter zu Folterknechten ausgebildet. Wie sollten sie sich dagegen auflehnen?

Die Ambivalenz von Gut und Böse wird von Ketchum konsequent durchgehalten. Ruth Chandler steht zwar nicht im Mittelpunkt des Geschehens – diese Rolle übernimmt David, der tragische Anti-Held – aber sie bildet in gewisser Weise das Zentrum des Übels. Sie «verrät” ihre klassisch idealisierte Mutterrolle auf das Gröbste, indem sie ihre eigenen Kinder zur Brut des Bösen verkommen lässt und diese Degeneration sogar aktiv unterstützt. Andererseits ist Ruth eine kranke Frau. Zusätzlich haben sie die Enttäuschung über ein Leben, das gänzlich anders verlaufen ist als erträumt und geprägt wird von Einsamkeit und Geldsorgen, in ihrem Wahn bestärkt. (Dieser Wahn, der von Ketchum hervorgehoben wird, gibt übrigens Anlass zur einzigen echten Kritik an »Evil”: Das «banale Böse” benötigt keinen Irrsinn als Treibstoff.) Irgendwie versteht der Leser Ruth sogar – und verfängt sich prompt in einer von Ketchum geschickt aufgestellten Falle.

Denn Ketchums eigentliches Anliegen zielt außerdem in eine ganz andere Richtung: Die Wahl des David als Hauptperson verwandelt den Leser in einen Komplizen. David ist eine interessante Figur: Er foltert nicht mit aber er greift auch (zu) lange nicht ein. Statt dessen erhält er eine unvergessliche Lektion: Der Mensch ist frei in seiner Entscheidung Gutes wie Böses zu tun. David ist anders als Ruths Kinder nicht gezwungen an der Folterung Megs teilzunehmen. Mehrfach lässt ihn Ketchum betonen, dass er im Chandler-Haus ein- und ausgehen kann, von Megs Martyrium weiß – und sich davon angezogen fühlt.

Die furchtbare Wahrheit ist: David wurde ein Weg gewiesen unterdrückten Gefühlen, die kanalisiert und »zivilisiert” werden müssten, freien Lauf zu lassen. Er gibt dem nicht völlig nach, d. h. er legt nicht selbst Hand an Meg. Freilich entschuldigt ihn das in keiner Weise und das weiß er auch: David hätte eingreifen können und hat es nicht. Weniger die Tatsache, dass ihm womöglich niemand geglaubt hätte, sondern die Faszination am Leiden Megs war dabei der Beweggrund. David ist ein Mitläufer. Auch wenn er schließlich Megs Partei ergreift, hat er versagt. Die Erinnerung daran wird ihn, den Mitläufer, ein Leben lang verfolgen, wird sein Leben prägen und ihn zu einem freudlosen, von Erinnerungen verfolgten Dasein als beziehungsgestörten Mann verurteilen.

Denn die Ereignisse des Sommers 1958 werden niemals wirklich verarbeitet. Dem Gesetz geschieht zwar Genüge. Donny, Willie und Woofer landen im Waisenhaus, Ruth stirbt, Susan wird befreit, David psychotherapiert. Doch die seelischen Wunden aller Überlebenden sind zu tief. Woofer wird im späteren Leben ein sadistischer Frauenmörder, David ein unglücklicher Mensch, der niemals Ruhe finden wird – Kapitel 1 des ersten Teils beginnt nicht umsonst mit der Frage «Ihr glaubt, ihr wisst, was Schmerz ist?”. David weiß es und er bzw. Ketchum zeigen brillant die zerstörte Seele des David mehr als dreißig Jahre nach dem Geschehen, das er auf den folgenden 300 erzählen wird.

Man möchte es nicht glauben, doch Meg Laughlin ist in diesem Pandämonium nur eine Randfigur, obwohl sie als Folteropfer das allgegenwärtige »Motiv« der Handlung bildet. Ketchum gelingt das finstere Kunststück Meg auch für uns, die Leser, zu einer Unperson zu machen. In einem Hollywoodfilm würde sie irgendwann den Spieß herumdrehen und ihre Peiniger zur Strecke bringen. Dass dies nicht geschieht, machen wir ihr zum Vorwurf. Dabei interessiert nicht, dass Meg hilflos ist und gegen die Übermacht ihrer Gegner nicht ankommt. Ihre tapferen Versuche einer Gegenwehr nehmen wir nicht zur Kenntnis, denn auch wir nehmen Meg als »Opfer” an. Dass Ketchum uns in diese Lage manövriert, das nehmen wir ihm übel!

Fazit: Wer lesend durchhält, erfährt Außerordentliches

Viele Emotionen für einen kleinen, schmutzigen Psychothriller …«Evil” ist wohl doch mehr als das, vielleicht ein Meisterwerk, auf jeden Fall ein rohes Stück Literatur, das an seelischen Fundamenten rührt, die man normalerweise lieber unbeobachtet lässt. Ob absichtlich oder nicht: Für seine »Hardcore”-Reihe hat der Heyne-Verlag als zweiten Band ein echtes Juwel ausgewählt. (Schade nur, dass ein denglischer Nulltitel wie «Evil” gewählt wurde. "Das Mädchen von nebenan”, so der übersetzte Originaltitel, wird dem Werk wesentlich gerechter.) Es bleibt zu hoffen, dass Jack Ketchums weitere Werke hier ebenfalls (und ebenso gut übersetzt) veröffentlicht werden – dieser Schriftsteller hat höchst unterhaltsam noch viele unbequeme Wahrheiten zu bieten!

Ihre Meinung zu »Jack Ketchum: Evil«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

eigentor zu »Jack Ketchum: Evil« 17.07.2010
Ich kann mich den Vorrednern nur anschließen über den bleibenden Eindruck, den das Buch hinterläßt.

Gerade in der heutigen Zeit mit dem Trend zu "Torture Porn" Filmen ist es ein wichtiger Beitrag. Torture Porn spricht eine kranke Seite in uns an, Spass daran zu haben wie jemand anders leidet.

Damit das aber irgendwie konsumierbar bleibt, geben einem fast alle diese Filme eine Hilfe an die Hand: Sie stilisieren die Täger zu Monstren. Sie werden so abgrundtief böse dargestellt, daß wir uns keinesfalls mit ihnen identifizieren können, uns sind sozusagen "freigesprochen".

Auch gibt es in den Filmen irgendwo immer einen "Point of no Return" ab wo es alles so gewalttätig wird, daß es auch schon egal ist.

Und eben hier liegt die große Leistung von "Evil". Das Geschehen bremst zwischendurch immer wieder ab, alle Personen (vielleicht mit Ausnahme von Ruth) bleiben menschlich, die Kinder, vielleicht mit Ausnahme von Eddie, sind keine Monstren.

Mehrfach gibt es die Möglichkeit auszusteigen, die Sonne hereinzulassen, den bösen Traum zu beenden.

Aber es passiert nicht. Im Prinzip wird der Ich-Erzähler David also zum schlimmsten Täter, da er die allergrößte Möglichkeit hätte, etwas zu unternehmen.

Das einzige, was die Geschichte noch intensiver hätte machen können, wäre, auch Ruth noch menschlicher darzustellen. (wenn ich auch nicht weiß, wie das hätte gehen sollen). Dadurch wären die Kinder noch mehr zu Tätern geworden und man hätte das Buch wahrscheinlich gar nicht mehr ertragen können.

So wird Ruth doch zu sehr zum Zentrum des Bösen, was eigentlich Potential verschenkt.

Mir war nach dem Lesen zwei Tage schlecht, ich habe bittere Tränen geweint am Ende.

Wichtig, einfach nur wichtig dieses Buch. Vielleicht - hoffentlich - hilft es einigen von uns zur Zivilcourage im richtigen Moment.
pass auf zu »Jack Ketchum: Evil« 02.07.2010
Interessant auf alle Fälle.

Fand allerdings die ganze Situation für mich persönlich schwer nachvollziehbar, sowohl aus Sicht von Ruth als auch von David(zumindest teilweise). Dadurch konnte ich mich schwer mit ihm indentifizieren, irgendwie seltsam. Dass sowas tatsächlich passiert ist natürlich um so schockierender
tedesca zu »Jack Ketchum: Evil« 30.06.2010
Dieses Buch hat mich nicht nur schockiert, sondern in erster Linie auch überrascht. Ich hatte mir eine Massenmörderschlächterei erwartet, irgendwas besonders Skurriles und Grausiges. Stattdessen wurde ich mit einer Geschichte konfrontiert, die ganz harmlos und fast elegisch beginnt.

Eine Kindheit in den 50ern. Schwimmen, Krebse fangen, Kinderspiele, alles was so dazugehört. Fast schon ein Bisserl langweilig, sodass man sich fragt, wann es endlich zur Sache geht. Und dann wendet sich die Geschichte ganz langsam. Immer mehr zieht sich einem der Magen zusammen, immer unheimlicher werden einem diese harmlosen Knirpse, die Idylle verdunkelt sich stetig, und irgendwann wünscht man sich wieder zurück an den lauschigen Bach mit den Krebsen. Wünscht man sich sogar, dieses Buch garnicht erst begonnen zu haben, denn weglegen kann man es natürlich auch nicht mehr. Im Bann der unglaublich subtilen Emotionen des Erzählers David verfängt man sich immer mehr im Strudel des Unfassbaren und wird selbst zum stillen Beobachter dieser unglaublichen Qualen eines unschuldigen jungen Mädchens, das hilflos dem kranken Geist von Ruth und ihren Kindern ausgeliefert ist.

Ketchum beschreibt ganz hervorragend, wie es David ergeht, wie er sein Zögern, sein Nichtstun vor sich rechtfertigt, wie er emotional hin- und hergerissen ist zwischen seiner Verliebtheit in Maggie und einer fast schon triebhaften Neugier, die ihn lähmt und daran hindert, einzuschreiten um die letztendliche Eskalation dieses Martyriums zu verhindern.

Ich möchte alle vor diesem Buch warnen, und das meine ich ernst. Es handelt sich hier nicht um eine an den Haaren herbeigezogene Horrorgeschichte, sondern um einen realen Fall (Silvia Likens, USA 1965) von psychopathischer Grausamkeit, getrieben von einem kranken Geist, kindlicher Neugier und krankhaftem Sadismus. Ein sehr gut geschriebenes Buch, aber definitiv nichts für schwache Nerven.
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
aleyna zu »Jack Ketchum: Evil« 03.05.2010
Auch bei mir ist Evil das erste Ketchum Buch. Das Buch ist trotz der grausamen Story sehr gut geschrieben. Ketchum hat wirklich nichts ausgelassen, was die Geschichte noch härter machen würde. Man fragt sich doch wirklich, was man an der Stelle Davids getan hätte. Ob man wie er nur Zuschauer oder doch Retter gewesen wäre. Heutzutage ist es Gott sei Dank in den meisten Fällen so das man den Kindern Gehör schenkt. Denn hätte die Polizei Meg ernst genommen und die Sache unter die Lupe genommen, so wäre das nicht eskaliert. Menschen sind grausam, und Ketchum zeigt es auf eine Art die nicht jeder verkraften kann. Von mir 80°
Klaftz zu »Jack Ketchum: Evil« 31.03.2010
Ich finde EVIL ist ein echt gutes aber hartes Buch.Habe es in 2 Tagen durchgehabt,und einfach nicht aufhören können zu lesen.Durch kurze kapitel wird das ganze nicht zu langatmig.Wer jedoch keinen so rauhen Magen hat sollte es sich vielleicht überlegen es zu lesen.
Werde mir sicher noch weitere Bücher von Jack Ketchum zulegen. Von mir 90°
Agricola zu »Jack Ketchum: Evil« 28.02.2010
@ ultraviolet:
Genau diese ~150 Seiten waren es, die die Geschichte für mich so interresant gemacht haben. Ja, wer "nur" ein extrem hartes buch fordert, der kann diesen Teil weglassen, aber für mich war genau dieser kontrast zwischen den beiden Teilen interessant. Außerdem steckt darin die Begründung, warum David (Davy) nichts unternimmt: Er sieht das, was mit Megan (Meg) angestellt wird, nur wie eine Erwachsenenversion des "Spieles" der Kinder.So, jetzt dazu, wie ich das Buch fand: Ich habe seit längerer Zeit keine Bücher mehr gelesen und mein "härtestes" war bisher "Frankenstein" von Mary Shelley. Ich habe dieses Buch verschlungen wie ich es bisher bei keinem anderen Tat, gestern habe ich es dann nach zwei Tagen durchgelesen.Es ist wirklich krass, wie genau alles beschrieben wird, da vielleicht jemand das buch noch lesen möchte, sage ich nun nichts, außer, dass die extremste Foltermethode zwar genannt, jedoch nicht beschrieben wird.Was mir auch an diesem Buch sehr gefällt, ist, dass es auf eine bedrückende Art sozialkritisch ist. Das äußert sich darin, dass (fast) niemand etwas sagt, und derjenige, der es tut, bekommt von seinen Eltern dafür kein Verständnis: Es ist doch normal, dass Eltern, in diesem Fall Stiefeltern, ihre Kinder schlagen. Ich bin erst 15 Jahre alt und in es sagt auch niemand etwas dagegen, dass es bekannt ist, dass mehrere Personen in meiner Klasse von ihren Eltern geschlagen werden.Wer nun sagt, dass das alles unmöglich wäre, der sollte beachten, dass das alles auf einen realen Fall basiert. In wie weit, sollte man auf dieser Seite "http://de.wikipedia.org/wiki/Mordfall_Sylvia_Likens" herausfinden. Wie ich finde, ist es erschreckend, inwiefern es mit der Realität übereinstimmt.Das Buch "The Girl next Door" von Jack Ketchum ist meiner Meinung nach ein wunderbares Buch, was mich sehr zum Nachdenken anregte. Ich denke, dass Jeder, der mit dem Inhalt klar kommt, es lesen sollte. Ich habe mir bereits "Wahnsinn" vom gleichen Autoren bestellt - mal sehen, wie das ist.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
nobi zu »Jack Ketchum: Evil« 04.01.2010
@ Regula ...bevor man ein Buch kauft informiert man sich auch um was es dort geht, oder liest Rezensionen. Schade das neue Buch hätt ich Dir gern abgekauft, bevor Du es wegschmissen hast. Wenn man Jack Ketchum kauft, sollte man nicht Donna Leon- Spannung erwarten, am besten lässt Du auch die Finger v.Richard Laymon :-) Ich fand das Buch Weltklassde
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Plusquamperfekt zu »Jack Ketchum: Evil« 14.12.2009
An Arbeitstagen bin ich doch ein recht langsamer Leser, sodass ich "nur" bis zu 15 Seiten am Abend lese. Dieses Buch habe ich jedoch in 1 Arbeitssoche ausgelesen gehabt. Die Kapitel sind gut strukturiert und spannend geschrieben. Es ist so geschrieben, dass man den Erzähler versteht und sich selbst hinterfragt, wie hätte man selbst in diesem Alter gehandelt. 90 Punkte
Regula zu »Jack Ketchum: Evil« 14.11.2009
Habe das Buch heute gekauft. Habe mal das Eine oder Andere gelesen und entsetzt wieder weggelegt. Wie kann man so was nur schreiben? und vorallem lesen und noch gut finden? Es gibt sogar Leser, welche es zu "wenig" schlimm empfunden haben!?! Hallo?? Bin wahrscheinlich im falschen Film. Werde das Buch ungelesen wegwerfen!
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
ultraviolett zu »Jack Ketchum: Evil« 12.09.2009
Ich habe mir dieses Buch nach Empfehlungen geholt die auf der Frage meinerseits beruhten, was "wirklich harte literarische Kost" sei!
Es sollte sich bewahrheiten... Was hier geboten wird ist wirklich hart! Die detaillierte Schilderung der kompletten Zerstörung (sowohl psychisch, als auch physisch!) einer Teenagerin! Entlang meiner Bewertungsskala wirkt sich jedoch negativ aus, dass die ersten 150 Seiten der Geschichte wirklich nur langweilendes Gelaber sind! Man könnte sich diese 150 Seiten wirklich getrost sparen und hätte trotzallem den kompletten storymässigen Überblick, was den fortführenden Handlungsstrang betrifft... Klar, Ketchum versucht hier die schöne, heile Welt einer behüteten Kindheit in den USA der 50er-Jahre zu schildern, allerdings tut er dies dermaßen ausgeprägt, dass schon ein hoher Anteil an Durchhaltevermögen vom Leser verlangt wird, um den Plot nicht bereits im Mittelteil vor lauter Langweiligkeit abzubrechen... Davy trinkt Cola mit seinen Kumpels, Davy schaut sich Baseballspiele an, Davy entdeckt seine ersten Neigungen zum anderen Geschlecht, Davy schnippt Steine über's Wasser... Okay, okay - die Botschaft kam an... aber benötigt man dafür wirklich 150 Seiten!
Was dann allerdings folgt ist eine stakkatoartige Aneinanderreihung von Grausamkeiten, Misshandlungen, Folterungen und Ekelhaftigkeiten, die ihresgleichen suchen und den Spannungsbogen bis zum finalen Abschluss kontinuierlich erhöhen! Ab hier war ich gebannt und musste mich von da an mit einer Gefühlsmischung aus Abscheu und Voyeurismus anfreunden, die bis zur letzten Seite anhielt! Ketchum nötigt einen beinahe regelrecht dazu die von Seite zu Seite ansteigende Perversion der Greueltaten zu erfahren und das Buch entwickelt sich doch noch zu einem "Page-Turner"!

Ein Wehrmutstropfen bleibt leider das sehr, sehr zähe und langweilende BlaBla der ersten 150 Seiten!
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

Dies sind nur die ersten 10 Kommentare von insgesamt 79.
» alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zu Evil

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: