Mit einem Bein ins Grab von J. A. Konrath

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 2018 .

  • Seattle: Amazon Publishing - Edition M, 2018. ISBN: 978-1503901544. 316 Seiten.

'Mit einem Bein ins Grab' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: Politisch unkorrekt, rüde Sprache, Machos unter sich – einfach grandios 90°Treffer

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Phineas Trout ist am Ende. Der Krebs frisst an seinen Knochen, er haust in einer billigen Absteige, die Frauen, mit denen er schläft, muss er bezahlen – und drogenabhängig ist er auch noch. Der Einzige, der sich derzeit noch ernsthaft mit ihm über längere Sequenzen unterhält ist ein gewisser Earl. Earl aber ist der Krebs, der in ihm wohnt. Soviel also schon mal zu der Qualität von Gesprächen, die Phineas führt.

An diesem Thriller werden sich die Geister scheiden. Die einen fragen – vermutlich zu Recht – warum der Roman überhaupt die Bezeichnung »Thriller« verdient, denn wo bitteschön ist die atemlose Spannung, die so ein Werk auszeichnet? Andere werden bemerken, dass die Handlung auf eine vorhersehbare Lösung zutreibt – und auch sie haben nicht Unrecht. Mir war ungefähr auf der Hälfte klar, warum der Bösewicht sein übles Spiel spielt.

Machos aus einer alten Welt

Was aber zeichnet Konrath’s Buch so aus, dass ich hier für meine Verhältnisse unüblich hoch punkte? Es ist die herrliche politische Unkorrektheit, die sein Held Phin und sein einziger verbliebener hassgeliebter Kumpel Harry McGlade in ihren Dialogen an den Tag legen. In Zeiten, in denen die Nation diskutiert, ob sogar die Nationalhymne geschlechtsneutral umgeschrieben werden soll, liefert sein Roman einen erfrischenden Kontrast. Gewürzt wird das Ganze von einer Vielzahl von skurrilen Sidekicks – als das wären ein angefixter Gänserich, eine Killermaschine von Bodyguard, die ein fürchterliches Geheimnis im Hinblick auf ihren Vornamen verbirgt und nicht zu vergessen Phin’s Schwierigkeiten mit den modernen Medien.

»Wo steckst du?«
»Irgendwo bei \'nem Waldschutzgebiet«
»Kein Problem. Ich gebe einfach «irgendwo bei 'nem Waldschutzgebiet» in mein I-Phone ein und bin in fünf Minuten bei dir«
»Das funktioniert?«........ 
Harry seufzte übertrieben dramatisch...
»Würde es schneller gehen, wenn ich dir sage, dass ich blute und Brandwunden habe?«, fragte ich
»Wahrscheinlich nicht, aber wenigstens weiß ich jetzt, dass ich Handtücher mitbringen muss, damit du mir mein Auto nicht dreckig machst.«

Aber auch wenn die Bezeichnung »Thriller« für diesen Roman möglicherweise ein wenig hoch gegriffen ist, ist es auch keine Komödie, die mit einigen Krimi-Elementen ausgestattet wurde. Phineas Trout löst einen ernsthaften Fall, trifft auf gefährliche Gegner und muss sich auch in Gesprächen mit »Earl«, der zwar grundsätzlich immer zum Drogenkonsum animiert, aber genauso häufig als gutes Gewissen auftritt, einige unbequeme Fragen gefallen lassen. Letztendlich aber ist der Roman eine Hommage an das Leben, an die Einstellung niemals aufzugeben und vor allem auch an die, nett zu allen Geschöpfen zu sein.

"Aber erst musste ich mir etwas einfallen lassen, was ich mit einer fünf Kilo schweren Gans anstellen sollte, die mich mit geöffnetem Schnabel anglotzte und um Codein bettelte. Ich schüttelte schnell eine Xanax in meine Handfläche. Die Gans schnappte so schnell danach, dass ich es mit bloßem Auge kaum wahrnahm. Zwei Minuten später war sie ausgezonkt.

Ich dachte an Pasha und an den Kuss, zu dem es beinahe gekommen wäre, langte in meine Boxershorts &und sah, wie die Gans mich anstarrte. »Geh schlafen«, sagte ich zu ihr. Sie starrte mich weiterhin an. Ich überlegte, womit ich eine kleine Augenklappe für Gänse basteln könnte vielleicht mit ein paar Papiertaschentüchern? …Plötzlich klingelte das Handy. Ich klappte es auf und hielt es ans Ohr »Bill?« »Hier ist kein Bill. Sie haben sich verwählt.« Ich klappte das Handy zu. Die Gans starrte mich immer noch an. »War der Anruf für dich? Heißt du zufällig Bill?« Noch mehr zugedröhntes Starren. »Jetzt bist du glücklich«, sagte ich. »Aber das Runterkommen ist der Horror«

Tierschützer finden das vermutlich überhaupt nicht lustig. Wer allerdings Spaß an schwarzem Humor hat und wem – um Karl Lagerfeld zu zitieren – die »ganze political Correctness manchmal zum Halse heraus hängt«, den dürfte dieser eigenwillige Krimi mit seinen schrägen Helden aus einer alten Welt zumindest zum Schmunzeln bringen.

Aber dennoch – Sie wollen nicht wissen, warum die Gans tablettensüchtig ist. Glauben Sie mir …

Sabine Bongenberg, März 2018

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